• <b>Elektrifizierung</b><br>Plakat. Farblithografie von  Alex Walter Diggelmann,   1936 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
  • <b>Elektrifizierung</b><br>Plakat der SBB, gestaltet von  James G. Perret,   1973  (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).

Elektrifizierung

Die Schweiz gehört seit den Anfängen der Elektrizität zu den Ländern, in denen die E. gemäss Vergleichsdaten früh einsetzte und am weitesten fortgeschritten ist (Energie). Bis etwa 1910 wies sie die höchste Stromproduktion pro Einwohner auf (1902 81,3 kWh, 1907 165,7) und lag damit etwa gleichauf mit den USA (1902 81,2; 1907 151,2). Danach wurde sie von den beiden nordamerikan. Ländern und Skandinavien überholt, doch mit einem Jahresstromverbrauch von 6800 kWh pro Einwohner belegte sie 1995 international den siebten Rang. Diese Leistungsfähigkeit erklärt sich v.a. durch die Präsenz einer nationalen Industrie, der es gelang, das Know-how zusammenzuführen und die Unterstützung der polit. Institutionen, der Wirtschaft und der Öffentlichkeit zu gewinnen - zumindest vor dem Atomzeitalter (Atomenergie). Bis Mitte der 1960er Jahre stand die Nutzung der Wasserkraft, einer der wenigen natürlichen Ressourcen des Landes, im Vordergrund (Stauwerke). Durch die frühzeitige und entschieden vorangetriebene E. vermochte die Schweiz mit dem Technischen Fortschritt mitzuhalten.

<b>Elektrifizierung</b><br>Plakat. Farblithografie von  Alex Walter Diggelmann,   1936 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).<BR/>
Plakat. Farblithografie von Alex Walter Diggelmann, 1936 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
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1 - Bis zum 1. Weltkrieg: Beleuchtung, Antriebskraft und Elektroantrieb auf kleinen Bahnlinien

Vor dem 1. Weltkrieg wuchs der Stromverbrauch ausserordentlich rasch an (1890-1900 durchschnittliche jährl. Zunahme um 35%, 1900-10 um 18%), wobei 1900 die Hälfte des Stroms von der elektrochem. Industrie erzeugt wurde. Die erste bekannte elektr. Beleuchtungsanlage wurde 1879 im Hotel Engadiner Kulm in St. Moritz in Betrieb genommen. 1889 bestanden 351 Anlagen (22% für die Textilindustrie), die etwas über 52'000 Lampen speisten (Beleuchtung). Danach war eine rasche Zunahme zu verzeichnen (1909 2,9 Mio. Lampen). Gleichzeitig befand sich die Antriebskraft auf dem Vormarsch: 1889 bestanden 24 Kraftübertragungsanlagen, 1895 bereits 121, 1909 wurden 27'000 Elektromotoren gezählt. Die E. der Fabriken war jedoch trotz der fortschreitenden Errichtung von Versorgungsnetzen (Elektrotechnik) noch lange nicht abgeschlossen. Erst knapp die Hälfte der Fabriken bezog ihre Energie aus einem elektr. Verteilnetz (s. Tab. "Anteil der Fabriken mit Energie aus Elektrizitätswerken"). Der elektr. Antrieb der Eisenbahnen beschränkte sich zunächst vorwiegend auf kleine Bahnlinien. 1909 war fast das gesamte Tramnetz elektrifiziert (389 von 390 km). 1914 wurden 62% des lokalen Schmalspurbahnnetzes mit Elektrizität betrieben (862 von 1'383 km); Zahnrad- und Standseilbahnen, von denen es in der Schweiz besonders viele gab, waren zu 60% (67 von 110 km) bzw. 83% (39 von 47 km) elektrifiziert.

Anteil der Fabriken mit Energie aus Elektrizitätswerken (in %)
Branche1895191119291937
Baumwolle1224586
Seide1337295
Wolle17296292
Leinen0529092
Stickereien8518496
Andere Textilien4497993
Bekleidung, Hausrat3498699
Nahrungsmittel8397894
Chemie2588496
Papier, Leder4255789
Grafisches Gewerbe5709897
Holz7367792
Metall7457698
Maschinen, Apparate12548699
Uhren, Schmuck10659298
Baustoffe5517396
Durchschnitt5437794

Quellen:Fabrikstatistik; Autor

Autorin/Autor: Serge Paquier / EM

2 - 1919-1945: Elektrifizierung der grossen Bahnlinien und Aufkommen von Wärmeapparaten

Der durchschnittliche jährl. Zuwachs des Stromverbrauchs verlangsamte sich nach dem 1. Weltkrieg deutlich (1919-39 ca. 5%), was auf die höhere Ausgangsbasis und die Wirtschaftskrisen zurückzuführen ist. Der Schock über die Schwierigkeiten bei der Kohleversorgung während des 1. Weltkriegs trieb jedoch den Elektrifizierungsprozess stark voran. Mit dem Schwung der Vorkriegsjahre verbreiteten sich der Licht- und Kraftstrom weiter: 1933 wurden 13,2 Mio. Lampen und 335'000 Elektromotoren gezählt. Kurz vor dem 2. Weltkrieg waren nahezu alle Fabriken elektrifiziert. Mit der E. der grossen Bahnlinien und der raschen Verbreitung von Wärmeapparaten (Kochherde, Boiler, Bügeleisen, Heizkörper, Haushaltsmaschinen) verstärkten sich im 1. Weltkrieg auch in diesen Bereichen die vorher nur zögerlich einsetzenden Entwicklungen. 1913 wurden etwas weniger als 7% der Normalspurlinien mit Elektrizität betrieben, 1933 bereits 66%. Dies war v.a. das Verdienst der Schweiz. Bundesbahnen, die massgeblich dazu beitrugen, dass die Schweiz innerhalb Europas an der Spitze lag. Nach Abschluss der ersten Phase 1928 war ihr Netz zu 55% elektrifiziert, was 81% des Schienenverkehrs entsprach. 1939 lag ein Elektrifizierungsgrad von 74% vor (93% des Schienenverkehrs). Im selben Jahr waren 77% des gesamten schweiz. Eisenbahnnetzes elektrifiziert, während der europ. Durchschnitt bei 5% lag. In gleichem Masse verbreiteten sich die Wärmeapparate. 1912 waren rund 80'000 Geräte im Einsatz; Kochherde und Warmwasseraufbereiter wurden noch vorwiegend mit Gas betrieben. Ab Kriegsmitte stieg die jährl. Zuwachsrate rapid an: 1916 betrug sie 30'000, im Folgejahr 100'000 Apparate. Danach hielt diese Entwicklung trotz der Währungskrise Anfang der 1920er Jahre und der Weltwirtschaftskrise in den 1930 Jahren weiter an. 1921 erreichte das Wachstum mit 52'000 Apparaten einen Tiefpunkt; zu Beginn der 1930er Jahre betrug die Zunahme über 114'000 Apparate.

<b>Elektrifizierung</b><br>Plakat der SBB, gestaltet von  James G. Perret,   1973  (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).<BR/>
Plakat der SBB, gestaltet von James G. Perret, 1973 (Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, Zürcher Hochschule der Künste).
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Autorin/Autor: Serge Paquier / EM

3 - 1945 bis heute: Haushalte und Dienstleistungsbetriebe als neue Hauptbezüger

Wie der 1. führte auch der 2. Weltkrieg zu einer gesteigerten Nachfrage nach Elektrizität. 1945 war der höchste Grad der Wasserkraftnutzung im Vergleich zu den anderen Energiequellen erreicht. Ab den 1950er Jahren nahm der Stromverbrauch ziemlich gleichmässig zu. Die beiden Ölkrisen förderten die Verbreitung der Elektrizität, obwohl die jährl. Zuwachsrate ab 1960 unter 5% sank. Stimulierend auf den Stromverbrauch wirkten die beiden Verbrauchergruppen Haushalte und Dienstleistungsbetriebe, die neue Bedürfnisse manifestierten. 1975-95 steigerte die erste Gruppe ihren Verbrauch um 106%, die zweite um 90%. 1993 entfiel ein Drittel des gesamten Strombedarfs auf die Haushalte. Nach amerikan. Vorbild und entsprechend dem wachsenden Angebot an Wärmeapparaten rüsteten sich die Schweizer Haushalte auch mit neuen Geräten aus (Tumbler, Tiefkühler, Computer usw.). Dass die alten Apparate zunehmend durch neue, immer leistungsfähigere Geräte ersetzt wurden, trug wesentlich zu dieser Entwicklung bei. Der Stromverbrauch der Dienstleistungsbetriebe widerspiegelt das Wachstum des 3. Sektors. Dessen heterogene Zusammensetzung (Büros, Gaststätten, Sportanlagen, Spitäler, Kinos, Schulen usw.) macht es jedoch schwierig, die Anwendungsbereiche der Elektrizität zu analysieren. Hervorzuheben ist die sehr rasche Einführung der Informatik (Informatisierung).

Grad der Elektrifizierung im Privathaushalt (%-Anteil elektrischer Apparate)
Apparat1915194519751995
Kochherd<1287086
Boiler<1-a3429
Geschirrspülmaschine001340
Kühlschrank028697
Dampfabzug/Lüftung001950
Fernsehapparat007087
Bügeleisen3829596
Staubsauger<1-8795
Computer00028
Heizung0<127

a Anteil am gesamten Stromverbrauch in Haushaltungen: 48%

Quellen:J. Mutzner, Die Stromversorgung der Schweiz, 1995, 15

Nicht durchgesetzt hat sich bislang die E. im Individualverkehr. Das Elektromobil ist aus versch. Gründen (schwerer Motor, fehlende Ladestationen, Konkurrenz des Erdöls) eine Ausnahmeerscheinung geblieben.

Autorin/Autor: Serge Paquier / EM

Quellen und Literatur

Literatur
– H. Lienhard, «Von der Lichtzentrale zum Elektrizitätswerk», in Bull. des Schweiz. Elektrotechn. Vereins, des Verbandes Schweiz Elektrizitätswerke, Nr. 6, 1980
– J. Mutzner, Die Stromversorgung der Schweiz, 1995
– D. Gugerli, Redeströme, 1996, 25-131
– S. Paquier, Histoire de l'électricité en Suisse, 1998, 129 f., 527-559, 723-907