• <b>Börsen</b><br>Die Freitagsbörse in Zürich, um 1920 (Schweizerische Nationalbibliothek, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Wehrli). Die Bankiers nutzten die traditionellen Versammlungen der Freitagsbörse, um allgemeine Finanzfragen zu diskutieren und Geschäfte abzuschliessen. Die Mitglieder der Effektenbörse trafen sich für den Handel mit Wertpapieren dagegen täglich am Ring. Die im Hintergrund sichtbaren Telefonkabinen erlaubten die schnelle Übermittlung der aktuellen Börsenbewegungen und die Entgegennahme von Börsenaufträgen.

Börsen

Der Begriff B. umfasst Märkte, an denen für Waren, Wertpapiere oder Devisen Preise ausgehandelt und Umsätze getätigt werden, ohne dass diese Güter am Verhandlungsort übergeben und bezahlt werden. Die Geschäfte finden dabei nach bestimmten Regeln und Usanzen sowie in vereinheitlichter Form statt. Je nach Art der gehandelten Waren unterscheidet man zwischen Waren-, Devisen- oder Effektenbörsen. B. fassen Angebot und Nachfrage räumlich und zeitlich zusammen und schaffen damit Transparenz über den aktuellen Wert - im Fall der hier im Vordergrund stehenden Effektenbörsen - der gehandelten Wertpapiere. Während früher Effektenvereine den Betrieb einer B. gewährleisteten und die entsprechenden Gebäude zur Verfügung stellten, sind B. heute vermehrt gewinnorientierte Unternehmen, die dank der Computertechnologie einen standortunabhängigen Handel ermöglichen.

Frühformen von B. entstanden bereits im 12. und 13. Jh. in den ital. und fläm. Handelsmetropolen. Der Begriff B. soll vom Patriziergeschlecht van der Beurse aus der fläm. Stadt Brügge stammen, vor deren Haus im 14. und 15. Jh. der führende Handelsplatz Europas lag. 1460 wurde in Antwerpen die erste Pfeffer-B. gegründet; erst 1531 wurde dort indessen ein Gebäude ausdrücklich als B. erbaut. Während es sich in Brügge und Antwerpen hauptsächlich um Warenbörsen handelte, wurden in der 1506 in Lyon gegründeten ersten franz. B. ausschliesslich Geldgeschäfte abgewickelt. Mitte des 16. Jh. wurde in Amsterdam der Handel mit Aktien aufgenommen, womit die Amsterdamer B. als Prototyp der heutigen Effektenbörsen gilt. Ebenfalls in Amsterdam ereignete sich der erste Börsenkrach der Wirtschaftsgeschichte: 1637 brachen die Preise für Tulpenzwiebeln als Folge der überhand nehmenden Spekulation zusammen.

In der Schweiz entstanden die B. erst in den Gründerjahren des 19. Jh. Zuvor waren sog. Sensalen (Makler) für die Vermittlung von Waren- und Wechselgeschäften (Geldwechsel) verantwortlich; die Kantone erliessen dazu Sensalenordnungen, Basel z.B. bereits 1683, Zürich 1744. Der börsenmässige Handel mit Wertpapieren von Kapitalgesellschaften begann um 1850 in Genf, dem damals wichtigsten Bankenplatz der Schweiz (Banken). 1855 wurde eine Ring-B. eröffnet, die der Genfer Staatsrat 1856 anerkannte. Ebenfalls unter kant. Aufsicht standen die Basler B., die 1876 ihre Tore öffnete, und die Zürcher B., an der 1884 erstmals mit staatl. Bewilligung gehandelt wurde. Als rein privatrechtl. Organisationen waren dagegen die 1873 gegr. Lausanner B., die Berner (1885), die Neuenburger (1905) und die St. Galler B. (1933) ausgestaltet. Diese vier kleineren B. spezialisierten sich auf den Handel mit Regionalwerten. Die Kantone auferlegten den B. eine Umsatzsteuer.

Die Frühzeit der Schweizer B. war geprägt von wilder Spekulation, die wegen der schädl. Auswirkungen in Basel 1897 gar zur zeitweiligen Verstaatlichung der B. führte. Mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs stürzten die Kurse an den B. ab. In Basel und Zürich war der Handel vom Sommer 1914 bis Anfang 1915 eingestellt; in Genf und Lausanne wurde der Handel auf festverzinsliche Werte beschränkt. Erst gegen Ende des Krieges verlief der Handel wieder in geregelten Bahnen. Mit der Kriegskonjunktur haussierten die Kurse, was die Eidgenossenschaft 1918 zur Einführung des eidg. Effektenstempels bewog. In den Zwischenkriegsjahren folgte jeder Hausse eine um so grössere Baisse; in der Weltwirtschaftskrise sanken die Kurse in der Schweiz Anfang der 1930er Jahre auf Tiefstwerte. Zur Verbreitung der Kursinformationen der Zürcher B. wurde 1930 die Ticker AG gegründet, die als europ. Pionier mit einer Art Schreibtelegraf Informationen in normaler Schrift übermittelte. 1938 gründeten die B. die Vereinigung Schweiz. Effektenhändler und verbanden damit die Schweiz. Zulassungsstelle für ausländ. Wertpapiere. Beide Institutionen sollten den Börsenverkehr beleben. Mit Ausbruch des 2. Weltkriegs wurde der Handel aber wiederum stark beeinträchtigt; zeitweise wurden die B. in Absprache mit der Schweizerischen Nationalbank geschlossen.

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs hielt an den B. langsam ein professionellerer Umgang mit Kapital Einzug (Kapitalmarkt). Allerdings führten Spekulation und darauf folgende Panik immer wieder zu grösseren Kurseinbrüchen. Auch wenn sich die Anleger in den 1960er Jahren immer wieder mit externen Schocks aus der Weltwirtschaft und Kursverlusten konfrontiert sahen, wuchs das öffentl. Interesse an den B. ständig. 1961 stellte die Zürcher Ticker AG ihr Kursinformationssystem auf die neue Fernsehtechnologie um und änderte den Firmennamen auf Telekurs AG. Bereits in den 1960er Jahren diskutierten die B. über die Konzentration der grossen Börsengeschäfte auf einen einzigen Börsenplatz. Der Zürcher Vorstoss scheiterte indessen am Widerstand der übrigen Plätze.

Mit dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems 1974 nahm in den nationalen Volkswirtschaften eine zunächst schmerzhafte Liberalisierungs- und Deregulierungswelle ihren Anfang. Dank der vermehrten internat. Koordination der Wirtschaftspolitik und den effizienter funktionierenden Finanzmärkten verbesserten sich die weltwirtschaftl. Rahmenbedingungen aber zusehends. Diese Entwicklungen gingen nicht spurlos am Finanzplatz Schweiz und an der Börsenlandschaft vorbei: 1986 wurde die Soffex (Swiss Options and Financial Futures Exchange AG) als B. für Optionen (Kauf-/Verkaufsrechte) und Finanz-Futures (Terminkontrakte) gegründet, die 1988 als erste vollcomputerisierte Derivatbörse der Welt ihren Betrieb aufnahm. Der rasante Fortschritt in der Kommunikationstechnologie und die zunehmende Globalisierung führten 1991 zur Einstellung des Ringhandels an den B. von Bern, Lausanne, Neuenburg und St. Gallen. Bei der Berner B. löste eine elektron. Handelsplattform 2002 das vorherige während elf Jahren in Betrieb gewesene telefonische Handelssystem ab. 1991 wurde auch die Kotierungsautonomie (Zulassung von Wertpapieren zum Börsenhandel) bei der Schweiz. Zulassungsstelle konzentriert. 1992 startete das Projekt Elektronische Börse Schweiz als Gemeinschaftsunternehmen der B. Basel, Genf und Zürich. 1993 erfolgte die Gründung der Schweizer B.; das elektron. Handelssystem für Aktien und Obligationen wurde im Sommer 1996 vollständig in Betrieb genommen, womit der Handel à la criée, d.h. durch Zuruf der Händler am Ring, der Vergangenheit angehörte. Im selben Jahr trat das gesamtschweiz. Kotierungsreglement in Kraft. 1997 ersetzte das Bundesgesetz über die B. und den Effektenhandel die kant. Börsengesetze. Ebenfalls 1997 wurde die Fusion der Soffex mit der Dt. Terminbörse DTB zur Eurex beschlossen; die weltweit erste grenzüberschreitende Derivatbörse nahm im Sommer 1998 den Betrieb auf.

Mit dem Übergang zur Schweizer B. verloren die Kantone auch die kant. Umsatzabgaben. Beibehalten wurde aber, mit einigen Retuschen, die eidg. Stempelsteuer. Die Konzentration des Handels auf eine standortunabhängige Organisation verhalf der Schweizer B. im internat. Kontext zu einem Wachstumsschub: Zwar konnten die grösseren Regionalbörsen Zürich, Genf und Basel zuvor nicht zuletzt dank dem Interesse ausländ. Anleger ansprechende Umsatzzahlen erwirtschaften. Einzig die Zürcher B. vermochte aber in der Liga der grösseren Börsenplätze mitzuspielen. 1999 galt die Schweizer B. als sechstgrösste B. der Welt; die Derivatbörse Eurex war gemessen an den gehandelten Kontrakten der grösste Terminmarkt der Welt.

<b>Börsen</b><br>Die Freitagsbörse in Zürich, um 1920 (Schweizerische Nationalbibliothek, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Wehrli).<BR/>Die Bankiers nutzten die traditionellen Versammlungen der Freitagsbörse, um allgemeine Finanzfragen zu diskutieren und Geschäfte abzuschliessen. Die Mitglieder der Effektenbörse trafen sich für den Handel mit Wertpapieren dagegen täglich am Ring. Die im Hintergrund sichtbaren Telefonkabinen erlaubten die schnelle Übermittlung der aktuellen Börsenbewegungen und die Entgegennahme von Börsenaufträgen.<BR/>
Die Freitagsbörse in Zürich, um 1920 (Schweizerische Nationalbibliothek, Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege, Sammlung Wehrli).
(...)


Quellen
HistStat, 832 f.
Literatur
– H. Bauer, Die Basler B. 1876-1976, 1976
– E. Albisetti et al., Hb. des Geld-, Bank- und Börsenwesens der Schweiz, 41987
Die Basler B. von 1976-1996, 1997
– W. Dangers, «Börsengesch.», in Zs. f. das gesamte Kreditwesen 17, 1998, 964 f.

Autorin/Autor: Elisabeth Meyerhans