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Barchent

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B. ist ein Mischgewebe aus Leinen (Kette) und Baumwolle (Schuss), das meist drei- oder vierschäftig (Köper) gewebt wurde. Die Produktionstechnik entwickelte sich aus der Leinenweberei (Leinwand). Der B. (Parchat, Schürlitz, Sardoch) war jedoch geschmeidiger und leichter als Leinen und liess sich dank des Baumwollanteils auch besser färben, was zum Erfolg dieses Mischgewebes beitrug. Er wurde in versch. Qualitäten produziert und gebleicht, gefärbt oder ungefärbt für Kleidung, Tisch- und Bettwäsche oder als Futterstoff verwendet. B.-Tücher wurden auch bei Schützenfesten des 16. und 17. Jh. als Preise ausgesetzt. Als besonders hochwertig galten Augsburger und Mailänder B.

Vom 12. und 13. Jh. an wurde levantin. Baumwolle in Italien verarbeitet. Im 13. Jh. kamen Barchentsorten (fustagni) über die Messen der Champagne nach West- und Nordeuropa. Nördl. der Alpen erfolgte der Aufbau einer B.-Industrie in zwei Schüben, nach 1363 und um 1411. Sie war auf Baumwolle angewiesen, die wesentl. teurer war als Flachs, da sie von Kaufleuten über Venedig aus dem östl. Mittelmeerraum importiert wurde. Dieses System begünstigte die verlagsmässige Produktion von B., wodurch die Weber und Weberinnen oft in die Abhängigkeit kapitalkräftiger Verleger gerieten (Verlagssystem). Die neu entstehende B.-Industrie verdrängte oftmals die traditionelle Leinen- oder Wollverarbeitung und konkurrenzierte sogar auf den Märkten die vorher führende B.-Produktion der nordital. Städte.

Ende des 14. Jh. hatte dieser Prozess Oberschwaben erfasst. In den alten Zentren der Leinenproduktion, Ulm, Augsburg, Memmingen und Biberach, den umliegenden Kleinstädten und auf dem Land wurde nun bis zum Niedergang anfangs des Dreissigjährigen Kriegs B. produziert, der mit dem Gütezeichen (Schauzeichen) der grossen Zentren versehen im Fernhandel vertrieben wurde. Beim Übergang von der Leinen- zur B.-Industrie bildete sich im oberschwäb. Raum eine neue, hierarchisierte Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land heraus (Stadt-Land-Beziehungen): Für Südwestdeutschland, Zürich und Basel wird eine verlagsmässige Produktion von B. auf die 1. Hälfte des 14. Jh. datiert. Konstanz und andere Städte der traditionellen Leinenregion am Bodensee sollen bereits in der 2. Hälfte des 14. Jh. gefolgt sein. Auch Teile der heutigen Ostschweiz (St. Gallen, Appenzell, Thurgau sowie die angrenzenden Zürcher und Schaffhauser Gebiete), die zur grossen Leinwandregion um den Bodensee gehörten, stellten im Verlauf des 14. Jh. auf die Produktion von B. um.

Auf dem Gebiet der heutigen Schweiz beteiligten sich mit unterschiedl. Erfolg die Städte Basel, St. Gallen (für das die Leinenproduktion zentral blieb), Zürich und Schaffhausen an der B.-Herstellung. Die Basler Weber suchten mit ihrem gerippelten und geschnürten Schürlitz den Mailänder B. zu imitieren. Der Jahresertrag der Schürlitz-Schau nahm sich jedoch 1410 mit rund 156 Pfund im Vergleich zu den 3'555 Gulden Einnahmen der Ulmer B.-Schau von 1414 recht bescheiden aus. Nach 1500 verlor die Basler Schürlitz-Weberei ihre Bedeutung, während die Zürcher Textilindustrie um die Mitte des 16. Jh. einen Aufschwung der Baumwoll- und Leinenherstellung verzeichnete. Die ref. Obrigkeiten Genfs und Zürichs förderten die Baumwoll-, B.- und die von ital. Refugianten eingeführte Bombasin-Produktion (Bombasin = gemusterter Doppelbarchent) zur Bekämpfung von Armut und Arbeitslosigkeit. Auf Anregung Calvins unterstützte die Genfer Obrigkeit 1545 z.B. die Fabrikation von leichten Wollstoffen, B. und andern Mischgeweben durch Darlehen. Weder die B.- noch die Bombasin-Herstellung erlangten jedoch besondere wirtschaftl. Bedeutung. Genaue Produktionsvorschriften und eine Schau wurden in den Zürcher Ordnungen von 1562 und 1567 für B. und Bombasin festgelegt. Der Versuch, die Herstellung von Bombasin ausserhalb der Stadt zu verbieten, erwies sich jedoch als undurchführbar. Im 18. Jh. hatte der B. an Bedeutung verloren und war ein Mischgewebe unter vielen; Hinweise auf seine Produktion sind z.B. noch um 1721 und Mitte des 18. Jh. aus St. Gallen überliefert.


Literatur
Idiotikon 8, 1264-1269
– W. Bodmer, Die Entwicklung der schweiz. Textilwirtschaft im Rahmen der übrigen Industrien und Wirtschaftszweige, 1960
– W. von Stromer, Die Gründung der Baumwollindustrie in Mitteleuropa, 1978
– R. Reith, Lex. des alten Handwerks, 1990, 256-313, (mit Bibl.)
– H.-J. Gilomen, «Stadt-Land-Beziehungen in der Schweiz des SpätMA», in Stadt und Land in der Schweizer Gesch.: Abhängigkeiten - Spannungen - Komplementaritäten, hg. von U. Pfister, 1998, v.a. 22 f.

Autorin/Autor: Katharina Simon-Muscheid