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Kastanien

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Die Kastanie (Edel- oder Esskastanie, castanea sativa) gehört zu Buchengewächsen. In der Schweiz gedeiht sie hauptsächlich auf der Alpensüdseite, wo sie ungefähr ein Drittel der Waldfläche einnimmt und bis auf 800 m Früchte trägt. 1920 wurden im Tessin 18 Kastaniensorten unterschieden.

Bevor der Mais, die Bohnen und die Kartoffel nach Europa kamen, leisteten die K. in der ital. Schweiz neben den "minderen" Getreidearten wie Gerste, Roggen, Hafer und Hirse einen wichtigen Beitrag zur Ernährung. In versch. Regionen des Tessins durchgeführte Pollenanalysen haben ergeben, dass sich die Kastanie etwa gleichzeitig mit der Walnuss in röm. und langobard. Zeit sowie um die Jahrtausendwende vorwiegend in Perioden von Ernährungskrisen verbreitete, wobei sie vermutlich von Früchten stammt, die aus dem östl. Mittelmeerraum eingeführt wurden.

Rund um die Kastanienwälder (selve) und deren Produkte organisierten sich viele Tessiner Dorfgemeinschaften bis ins 19. Jh. Sie schenkten der Veredelung ihre besondere Aufmerksamkeit, denn dadurch erhielten sie das Anrecht auf die heranreifenden Früchte. Der Baum stand in der Regel auf gemeinschaftl. Grund (Allmend), aber das Recht, die Früchte zu sammeln, lag oft bei Privatpersonen (ius plantandi). Bisweilen fiel der Rechtsanspruch auf die Frucht nicht mit jenem auf den Grundbesitz zusammen; nutzungsberechtigt konnten sogar Bewohner anderer Regionen sein. Die Ernte der heruntergefallenen Früchte und des Laubes wurde nach Ablauf einer bestimmten Frist freigegeben, wie auch das Ackerland nach eingebrachter Ernte der Gesamtheit der Dorfbewohner als Weide diente.

Das im Herbst gesammelte dürre Kastanienlaub wurde im Stall als Streue verwendet und in Bettsäcke abgefüllt, die Matratzen ersetzten. Lösten sich die K. nicht selbstständig am Baum aus den Hüllen, wurden sie samt ihrer stacheligen Schalen mit Stangen heruntergeschlagen. Die Hüllen wurden aufgehäuft, zur Gärung gebracht und dann mit Holzgeräten geöffnet. Zum Essen kann man K. dörren, auf dem Feuer rösten oder kochen. Um sie besser zu konservieren, liess man sie auf Dörröfen in besonderen Gebäuden trocknen; erst nachher schlug man Schale und Innenhaut weg. Die getrockneten K. wurden anschliessend entweder gekocht oder gemahlen. Aus dem Kastanienmehl wurden Brot, Süssigkeiten, Fladen oder Kastanienpolenta hergestellt. Bis 1914 war die Kastanienproduktion bedeutend. Tessiner Saisonwanderer, besonders aus dem Bleniotal, exportierten die Früchte nach Frankreich, Deutschland und Italien. Die Schösslinge und jungen Bäume lieferten Rebstecken, Dachsparren, Nutz- und Brennholz (auch zur Herstellung von Holzkohle). Ende des 20. Jh. nahm die Zahl der Kastanienbäume im Tessin kontinuierlich ab, nicht zuletzt wegen der Krankheiten, welche die Kastanienwälder heimsuchten.

Nördlich der Alpen gedeihen K. im milden Seeklima und in Föhntälern, hauptsächlich am Genfersee, im Unterwallis, in der Zentralschweiz (ab dem 14. Jh. belegt), am Walensee und im St. Galler Rheintal. In den Gemeinden am Vierwaldstättersee stellten die K. in der frühen Neuzeit eine wichtige Sonderkultur dar. Besonders in Krisenjahren untersagte etwa die Luzerner Obrigkeit, die K. an den Bäumen auswärtigen Personen zu verkaufen.


Literatur
– H. Kaeser, Die Kastanienkultur und ihre Terminologie in Oberitalien und in der Südschweiz, 1932
– R. Broggini, «Appunti sul cosiddetto "jus plantandi" nel Canton Ticino e in val Mesolcina», in Vox Romanica 27, 1968, 212-228
– P. Caroni, «In tema di superficie arborea (jus plantandi) nella prassi cantonale ticinese», in Rivista patriziale ticinese 25, 1971, 1-27
– G. Bianconi, Raccolti autunnali, 1981, 41-54
– M. Conedera, «Die Kastanie: der Brotbaum», in Bündner Wald 49, 1996, Nr. 6, 28-46
– «Castégna», in Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana 4, 1999-2003, 325-389.

Autorin/Autor: Romano Broggini / CS