Bienenhaltung

Dass Honig und Wachs der Bienen seit urgeschichtl. Zeiten gesammelt und verwendet wurden, zeigen z.B. bildl. Darstellungen in Ostspanien und der Türkei. Vermutlich schon im Neolithikum ging man z.T. zur B. über, die sich bis ins 19. Jh. nur wenig änderte. Als Behausungen dienten aus Bast, Weideruten oder Stroh geflochtene und mit Lehm oder Mist abgedeckte Körbe sowie ausgehöhlte Baumstämme (Bienenstock, Klotzbeute), die z.B. im MA an Hauswänden auf ymbenladen gestellt wurden. Zwecks Gewinnung von Honig und Wachs wurden die Bienen durch Ausräuchern aus ihren Nestern vertrieben. Wachs diente der Beleuchtung, als Beschreibstoff (Wachstafel), handwerkl. (z.B. Schreinerei, Schuhmacherei), medizin. (Pflaster, Salben) und künstler. (Glasmalerei, Devotionalien) Zwecken. Pollen und Brut lieferten Eiweiss. Honig wurde geschätzt als stärkende Speise und war bis um 1400 einziger Süssstoff (z.B. in Honigkuchen, Wein, Bier), der bis ins 19. Jh. billiger war als Zucker. Eingesetzt wurden und werden Honig, Pollen und Bienengift auch als Heilmittel, z.B. bei Entzündungen, Wunden und Allergien. Der Glaube an die überird. Herkunft (Nektar als Himmelstau) förderte im MA die Integration der B. in den christl. Kult: Der Bienenkorb war Attribut des hl. Ambrosius (ca. 339-397), und Bienensegen, wie sie vom Kloster St. Gallen aus dem 9.-10. Jh. erhalten sind, drücken die christl. Wertschätzung des Bienenvolkes und seines Fleisses aus. Da im kirchl. Kerzenbrauch (Totengedenken, Ewiges Licht) einzig das rare Bienenwachs (und nicht der übliche Talg) verwendet werden durfte, regten Kirchen und Klöster zur B. an und forderten Wachs wie auch Honig als zehnt- oder grundherrl. Abgabe. Auf den karoling. Königshöfen sollte sich gemäss dem "Capitulare de villis" mind. eine Person mit der B. befassen. Wachszinsen drückten im MA oft die Anerkennung bestimmter Abhängigkeiten aus, z.B. in der St. Galler Grundherrschaft die Rekognition der klösterl. Oberlehensherrschaft im Rahmen zunehmend komplexerer Lehensbeziehungen. Durch Waldweide wurde der Ertrag gesteigert, an dem sich Kreditgeber im SpätMA auch mittels der Teilpacht beteiligten. In der Münsterfabrik des Basler Domstifts wurde Bienenwachs im 15. Jh. von professionellen Kerzenmachern und Kerzenmacherinnen verarbeitet. Als fester Bestandteil der Landwirtschaft war die B. auch Thema aufklärer. Ratgeber (z.B. Samuel Engel) und Gegenstand des Brauchtums.

Um die Mitte des 19. Jh. fand in der Betriebsweise der B. ein Umschwung statt. Mit der Einführung des bewegl. Wabenbaus, der Kunstwabe und der Honigschleuder mussten die Bienen nicht mehr vertrieben werden. Zudem begann mit der Einkreuzung fremder Rassen in die einheim. Apis mellifera mellifera die eigentl. Bienenzucht. Die Honigerträge stiegen, aber auch die Ansprüche an die Imker. Deshalb fällt in diese Zeit die Gründung vieler Bienenzüchtervereine, z.B. 1861 derjenige der Schweizer Bienenwirthe, Vorgänger des Vereins deutschschweiz. und rätorom. Bienenfreunde (VDRB). Die schon im späten 18. Jh. von François Huber und später von Josef Jeker betriebene Bienenforschung (u.a. Zucht, Krankheiten, imkerliche Betriebsweisen) ist seit 1907 Aufgabe der Bienenfachstelle, einer Sektion der Eidg. Forschungsanstalt für Milchwirtschaft in Liebefeld bei Bern. Ende des 20. Jh. wurden in der Schweiz von 20'000 Imkern rund 300'000 Bienenvölker gehalten, die pro Jahr ca. 5'000 t Honig lieferten. Während für die deutschsprachige Schweiz das Bienenhaus mit 8-20 Bienenvölkern (die v.a. der dunklen Mellifera- und der grauen Carnica-Rasse zugeordnet werden) in Bienenhäusern mit sog. Schweizer Hinterbehandlungskästen typisch ist, werden die Bienen in der Westschweiz (v.a. Carnica-Rasse) und im Tessin (gelbe Ligustica-Rasse) vorwiegend in freistehenden Magazinbeuten gehalten. Die B. wird fast ausschliesslich durch Liebhaber betrieben, die ideellen Werten mehr beimessen als dem ökonom. Gewinn. Der VDRB, die Société romande d'apiculture und die Società Ticinese di apicoltura sind im Verband der Schweiz. Bienenzüchtervereine (VSBV) zusammengeschlossen.


Literatur
Der schweiz. Bienenvater, hg. von G. Casaulta et al., 1913 (171999)
Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana 1, 1965, 364-371
LexMA 2, 127-135; 5, 117 f.; 8, 1888-1891
– «Förderer der Bienenzucht», in Schweiz. Bienenztg., Nr. 12, 1991, 710-716
– D. Cherix et al., Bienen und Bienenzucht in der Schweiz, 1995

Autorin/Autor: Erwin Mani, Alfred Zangger