Agrarverschuldung

Mit dem Aufkommen der Geldwirtschaft und dem Entstehen eines anlagesuchenden Stadtbürgertums im HochMA verbreitete sich allmählich auch die A. Die Kredite, welche die Bauern aufnahmen, dienten hauptsächl. der Überbrückung von Notsituationen und für Erbauszahlungen, nicht zur Finanzierung von Investitionen. Obwohl das Ausmass in vorstatist. Zeit nur geschätzt werden kann, steht fest, dass die A. in der Schweiz bereits in der frühen Neuzeit ausserordentl. hoch war. In vielen Regionen war die Last der Schuldzinsen stärker als die der Feudalabgaben.

1 - Vom Spätmittelalter bis zum Ende des Ancien Régime

Die A. beruhte v.a. auf Krediten, die durch Grundpfand gesichert waren. Eine im SpätMA entstandene, den Grundzinsen angenäherte Form des Bodenkredits war die Gült, deren rechtl. Form der Kauf von Renten. Die Gült war ewig, konnte jedoch vom Schuldner abgelöst werden. In der frühen Neuzeit gewann in der Landwirtschaft die beiderseits kündbare eigentl. Hypothek an Bedeutung: Ihre Dauer war festgelegt (z.B. in Luzern auf sechs Jahre), wurde aber in der Regel verlängert. Gewichtig wurden überdies Erbauskaufbriefe und sog. Kaufschulden: Im ersten Fall diente die Aufnahme einer hypothekar. Last dazu, im Erbgang möglichst viele rechtmässige Erben auszukaufen, um Güterzerstückelungen zu vermeiden. Im zweiten Fall wurde beim Handwechsel einer Immobilie der Kaufpreis in Raten erlegt, die sich oft über mehrere Jahre erstreckten. Bei allen diesen Instrumenten haftete die Immobilie. Einzig in der Nordostschweiz entwickelten sich Elemente persönl. Haftung (sog. Zettel/Zeddel in beiden Appenzell).

Der Zinssatz war oft obrigkeitl. auf 5% festgesetzt. In der Praxis tendierte er im späten 16. und frühen 17. Jh. nach oben, vom späten 17. Jh. an nach unten. Festgehalten wurden die dargestellten Rechtsformen der A. vorab in Notariatsprotokollen und Nachlassinventaren, die allerdings in regional höchst unterschiedl. Ausmass herangezogen werden können und bisher noch kaum erschöpfend ausgewertet worden sind.

In Baselland und Genf betrug die mittlere A. bäuerl. Betriebe im 18. Jh. rund 30-40% ihres Verkehrswerts. Aus dem luzern. Ebikon ist für 1690 bezeugt, dass Kapitalzinsen über 60% des monetären Reinertrags von Bauernbetrieben verschlangen. Im zürcher. Neftenbach waren es im 18. Jh. 50% und mehr. Die A. hatte somit die Grundherrschaft als Abschöpfungsstruktur überlagert und stark zurückgedrängt. In der Regel wiesen vollbäuerl. Betriebe zwar eine höhere absolute, gemessen am Verkehrswert aber eine tiefere A. aus als kleinbäuerl. Haushalte. Diese waren am stärksten in die Kreditwirtschaft integriert. Landarme und landlose Haushalte hatten dagegen mangels ausreichendem Pfand selten Zugang zum Bodenkreditmarkt und waren deshalb kaum hypothekar. verschuldet. In Luzern waren im 16. Jh. die Gläubiger v.a. städt. Kapitalgeber, die ihre aus Solddiensten und Pensionen stammenden Einkünfte im Vergleich zu anderen Darlehensformen zwar weniger ertragreich, aber sicher anlegen wollten. Die bäuerl. Nachfrage nach Bodenkrediten wuchs in dieser Zeit, bedingt durch die Bevölkerungszunahme und die Auskaufszahlungen bei Erbteilungen, wohl noch stärker als das Angebot.

Innerhalb des Lebenszyklus war die A. in der mittleren Phase (Haushaltsvorstand 30-40-jährig) am höchsten, wenn Geschwister aus Erbfällen auszurichten und nicht arbeitende Kinder am zahlreichsten waren. Dies und der Befund, dass die A. in Subsistenzkrisen stark zunahm, weist auf die wenig produktive unmittelbare Verwendung der A. hin: Sie diente primär der Stabilisierung der bäuerl. Familienwirtschaft in einer Krisenphase. Monetäre Einkommensquellen (Viehzucht, Milchverarbeitung, Weinbau, Protoindustrie), aber auch die Einschlagsbewegung erhöhten die Verschuldungsfähigkeit bäuerl. Betriebe. In den entsprechenden Regionen war die A. vergleichsweise hoch, die Kreditmärkte waren liquider und institutionell besser entwickelt. Phasen der Ausdehnung der A. scheinen sich auf das späte 15. bis frühe 17. Jh. sowie auf die 2. Hälfte des 18. Jh. konzentriert zu haben.

Die A. übte langfristig Druck in Richtung einer Kommerzialisierung der Landwirtschaft aus. Sie war somit wesentl. Element in der Ausbildung regionaler Marktwirtschaften. Überdies dynamisierte sie den ländl. Bodenmarkt. Im 16. und 17. Jh. wurde die A. zu einer der wichtigsten Anlageformen von Vermögen städt. und ländl. Notabeln und damit zu einem Element städt. Herrschaft über Untertanen (Klientelismus). Dies machte die A. wiederholt zu einem Element in polit. Auseinandersetzungen (Bauernkrieg 1653, Sturz von Kaspar Stockalper 1678).

Autorin/Autor: Ulrich Pfister

2 - Von der Helvetik bis zur Gegenwart

Mit der Abschaffung der Feudallasten während der Helvetik gewann die A. weiter an Bedeutung. Als Folge des aufkommenden Wirtschaftsliberalismus erlebte die Landwirtschaft (trotz Einbrüchen 1816-17, 1845-46) in der 1. Hälfte des 19. Jh. einen Aufschwung. Der nun mögliche freie Liegenschaftenhandel führte zu grossen Bodenpreissteigerungen und -- bei Hofteilungen -- zu Kredit- und Verschuldungsproblemen, denen die Politiker mit staatl. verordneten Maximalzinsen und mit landwirtschaftl. Kreditorganisationen begegnen wollten. Ab 1860 kam dank Eisenbahnen und Dampfschiffen billiges Getreide in wachsenden Mengen aus den USA nach Europa und in die Schweiz, was in den 1870er Jahren zu einer europaweiten Agrarkrise führte. Rund ein Viertel der schweiz. Bauern konnte in der Folge die Zinsen nicht mehr zahlen und ging Konkurs. Die verbliebenen Landwirte mussten vom Getreidebau auf Milchwirtschaft umstellen und benötigten dafür neue Kredite. Insbes. die Kantonalbanken gewährten ihnen zinsgünstige und z.T. nicht zu amortisierende Darlehen. Gläubiger waren neben den Kantonalbanken und den Raiffeisenkassen (ab 1899) Grossbauern, Industrielle und Grundbesitzer, aber auch Verwandte der Landwirte.

Um 1890 begann eine heftige Debatte um die A. Bauernpolitiker forderten eine Bundesbank für die Landwirtschaft und Zinsfussmaxima. Mehrere Entschuldungsbemühungen wurden aber von den Liberalen abgelehnt oder verliefen im Sand. Vorstösse des 1897 gegr. Schweiz. Bauernverbandes (SBV) scheiterten ebenfalls an den stark divergierenden Interessenlagen. Der Sekr. des SBV, Ernst Laur, begann bei den Bauern Betriebsdaten zu erheben, was ihm in den Auseinandersetzungen starkes Gewicht verlieh. 1913 richtete er das Schätzungsamt ein, ein Institut, das seither auf einer rationalen Basis Bewertungen vornimmt. Zu dieser Zeit wurde auch der Begriff "Ertragswert" in die Debatten eingeführt, der später zum Bezugspunkt der betriebl. Verschuldungsbegrenzungen wurde. Während des 1. Weltkriegs stiegen die Nahrungsmittelpreise stark an, so dass sich die Bauernführung mit deren Auswirkungen auf die Arbeiterschaft beschäftigen musste (Landesstreik 1918).

Nach Kriegsende und dann v.a. während der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre wurde die A. erneut zu einem wichtigen Thema der Agrarpolitik. Wieder gerieten viele Landwirte in eine schwierige finanzielle Lage. Erste Vorschläge des Eidg. Finanzdepartements (1929) und des SBV (1932) zur Entschuldung fanden in nichtbäuerl. Kreisen und bei den Kt. keine Unterstützung. In Kraft trat 1932 nur eine kaum wirksame Kredithilfe an notleidende Bauern. Darauf basierende kant. Bauernhilfskassen bewilligten bis Ende 1937 insgesamt 1'300 Hilfsgesuche. Nach weiteren abgelehnten Vorstössen wurde 1936 schliessl. auf einer vom SBV erarbeiteten Grundlage ein Entschuldungsgesetz diskutiert, das wegen des umstrittenen Inhalts erst 1940 verabschiedet und wegen des 2. Weltkriegs erst 1947 in Kraft gesetzt wurde. Das von konservativen und liberalen Kräften verwässerte Gesetz enthielt jedoch max. Belastungsgrenzen, als "Schätzungswerte" bezeichnet, um Neuverschuldungen zu verhindern, sowie Ergänzungen des landwirtschaftl. Erbrechts.

Mit der Aufnahme der Wirtschaftsartikel in die Bundesverfassung (1947) sowie mit dem Landwirtschaftsgesetz von 1951 waren die bäuerl. Einkommen gesichert. Es gab in der Folge kaum mehr wirtschaftl. bedingte Konkurse. Somit konzentrierten sich fortan die Anstrengungen auf die Verhinderung übergrosser Neuverschuldungen. Dies geschah mit dem Investitionshilfegesetz von 1962, das Vergaben von verbilligten oder zinslosen Darlehen für landwirtschaftl. Investitionen und Rationalisierungen ermöglichte. Dank diesem Gesetz und dank der mögl. Eigenkapitalbildungen in den folgenden Jahren ist der Anteil der Schuldzinsen am Bruttoeinkommen auf 5-6% (1995) gesunken. Andererseits macht das Fremdkapital an den Aktiven der schweiz. Landwirtschaftsbetriebe etwa 44% aus. Im europ. Vergleich ist dies, mit Ausnahme von Dänemark, ausserordentl. hoch. Diese hohe A. ist aber wegen tiefer Zinssätze und dank staatl. Investitionskredite wirtschaftl. mehr oder weniger tragbar.

Agrarverschuldung
JahrLandwirtschaftliches Einkommen je ha in Fr.aVerschuldung je ha Kulturfläche (in Fr.)
  gesamtdavon grundpfandversichert
1915 2812 8722 589
1920 6563 4483 028
1925 3193 6453 108
1930 3313 9433 461
1935 2534 3133 789
1940 4274 2563 749
1945 6924 3123 816
1950 7224 5203 996
1955 9065 3904 646
19601 0986 1915 252
19651 3907 6686 376
19701 6079 2107 649
19752 8176 1533 184
19802 9197 5453 860
19853 7399 1484 965
19904 36211 6696 092
19952 88712 0886 119

a bis 1975 je ha Kulturfläche, anschliessend je ha landwirtschaftl. Nutzfläche

Quellen:SBV Treuhand und Schätzungen

Autorin/Autor: Peter Rieder

Quellen und Literatur

Literatur
– W. Bickel, Landwirtschaft und Landwirtschaftspolitik der Schweiz, 1961
– W. Gasser, Verschuldung und schweiz. Kreditpolitik, 1963
– H. Brugger, Die schweiz. Landwirtschaft 1850-1914, 1978
– W. Baumann, Bauernstand und Bürgerblock, 1994
– U. Pfister, «Le petit crédit rural en Suisse aux XVIe-XVIIIe siècles», in Annales 49, 1994, 1339-1357
– A. Ineichen, Innovative Bauern, 1996, v.a. 134-143
– R. De Rosa Endettement de l'exploitation et réorientation de la politique agricole de la Suisse, 2001