Geldwirtschaft

Sofern in einem Staatswesen oder einer Gesellschaft Geld als "Zwischenaustauschgut" verwendet und allgemein akzeptiert wird, kann man die Wirtschaftsform als G. bezeichnen. Der Entwicklungsstand einer G. bzw. der Grad der Monetarisierung zeigt sich an der Ausprägung der drei Grundfunktionen des Geldes als Tauschmittel, Recheneinheit und Wertaufbewahrungsmittel. Auch in hoch entwickelten Volkswirtschaften kann in Krisen- oder Kriegssituationen, z.B. infolge extremer In- oder Deflation, das Geld als Zwischentauschgut durch andere Währungen oder Zahlungsmittel zeitweilig ersetzt werden.

Erste Ursprünge der G. im Gebiet der heutigen Schweiz lassen sich mit den kelt. Münzprägungen um das 2. Jh. v.Chr. feststellen. Mit der Unterwerfung unter röm. Herrschaft wurde auch diese Region Teil einer gut entwickelten G., welche sich während der Völkerwanderung grösstenteils zurückbildete. Trotz sporad. Prägungen durch lokale Münzstätten im FrühMA fusste das weitgehend agrarisch dominierte Wirtschaftsleben auf naturalwirtschaftl. Basis. Dennoch lassen sich bereits für das FrühMA Elemente der G. wie die Leistung von Feudalabgaben in Geldform feststellen.

Das Aufblühen der Städte im 12. und 13. Jh., die Entwicklung von Handel und Verkehr und das Bevölkerungswachstum führten zu einer weiteren Verbreitung der G., in die auch ländl. Gebiete verstärkt eingebunden wurden: Landwirtschaftl. Produkte wurden auf städt., aber auch ländl. Märkten gegen Geld abgesetzt und damit die meist auf familiärer Basis betriebene Subsistenzwirtschaft allmählich aufgebrochen. In Naturalien zu leistende Grundzinsen, Zehnten und teilweise auch die Frondienste konnten von den Bauern zunehmend vertraglich durch einmalig fixierte Geldleistungen ersetzt werden. Zwischen Stadt und Land entwickelte sich ein für beide lebensnotwendiger Güteraustausch, der weitgehend auf monetärer Ebene funktionierte. Die zunehmende Spezialisierung der Landwirtschaft im SpätMA - insbesondere mit den kapitalintensiven Produktionsformen Viehwirtschaft und Weinbau - führten zu einer weiteren Monetarisierung der ländl. Gesellschaft, wobei der hauptsächlich von Stadtbürgern gewährte Kredit eine immer wichtigere Rolle spielte und wesentlich zur Geldschöpfung beitrug. Die Verbreitung der G. ging aber auch einher mit der zunehmenden Verschuldung bäuerl. Kreise im SpätMA und in der frühen Neuzeit (Agrarverschuldung).

Seit den Anfängen im SpätMA gewannen die aus dem Geldwechsel entstehenden Banken und der Kapitalverkehr eine immer grössere Bedeutung für die Ausbildung der G. Auch der bargeldlose Zahlungsverkehr mittels Wechselbriefen, welcher den umständl. und gefährl. Transport von Bargeld ersetzte und so die geschäftl. Transaktionen v.a. für Kaufleute erleichterte, fand eine grössere Verbreitung.

Die Monetarisierung des wirtschaftl. Lebens war ein langwieriger Prozess, der nicht alle Gebiete und Bevölkerungsgruppen gleichzeitig erfasste und gleichermassen durchdrang: Selbst im 18. Jh. gehörten Naturalleistungen und Tauschhandel besonders auf dem Land, aber auch in den Städten noch zum wirtschaftl. Alltag. Gründe dafür waren der durch ungenügende Edelmetallzufuhr bedingte chron. Geldmangel, welcher mikro- wie makroökonomisch bis in die Mitte des 17. Jh. das Wirtschaftsleben in der Eidgenossenschaft nachhaltig beeinträchtigte, aber insbesondere auch die dezentralen polit. Strukturen, die eine Vielzahl von häufig kleinräumigen Gebieten mit eigener Münzhoheit entstehen liessen. Der langfristige Übergang von der Naturalwirtschaft zur G. war nicht nur durch wirtschaftl. Umbrüche, sondern auch durch eine nachhaltige Veränderung im bisherigen sozialen Gefüge von Stadt und Land gekennzeichnet: Einerseits lässt sich eine Vermögenskonzentration in der Hand Einzelner feststellen, andererseits wuchs die Masse der besitzlosen Stadt- und Landbevölkerung im Verlauf des SpätMA und der frühen Neuzeit beträchtlich, eine Entwicklung, die in weiten Bevölkerungskreisen registriert wurde. Versch. Zeitgenossen, v.a. mit kirchl. Hintergrund, kritisierten die Auswüchse der G. und die "Allmacht des Geldes".

Erst 1850 führte die Schweiz auf der Basis der BV 1848 eine einheitl. Währung ein und legte damit eine wichtige Grundlage für die Entwicklung einer geldwirtschaftlich dominierten, modernen Volkswirtschaft, welche über eine bundesstaatlich koordinierte Geld- und Währungspolitik beeinflusst und eine Nationale Buchhaltung erfasst werden konnte.


Literatur
– A. Dopsch, Naturalwirtschaft und G. in der Weltgesch., 1930
– R. Sprandel, Das ma. Zahlungssystem nach hans.-nord. Qu. des 13.-15. Jh., 1975
LexMA 4, 1201-1204
– J.-F. Bergier, Wirtschaftsgesch. der Schweiz, 21990, 77-87, 324-340
– M. North, Das Geld und seine Gesch., 1994
– N. Furrer, Das Münzgeld der alten Schweiz, 1995

Autorin/Autor: Oliver Landolt