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Sammelwirtschaft

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In der S. beschaffen sich die Menschen ihre Nahrung durch das Sammeln von Teilen wild wachsender Pflanzen (Früchte, Samen, Wurzeln, Knollen, Blätter usw.) und von kleinem Getier. Zusammen mit der Jagd bildete sie bis zur neolith. Revolution die ausschliessl. Wirtschaftsweise. Auch nach dem Aufkommen von Ackerbau und Tierhaltung behielt sie eine wichtige, oft unterschätzte Ergänzungsfunktion. Ob das Sammeln primär Aufgabe der Frauen war, kann für die prähist. Zeit vermutet, aber nicht bewiesen werden.

1 - Ur- und Frühgeschichte

Für Mitteleuropa gibt es nur sehr wenige Untersuchungen altsteinzeitl. Nahrungsüberreste. Einer der wenigen Orte, wo über die pflanzl. Komponente der Ernährung etwas ausgesagt werden kann, ist die Homo-erectus-Fundstelle von Bilzingsleben (Thüringen), wo vor rund 230'000 Jahren offensichtlich zahlreiche Baumfrüchte (Haselnüsse, Eicheln usw.) wohl auch zum Zweck der Ernährung gesammelt wurden. Dank einiger Ausgrabungen im Gebiet des fruchtbaren Halbmondes aus dem Epipaläolithikum, der Übergangszeit von der Altsteinzeit zum Ackerbau, steht fest, dass das Sammeln von Pflanzen auch den Ausgangspunkt für deren Domestikation bildete. Einen Grundstock der Ernährung lieferte die S. auch während der mittleren Steinzeit (Mesolithikum) in Europa. In Nordeuropa wurden neben Früchten - besonders beliebt waren Haselnüsse, aber auch Wassernüsse und Eicheln - an einzelnen Fundstellen auch Überreste unterird. Pflanzenteile (wie Wurzeln und Knollen) nachgewiesen.

Auch nach dem Übergang zum Ackerbau im beginnenden Neolithikum behielt die S. grosse Bedeutung. Die gesammelten Pflanzen waren eine notwendige Ergänzung zum Getreide und verhalfen zu einer ziemlich ausgewogenen Ernährung. Fruchtbäume (Obstbau) wurden möglicherweise erst einige Tausend Jahre später in Kultur genommen als die kurzlebigen Getreide oder Hülsenfrüchte. Wild wachsendes Obst aber sammelte man zu allen Zeiten. Besonders gut sind wir über die S. der neolith. und bronzezeitl. Ufersiedlungen im Umkreis der Alpen unterrichtet, weil dort die Erhaltungsbedingungen für organ. Material günstig waren. Millionen Pflanzenreste stammen von am Wildstandort gesammelten Pflanzen. Eine herausragende Rolle spielten hier lagerfähige und kalorienreiche Früchte wie die Haselnüsse. Wilde Äpfel wurden halbiert und in grossen Mengen gedörrt. Neben Schlehen wurden, wohl als saisonale Ergänzung der Nahrung, Himbeeren, Brombeeren und Walderdbeeren in grosser Menge gesammelt. Modellhafte Berechnungen ergaben, dass die Sammelpflanzen bis zu 50% der gesamthaft durch die Pflanzen abgedeckten Kalorien lieferten. Erst durch die Römer gelangte die Kultivation von Obstbäumen ins Gebiet der Schweiz. Bei der Ausgrabung einer röm. Villa in Süddeutschland wurden aber Wildäpfel nachgewiesen und aus Feuchtbodenbefunden sind viele Sammelpflanzen belegt. Auch in ma. Latrinen finden sich grosse Mengen gesammelter Nahrungspflanzen; fruchttragende Sträucher wie Himbeeren oder Erdbeeren wurden erst in der Neuzeit kultiviert. Reste von Früchten sind im archäolog. Fundmaterial wegen ihrer besseren Erhaltungsfähigkeit überrepräsentiert. Nicht zu unterschätzen ist aber auch die Bedeutung von Blatt- und Wurzelgemüsen (z.B. Bärlauch) oder etwa Pilzen für die Ernährung. Gesammelt wurden nicht nur Nahrungsmittel. Sämtl. Rohstoffe, die nicht aus Kulturpflanzen gewonnen werden konnten, wurden der Natur entnommen. Am wichtigsten war sicher Holz für die Geräteherstellung und als Brenn- und Baumaterial. Aus Rinde wurden Baste hergestellt, aus Gras- oder Binsenhalmen Schnüre und Körbe, aus Brennnesselfasern Gewebe.

Autorin/Autor: Stefanie Jacomet

2 - Vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert

Im MA spielte die S. weiterhin eine bedeutende Rolle, hinterliess allerdings nur wenig schriftl. Quellen. Besonders der Wald, die Allmend und zahlreiche Hecken entlang der Wege und Grenzen lieferten ein breites Spektrum wild wachsender Nahrungs- und Nutzpflanzen. Nur unscharf lässt sich die S. von der gewerbl. Waldnutzung abgrenzen wie etwa der Gewinnung von Harz oder Gerberlohe sowie von anderen, traditionellen bäuerl. Nutzungsweisen wie dem Schneiden von Hasel- und Weidenruten zum Binden von Garben und Fässern oder der Gewinnung von Wildheu, von frischem Laub, von Zweigen, Streue, Eicheln und Bucheckern als Futter und Einstreu für das Vieh (Futtermittel). In Dorfoffnungen, Allmendordnungen sowie landesherrl. Forstordnungen wurden die kollektiven Nutzungsrechte in Wald und Allmend geregelt und vom beginnenden 16. Jh. an zunehmend eingeschränkt, was immer wieder zu Nutzungskonflikten führte.

Die S. war nicht nur in Notzeiten von grosser Bedeutung; besonders für arme Familien blieb sie bis weit ins 19. Jh. auch in günstigen Jahren unentbehrlich. Um Mangelerscheinungen vorzubeugen, braucht der Mensch eine Vielzahl unterschiedl. Lebensmittel. Die vergleichsweise wenigen Kulturpflanzen, welche die landwirtschaftl. Produktion dominierten, reichten dazu nicht aus. Im MA und in der frühen Neuzeit lieferten v.a. Wildobst und -salate neben Erzeugnissen aus dem Gartenbau Vitamine und Mineralstoffe, die in der getreidelastigen Nahrung der Kornlandbauern nur ungenügend enthalten waren.

Breite Bevölkerungskreise sammelten in SpätMA und früher Neuzeit, dem Jahreszyklus folgend, zahlreiche wild wachsende Beeren, Wildkirschen, Wildäpfel, Berberitzen, Elsbeeren, an speziellen Standorten Felsenbirnen, in den Alpen auch Arvennüsschen. Das Spektrum des gesammelten Wildobstes umfasste im 16. Jh. mindestens 29 Arten. Hinzu kamen Wildgemüse und -salate wie Brunnenkresse, Nüssli- oder Feldsalat, wilder Spinat (Guter Heinrich), Lungenkraut, Gänseblümchen, Brennnessel und Wildkräuter, deren äther. Öle, Schleim- und Gerbstoffe für Nahrungs- wie für Heilzwecke Verwendung fanden. Wildobst wurde zumeist von den weibl. Familienmitgliedern in aufwendiger Arbeit eingesammelt, zugerüstet, getrocknet oder unter Zugabe von Honig oder Zucker zu Mus, Kompott, Gelee oder Konfitüre eingekocht. Solche süssen Leckereien galten aber noch Ende des 19. Jh. bei den Industriearbeiterfamilien als Luxusprodukte und gehörten zum entbehrl. Bestandteil des Wintervorrats. Teilweise bildeten sich lokale Spezialitäten heraus, die von einzelnen Haushalten speziell für den Verkauf hergestellt wurden, wie etwa Buttenmost in der Region Basel, einem vitaminreichen Konzentrat aus Hagebutten. In Hungersnöten und Krisenzeiten wurden während des Winters die Wurzeln und Knollen zahlreicher Pflanzenarten ausgegraben und als Notnahrung verwendet. Im Frühjahr dienten die ersten über dem Boden auftauchenden Triebe und Blätter als Salate und Ingredienzien für Kräutersuppen. Überliefert sind Rezepte von Notbroten wie Wurzelbrot aus Rüben, Meerrettich, Rettich und Zwiebeln, Laubbrot, Sägespänebrot sowie Tannenzapfenbrot.

Geröstete und gemahlene Eicheln sowie die Wurzeln der Wegwarte (Zichorie) wurden bis in die Zeit des 2. Weltkriegs als Kaffee-Ersatz verwendet. Gegenwärtig lebt die S. primär als Freizeitbeschäftigung bei Pilzfreunden und Liebhabern hausgemachter Produkte weiter; gesammelt werden u.a. versch. Waldbeeren und Waldfrüchte, zahlreiche Kräuter wie Bärlauch oder Waldmeister, Tannenknospen und Holunderblüten.

Autorin/Autor: Margrit Irniger

Quellen und Literatur

Literatur