Zahlungsbilanz

Die Z. erfasst den gesamten Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr der Schweiz mit dem Ausland (Aussenwirtschaft). Wichtige Teilbilanzen der definitionsgemäss ausgeglichenen Z. sind die Kapitalverkehrsbilanz (Kapitalverkehr) und die Ertragsbilanz. Letztere setzt sich zusammen aus der Bilanz der laufenden Übertragungen (ohne Entgelt erbrachte Leistungen, z.B. in der Entwicklungszusammenarbeit, Überweisungen vom und ins Ausland) und der Leistungsbilanz. Diese wiederum bilanziert die Ein- und Ausfuhr von Waren (Handelsbilanz), Diensten sowie Arbeits- und Kapitaleinkommen. Die Bestände der finanziellen Forderungen und Verpflichtungen sind im Auslandvermögen enthalten. Die Z. ist Teil der volkswirtschaftl. Gesamtrechnung (Nationale Buchhaltung).

Die Transaktionen der Z. werden aufgrund gemeinsamer Merkmale in Komponenten gegliedert, diese wiederum zu Aggregaten zusammengefasst. Die Methodik der schweiz. Z. folgt den Richtlinien des Internat. Währungsfonds (IWF). Grundlage bilden die Erhebungen und Umfragen der Schweiz. Nationalbank (SNB) bei Unternehmen, Verbänden und öffentl. Verwaltung. Soweit verfügbar, verwendet die SNB bestehende Statistiken, namentlich zu Aussenhandel, Tourismus und Banken. Sie veröffentlicht die Ergebnisse quartalsweise und jährl. in ihren Publikationen.

1 - Bedeutung

Die Z. findet v.a. als Entscheidungsgrundlage für wirtschaftspolit. Massnahmen, internat. Vergleiche und wirtschaftswiss. Untersuchungen Verwendung. Für die Analyse des aussenwirtschaftl. Gleichgewichts werden die Komponenten zu den erwähnten Teilbilanzen aggregiert. Von besonderer Bedeutung ist der Saldo der Ertragsbilanz als Kennziffer zur Beurteilung des aussenwirtschaftl. Gleichgewichts und zur Untersuchung des Spar- und Investitionsverhaltens der schweiz. Volkswirtschaft. Zwischen den Teilbilanzen besteht ein innerer Zusammenhang: Der Saldo der Ertragsbilanz (einschliesslich Vermögensübertragungen) ist gleich gross wie der Saldo des Kapitalverkehrs (einschliesslich Währungsreserven und Restposten). Ein Ertragsbilanzüberschuss bzw. -defizit entspricht definitionsgemäss dem Nettokapitalexport bzw. -import.

Autorin/Autor: Thomas Schlup

2 - Geschichte

Den Begriff Z. prägte im 18. Jh. der brit. Volkswirtschaftler Sir James Denham Stewart (Merkantilismus). Ansätze lassen sich bis ins MA zurückverfolgen, als in England erstmals Aufzeichnungen über den Aussenhandel gemacht wurden. Durch schrittweise Ergänzung der Statistik des "sichtbaren" Aussenhandels durch "unsichtbare" Leistungen wie Fracht, Reisen von Kaufleuten, Zinsen und Kapitalverkehr auf der Basis des Wechsels (Geldwechsel) als Zahlungsmittel entwickelte sich das Konzept der Z. v.a. in Grossbritannien und den USA im 19. Jh. Massgebend für die Verfeinerung waren die Festigung der Nationalstaaten und das Wachstum des Weltmarktes und damit verbunden die Zunahme des internat. Handels und der Verschuldung. Die Z. sollte zeigen, wie die Einfuhren finanziert wurden. Der Völkerbund begann 1924 zunächst mit der Veröffentlichung und später mit der Vereinheitlichung der Z.-Schemata seiner Mitgliedsländer. Nach dem 2. Weltkrieg setzte der IWF die Standardisierung mit dem mehrmals revidierten "Balance of Payments Manual" fort.

Erste Schätzungen für die schweiz. Z. gehen auf Arbeiten von Traugott Geering und Walter Zollinger zu Beginn des 20. Jh. zurück und galten vorwiegend der Ertragsbilanz. In der Zwischenkriegszeit scheiterten Versuche der SNB und des Eidg. Statist. Amts zur Einführung einer amtl. Z. am Widerstand der betroffenen Wirtschaftskreise. Nach dem 2. Weltkrieg erhielt die Komm. für Konjunkturbeobachtung (KfK) vom Bundesrat den Auftrag zur Ausarbeitung einer Z. Ab 1948 (für 1947) erstellte die KfK (bis 1982 auf ungenügender Rechtsgrundlage) jährlich eine Schätzung der Ertragsbilanz. 1985 erschien die erste offizielle Z. (für 1983 und 1984), die auch den Kapitalverkehr umfasste. Seit 1994 wird die Z. von der SNB veröffentlicht. Die Rechtsgrundlage der Erhebungen wurde 1992 in das neue Bundesgesetz für Statistik übergeführt, das eine obligator. Auskunftspflicht vorsieht. Die langwierige Entstehungsgeschichte der schweiz. Z. lässt sich v.a. auf die komfortable aussenwirtschaftl. Lage zurückführen, indem beim Handels- und Kapitalverkehr keine mit andern Ländern vergleichbare Restriktionen infolge von Devisenknappheit (Devisenbewirtschaftung) bestanden. Da die Schweiz erst 1992 dem Abkommen von Bretton Woods beigetreten ist, war sie lange auch nicht verpflichtet, dem IWF statist. Daten zur Z. zu liefern.

Die frühen Schätzungen zur schweiz. Z. um die Wende zum 20. Jh. geben ein unvollständiges Bild der Auslandtransaktionen. Verlässl. Daten liegen nur für die Handelsbilanz vor, die seit 1885 in der Handelsstatistik ausgewiesen wird. Aufgrund der Rohstoffarmut übertrafen die Gütereinfuhren die -ausfuhren regelmässig. Im 20. Jh. ergab sich in der Handelsbilanz nur bei kriegsbedingt gestörten Einfuhren oder bei rückläufiger Wirtschaftstätigkeit ein Überschuss. Dagegen zeigten bereits um 1900 die privaten und später die offiziellen Schätzungen, dass die Schweiz mehr Dienstleistungen exportierte als einführte. Auch bei Zinsen und Dividenden erzielte die schweiz. Wirtschaft einen Überschuss, da die Kapitalanlagen im Ausland grösser waren als die entsprechenden Verpflichtungen. Die Ertragsbilanz wies mehrheitlich einen Überschuss aus; seit 1947 war der Saldo nur in zehn Jahresstatistiken negativ (v.a. 1961-65). Bis zur Publikation der ersten offiziellen Z. fehlten detaillierte Aufzeichnungen zum Kapitalverkehr. Grobe Schätzungen aufgrund des Ertragsbilanzsaldos und der Veränderung der Währungsreserven deuten darauf hin, dass die Schweiz bis zur Einführung flexibler Wechselkurse im Jahr 1971 (Geld- und Währungspolitik) private Nettokapitalimporte aufwies, die zu einer entsprechenden Zunahme der Währungsreserven führten. Mit der Abschaffung der fixen Wechselkurse und dem Wegfall der Interventionspflicht der SNB wurden die Nettokapitalexporte überwiegend vom privaten Sektor getätigt.

Autorin/Autor: Thomas Schlup

Quellen und Literatur

Quellen
Monatsber. SNB, 1985-97, (inkl. Beih.)
Statist. Monatsh. SNB, 1998-, (inkl. Beih.)
Literatur
– P. Jaberg, Volksvermögen und Z. der Schweiz, 1924
– E. Kellenberger, Gesch. des Kapitalexports und der Z. der Schweiz von 1914-1939, 1939
– K. Schiltknecht, Beurteilung der Gentlemen's Agreements und Konjunkturbeschlüsse der Jahre 1954-1966, 1970
– D. Brümmerhoff, Volkswirtschaftl. Gesamtrechnungen, 51995

Autorin/Autor: Thomas Schlup