• <b>Mittelstand</b><br>Titelbild des Werks "Über die Bewegung der Bevölkerung [...]" in Appenzell, Rheineck (SG) und Gaissau (Vorarlberg) von Titus Tobler, 1835 in St. Gallen erschienen (Schweizerische Nationalbibliothek ). Die auf minutiösen Statistiken basierende Untersuchung stellte eine allmähliche Abnahme des Mittelstandes fest, insbesondere der Bauern und der Handwerker.

Mittelstand

Mit den Begriffen M. und Mittelschicht werden jene Gruppen bezeichnet, die aufgrund wirtschaftl. und sozialer Merkmale wie Selbstständigkeit, Beruf, Einkommen und Bildung eine mittlere Stellung in einer Gesellschaft einnehmen. Als soziopolit. Kategorie werden dem M. eine spezifische Lebensführung und Mentalität, spezifische moralische und polit. Wertvorstellungen und ein bestimmtes Gesellschaftsbild zugeschrieben. Als typ. Merkmal des M.s gilt auch dessen Überzeugung, eine staatstragende Funktion auszuüben. Für Fritz Marbach zählten um 1940 jene arbeitenden Gruppen zum M., die weder Kapitalisten noch Proletarier waren, die sich keinen Luxus leisten konnten, die auch im Falle eines tiefen Einkommens eine bürgerl. Lebenshaltung anstrebten, die den Grundsatz der Unantastbarkeit des Eigentums anerkannten und den Klassenkampf ablehnten. Seit Ende des 19. Jh. wird meist zwischen dem neuen M., der sich aus Angestellten und Beamten zusammensetzt, und dem alten M. unterschieden, der die Selbstständigen aus Gewerbe, Handwerk, Klein- und Detailhandel und anderen Dienstleistungsbranchen sowie die freiberuflich Tätigen, z.T. auch die Bauern, umfasst. Inwieweit diese von ihrer ökonom. und berufl. Basis her so unterschiedl. Gruppen tatsächlich eine besondere mittelständ. Mentalität und spezifische moral. und polit. Wertvorstellungen ausgebildet haben, ist eine offene Frage.

Autorin/Autor: Albert Tanner

1 - Mittelstand im politisch-sozialen Sprachgebrauch

Für die Beschreibung gesellschaftl. Unterschiede genügte bis Ende 18. Jh. die ständ. Aufteilung in Adel, Klerus, Bürger und Bauern oder das Gegensatzpaar mächtig/reich und arm (Ständische Gesellschaft). Die durch die aristotel. Tradition gestützte Vorstellung, dass das "mittlere Leben" oder der "mittlere Besitz" für die Gesellschaft das Beste seien, und dass nur eine breite mittlere Bürgerschaft Demokratie ermögliche und dauerhaft mache, wurde zwar von der christl. Ethik des MA und der frühen Neuzeit übernommen, für die Beschreibung realer gesellschaftl. Unterschiede hatte dieses Leitbild der vernünftigen Mitte jedoch keine Bedeutung. Erst mit der einsetzenden Auflösung der ständ. Ordnung tauchte das Bedürfnis auf, für die mittleren Bevölkerungsschichten eine eigene zusammenfassende Bezeichnung zu kreieren und so dem wachsenden bürgerl. Selbstbewusstsein gemäss ein neues Dreiständemodell begrifflich zu fassen (Bürgertum). Ab 1770 fand das Wort M. im Deutschen Eingang in die polit.-soziale Sprache. Während der Adel zunehmend kritisiert und vereinzelt sogar als Institution in Frage gestellt wurde, erfuhr der M. eine Aufwertung. Aufgeklärte Schriftsteller sahen in ihm das dynam. Element in der Gesellschaft und schrieben seinen Angehörigen besondere geistige und sittl. Fähigkeiten zu. Der M. wurde zu dem Teil der Gesellschaft, der das spezifisch Nationale verkörperte, zum Volk schlechthin; in der deutschsprachigen Literatur wurden jetzt ähnl. Vorstellungen an den Begriff geknüpft wie in den Schriften aus dem revolutionären Frankreich, in denen der Dritte Stand ja mit der Nation gleichgesetzt wurde. Johann Heinrich Pestalozzi beispielsweise sprach vom M. als dem "Mark des Landes" und machte ihn zum Träger der wieder zu entwickelnden republikan. Tugenden. Auch im Englischen und Französischen wurde die Brücke zwischen dem aristotel. Topos der tugendhaften und vernünftigen Mitte und der sozialen Wirklichkeit erst nach 1750 geschlagen, wobei der Begriff des sozial Mittleren zunächst noch keine feste Verbindung mit Wörtern wie "state", "rank" oder "class" bzw. "ordre", "état" oder "classe" einging. So sprach Jean-Jacques Rousseau vom "état médiocre", den er bei den kleinen Landeigentümern und Gewerbetreibenden verortete. Vor und nach 1830 bürgerte sich classe(s) moyenne(s) dann aber v.a. im Zusammenhang mit den Diskussionen um den Wahlzensus als fester Begriff ein. Unter franz. und engl. Einfluss kam zu dieser Zeit im dt. Sprachraum neben M. auch der etwas enger gefasste Begriff Mittelklasse(n) stärker in Gebrauch. So auch in der dt. Schweiz, wo sich die aufsteigenden bürgerl. Gruppen in Abgrenzung gegen die aristokrat. Oberschichten (Adel, Patriziat) wie gegen die besitzlosen Unterschichten als Mittelklassen bezeichneten und sich als die Träger des sozialen und polit. Fortschrittes verstanden. Mit ihrem gesellschaftl. Aufstieg und der Entmachtung der alten Eliten verlor dieser Begriff nach 1850 an Bedeutung. In Anlehnung an eher konservative, ständ. bzw. organ. Gesellschaftsauffassungen rückte in der Folge für die Bezeichnung mittlerer sozialer Lebensverhältnisse das Wort M. wieder in den Vordergrund. Im franz. Sprachraum blieb dagegen classe(s) moyenne(s) gebräuchlich, ein Begriff, der die gesellschaftl. Mitte, den Durchschnitt stärker betonte und den Klassencharakter der Industriegesellschaft weniger versteckte. Im Zeichen der gegen Ende des 19. Jh. aufkommenden Mittelstandsideologie wurde unter M. v.a. die kleineren und mittleren Selbstständigen in Handwerk und Gewerbe bzw. dem Kleinbürgertum sowie teilweise auch die Bauern verstanden. Auch die sog. Mittelstandspolitik verfolgte selten mehr als den Schutz und die Förderung des gewerbl. M.s; der neue M. war davon ausgeschlossen. Im Bild von der Schweiz als einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft, das ab den 1950er Jahren das bürgerl. Selbstverständnis, z.T. auch dasjenige der Arbeiterschaft, zu dominieren begann, hat sich der Begriff M. unter Betonung seiner ausgleichenden und stabilisierenden Bedeutung für Gesellschaft und Staat allerdings wieder ausgeweitet.

Autorin/Autor: Albert Tanner

2 - Handwerklich-gewerbliche Mittelschichten in Mittelalter und früher Neuzeit

Im Unterschied zur agrar.-feudalen Ordnung waren in der geld- und erwerbswirtschaftlich orientierten Stadtgesellschaft und ihrer arbeitsteiligen Wirtschaft die soziale Position und ihre Zuordnung auf einen bestimmten sozialen Rang durch die Rechtsordnung nicht strikt vorgeschrieben. Neue Formen der marktl. Subsistenzbegründung -- freie Lohnarbeit, Handwerk, Handel, Unternehmertum, Vermietung und Verpachtung, Rentenkauf, Finanzgeschäfte, Kapitalverwertung in Handel und Verlag -- eröffneten der städt. Bevölkerung grosse Chancen zu individuellem oder kollektivem sozialem Aufstieg. Reichtum, Besitz und Vermögen stärkten aber nicht nur das Selbstbewusstsein des Stadtbürgertums bzw. die Position der bürgerl. Handwerker, Händler und Kaufleute gegenüber der Herrschaft, den herrschaftl. Ministerialen und dem Stadtadel, sondern sie entwickelten sich rasch auch zu einem fundamentalen sozialen Unterscheidungskriterium. Trotz rechtl. Gleichheit -- die städt. Bürger bildeten ja an sich einen Stand -- etablierte sich innerhalb der städt. Bürgerschaft bzw. Einwohnerschaft eine auf sozialen Merkmalen beruhende Differenzierung. Unterhalb der (patriz.) Ober- und Führungsschicht entwickelten auch die meist in Zünften zusammengeschlossenen Handwerker und Vertreter der versch. Gewerbezweige eine eigene Berufs- und Arbeitsehre, die sich am Prinzip der Nahrung, d.h. der Sicherung eines angemessenen Lebensunterhaltes orientierte. Mit ihren kleinen und mittleren Vermögen bildeten die kleinen Kaufleute, Krämer, Handwerker, Freiberufler und Beamten oder städt. Bediensteten bis ins 19. Jh. in den meisten Städten den Kern der Mittelschicht. Eher zur oberen Mittelschicht gehörten die mittleren Ränge der Kaufmannschaft, nicht mehr im Handwerklichen verankerte Unternehmer oder Verleger, Handwerker mit starker Handelskomponente, Stadtschreiber, Notare sowie Advokaten. Unselbstständige Handwerker, Handwerksgesellen und Handelsdiener bildeten als untere Mittelschicht den fliessenden Übergang zur Unterschicht. Indem sie ihre sozioökonom. Position durch die Fixierung der Anzahl der Meisterstellen, Massnahmen gegen die Konkurrenz des ländl. Handwerks und eine restriktive Aufnahmepraxis ins Bürgerrecht sicherten, schotteten sich auch die handwerkl.-gewerbl. Kreise seit dem 16. Jh. immer stärker gegen unten ab. In Städten, in denen die Zünfte über grossen Einfluss verfügten und deshalb normalerweise nur Stadtbürger handwerkl.-gewerbl. Tätigkeiten ausüben durften, führte dies zu einer zahlenmässigen Schwächung der handwerkl.-gewerbl. Mittelschichten. In Zürich sank ihr Anteil unter den Bürgern von 78% um 1600 auf 49% um 1790. In Städten wie Bern, die auch Nichtbürgern in Gewerbe und Handel Freiräume zugestanden, gehörten dagegen aufgrund ihres Besitzes und Einkommens immer mehr zugezogene Familien (Hintersassen, Ewige Einwohner) zur Mittelschicht, während gleichzeitig besitzlose Bürger in die Unterschichten absanken. Dadurch verwischten sich die rechtlich bzw. ständisch fixierten Grenzen zwischen eingesessenen Stadtbürgern und Zugezogenen minderen Rechtes; die ständ. Gliederung wurde unterhöhlt. Wie in den Städten waren auch in den Dörfern bzw. auf dem Land die sozialen Unterschiede innerhalb der handwerkl.-gewerbl. Bevölkerung sehr gross. Die Mehrheit der ländl. Handwerkerfamilien hatte kein oder nur ein knappes Einkommen und war deshalb eher der Unter- als der Mittelschicht zuzuordnen. Gewerbetreibende wie Händler, Wirte oder Müller gehörten dagegen oft zur Oberschicht.

<b>Mittelstand</b><br>Titelbild des Werks "Über die Bewegung der Bevölkerung [...]" in Appenzell, Rheineck (SG) und Gaissau (Vorarlberg) von Titus Tobler, 1835 in St. Gallen erschienen (Schweizerische Nationalbibliothek ).<BR/>Die auf minutiösen Statistiken basierende Untersuchung stellte eine allmähliche Abnahme des Mittelstandes fest, insbesondere der Bauern und der Handwerker.<BR/>
Titelbild des Werks "Über die Bewegung der Bevölkerung [...]" in Appenzell, Rheineck (SG) und Gaissau (Vorarlberg) von Titus Tobler, 1835 in St. Gallen erschienen (Schweizerische Nationalbibliothek ).
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Autorin/Autor: Albert Tanner

3 - Der (alte) Mittelstand im 19. und 20. Jahrhundert

Die Durchsetzung einer liberalen Wirtschaftsordnung, d.h. die Einführung der Gewerbefreiheit sowie die Aufhebung staatl. Regulierungen zugunsten des Markt-, Konkurrenz- und Leistungsprinzips, und die Industrialisierung bewirkten einen tief greifenden wirtschaftl. Strukturwandel: Ganze Handwerks- und Gewerbezweige verschwanden oder konnten nur noch als Zulieferer- oder Reparaturbetriebe weiterexistieren. Der aufkommende Kapitalismus bedrohte aber nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die soziale Stellung des gewerbl.-handwerklichen M.s. Bereits in den 1830er Jahren wurde auf die Gefahr der Auflösung des M.s hingewiesen. So beklagte der Appenzeller Titus Tobler als Grundübel der Gesellschaft, dass der bäuerl. und gewerbl. M. von Tag zu Tag kleiner werde, dass überaus viele Leute keine unbewegl. Güter besässen und sich gefallen lassen müssten, was die "Zeitlaune" mit ihnen anfange. In einem Gutachten zählte die Zürcher Regierung das Handwerk 1847 zwar generell zum M., räumte aber zugleich ein, dass nurmehr ein kleiner Teil der Handwerker wirklich dem "glücklichen Mittelstande" angehöre, die meisten ständen eher dem Proletariat (Arbeiter) nahe. Ungeachtet der realen Entwicklungen und Veränderungen wurde nach 1850 die Vorstellung vom Niedergang des M.s zu einem Topos, der sowohl in hoffnungs- wie in angstvollen Zukunftsentwürfen instrumentalisiert wurde. Während die Konservativen den M. zum Schutzwall gegen die zersetzenden Kräfte des Kapitalismus und die bedrohl. Proletarisierung erhoben, erklärte die sozialist. Seite seinen Untergang zur zwangsläufigen Folge der gesellschaftl. Entwicklung, die auf die Ausbildung einer Zweiklassengesellschaft hinauslaufe (Klassengesellschaft). Sozialliberale Reformer erhofften sich dagegen von der Industrialisierung eher eine Erweiterung mittelständ. Lebensweise. Die Angestellten, aber auch Facharbeiter waren für sie der Beweis, dass die Industriegesellschaft sozialen Aufstieg zuliess und dadurch auch die mittleren Klassen wieder stärkte. Zwar verlor die Selbstständigkeit an ökonom. und gesellschaftl. Bedeutung, entgegen den Voraussagen von rechts und links profitierte der selbstständige M. jedoch auch vom wirtschaftl. Wandel. Er konnte sich dank der Erschliessung neuer Betätigungsfelder behaupten, auch wenn sein zahlenmässiger Rückgang nicht aufzuhalten war: 1860 übten in der ganzen Schweiz 21% der erwerbstätigen Männer und Frauen eine selbstständige gewerbl. oder freiberufl. Tätigkeit aus, dazu kamen 16% selbstständige Bauern; 1888 waren es noch 14%, inklusive Bauern 30%. Um 1910 umfasste der alte M., d.h. ohne die industriellen und gewerbl. Unternehmer sowie die Grosskaufleute, 11,9% der Erwerbenden, die Bauern stellten weitere 11,6%. Den Angestellten als dem neuen M. gehörten 1910 10,2% an. Im 20. Jh. nahm der Anteil der Selbstständigen weiter ab, besonders nach 1950 beschleunigte sich sein Rückgang: 1941 umfasste er inklusive Bauern 21%, 1960 noch 14,5%, 1980 noch 9,7%. In den 1980er Jahren stieg er infolge der neuen Selbstständigkeit, v.a. im Dienstleistungsbereich, wieder auf über 10% an und erreichte 2000 14%.

Autorin/Autor: Albert Tanner

4 - Mittelstandsideologie

Der M., oft mit dem Bürgertum gleichgesetzt, galt in der Schweiz bis Ende 19. Jh. als Träger des sozialen und polit. Fortschritts. Insbesondere die Demokraten sahen in einer "vermittelnden Klasse" (Simon Kaiser), deren Angehörige zwar auch auf Lohnarbeit angewiesen waren, aber zudem über weitere Produktionsfaktoren wie Grundeigentum und Kapital verfügten, eine Garantie für das soziale Gleichgewicht. Der wachsenden Spaltung der Klassen stellten sie ein mittelständ. Sozialmodell gegenüber, das die Einheit von M. und Arbeiterschaft postulierte. Auch glaubten sie mit der Demokratie die Proletarisierung aufhalten und den M. wieder stärken zu können. Konservative, gewerbl. und bäuerl. Kreise funktionierten den Ausdruck M. ab Ende der 1880er Jahre zu einem defensiven Kampf- und Bekenntnisbegriff um. Der M. wurde zum stabilen Fundament von Staat und Gesellschaft, zum Träger der Nation erklärt, ja zum Synonym für das Volksganze. Gleichzeitig wurde der Begriff enger ausgelegt und seine Anwendung auf die mittleren und kleinen Selbstständigen beschränkt. Dieses Selbstbild des M.s, entstanden aus einer defensiven Haltung gegen die Folgen des wirtschaftl. Wandels, war mit seiner Überschätzung der eigenen wirtschaftl. und soziopolit. Bedeutung, die im Glauben an die eigene Unentbehrlichkeit gipfelte, eine typ. Kompensationsideologie. Es war geprägt von der Angst vor der Proletarisierung und vor dem zahlenmässigen Rückgang des gewerbl. bzw. bäuerl. M.s; viele Gewerbetreibende und Bauern befürchteten, von den Angestellten und Arbeitern der industriellen Grossbetriebe, deren Anzahl und Macht stets zunahm, überspielt zu werden. Als eine Art Kollektivmentalität sollte diese Ideologie die unterschiedl. Klassenlagen der kleineren und mittleren Selbstständigen überdecken, ihnen Orientierung und Sicherheit vermitteln, sie wirksam und dauerhaft gegen die Arbeiterschaft bzw. das Grosskapital zusammenschliessen und ihren Forderungen nach staatl. Schutz die notwendige Legitimation liefern. In ihren Grundzügen lehnte sie sich an die aus Deutschland kommende Mittelstandsideologie konservativer Gruppen an, die z.T. über Ernst Laur in die Schweiz gelangten; zum anderen erhielt sie wesentl. Impulse durch die kath.-konservative Soziallehre. Mit der Verschärfung der sozialen Verteilungskämpfe und der zunehmenden Organisierung der Interessen entwickelte sie sich im frühen 20. Jh. zur klass. Puffertheorie. Der bäuerl. und gewerbl. M. wurde als Inbegriff der bewahrenden gegen die zersetzenden Kräfte verstanden, als Schutzwall gegen dekadente grossstädt. Zivilisation, als Hort der gesunden Mitte gegen Kapitalismus, gegen grossindustrielle Produktion und gegen Marxismus. Ihre grösste Breitenwirkung erlangte diese Mittelstandsideologie, die jedwelche gesellschaftl. Erneuerung ablehnte, in der Krise der 1930er Jahre. Mit der Wende in der Gewerbepolitik um 1941 erfuhr die gewerbl.-mittelständ. Verbandsideologie gewisse Akzentverschiebungen. Die antimodernist. Abwehrhaltung trat zugunsten des Leitbildes produktivitätsorientierter Rationalisierung sowie individueller und verbandl. Selbsthilfe zurück. Im Zeichen des Neoliberalismus galten die mittleren und kleineren Betriebe als "Bollwerke individueller Freiheit" und die Massnahmen zur Erhaltung des M.s wurde als Sozialpolitik legitimiert.

Autorin/Autor: Albert Tanner

5 - Mittelstandspolitik und -bewegung

Als Befürworter von Schutzzöllen bzw. staatl. Schutzmassnahmen versuchten gewerbl.-handwerkl. Kreise den Bundesstaat schon in seinen Anfängen für ihre spezifischen Interessen einzusetzen. Ein erster Markstein staatl. Intervention zugunsten des gewerbl. M.s waren die Bundesbeschlüsse zur Förderung der gewerbl. und industriellen Berufsbildung von 1884. Noch 1894 wurde dem Bund jedoch die vom schutzsuchenden Kleingewerbe geforderte Kompetenz zur Gesetzgebung über das Gewerbe verweigert. Erst 1908 erhielt der Bund im Art. 34ter der aBV mehr Kompetenzen auf dem Gebiet der Gewerbegesetzgebung. Im Unterschied etwa zum Dt. Reich wurde von einer allg. Gewerbeordnung abgesehen und dem Erlass von Spezialgesetzen der Vorzug gegeben. Aufgrund von Art. 34ter wurde zuerst die Berufslehre und -bildung staatlich geregelt. Einzelgesetze und bundesrätl. Verordnungen dämmten den freien Wettbewerb im Gewerbe ein, so z.B. das Warenhausverbot von 1933, das bis 1945 immer wieder verlängert wurde. Von der Krisenzeit des ausgehenden 19. Jh. an hatten das Gewerbe und mittelständisch orientierte Kreise erfolglos versucht, eine kartellmässig-berufsgenossenschaftlich gebundene Wirtschaft vom Staate schützen und sanktionieren zu lassen, um so selbstständige gewerbl. Klein- und Mittelbetriebe zu erhalten. Ab den 1920er Jahren setzten sich Teile des Schweizerischen Gewerbeverbandes, v.a. dessen Präs. August Schirmer, für eine Art korporative Wirtschaftsordnung ein (Korporativismus). Unter dem Druck der Krise formierte sich um 1933 mit der Neuen Schweiz eine mittelständ. Erneuerungsbewegung, die mit ihren wertkonservativen Leitbildern und Kriseninterpretationen kurz auch eine polit. Breitenwirkung erlangte. Eine prononcierte Mittelstandspolitik vertrat in den 1930er Jahren auch die Konservative Volkspartei, die ebenfalls antimodernistisch ausgerichtet war. Als kath. Allklassenpartei mit mittelständ. Gepräge machte sie sich unter dem Einfluss der Enzyklika "Quadragesimo Anno" für eine korporativist.-ständestaatl. Wirtschafts- und Sozialordnung stark. Mit einer Reform von rechts wollten die Katholisch-Konservativen den Kapitalismus und Liberalismus in die Schranken weisen, den Klassenkampf überwinden und eine solidar. Volksgemeinschaft errichten. Wie in vorindustrieller Zeit sollte durch den Wiederaufbau einer berufsständ. Ordnung die selbstständige Erwerbstätigkeit anstatt der "Plutokratie des Grosskapitals" zum eigentl. Träger von Produktion und Handel werden. Der Schweiz. Gewerbeverband und die Konservativen drangen zwar mit ihren Reformvorstellungen nicht durch; sie erreichten aber immerhin, dass der Kriseninterventionismus der Zwischenkriegszeit von einer Intensivierung mittelständ.-korporativer Wirtschaftspolitik geprägt war und unter modernisierungsfeindl. Vorzeichen stand. Mit der Absage an berufsständ. Ordnungsvorstellungen und einen staatlich sanktionierten Verbandsprotektionismus erfolgte um 1942 zunächst im Gewerbeverband, später auch in der Wirtschaftspolitik allgemein eine Wende hin zu einer mehr liberalkorporativen Ausrichtung. Verzicht auf direkte Staatshilfe, konsequenter Antietatismus, Modernisierung und Rationalisierung im Gewerbe durch den Aufbau leistungsorientierter Markt- und Berufsordnungen sowie die Hilfe zur Selbsthilfe auf Betriebs- und Verbandsebene sollten von nun an die zentralen Ziele gewerbl. Mittelstandspolitik sein. Durch die staatsrechtl. "Unterordnung" der Verbände in den Wirtschaftsartikeln grenzte sich 1947 die schweiz. Verfassung gegen normativ-rechtl. Ansprüche ständestaatl.-korporativist. Modelle ab.

Autorin/Autor: Albert Tanner

Quellen und Literatur

Quellen
– T. Tobler, Über die Bewegung der Bevölkerung, 1835
– S. Kaiser, Grundsätze schweiz. Politik, 1873
– A. Richard, Les classes moyennes en Suisse, 1906
– F. Marbach, Theorie des M.s, 1942
– Eidg. Volkszählungen 1850-2000
Literatur
– G.L. Duprat, L'avenir des classes moyennes, 1923
– R. Aron et al., Inventaires 3, Classes moyennes, 1939
– Gruner, Arbeiter
– E. Gruner, «Konservatives Denken und konservative Politik in der Schweiz», in Rekonstruktion des Konservativismus, hg. von G.K. Kaltenbrunner, 1972, 241-272
– E. Maschke, «Mittelschichten in den dt. Städten des MA», in Städt. Mittelschichten, hg. von E. Maschke, 1972, 1-31
– W. Conze, «M.», in Geschichtl. Grundbegriffe 4, hg. von O. Brunner et al., 1978, 49-92
– B. Mugglin, Olten im Ancien-Regime, 1982
– Braun, Ancien Régime
– A. Daumard, Les bourgeois et la bourgeoisie en France depuis 1815, 1987
– E. Isenmann, Die dt. Stadt im SpätMA 1250-1500, 1988
– K. Angst, Von der "alten" zur "neuen" Gewerbepolitik, 1992
– M. Hodel, Die Schweiz. Konservative Volkspartei 1918-1929, 1994
– G. Crossick, H.G. Haupt, The Petite Bourgeoisie in Europe 1780-1914, 1995
Regards sur les classes moyennes, XIXe et XXe siècles, hg. von P. Guillaume, 1995
– A. Tanner, Arbeitsame Patrioten -- wohlanständige Damen, 1995

Autorin/Autor: Albert Tanner