Die Schuhmacher, die während der Frühneuzeit und bis etwa um 1900 nicht selten eine tragende Rolle in aufständischen und revolutionären Bewegungen spielten, bildeten ein traditionsreiches und bedeutendes Gewerbe. Noch bis zur Mitte des 19. Jh. war die Herstellung von Schuhen in der Schweiz gewerblich organisiert und handwerklich geprägt (Handwerk, Zünfte). Neben dem einheim. Gewerbe, das den grössten Teil der Nachfrage deckte, boten reisende Verkäufer aus Deutschland und Frankreich ihre Schuhe feil. Die erste schweiz. Schuhfabrik, die heutige Schuhfabrik Elgg AG, wurde 1847 in Winterthur gegründet. Vier Jahre später nahm Carl Franz Bally die Schuhproduktion in Schönenwerd auf. Der wichtigste Unterschied zwischen der gewerblichen und der industriellen Produktion bestand nicht darin, dass letztere maschinell vor sich ging, sondern in der Aufteilung des gesamten Arbeitsgangs in einzelne Schritte. In den 1860er und 70er Jahren wurden in der Umgebung von Schönenwerd - oft von ehem. Arbeitskräften der Firma Bally - mehrere Schuhfabriken gegründet. Weitere nahmen den Betrieb in der Nordostschweiz und im Kt. Zürich auf.
Um 1860 begann die schweiz. S. ihre Erzeugnisse zu exportieren. Gleichzeitig importierte sie techn. Know-how sowie Maschinen aus dem Ausland, vornehmlich aus England und den USA, wo die industrielle Schuhherstellung weiter entwickelt war und techn. Innovationen, insbesondere zum Zwicken und Nähen, Anwendung fanden. Im ausgehenden 19. Jh. entstanden zunehmend Grossbetriebe. Die Branche verzeichnete ein zeittyp. Wachstum, dessen Rate nach der Jahrhundertwende abflachte. Während 1888 33 Schuhfabriken mit 3'755 Beschäftigten existierten, gab es 1911 83 Betriebe mit insgesamt 8'463 Arbeitskräften.
In den 1970er Jahren verursachten Importe aus Billiglohnländern einen starken Preisdruck auf die schweiz. S., der für mehr als die Hälfte der Schuhproduzenten das Ende bedeutete. Wurden 1937 jährlich noch rund 10 Mio. Paar Schuhe verfertigt, waren es 1986 ca. 8 Mio., 1994 bloss noch 3,79 Mio. und 2005 rund 1,79 Mio. Paar. Die Beschäftigtenzahl sank 1963-94 um vier Fünftel auf 2'319 Beschäftigte, 2000 waren es noch 951 Beschäftigte, 2005 670. Die schweiz. S. produzierte 2000 v.a. im Tessin, wo sie von den billigen Löhnen der Grenzgänger profitierte. Diese machten ein Drittel der Beschäftigten aus.
Literatur
– E. Bally et al., Die Schuhmacherei der Schweiz, 1884
– W.A. Grimm, Strukturelle Veränderungen in der schweiz. Schuhwirtschaft 1919-1939, 1941
– Verband schweiz. Schuhindustrieller, Jber. 1946-
– O.A. Ziegler, 75 Jahre Verband Schweiz. Schuhindustrieller, 1963
– Gruner, Arbeiterschaft 1
– K. Baumann, Die Bally Schuhfabriken 1870-1910 in Schönenwerd, Liz. Zürich, 1992
Autorin/Autor: Karin Baumann Püntener