• <b>Arbeitslosigkeit</b><br>Plakat gegen das Gesetz für eine Arbeitslosenversicherung im Kanton Basel-Stadt 1926, von  Otto Plattner (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste). In der Abstimmung vom 26./27. Juni 1926 wurde das Gesetz mit 13'649 gegen 7'823 Stimmen angenommen.

Arbeitslosigkeit

Der Begriff A. bezieht sich ausschliessl. auf die Erwerbstätigkeit, nicht aber auf andere Formen der Arbeit. Mindestens drei Bedingungen müssen Arbeitslose erfüllen: Arbeitsfähigkeit, d.h. einer Anstellung dürfen nicht Hindernisse wie Alter, Krankheit, Unfall oder Verpflichtungen entgegenstehen; in der Referenzperiode keine Erwerbstätigkeit; Arbeitswilligkeit (bewiesen z.B. durch aktive Bemühung um Erwerbsarbeit). Diese Kriterien sind weder vorgegeben, noch lassen sie sich in der Praxis problemlos umsetzen. Zudem erfassten sie bis in jüngste Zeit v.a. Männer, da Frauen sich bei Entlassungen gesellschaftl. Leitbildern entsprechend eher vom Arbeitsmarkt zurückzogen.

Menschen, die dauernd oder vorübergehend keiner Erwerbsarbeit nachgingen und denen deshalb die Mittel zum Lebensunterhalt fehlten, gab es schon in vorindustriellen Gesellschaften. Sie bildeten die Masse der Armen (Pauperismus), deren Schicksal als gottgegeben oder als individuelles Versagen gedeutet wurde. Ihnen galt ein breites Bündel von Massnahmen, von der Wohltätigkeit bis zur Zwangsarbeit. Gegen Ende des 19. Jh. hatten sich die Verhältnisse in industriell entwickelten Regionen stark geändert. Einerseits erschwerten die Ausbreitung der Lohnarbeit und die Verstädterung eine familienwirtschaftl. Versorgung in Notlagen. Andrerseits stellte eine erstarkende Arbeiterbewegung bestehende Verhältnisse unter Berufung auf Missstände in Frage. V.a. von den 1880er Jahren an begann deshalb die Sozialpolitik die Risiken, die zur Armut führten, zu differenzieren. Gesellschaftl. Anerkennung fanden Krankheit, Unfall, Alter und A. Letztere versuchte man in versch. Ländern zwischen ca. 1880 und dem 1. Weltkrieg mit unterschiedl. Erfolg abzugrenzen. Erst seither verbreitete sich der Begriff A., oft präzisiert als "wirkliche A." oder "unverschuldete A.". Nachdem Arbeitslose schon früher gelegentl. kollektiv Hilfe gefordert hatten, gelang es ihnen von den späten 1870er Jahren an mit Demonstrationen und Versammlungen (u.a. in Genf, Bern, Zürich und Basel), ihre Notlage dauerhaft als gesellschaftl. Problem zu definieren. Hilfskomitees wohltätiger Bürger mit zunehmender Unterstützung der öffentl. Hand gelang es aber nie, Arbeitslose im engeren Sinne von andern Armen zu trennen. V.a. die Unterstützung von Trinkern und sonstigen Arbeitsunwilligen schadete nach Ansicht von Behörden und Arbeiterorganisationen dem Ruf der unverschuldet Arbeitslosen. Deren klarere Abgrenzung ermöglichten erst die sich ausbreitenden Arbeitslosenversicherungen und die Unterstützungsaktionen der Zwischenkriegszeit mit ihren verfeinerten Kriterien. Noch heute gilt aber A. in der Sozialpolitik als weit umstrittenere Kategorie als Alter, Krankheit oder Unfall.

<b>Arbeitslosigkeit</b><br>Plakat gegen das Gesetz für eine Arbeitslosenversicherung im Kanton Basel-Stadt 1926, von  Otto Plattner (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).<BR/>In der Abstimmung vom 26./27. Juni 1926 wurde das Gesetz mit 13'649 gegen 7'823 Stimmen angenommen.<BR/>
Plakat gegen das Gesetz für eine Arbeitslosenversicherung im Kanton Basel-Stadt 1926, von Otto Plattner (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
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A. manifestiert sich v.a. in vier Formen: Tiefgreifende Verschiebungen im Wirtschaftsgefüge führen zu struktureller A., wenn vom Niedergang einer Branche Betroffene wegen spezif. Qualifikation oder mangels Alternative in ihrer Region lange keine neue Stelle fanden, wie etwa in der Zwischenkriegszeit in der Stickerei um St. Gallen oder in den 1970er Jahren in der Uhrenindustrie der Westschweiz.

Wirtschaftl. Abschwünge oder Krisen führen zur meist unerwartet und massiv auftretenden konjunkturellen A., die sich in der Schweiz jeweils zuerst in der Exportwirtschaft, danach in den mit ihr eng verbundenen Branchen bemerkbar machte. Diese Form der A. erfasste weitaus am meisten Menschen gleichzeitig; gegen sie richtet sich denn auch die Mehrheit der sozialpolit. Massnahmen wie Arbeitsbeschaffung, Versicherungsreformen usw.

Eine dritte Form der A. ist v.a. in Branchen wie dem Baugewerbe oder dem Tourismus verbreitet, die vom Wetter abhängen. Sie kannten daher im Winter regelmässig die sog. saisonale A. Schon die Hilfskomitees um die Jahrhundertwende beschränkten deshalb ihre Aktivität in der Regel auf die kalten Monate. Im Laufe der Zeit verlor diese Form der A. allerdings wegen neuer Verfahren und Gewohnheiten an Bedeutung. Lag die A. jeweils im Febr. 1920-24 noch 64% höher als im Juli, so hat sich das Verhältnis im letzten Jahrzehnt ausgeglichen. Seit dem späten 19. Jh. entlasten zudem abwandernde Saisonniers im Winter den Arbeitsmarkt.

Bedeutend war bis zum 1. Weltkrieg die sog. Fluktuations-A. Wandernde Handwerker hatten zwischen zwei Anstellungen oft eine Durststrecke zu überwinden, und die Industrie kannte ebenfalls noch bedeutende Fluktuationen. Als Gegenmittel entstanden seit den späten 1880er Jahren öffentl. Arbeitsnachweis-Büros -- die Vorgänger der Arbeitsämter --, die die Transparenz auf dem Arbeitsmarkt erhöhten, sowie bereits früher Naturalverpflegungs-Stationen für wandernde Arbeitsuchende. Neben der Voll-A. traf die Teil-A. oder Kurzarbeit v.a. in Zeiten und Branchen mit niedrigem Lohnniveau Betroffene hart. Bei konjunkturellen Rückschlägen, Absatzproblemen oder Rohstoffmangel (Kriege) versuchten Firmen in einer ersten Phase, mit unbezahlten Arbeitszeitverkürzungen Entlassungen zu vermeiden. So verliefen z.B. die Kurven der Teil-A. und der Voll-A. in der Krise der 1920er Jahre mit zeitl. Verschiebung analog.

Wegen erhebl. Abgrenzungsproblemen gehören Arbeitslosenzahlen zu den umstrittensten Daten der Statistik. Grundsätzlich stehen zwei Methoden zur Verfügung: Zum einen der Labourforce-survey mit dem Kriterium aktive Stellensuche, zum andern die Registratur beim Arbeitsamt. Sie liefern höchst unterschiedl. Ergebnisse, wie ein Vergleich zwischen der Statistik des Bundesamtes für Industrie, Gewerbe und Arbeit (Biga) und der des Bundesamtes für Statistik (BfS) zeigt. Ersteres erfasste jeweils im 2. Quartal 1991 32'120, 1992 82'047 und 1993 152'766 "eingeschriebene Arbeitslose", Letzteres verzeichnete in der Schweiz. Arbeitskräfteerhebung (SAKE) gleichzeitig 68'000, 110'000 und 144'000 "Erwerbslose". Hist. stehen nur nach der Registraturmethode erhobene Daten zur Verfügung. Sie erfassten v.a. diejenigen, die sich von der Anmeldung eine Verbesserung der Lage -- z.B. Taggelder -- versprachen. Bis in jüngste Zeit blieben Frauen und Ausländer statist. unterrepräsentiert, weil sie nach gängiger Auffassung in den Haushalt bzw. in ihre Herkunftsländer zurückkehren konnten. Ab den 1880er Jahren führten in einigen Städten verschiedenste Instanzen (u.a. Hilfskomitees) Zählungen durch. Die öffentl. Arbeitsnachweise publizierten ab den 1890er Jahren Frequenzstatistiken, seit 1905 in den Jahrbüchern des Verbandes schweiz. Arbeitsämter zusammengefasst. Diese Gegenüberstellungen von Arbeitssuchenden und offenen Stellen blieben bis 1920 die einzigen quantitativen Indikatoren zum Arbeitsmarkt. Der Bundesbeschluss vom 29.10.1919 brachte ab dem folgenden Jahr monatl. Stichtagzählungen unter Leitung des Eidg. Arbeitsamtes bzw. des Biga, die 1924 auf eine erweiterte Grundlage gestellt und seither mehrmals verfeinert wurden. Sie ermöglichen folgende Statistik:

Arbeitslose und Arbeitslosenquote 1920-2000
JahrAnzahlQuoteaJahrAnzahlQuoteaJahrAnzahlQuotea
19206 5220,319473 4730,21974 2210,0
192158 4663,119482 9710,1197510 1700,3
192266 9953,619498 0590,4197620 7030,7
192332 6051,719509 5990,4197712 0200,4
1924b14 6920,819513 7990,2197810 4830,3
1925b11 0900,619525 3140,2197910 3330,3
1926b14 1180,819534 9950,219806 2550,2
1927b11 8240,619544 3290,219815 8890,2
1928b8 3800,419552 7130,1198213 2200,4
1929b8 1310,419563 0380,1198326 2880,9
1930b12 8810,719572 0470,1198432 0611,0
1931b24 2081,219583 3730,2198527 0240,9
1932b54 3662,819592 4260,1198622 7700,7
1933b67 8673,519601 2270,0198721 9180,7
1934b65 4403,41961 6470,0198819 5240,6
1935b82 4684,21962 5990,0198915 1330,5
1936b93 0094,81963 8250,0199015 9800,5
1937b71 1303,71964 2880,0199135 0651,1
1938b65 5833,41965 2990,0199282 4292,5
1939b40 3242,11966 2960,01993144 9834,5
1940b16 3740,81967 2560,01994150 0214,7
19419 0950,51968 3030,01995133 1544,2
19428 8410,41969 1750,01996146 8924,7
19436 0580,31970 1040,01997162 2355,2
19446 5330,31971 1000,01998117 7983,9
19456 4740,31972 1060,0199981 9122,7
19464 2620,21973   810,0200058 7822,0

a Arbeitslosenquote: Anteil der Arbeitslosen an der Zahl der Erwerbspersonen der letzten Volkszählung

b 1924-1940: Stellensuchende

Quellen:StJ, Eidg. Volkszählungen, Die Volkswirtschaft

In vier Perioden stieg die A. massiv an. Eine weitgehend vergessene Krise setzte im Herbst 1920 ein, wobei die A. mit 99'541 Eingeschriebenen (5,3%) im Febr. 1922 ihr Max. erreichte. Betroffen wurden v.a. Exportindustrien (Uhren, Metall und Maschinen, Textilien), später auch das Baugewerbe. Rasch besserte sich die Lage wieder, bis sich mit Verzögerung ab Sommer 1930 die Grosse Depression schwer auf den schweiz. Arbeitsmarkt auswirkte. Sie dauerte mit mehreren Auf- und Abschwüngen bis zum Kriege und erreichte ihre Max. jeweils im Jan. 1933 mit 101'111 (5,2%), 1935 mit 110'283 (5,7%), 1936 mit 124'008 (6,4%) und 1937 mit 110'754 (5,7%) Stellensuchenden. Hauptbetroffene waren die gleichen Berufsgruppen wie in den 1920er Jahren. Im internat. Vergleich blieb die schweiz. A. aber relativ gering. Mit dem 2. Weltkrieg setzte eine von nur leichten Rückschlägen unterbrochene, jahrzehntelange Phase guter Beschäftigungslage ein. Zwischen 1973 und 1976 aber gingen fast 11% der Arbeitsplätze verloren, ohne dass sich dies in den Arbeitslosenzahlen entsprechend niederschlug. Weil eine obligator. Arbeitslosenversicherung fehlte, reisten entlassene Ausländer in ihre Herkunftsländer ab (Export der A.), ungeschützte Einheimische (v.a. Frauen, Jugendliche, Ältere) zogen sich vom Arbeitsmarkt zurück. Im internat. Vergleich registrierte man in der Schweiz eine der schwersten Krisen und zugleich eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten. Die obligator. Arbeitslosenversicherung bewog seit den 1980er Jahren mehr Betroffene zur Anmeldung, weshalb die registrierte A. nun bei Abschwüngen stärker zunahm. Statist. erreichte die A. 1992 wieder die Dimension der Grossen Depression. Im Jan. 1997 überschritt die Zahl der eingeschriebenen Arbeitslosen (einschliessl. Teilarbeitslosen) erstmals 200'000, im Febr. kletterte sie auf das bisherige Max. von 206'291, was einer Quote von 5,7% entspricht.

Bei den Betroffenen verursacht A. neben der materiellen v.a. bei langer Dauer auch psych. Not. Ihre Selbsthilfeorganisationen (z.B. Arbeitslosenkomitees der 1930er Jahre) erreichten nur selten und kurzfristig polit. Gewicht. Wirkungsvoller vertraten Gewerkschaften ihre Anliegen, weil die noch Arbeitenden den von der A. ausgehenden Druck auf Löhne und Arbeitsbedingungen möglichst gering halten wollten.


Literatur
HWSVw 1, 246-264
HSVw 1, 73-83
– G. Prader, 50 Jahre schweiz. Stabilisierungspolitik, 1981
– M. Schmidt, Der schweiz. Weg zur Vollbeschäftigung, 1985
Die Schweizer Wirtschaft, 1946-1986, 1987, 45-63
– Gruner, Arbeiterschaft 1, 273-300; 3, 689-776
– P. Ammann, «Arbeitsmarktstatistik», in Einführung in die Wirtschafts- und Sozialstatistik der Schweiz, hg. von P. Bohley, A. Jans, 1990, 113-142
– B. Degen, Abschied vom Klassenkampf, 1991, 130-139
– B. Degen, «Zur Gesch. der A. in der Schweiz», in Widerspruch, Nr. 25, 1993, 37-46
– B. Degen, «Aus Armen wurden Arbeitslose», in Pour une histoire des gens sans Histoire, hg. von J. Batou et al., 1995
Arbeite wer kann! Travaille qui peut!, 1996
Traverse, 1996, H. 2

Autorin/Autor: Bernard Degen