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Gewerberegionen

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Als G. bezeichnet man in der Schweiz Gebiete oder Landschaften, die im SpätMA oder in der frühen Neuzeit von bestimmten Gewerben im Bereich von Handwerk und Heimarbeit geprägt wurden (unter Ausschluss der landwirtschaftl. Agrarzonen und spezieller Industrieregionen). Von G. kann man da sprechen, wo grössere Gebiete in den Produktionsprozess einbezogen waren und das betreffende Gewerbe volkswirtschaftlich ins Gewicht fiel. In der Regel handelte es sich um Exportgewerbe, bei denen die Verbindung von Produktion und Handel sowie die arbeitsteilige Produktion, v.a. im kapitalist. Verlagssystem, günstige Stückkosten bzw. Verbraucherpreise und damit einen breiten Absatz garantierten. Viele G. nahmen ihren Anfang auf Stadtboden und bezogen erst später Arbeitskräfte des Hinterlands in die Produktion ein. Wichtig, aber nicht allein ausschlaggebend war die Lage an überregional bedeutenden Verkehrsverbindungen. Obrigkeitl. Gewerbepolitik (u.a. geschützte Produktion, strenge Produktevorschriften und Kontrollen zur Erzielung von Exportqualität) konnte die Entwicklung von G. fördern, aber auch behindern, zumal bei Eingriffen der Zünfte in die Gewerbefreiheit. Die G. der Schweiz wurden weitgehend vom Textilsektor beherrscht und weder durch polit. noch konfessionelle Grenzen behindert.

In der spätma. Schweiz entstanden aber auch Exportgewerbe, die ausschliesslich in der Hand des in der Stadt niedergelassenen Handwerks lagen und auf Städte beschränkt blieben, so im 14. und 15. Jh. in Zürich das Geschäft mit Seide, in Freiburg das mit Wolle und in Luzern das mit Sensen. Stadtgebunden waren auch die nach 1550 durch franz. und ital. protestantische Glaubensflüchtlinge eingeführte Wollweberei, Seidenverarbeitung und Posamenterei in Genf, Zürich und Basel. Als einzige spätma. Gewerberegion gilt der Grossraum Ostschweiz-Bodensee-Schwaben mit der Produktion von Leinwand. Leinenspinnerei und -weberei samt Veredelungsgewerben (Bleicherei, Walkerei, Färberei) stützten sich hier auf Städte - anfangs v.a. Konstanz, später St. Gallen -, aber auch auf Landschaften und kleinere Märkte (z.B. Wil, Bischofszell). Die Ostschweizer Leinwand-Region bestand vom 13. bis ins 18. Jh. und wies damit von allen schweiz. G. die längste Tradition auf. Erst nach 1550 entstanden weitere G. in der Nord-, Zentral- und Westschweiz.

Die G. der Nordschweiz gingen von den Exportgewerben der Woll- und Seidenbranche und der Posamenterei der Städte Genf, Zürich und Basel aus. Die Erweiterung zu G. wurde von zwei Faktoren bestimmt: Die Refugianten, mehrheitlich Kaufleute, bauten ihre Gewerbe als kombinierte Produktions- und Handelsunternehmen auf. Zunehmende Behinderung durch das zünftige Handwerk im 17. Jh. führten in Genf zum Erliegen der Gewerbe, in Zürich behielten die Unternehmer zwar Geschäftssitz, Weberei und Ausrüstungsgewerbe in der Stadt, verlegten aber die Spinnerei (Woll-, Schappespinnerei) auf die Landschaft, und in Basel zogen Unternehmer auf die Landschaft und beschäftigten dort Heimarbeiter mit Posamenterei und Seidenspinnerei. Bei der Basler Seidenbandweberei blieb ab 1700 der Geschäftssitz in der Stadt, die Produktion verteilte sich auf Stadt und Land. Solchermassen entstanden im 17. und 18. Jh. zwei weiträumige G. - die eine von Zürich aus bis in die Zentralschweiz, die andere von Basel aus in den Jura.

Neue und alte Textilzweige eroberten sich in den 1630er bzw. 1670er Jahren G.: Strumpf- und Hosenstrickerei (Lismerei) und -wirkerei verbreiteten sich z.T. in bestehenden, nunmehr stark verdichteten G. der Seiden- und Leinenverarbeitung von Basel aus im Fürstbistum und Solothurnbiet, im Ober- und Unteraargau und nördl. Luzernbiet bis nach Schaffhausen. In der Ostschweiz büsste die Stadt St. Gallen nach versch. Krisen im 18. Jh. die Führung im Leinwandgewerbe ein, das im Thurgau, in der Fürstabtei St. Gallen und im Appenzellerland als verkleinerte Gewerberegion mit neuen Zentren (u.a. Rorschach, Hauptwil, Bischofszell, Trogen, Herisau) überlebte. Nutzniesser dieser Entwicklung wurde aber v.a. die ab 1640 entstandene Leinwandregion im Bern- (Emmental, Oberaargau) und Luzernbiet (Amt Willisau, Entlebuch) unter einheim. Handelshäusern, insbesondere in den Marktorten Langnau, Burgdorf und Langenthal. In der Zentralschweiz ging die Führung der früher von Zürich aus kontrollierten Schappespinnerei an lokale Firmen in neuen Verlagszentren, darunter v.a. Gersau, über.

Von grösster volkswirtschaftl. Bedeutung war die Gewerberegion der Baumwollverarbeitung, die ab 1730, schon im Zeichen der Protoindustrialisierung, als Letzte entstand: Sie reichte von Genf bis an den Rhein, wobei sich Baumwollspinnerei und -weberei v.a. in den alten G. der Deutschschweiz in den heutigen Kt. Aargau, Zürich, St. Gallen (Toggenburg), Appenzell und Glarus massierten. Der zugehörige Zeugdruck, von der West- bis in die Ostschweiz verbreitet, war an versch. Orten (u.a. Genf, Neuenburg, Bern, Aarau, Zürich, Glarus) konzentriert.

Weitere G. entstanden in der Westschweiz des 18. Jh.: Die von Refugianten ab 1550 eingeführte Genfer Bijouterie und Uhrmacherei weitete sich von Genf und Umgebung bis in die Juratäler (Kt. Waadt, Neuenburg, Erguel) zur Gewerberegion der Uhrmacherei (Uhrenindustrie) aus, die über weite Teile auch die Region der Klöppelei (Spitzen) war. Im Freiamt entwickelte sich von Wohlen (AG) aus die kleine Gewerberegion der autochthonen Strohflechterei, die im Verlagssystem betrieben wurde.


Literatur
– W. Bodmer, Die Entwicklung der schweiz. Textilwirtschaft im Rahmen der übrigen Industrien und Wirtschaftszweige, 1960
– J.-F. Bergier, Die Wirtschaftsgesch. der Schweiz, 21990
– U. Pfister, «Protoindustrialisierung», in Geschichtsforschung in der Schweiz, 1992, 67-78
– A. Radeff, Du café dans le chaudron, 1996

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler