21/05/2010 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Anbauschlacht

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit Bildern illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

Als A. bezeichnet wird die planmässige Förderung des agrar. Mehranbaus und der Ertragssteigerung zur Sicherung der Nahrungsmittelversorgung bzw. zur Umstellung auf Selbstversorgung während des 2. Weltkriegs. Eine erste Ausweitung der Ackerfläche um 25'000 bzw. 12'500 ha war vom Bund für 1939 und 1940 noch im Rahmen der Krisenbewältigung und Kriegsvorsorge verfügt worden. Die eigentl. A. setzte erst mit dem sog. Plan Wahlen ein. Am 15.11.1940 brachte Friedrich Traugott Wahlen, der Chef der Abt. für landwirtschaftl. Produktion und Hauswirtschaft im Eidg. Kriegsernährungsamt (Wirtschaftliche Landesversorgung) in einem Vortrag, ohne Wissen seiner Vorgesetzten, seinen seit 1935 vorbereiteten, erweiterten Anbauplan vor eine breitere Öffentlichkeit. Angeregt u.a. durch die sog. Getreideschlacht der 1930er Jahre im faschist. Italien und gestützt auf umfangreiche Berechnungen über landwirtschaftl. Produktionskapazitäten, hatte Wahlen auch die Möglichkeiten der Schweiz untersucht, die landwirtschaftl. Produktion auf vermehrten Ackerbau umzuorientieren und sich bei völligem Versiegen der Einfuhren selbst mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Um dies zu erreichen, stellte er vier Grundforderungen auf: sparsame Bewirtschaftung der Vorräte, Ausnützung aller Ressourcen in Anbau und Wiederverwertung, organisierter Einsatz der Produktionsmittel wie der menschl. Arbeitskraft "unter rücksichtsloser Einschränkung aller nicht lebenswichtigen Tätigkeiten".

Der positive Widerhall auf diese Forderungen in weiten Kreisen der von Unsicherheiten über die Zukunft geplagten Bevölkerung bewirkte, dass sich auch die zunächst widerstrebenden Führungskräfte in Staat und Wirtschaft vom neuen Plan überzeugen liessen. Die breite Zustimmung war jedoch mit ganz unterschiedl. wirtschaftspolit. Motiven und Hoffnungen verknüpft: Die Linke deutete den Plan als Sieg der Planwirtschaft und als eine Möglichkeit, die drohende Arbeitslosigkeit zu überwinden. Bäuerl. Stimmen glaubten, er bringe die Schweiz auf den schon lange geforderten Weg zurück "zur Scholle", und rechte Kreise erhoben ihn zum Symbol der "Erneuerung". Exportorientierte Unternehmerkreise sahen ihn ledigl. als ein kriegswirtschaftl. Notprogramm (Kriegswirtschaft). Für die jüngere Agrarelite (neben Wahlen u.a. Ernst Feisst, Oskar Howald) bildete die A. jedoch den Anfang der "neuen Agrarpolitik"; sie verfolgte damit eine langfristige und letztl. weit über die Kriegszeit hinaus erfolgreiche Strategie zur Sanierung und Modernisierung der Landwirtschaft. Die unmittelbar gesetzten Ziele erreichte die A. nur teilweise. Zwar gelang es durch Umwandlung von Wiesen zu Äckern, Rodungen und Meliorationen sowie durch die Industriepflanzwerke und die Förderung der Kleinpflanzer, die Anbaufläche von 183'000 ha bis 1945 auf 352'000 ha auszuweiten. Das Ziel von 500'000 ha wurde jedoch verfehlt. Widerstände in den Viehwirtschaftsregionen, Anbaumüdigkeit und Arbeitskräftemangel, das Ausbleiben von Arbeitslosigkeit und die trotz Blockaden nie völlig versiegenden Zufuhren waren die wichtigsten Gründe dafür, dass der Impuls der A. nach der fünften Anbauetappe von 1942 gebremst wurde. Von der Selbstversorgung blieb die Schweiz weit entfernt. Immerhin stieg der Selbstversorgungsgrad von 52% auf 59%, verbunden allerdings mit einer Senkung der durchschnittl. Kalorienmenge pro Person von 3'200 auf 2'200 kcal.

Der Nutzen der A. ging indes weit über die Sicherung der Ernährung hinaus. Mit ihrer Unterordnung aller unter ein gemeinsames Ziel förderte sie die gesellschaftl. Integration nachhaltig. Obwohl die Opfersymmetrie auch während des 2. Weltkriegs keineswegs spielte und die Lohnabhängigen grosse Einschränkungen in Kauf nehmen mussten, wurde die A. doch zum Symbol für die Volksgemeinschaft, den Widerstandswillen und die Selbstbehauptung der Schweiz -- nicht zuletzt wegen einer gut organisierten Propaganda, besonders von Seiten des Gotthardbundes. Diese deutete den Kampf gegen Hunger und für Selbstversorgung nie als Selbstzweck, sondern setzte ihn immer mit dem Kampf für Vaterland und Unabhängigkeit gleich und stellte damit das Anbauwerk auf die gleiche Stufe wie die militär. Landesverteidigung. Dies führte nach 1940 zu permanenten Konflikten zwischen selbstversorgender Landwirtschaft, exportorientierter Industrie und militär. Dienstpflicht um Arbeitskräfte.


Quellen
– F.T. Wahlen Die A., bearb. von W. Schweizer-Hug, 21941
– F.T. Wahlen, Unser Boden heute und morgen, 1943
Die schweiz. Kriegswirtschaft, 1939-1948, 1950
Literatur
– P. Maurer, A., 1985
– W. Baumann «Mehr bäuerl. Selbstversorgung», in Gesch. der Konsumgesellschaft, hg. von J. Tanner et al., 1998, 49-61

Autorin/Autor: Albert Tanner