Fahrrad

Das F. ist ein meist zweirädriges und einspuriges Fahrzeug, das mit einer durch die Füsse bewegten Tretkurbel in Gang gehalten wird. Im Gegensatz zu anderen Maschinen ersetzt das F. die Muskelkraft nicht -- es potenziert sie. Die Idee eines aus eigener Kraft angetriebenen Fahrzeuges konkretisierte sich seit dem 15. Jh. in allerlei Experimenten mit "selbstfahrenden" Wagen, bevor dem badischen Erfinder Karl Friedrich Drais mit seinem Velociped (wörtl. Schnellfuss) der Durchbruch gelang (1816). Das lenkbare Laufrad, bei dessen Erfindung das Fuhrwerk Pate stand, gehörte zunächst in den Bereich von Spiel und Sport, was sein engl. Name (hobby-horse) deutlich macht. Dank versch. Verbesserungen (Tretkurbel, Drahtspeichen, Kettenantrieb, Luftreifen) und über den Umweg des Hochrades gelangte das F. zwischen 1860 und 1890 zu seiner bis heute gültigen Form. Die F.-Technik, die im 19. Jh. die Entwicklung des Automobils massgeblich beeinflusst hatte, stagnierte im 20. Jh.; erst die ökologisch bedingte Renaissance des F.s brachte die Technik wieder in Fluss. Eine Symbiose von F. und Automobil rückte in greifbare Nähe, und zwar in der Form pedalgetriebener, motorunterstützter Fahrzeuge.

Ursprünglich ein aristokrat. Sportgerät, wurde aus dem "Stahlross" zuerst das Pferd des Bürgers (für den das richtige Pferd zu teuer war). Eine besondere Bedeutung bekam das F. für bürgerl. Frauen, die mit ihm und der darauf abgestimmten Mode (u.a. spezielle Hosen, korsettfreie Oberbekleidung) ihre Ungebundenheit demonstrieren konnten. Nach 1920 entwickelte sich das F. auch in der Schweiz zu einem alltägl. Verkehrsmittel, zum Auto der kleinen Leute, die es zugleich in ihrer spärl. Freizeit verwenden konnten (Radwandern). Zusammen mit dem öffentl. Nahverkehr ermöglichte das F. die Trennung von Wohn- und Arbeitsplatz, v.a. in den Städten. Bereits 1904 war jeder zehnte Einwohner des Kt. Genf mit einem F. ausgerüstet. Gesamtschweizerisch wurde dieser Wert 1920 erreicht. Krise und Krieg trieben den Bestand in die Höhe (pro 4 Einwohner ein F. in den 1940er Jahren), bevor er sich wegen der Motorisierung wieder verringerte. 1970 kehrte der Trend erneut, und der Bestand wuchs von 1,3 auf 3,6 Mio. (1993). In der 1. Hälfte der 1990er Jahre wurden jährlich rund 500'000 Fahrräder abgesetzt, seien es solche für den tägl. Arbeitsweg oder für die Freizeit (z.B. Mountain-Bikes). Die schweiz. Produktion belief sich auf gut 200'000 Stück. Schon 1895 gab es 14 F.-Fabriken. Zu den bedeutendsten Herstellern gehören heute die Firmen Cilo, Condor, Mondia, Tigra und Villiger.

Ein erster Veloclub entstand 1869 in Genf. Der Schweiz. Velocipedisten Bund (heute Schweiz. Radfahrer-Bund SRB bzw. Swiss Cycling) wurde 1883 gegründet und nach diversen Querelen zum dominierenden Verband. Der SRB zählte 1938 mehr als 60'000 Mitglieder, 1996 noch 25'000. Zwischen 1896 und 1995 existierte mit der Union Cycliste Suisse ein eigener regionaler Verband für die Westschweiz. Um 1900 organisierten sich die "Arbeiter-Radfahrer". Der 1896 gegründete Touring-Club der Schweiz (TCS) war ursprünglich ein Zusammenschluss von Radfahrern. 1893 verfügte der Kt. Tessin bereits über eine Radrennbahn, auf der Wettkämpfe ausgetragen wurden.

Die F.-Verbände hatten politisch stets ein geringes Gewicht, v.a. im Vergleich mit denen des motorisierten Verkehrs. Sie kämpften u.a. gegen F.-Steuern und restriktive Verkehrsregeln, für Radwege und eine eigene Truppe in der Armee (1892-1994). Neben den Dienstleistungen, die sie anboten (z.B. Rechtsschutz, tourist. Information), organisierten sie den schon früh professionalisierten Sport (Strassen-, Bahn- und Querfeldeinrennen, Kunstradfahren, Radball). Die erste internat. Genfersee-Rundfahrt (der wohl älteste der sog. Radklassiker) fand 1879 statt, die erste Strassenmeisterschaft der Berufsfahrer 1892, die erste Landesrundfahrt (Tour de Suisse) 1933. Der Sport trug viel zur Popularisierung des F.s bei. Die Schweiz hat bis in die Gegenwart zahlreiche Spitzenfahrerinnen und -fahrer hervorgebracht, die jeweils als "Helden der Landstrasse" gefeiert wurden, so in den 1950er Jahren Hugo Koblet und Ferdinand Kübler. Der internat. Dachverband des Radrennsports, die 1900 gegründete Union Cycliste Internationale, hat seinen Sitz in Chavannes-près-Renens.


Literatur
– M.J.B. Rauck et al., Mit dem Rad durch zwei Jahrhunderte, 1979
– R. Rohner-Gassmann, "Auf sausendem Rade in die Weite!", Liz. Zürich, 1991
– A. Cortat, Condor: cycles, motocycles et construction mécanique 1890-1980, 1998

Autorin/Autor: Christoph Maria Merki