• <b>Arbeitsbeschaffung</b><br>Bau des grossen Beckens im Seebad Bellerive in Lausanne, Aufnahme von 1937 (Musée historique de Lausanne, Album de l'entreprise Losinger).  Die nach den Wahlen 1933 sozialdemokratisch dominierte Stadtregierung von Lausanne nahm mehrere grosse Bauvorhaben in Angriff, um Arbeitslose zu beschäftigen. Diesem Ziel diente auch die Einrichtung der öffentlichen Bäder in Bellerive in der Zeit zwischen 1936 und 1937. Der Stadtrat verbot aufgrund der Arbeitsmarktlage sogar die Benutzung von Schäl- und Rüstmaschinen.

Arbeitsbeschaffung

Unter A. versteht man das meist von öffentl. Verwaltungen, gelegentl. auch von gemeinnützigen Institutionen getragene Ersatzangebot an Arbeitsplätzen im Falle von Arbeitslosigkeit, urspr. v.a. durch Notstandsarbeiten, später zunehmend durch Subventionen, Steuererleichterungen oder öffentl. Aufträge für Privatbetriebe. Gaben zuerst nur sozialpolit. Motive den Ausschlag (Einkommen für Arbeitslose, Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess, Kontrolle von Arbeitswilligkeit und -fähigkeit, nötige Arbeitstage für die Arbeitslosenversicherung), so kamen mit der wesentl. von John Maynard Keynes geprägten Theorie seit den 1930er Jahren wirtschaftspolit. Ziele dazu: Zusätzl. Einkommen sollen den Konsum erhöhen und so über Multiplikatoreffekte die Wirtschaft ankurbeln (Konjunktur). Weitaus die meisten Massnahmen richteten sich bisher an Männer.

A. war im 19. Jh. v.a. durch die franz. Nationalwerkstätten von 1848 bekannt, aber auch durch Institutionen wie Arbeiterkolonien oder Arbeitshäuser. Die breitere Diskussion setzte in der Schweiz in den 1880er und 90er Jahren ein, als Arbeitslosigkeit als gesellschaftl. Problem zunehmend Anerkennung fand. Bereits damals wurden wesentl. Bedingungen formuliert: keine Beeinträchtigung der berufl. Wiedereingliederung (z.B durch Schwerarbeit von Uhrmachern), keine Produktion von Gütern, die Privatbetriebe konkurrenzieren und beschränkte öffentl. Finanzen. In Frage kamen v.a. Bau- und Erdarbeiten, Steineklopfen, Schneeräumung usw. Erstmals auf breiter Ebene setzten Bund, Kt. und Gem. unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg auf A., wobei v.a. öffentl. und private Bauten (inkl. Meliorationen), aber auch die Exportwirtschaft (Uhren, Stickerei) und die Elektrifizierung der Eisenbahnen unterstützt wurden. Da sich die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre in der Schweiz im internat. Vergleich bescheiden auswirkte und A. teurer als Fürsorge war, hielten sich die einer deflationären Wirtschaftspolitik verpflichteten Behörden bis Mitte der 1930er Jahre zurück. Kt. und Gem. vergaben gelegentl. Notstandsarbeiten, oft unter Verzicht auf techn. Mittel (z.B. Bagger), der Bund eröffnete von Ende 1931 an Kredite für Exportindustrien und versch. punktuelle Massnahmen, Ende 1934 für ein erstes breiteres Programm. Steigende Arbeitslosigkeit und die zunehmende Attraktivität der Konzepte der Linken (Kriseninitiative) erzwangen im Herbst 1936 die Abkehr von deflationären Massnahmen (Abwertung 1936) und die Hinwendung zur umfassenden A., die sich in Programmen versch. Kt. (z.B. Basler Arbeitsrappen) und des Bundes niederschlug. Letztere waren eng mit der Landesverteidigung (Wehranleihe 1936) verbunden. Der Grossteil der Mittel kam erst im 2. Weltkrieg zum Einsatz, als um des Arbeitsfriedens willen A. hohe Priorität besass. Der 1941 eingesetzte Delegierte für A. erarbeitete Pläne für die befürchtete Nachkriegskrise, die nie realisiert werden mussten. Wirtschaftsartikel 1947 und Gesetze betr. Arbeitsbeschaffungsreserven (ABR) 1951 und betr. Vorbereitung der Krisenbekämpfung 1954 stellten weitere Instrumente bereit. Als dann die Konjunkturdämpfung als wirtschaftspolit. Ziel in den Vordergrund rückte, wurde der Delegierte für A. Mitte der 1960er Jahre zum Delegierten für Konjunkturfragen. Obwohl die nächste Krise die Behörden trotz allen Plänen unvorbereitet traf, fanden sie schnell einen Konsens. 1975-76 wurden drei Investitionsprogramme und ein Investitionsbonus verabschiedet und die ABR freigegeben. Im Zentrum der Massnahmen standen wiederum Bauten; aber auch Rüstungsgüter erhielten beträchtl. Gewicht. Der Art. 31quinquies aBV von 1978 (Konjunkturartikel, Art. 100 BV) bot Grundlage für das Gesetz betr. ABR von 1985. Obwohl die Arbeitslosigkeit in den 1990er Jahren ein nie gekanntes Ausmass erreichte, war von A. selten die Rede, und Programme kamen spät und eher bescheiden (Investitionsbonus, Wohnbauförderung). Das lag einerseits am nunmehr alle Arbeitnehmer umfassenden Versicherungsschutz, andererseits bildeten öffentl. Verschuldung (gemessen am Bruttosozialprodukt 1990 tiefer als 1970) und Neoliberalismus starke Hindernisse. In der Praxis ist es oft unmögl. zu unterscheiden, wo tatsächl. zusätzl. Arbeitsplätze geschaffen und wo für ohnehin vorgesehene Projekte neue Finanzquellen erschlossen wurden.

<b>Arbeitsbeschaffung</b><br>Bau des grossen Beckens im Seebad Bellerive in Lausanne, Aufnahme von 1937 (Musée historique de Lausanne, Album de l'entreprise Losinger). <BR/>Die nach den Wahlen 1933 sozialdemokratisch dominierte Stadtregierung von Lausanne nahm mehrere grosse Bauvorhaben in Angriff, um Arbeitslose zu beschäftigen. Diesem Ziel diente auch die Einrichtung der öffentlichen Bäder in Bellerive in der Zeit zwischen 1936 und 1937. Der Stadtrat verbot aufgrund der Arbeitsmarktlage sogar die Benutzung von Schäl- und Rüstmaschinen.<BR/><BR/>
Bau des grossen Beckens im Seebad Bellerive in Lausanne, Aufnahme von 1937 (Musée historique de Lausanne, Album de l'entreprise Losinger).
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Literatur
HSVw 1, 81-86
Die Arbeitsbeschaffungsprogramme 1975/76, 1980
– G. Prader, 50 Jahre schweiz. Stabilisierungspolitik, 1981
– I.P. Baumgartner, Arbeitsbeschaffungsreserven, 1992
– B. Degen «A., sozialer Frieden und Denkmalpflege», in Traverse, 1996, H. 2, 64-83
Arbeite wer kann! Travaille qui peut!, Ausstellungskat. Zürich, 1996

Autorin/Autor: Bernard Degen