Berufsbildung

Als B. wird die Ausbildung bezeichnet, welche hauptsächlich die zur Ausübung eines bestimmten Berufs erforderl. Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten vermittelt, wobei die prakt. Ausbildung in der Regel im Betrieb, die theoretische an Berufsschulen erfolgt. In der Schweiz ist die B. - trotz der Reformen der 1990er Jahre - immer noch klar getrennt von der Allgemeinbildung (Gymnasium), welche Zugang zu akadem. Studien gewährt (Universität). Im weiteren Sinn umfasst B. allg. Aus- und Weiterbildungsmassnahmen privater und staatl. Stellen, die der Erlernung beruflicher, auf Erwerb ausgerichteter Tätigkeiten dienen. Dies umfasst die von einer Generation zur nächsten tradierten handwerkl. Fertigkeiten ebenso wie die Weitergabe von behördlich und vertraglich geregeltem, geprüftem und systematisch aufgebautem berufl. Wissen und Können, sei es in der betriebl. Lehre, sei es als schul. Ausbildung im Anschluss an die obligator. Schulzeit (Schulwesen).

1 - Handwerk und Gewerbe

B. als Theorie hat eine zwar ins 18. Jh. reichende erziehungswiss. Tradition, in der Praxis ist sie jedoch viel älter. Im Handwerk wurde die B. der angehenden Handwerker vom 15. Jh. an von den Zünften im Einverständnis mit den Stadtobrigkeiten geregelt. Jeder Handwerkszweig verfügte über eine behördlich bestätigte "Handwerksordnung", welche die Lehre (Grundausbildung), die Gesellenwanderung und allenfalls die Meisterprüfung (Weiterbildung) regelte. Was vorerst für städt. Handwerker galt, wurde ab Ende des 16. Jh. auch für jene auf dem Land üblich, sei es unter der Kontrolle von städt. oder von Landzünften.

Mit der Abschaffung der Zünfte im 19. Jh. ging die Lehre beim Meister zwar weiter, doch fehlte ihr die übergeordnete Kontrolle. Insgesamt war den Handwerkern der Konkurrenzschutz wichtiger als die B. ihres Nachwuchses. Erst die Konkurrenz der Fabrikproduktion und v.a. die Wirtschaftsdepression ab 1873 führten zur Einsicht, dass nur die Reform der B. dem Not leidenden Gewerbe aufhelfen könne.

Während auf Handwerkerseite die praxisnahe Lehre im Betrieb unangefochten blieb, kamen aus dem Bildungsbürgertum Anregungen zur Weiterbildung. In deren Dienst traten ab 1850 Gewerbeausstellungen als handwerkl. Leistungsschauen. Nach ausländ. Vorbild zeigten städt. Gewerbemuseen, 1862 als Erstes jenes in Lausanne, hervorragende Handwerksprodukte, Modelle und Zeichnungen, die den Berufsleuten und ihrem Nachwuchs die techn. Entwicklung näher bringen sollten. Kurse ergänzten das Bildungsangebot. Städte subventionierten jungen Handwerkern Bildungsreisen an die Weltausstellungen von London und Paris.

Besonders wichtig wurde das Engagement gemeinnütziger Institutionen: Sie trugen zur Gründung von Zeichen- und Handwerkerschulen bei (z.B. Zürich 1780, neu gegr. 1800; Lausanne 1809; St. Gallen 1822), welche die Tradition ähnl. Schulen des 18. Jh. weiterführten, und unterstützten die ab 1850 entstehenden städt. Handwerker-Fortbildungsschulen. Diese erteilten an Feierabenden und Sonntagen freiwilligen Unterricht in Lesen, Rechnen, Privat- und Geschäftskorrespondenz. Doch erst als sich der 1879 gegr. Schweizerische Gewerbeverband (SGV) hinter die Reform der B. stellte und v.a. als der Bund 1884 die Subventionierung berufl. Bildungsanstalten beschloss, wurden die Gewerbeschulen definitiv Teil der B. und der im "dualen System" - in Betrieb und Berufsschule - verankerten Handwerkerausbildung.

Wie die Volksschule stand auch die B. unter dem Einfluss der 1875 eingeführten pädagog. Rekrutenprüfungen. Sie übernahm Elemente aus dem Prüfungsstoff, v.a. allgemeinbildende Fächer (Staatskundeunterricht, Sprache), deren Erhaltung im Stoff der Berufsschule zum Anliegen der Arbeitnehmerseite, v.a. des Grütlivereins und der Gewerkschaften, wurde.

Autorin/Autor: Redaktion

2 - Landwirtschaft

In der Landwirtschaft setzten im 18. Jh. vom Land besitzenden Bürgertum ausgehende Bestrebungen für eine B. ein. Im Auftrag der Berner Ökonom. Gesellschaft (Ökonomische Gesellschaften) entwickelte eine Preisschrift 1763 erstmals das Projekt einer landwirtschaftl. Bildungsanstalt. Eine solche entstand 1804 im bern. Hofwil als private Gründung. Der Unterricht umfasste bereits die wichtigsten Fächer einer modernen agrarwiss. Ausbildung. Die ab 1850 errichteten kant. Ackerbau- und Jahresschulen lehrten mehr praxisbezogen, hatten aber gleichwohl nur geringen Zulauf. Ebenso absolvierten nur wenige Bauernsöhne die theoretisch-naturwissenschaftliche Ausbildung der 1871 am Polytechnikum gegr. Abteilung für Landwirtschaft (Agrarwissenschaften). Insgesamt stand die v.a. klein- und mittelbäuerl. Bevölkerung der Schweiz einer landwirtschaftl. B. eher ablehnend gegenüber und baute vielmehr auf die traditionelle Ausbildung der Söhne im eigenen Betrieb.

Ab 1870 stellten die kant. Bauernvereine ihren Regierungen in Petitionen die Dringlichkeit einer landwirtschaftl. B. in Kursen oder Fortbildungsschulen vor, doch erhielten sie keine finanzielle Unterstützung. Erst unter dem Druck der in den 1870er Jahren einsetzenden Agrarkrise sah man die Notwendigkeit einer B. ein. Der Subventionierungsbeschluss des Bundes von 1884 beschleunigte die Errichtung von kant. Landwirtschaftlichen Schulen mit Winterkursen, Information und Beratung. Damit ergänzten sich im "dualen System" theoret. Unterricht und prakt. Arbeit auf dem schuleigenen Versuchsfeld und daheim auf dem Hof.

Autorin/Autor: Redaktion

3 - Industrie und kaufmännische Berufe

Anfänglich im nichtzünft. Stümperhandwerk üblich, wurde die Anlehre im 17.-18. Jh. bei ländl. Heimarbeitern die gültige Form der Ausbildung. Auch nach 1800 basierten textile Heim- und Fabrikindustrie auf angelernten Arbeitskräften. Wachsende Konkurrenz durch Importe und steigende Qualitätsansprüche an Industriegüter deckten indes Ausbildungsmängel bei den Belegschaften auf. Die im eidg. Fabrikgesetz von 1877 eingeführte Kausalhaftung der Unternehmer bei Arbeitsunfällen bewog diese, das Unfallrisiko durch verbesserte Ausbildung zu verringern. Das im gleichen Gesetz erlassene Verbot der Kinderarbeit (für Kinder unter 14 Jahren) machte Arbeiterkindern eine bessere Elementarschulbildung und eine geordnete B. möglich.

Zu Beginn war die B. in der Industrie mit Industrieschulen (Winterthur 1862, St. Gallen 1865, Zürich 1867) und Technika v.a. auf die Kaderausbildung ausgerichtet. Fachschulen wie die Uhrmacherschulen in der Westschweiz (Neuenburg 1871) oder die Stickfachschulen in der Ostschweiz (ab 1894) sowie betriebl. Lehrwerkstätten bildeten Facharbeiter aus.

Im kaufmänn. Sektor war es üblich, die Söhne bei befreundeten Inhabern von Handelsfirmen in Ausbildung zu geben. Ab 1860 schlossen sich Kaufleute in lokalen kaufmänn. Vereinen zusammen, die Fortbildungskurse für Angestellte anzubieten begannen. Der 1873 gegr. Schweizerische Kaufmännische Verband baute schliesslich sein dichtes Netz an kaufmänn. Berufsschulen auf, womit sich die kaufmänn. B. ebenfalls im "dualen System" auf prakt. Bürolehre und theoret. Schulbildung stützte. In der Folge entstanden auch kant. und städt. Handels- und Verkehrsschulen sowie private Handelsschulen, v.a. nach dem Subventionierungsbeschluss des Bundes von 1891 zur Förderung kommerzieller Berufe. In St. Gallen wurde 1904 die städt. Handelsakademie gegründet, Vorläuferin der heutigen Universität St. Gallen.

Autorin/Autor: Redaktion

4 - Frauen und Berufsbildung

Die B. blieb lange ein Vorrecht der Männer. Den Frauen standen nur spezif. Frauenberufe (z.B. Hebamme, Näherin) und v.a. Berufe in Haushalt und Gastgewerbe offen; Letztere hatten (1900: 95% bzw. 64%) und haben immer noch einen sehr hohen Frauenanteil. Noch 1868-69 setzte sich die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) für weibl. Bildung nur im Blick auf Familie und Hausarbeit ein, in Missachtung, dass Frauenerwerbsarbeit in der Arbeiterschaft und z.T. auch in der Mittelschicht eine Notwendigkeit geworden war.

Zu Ende des 19. Jh. lief die B. für Frauen in der Landwirtschaft dank der Unterstützung durch gemeinnützige Frauenvereine an. Ersten Kursen in Gartenbau, Kochen und Hauswirtschaft in den 1870er Jahren folgte, gestützt auf das Berufsbildungsgesetz des Bundes betr. hauswirtschaftl. und berufl. Bildung von Frauen (1895), die Errichtung von Haushaltungsschulen. An der 1907 gegr. Sommerhaushaltungsschule in Sursee, als Erste in der Schweiz staatl. finanziert, wurde nicht nur Hauswirtschaft, sondern auch betriebl. Buchhaltung unterrichtet, in der Absicht, auch die Bäuerinnen zu rationeller Betriebsführung anzuleiten.

Im kaufmänn. Sektor bezweckten die auf Initiative der (männl.) Arbeitnehmer eingerichteten Weiterbildungskurse anfänglich, durch Hebung der Qualifikation die aufkommende Billig-Konkurrenz der Frauen in Büroberufen (Büro) zurückzudrängen. Erst im Nachhinein liess man Frauen zur kaufmänn. B. zu. In der Fabrikindustrie wurden Frauen zwar beschäftigt, aber nur nach einer Anlehre in unterbezahlter Stellung. Das Handwerk bot im Interesse seiner vorherrschend männl. Belegschaft weder Arbeit an, noch liess es Frauen zur B. zu.

Autorin/Autor: Redaktion

5 - Berufsbildung im Recht

In der Schweiz lag die Schulhoheit ursprünglich ganz bei den Kantonen. Die für schweiz. Verhältnisse typische enge Verbindung zwischen Wirtschaft und B. führte aber dazu, dass die B. bei Berufen mit Erwerbszweck in der privaten Wirtschaft - in Industrie, Gewerbe, Handel, Landwirtschaft, Hausdienst und bei gestalterischen Berufen mit gewerbl. Ausübung - eidg. Regelung unterstellt wurde im Rahmen der Wirtschaftsverfassung. Ab 1884 subventionierte der Bund Aufwendungen der Kantone, Gemeinden und Dritter für die B. bei den handwerklich-gewerblichen, industriellen und landwirtschaftl. Berufen, ab 1895 auch bei den kaufmännischen. Zunächst stützte er sich dabei auf Budgetbeschlüsse im Rahmen der Wirtschaftspolitik, ab 1908 auf einen Verfassungsartikel (1947 revidiert). Die Finanzierung der B. obliegt dabei mehrheitlich den Unternehmen (Betriebs-, Meisterlehre), die Weiterbildung aber v.a. den Verbänden der Arbeitgeber und Arbeitnehmer. An den schulischen Teil, d.h. an Bauten, Prüfungen, Kurse und Lehrerbildung, leisten Gemeinden, Kantone und Bund jährlich rund 1,5 Mrd. Fr. (1994). Während die staatl. Leistungen für Lehrlinge kostenlos sind, sind dagegen Weiterbildungskurse für Teilnehmer oder deren Arbeitgeber kostenpflichtig.

Die Entwicklung des Berufsbildungsrechts zeigt ein im föderalist. Staat geläufiges Muster: Der Subventionierung folgt die Regelungskompetenz des Bundes. Das Bundesgesetz von 1930 übernahm jedoch die Leitgedanken der kant. Berufsbildungsgesetze: den Schutz des Lehrlings, die Hebung der Ausbildungsqualität in Betrieben und Schulen, Bestimmungen über Berufsberatung, berufl. Weiterbildung und Finanzierung. Kant. Berufsbildungsgesetze erliessen die Westschweizer Kantone 1890-1903, Süd- und Deutschschweiz folgten 1901-24 (Ausnahmen: Solothurn und die beiden Appenzell). Das Bundesgesetz schrieb den industriell-gewerblichen, handwerkl. und kaufmänn. Berufen einen gültigen Lehrvertrag vor und machte einen Lehrabschluss zwingend vom Besuch einer Berufsschule abhängig. 1978 und 2002 wurde das Bundesgesetz revidiert, 2004 trat es in Kraft. Der Vollzug des eidg. Berufsbildungsrechts oblag bis 1997 dem Biga, dann dem Bundesamt für B. und Technologie (BBT), und zwar neu auch für Berufe der Land- und Forstwirtschaft. Das Bundesgesetz betreffend die bäuerl. Berufslehre folgte 1931.

Die Kantone und Gemeinden sind nach wie vor hauptsächl. Träger der Bildungsinstitutionen. Bis 2003 übten sie zudem die Regelungskompetenz für die B. in Erziehung und Schule, in Künstlerberufen (Bildende Kunst, Theater, Musik, Tanz) und bei der Sozialarbeit aus. Die B. in den Gesundheitsberufen obliegt dem Schweiz. Roten Kreuz (SRK) gemäss dem Auftrag der kant. Sanitätsdirektoren. Auf die Verkehrsberufe (SBB, Post) und den Zoll bereiten hauptsächlich die Verkehrsschulen vor, welche praktisch als erste Stufe der Berufslehre dienen. Die B. im Polizeiwesen ist Sache der kant. und kommunalen Korps.

Mit der Totalrevision der Bundesverfassung (BV 1999) erhielt der Bund die Kompetenz für sämtl. Berufe ausserhalb des Hochschulbereichs. Dem neuen Bundesgesetz über die B. (BBG) von 2002 wurden deshalb auch die bisher kantonal geregelten Berufe in den Bereichen Gesundheit, Soziales und Kunst, ebenso die Landwirtschaft, für die ein spezielles Bundesgesetz galt, unterstellt. Der Bund ist künftig für die Steuerung und Entwicklung der B. zuständig, die Kantone für die Umsetzung und Aufsicht, während die Organisationen der Arbeitswelt für die Inhalte verantwortlich sind.

Autorin/Autor: Redaktion

6 - Akzeptanz der Berufsbildung in der Bevölkerung

Bis zum 2. Weltkrieg war die Mehrheit der männl. und weibl. Arbeitnehmer in der Landwirtschaft, im Gewerbe und in der Industrie "ungelernt", d.h. ohne anerkannten Ausbildungsabschluss. Erst nach 1950 wurde die B. zur "Schule der Nation" mit immer mehr Lehrverhältnissen (1955 81'675; 1965 131'879; 1975 145'804; 1985 187'136; 1995 147'046; 2000 168'243). Der Frauenanteil wuchs von 25,2% (1955) auf 38,2% (2000), auch in traditionellen Männerberufen. Zwischen den Sprachregionen gibt es deutl. Unterschiede: Von den um 1993 in der Deutschschweiz lebenden Personen haben 67% eine Berufsausbildung abgeschlossen, von der in der franz. Schweiz und im Tessin lebenden Bevölkerung nur 53%. Die stärkere Verankerung der Berufslehre in der Deutschschweiz ist Ausdruck davon, dass das "duale System" der Bildungstradition der deutschsprachigen Länder entspricht, während B. in den lat. und angelsächs. Ländern eher ausserhalb der Wirtschaft, an spezialisierten Schulen in staatl. Verantwortung stattfindet. Der Rückgang der Lehrverhältnisse in der Schweiz in den 1990er Jahren ist u.a. eine Folge der wirtschaftl. Rezession, die bei vermindertem Angebot an Lehrstellen zu vermehrtem Besuch der Mittelschulen führte.

Seit den 1980er Jahren verlagerte sich das Schwergewicht der Berufsbildungspolitik auf die Förderung sowohl der Weiterbildung in den klass. Formen der Berufs- und Meisterprüfungen als auch der B. an Höheren Fachschulen. Das eidg. Fachhochschulgesetz von 1995 schuf die Rechtsgrundlagen zur Aufwertung Höherer Fachschulen zu Fachhochschulen (ab 1998 erste Anerkennungen) und zur Einführung der Berufsmaturität (1997). Begabte erhalten so eine Alternative zum gymnasialen und akadem. Weg, zumal der Bedarf an besser qualifizierten Mitarbeitern bei Produktions- und Dienstleistungsbetrieben steigt. Der öffentliche "zertifizierte" Abschluss erleichtert auch die überbetriebl. Mobilität.

Autorin/Autor: Redaktion

Quellen und Literatur

Literatur
StJ
– J. Adler, La législation relative à l'apprentissage dans les cantons suisses romands, 1929
– G. Frauenfelder, Gesch. der gewerbl. B. der Schweiz, 1938
HSVw 1, 225-236
– R. Vögeli, Die Anfänge des landwirtschaftl. Bildungswesens unter besonderer Berücksichtigung des Aargaus, 1962
– K. Landolt, Das Recht der Handwerkslehrlinge vor 1798 im Gebiet der heutigen Schweiz, 1977
– U. Mägli, Bibl. zur Gesch. der B. in der Schweiz, 1982
– M. Kübler, B. in der Schweiz, 1986
– B. Mesmer, Ausgeklammert -- Eingeklammert, 1988
– J.-P. Tabin, Du côté de la formation professionnelle, 1988
– R. Natsch, «B. hat Zukunft -- Zukunft braucht B.», in Die Volkswirtschaft 1, 1995, 28-35
– A. Borkowsky, P. Gonon, B. in der Schweiz, 1996
– W. Lustenberger, Pädagog. Rekrutenprüfungen, 1996