• <b>Hausrind</b><br>Zwei Sennen mit ihrer Herde. Scheibenriss (Ausschnitt) von  Niklaus von Riedt,   1581 (Bernisches Historisches Museum, Sammlung Wyss) © Foto Stefan Rebsamen. Die Wappenscheibe umfasst das Wappen der Familie de Rougement, das von einem Weibel und einem Seckelmeister, beide prachtvoll ausstaffiert, flankiert wird. Der Umstand, dass der Viehzucht ein Ausschnitt gewidmet ist, veranschaulicht deren Bedeutung für die Familie.
  • <b>Hausrind</b><br>Ochsengespann. Anonyme Fotografie, um 1920 (Schweizerische Nationalbibliothek, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Wehrli). Auf dem Land dienten Ochsen bis ins 20. Jahrhundert als Zugtiere.

Hausrind

Die heutigen H.er stammen vom Wildrind ab, dem Ur oder Auerochsen. Dessen Verbreitungsgebiet umfasste ursprünglich weite Teile Europas, Asiens und Nordafrikas, im 17. Jh. wurde er ausgerottet. Seine Domestikation zum H. war im 8. Jt. v.Chr. erfolgt und steht im Zusammenhang mit der "Neolithischen Revolution" (Haustiere).

In der Schweiz konnten die ersten H.er in den jungsteinzeitl. Siedlungen von Sitten, die um 5000 v.Chr. datieren, nachgewiesen werden. Weitere Funde stammen aus den Ufersiedlungen des Mittellandes, die um 4300 v.Chr. einsetzten, von Stationen aus dem Alpenrheintal (Schellenberg FL, 4300 v.Chr.) und aus Graubünden (Tamins-Crestis, 3200 v.Chr.). Versch. Umstände weisen darauf hin, dass die Menschen der Jungsteinzeit und der Bronzezeit bestrebt waren, die Rinderhaltung zu intensivieren: Zu Beginn der Jungsteinzeit im 5. Jt. v.Chr. bedeckte eine geschlossene Waldfläche das Mittelland. Diese Landschaft wurde den Bedürfnissen der H.er wenig gerecht. Erst durch Rodungen entstanden vermehrt offene Flächen. Während der relative Anteil der Rinder- an den Haustierknochen in den ältesten Seeufersiedlungen noch zwischen 5% und 60% schwankte, stabilisierte er sich ab 2800 v.Chr. bei Werten um 60%.

Neue Untersuchungen an Haustierknochen aus dem Zürichseebecken zeigen, wie sich die Nutzung der H.er stufenweise veränderte und ausweitete: In einer ersten Phase stand die Fleischproduktion im Vordergrund. Ab der 1. Hälfte des 4. Jt. v.Chr. setzte sich offenbar zusätzlich die Milcherzeugung durch, was sich im Verhältnis zwischen männl. und weibl. Tieren zeigt: 75% der ausgewachsenen Schlachttiere waren Kühe. Zudem war die Hälfte aller geschlachteten Tiere weniger als ein halbes Jahr alt. Insgesamt verdichten sich damit die Hinweise auf eine verstärkte Milchgewinnung. Kühe können erst Milch erzeugen, wenn sie ein Kalb geboren haben. Offenbar war schon den jungsteinzeitl. Menschen bekannt, dass sich Laktationsperioden verlängern lassen, indem die Kälber die Milchproduktion möglichst lange stimulieren. Ab ca. 3400 v.Chr. liegen vermehrt Belege für die Nutzung der Arbeitskraft der H.er vor. Immer häufiger treten die für Zugtiere typ. Anzeichen von Gelenkverbreiterungen und Deformationen an den unteren Extremitäten auf. Während zuerst Stiere und Kühe für Zugarbeiten eingesetzt wurden, lassen sich in der 1. Hälfte des 3. Jt. v.Chr. erstmals Ochsen nachweisen. Um 3000 v.Chr. erscheinen im archäolog. Fundmaterial auch die ersten Wagenräder (Zürich, AKAD-Neubau um 3000 v.Chr. und Pressehaus um 2700 v.Chr.; Saint-Blaise um 2700 v.Chr.) und Doppeljoche (Vinelz, evtl. Arbon).

Trotz der zunehmenden wirtschaftl. Bedeutung der H.er verringerte sich ihre Körpergrösse kontinuierlich. In der jüngeren Eisenzeit betrug die durchschnittl. Widerristhöhe noch 110 cm. Erst zu Beginn der röm. Epoche ist eine Grössenzunahme zu verzeichnen, die wahrscheinlich nicht nur auf den Import von grossen Tieren aus Italien, sondern auch auf die Anwendung neuer Zucht- und Haltungstechniken im Gebiet der Schweiz zurückzuführen ist. Nach dem Abzug der röm. Truppen lassen sich diese mächtigen Tiere nördlich der Alpen jedoch nicht mehr nachweisen. Insgesamt stieg in röm. Zeit die Bedeutung der Rinderhaltung an. Dies ist vermutlich auf eine allg. Intensivierung des Ackerbaus zurückzuführen, für den H.er als Zugtiere benötigt wurden.

Aus dem Früh- und HochMA liegen nur sehr wenige Angaben zur Grössenentwicklung der H.er vor, die in der Tendenz weiterhin rückläufig war. Im SpätMA wurde mit Widerristhöhen von durchschnittlich 100 cm ein Tiefpunkt erreicht (Basel, Barfüsserkirche). Die Abnahme der Körpergrösse ist v.a. auf eine ungenügende Ernährung zurückzuführen. Von der Jungsteinzeit bis in die frühe Neuzeit mussten sich viele Tiere mit der kargen Waldweide (Wald) begnügen. Dürftig waren auch die seit dem HochMA im Rahmen der Dreizelgenwirtschaft praktizierte Haltung auf Brach- und Stoppelweide sowie die Fütterung mit Stroh, Heu oder Laubheu im Winter (Futtermittel). Im HochMA gewann wegen des verstärkten Bevölkerungswachstums und des gestiegenen Bedarfs an Nahrungsmitteln der Ackerbau zunehmend an Bedeutung. Dabei führte die Ausdehnung des Getreidebaus zu einem Rückgang der Weideflächen. Allgemein nahm die Viehwirtschaft in der hochma. Agrarwirtschaft zwar eine bedeutende, aber durchwegs zweitrangige Position ein. Sie war insofern eng mit dem Ackerbau verbunden, als sie Zugkraft und Dünger lieferte. H.er stellten - trotz der grundsätzlich verbesserten Möglichkeiten für einen Einsatz von Pferden - im schweiz. Raum die meistverbreiteten bäuerl. Arbeitstiere dar. Es wird angenommen, dass beim Warentransport über die Alpen bis ins 14./15. Jh. Ochsen als Zugtiere eine wichtige Rolle spielten.

Im SpätMA bildeten sich überregionale Spezialisierungen mit Viehzucht in den Alpen und Voralpen sowie Getreidebau im Mittelland aus (Agrarzonen). In der Innerschweiz setzte eine Intensivierung der Grossviehhaltung ein. H.er und Pferde wurden in grosser Zahl auf die lombard. Märkte geliefert (Viehhandel). Gleichzeitig wurde der Ackerbau zugunsten der Weidewirtschaft zurückgedrängt. In der frühen Neuzeit gewann die Verarbeitung von Butter und Hartkäse (Milchwirtschaft) zunehmend an Bedeutung. Im Mittelland dagegen stand die Viehhaltung weiterhin hauptsächlich im Dienst des vorherrschenden Getreidebaus.

<b>Hausrind</b><br>Zwei Sennen mit ihrer Herde. Scheibenriss (Ausschnitt) von  Niklaus von Riedt,   1581 (Bernisches Historisches Museum, Sammlung Wyss) © Foto Stefan Rebsamen.<BR/>Die Wappenscheibe umfasst das Wappen der Familie de Rougement, das von einem Weibel und einem Seckelmeister, beide prachtvoll ausstaffiert, flankiert wird. Der Umstand, dass der Viehzucht ein Ausschnitt gewidmet ist, veranschaulicht deren Bedeutung für die Familie.<BR/>
Zwei Sennen mit ihrer Herde. Scheibenriss (Ausschnitt) von Niklaus von Riedt, 1581 (Bernisches Historisches Museum, Sammlung Wyss) © Foto Stefan Rebsamen.
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Die ökonom. Patrioten des 18. Jh. propagierten Kunstwiesen und Stallfütterung im Sommer anstelle der bisherigen Brache und des Weidgangs, den Anbau von Futtermitteln (Klee), eine Verbesserung der Düngung sowie weitere anbautechn. Neuerungen (Agrarrevolution). Ihr Hauptanliegen war die Ertragssteigerung. Doch erst die Veränderung der polit. und gesellschaftl. Rahmenbedingungen nach dem Niedergang des Ancien Régime ermöglichte den Übergang zur modernen Landwirtschaft: An die Stelle der dörfl.-kollektiven Nutzung im Dreizelgensystem und der Belastung durch Feudalabgaben trat die gewinnorientierte Ausrichtung auf den Markt. Es entstanden die ersten Viehzuchtgenossenschaften, die Prämien auf Tiere mit hoher Milch- oder Fleischleistung aussetzten und den Zuchtbestand in Herdebüchern erfassten. 1890 wurde der "Verband Schweiz. Berner-Fleckvieh züchtender Viehzuchtgenossenschaften" gegründet, aus dem 1898 der Schweiz. Fleckviehzuchtverband hervorging. Beim Braunvieh erfolgte 1897 der Zusammenschluss zum Schweizer Braunviehzuchtverband.

Die neuen techn. Möglichkeiten des beginnenden industriellen Zeitalters führten zu einer Kommerzialisierung und Globalisierung des Agrarmarktes. Billige Getreideimporte aus Übersee lösten um 1850 einen Einbruch auf dem Schweizer Markt aus, worauf auch im Mittelland eine Umstellung auf Viehwirtschaft mit Milchproduktion einsetzte; die Herstellung von Käse wurde von der Alp ins Tal verlagert. Die weitere Entwicklung bis in die Gegenwart ist gekennzeichnet durch die Herausbildung einer Politik des staatl. Interventionismus (Agrarpolitik), basierend auf Preisstützung und Absatzförderung, bei einer ausgeprägten Förderung der Rindviehhaltung.

<b>Hausrind</b><br>Ochsengespann. Anonyme Fotografie, um 1920 (Schweizerische Nationalbibliothek, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Wehrli).<BR/>Auf dem Land dienten Ochsen bis ins 20. Jahrhundert als Zugtiere.<BR/>
Ochsengespann. Anonyme Fotografie, um 1920 (Schweizerische Nationalbibliothek, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Wehrli).
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Während noch um 1900 ausserhalb des Alpengebietes die Kühe der Bauern durchschnittlich um die 250 kg wogen, ca. 120 cm hoch waren und selten mehr als 1'500 bis 2'000 l Milch pro Jahr gaben, erreichen Kühe heutiger Hochleistungsrassen Höhen von 145 cm, Gewichte von bis zu 750 kg und erbringen Milchleistungen von durchschnittlich 6'000 l im Jahr. Unter den in der Schweiz verbreiteten Rassen dominierten 1995 das Schweizer Braunvieh (Swiss Brown) mit 41% und das Simmentaler Fleckvieh mit 46%. Das Schwarzfleckvieh (Holsteinrasse) machte 11% aus, die Eringer aus dem Wallis hielten einen Anteil von knapp 1%. Die Holsteiner hatten das Freiburger Schwarzfleckvieh praktisch verdrängt, ein Vorgang, der sich ohne grosses Aufsehen vollzog. Die Frage der Reinrassigkeit des Simmentalerviehs hingegen erhitzte die Gemüter in den 1960er und 70er Jahren; die ersten Einkreuzungen mit den Montbéliarde-Rindern wurden in der franz. Schweiz illegal praktiziert. Zu den alten Landrassen, die in ihrem Bestand z.T. gefährdet sind, gehören Hinterwälder, Original Braunvieh, Rät. Grauvieh und Original Simmentaler Fleckvieh.

Die Entwicklung des Hausrindbestands
JahrBestand
1866993 291
18861 212 538
19061 498 144
19211 425 341
19411 584 326
19661 796 389
19782 023 679
20031 570 178

Quellen:H. Brugger, Die Schweiz. Landwirtschaft 1850-1914, 1978, 175; H. Brugger, Die Schweiz. Landwirtschaft 1914-1980, 1985, 219; BFS


Literatur
– C. Quartier, Paysans aujourd'hui en Suisse, 1978, 37-39
– «100 Jahre Schweiz. Fleckviehzuchtverband», in Simmentaler Fleckvieh, 1990, Nr. 3/4
– G. Berthoud, «Races de bétail, modes d'élevage et identités régionales», in SAVk 87, 1991, 187-208
– N. Benecke, Der Mensch und seine Haustiere, 1994
Landwirtschaftl. Genressourcen der Alpen, 1995
SPM 2, 97-114; 3, 178-180; 4, 121-124; 5, 165-171
– J. Schibler et al., Ökonomie und Ökologie neolith. und bronzezeitl. Ufersiedlungen am Zürichsee, 1997

Autorin/Autor: Renate Ebersbach, Heide Hüster-Plogmann, Peter Lehmann