16/12/2011 | Rückmeldung | PDF | drucken

Rapperswil (SG)

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit Bildern illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

Ehem. Herrschaft, 1464-1798 zugewandter Ort der Eidgenossenschaft, ehem. polit. Gem. SG, Region See-Gaster, 1803-2006 mit 173 ha kleinste Gem. im Kanton, seit 2007 mit Jona Teil der Gem. R.-Jona. An der Grenze zum Kt. Zürich gelegen, befindet sich die Stadt verkehrstechnisch günstig an der engsten Stelle des Zürichsees auf einer Halbinsel an dessen Nordostufer, wo ihn der nach Hurden führende Seedamm in einen Ober- und einen Untersee trennt. 1229 Ratprehtswilêr. 1850 1'954 Einw.; 1900 3'414; 1950 5'597; 1970 8'713; 2000 7'421.

Die Umgebung von R. ist altes Siedlungsgebiet. Ab 1998 wiesen taucharchäolog. Sondierungen Insel- und Ufersiedlungen beidseits des Seedamms nach, die zwischen ca. 4300 und 800 v.Chr. datieren. Ihre kulturelle und verkehrstechn. Bedeutung wird durch vielfältiges Fundmaterial und Überreste von mehreren bronzezeitl. Seebrücken (ab 1700 v.Chr.) bezeugt. In röm. Zeit (1.-4. Jh. n.Chr.) war der Vicus Kempraten Etappen-, Handels- und Gewerbeort am Schnittpunkt der Verkehrswege aus Zürich und Winterthur sowie dem nach Chur führenden Alpenzubringer. Eine vermutete röm. Befestigung des Burghügels liess sich bis anhin nicht nachweisen. Gräberfelder in Kempraten, Busskirch und Jona belegen die alemann. Landnahme ab Beginn des 7. Jh. Überreste christl. Kirchen aus dem 8./9. Jh. an diesen drei Orten, wenn auch nicht in R. selbst, sprechen für eine frühma. Besiedlung der Region.

Die Gründung von R. erfolgte spätestens nach 1220 im Kontext der Erschliessung der Nord-Süd-Transitachse über den Gotthard. Durch die Seeenge bei R. führte - als Verbindung zu den Handelsstrassen über die Bündner Pässe und den Arlberg - auch der Wasserweg von Zürich nach Weesen und Walenstadt. Diese verkehrsgeografisch günstige Lage versprach profitable Einnahmen. Die Herren von R. verlegten ihren Stammsitz von Altendorf (972 Rahprehtswilare) auf den Geländevorsprung bei Kempraten. Die dort liegende Siedlung Endingen wurde in die Stadtbefestigung eingebunden. Die Bürger von (Neu-)R. werden erstmals 1229 erwähnt, die Stadt 1233, ein Siegel 1277, der Rat 1288. Die gleichnamige Herrschaft mit R. als wirtschaftl. und polit. Zentrum erstreckte sich vom Zürcher Oberland bis in die Innerschweiz.

Nach dem Aussterben der Rapperswiler mit Gräfin Elisabeth 1309 zerfiel die Territorialherrschaft unter den Söhnen ihres zweiten Gemahls Rudolf III. von Habsburg-Laufenburg. Die Zürcher zerstörten 1350 Stadt und Burg. 1354 erwarb Hzg. Albrecht II. von Habsburg die Herrschaft, baute Stadt und Schloss neu auf, stärkte die Selbstverwaltung der Bürgerschaft und veranlasste den Bau der unter seinem Sohn und Nachfolger Hzg. Rudolf IV. 1358-60 errichteten hölzernen Seebrücke. Dies förderte Verkehr (Etappenort der Pilger nach Einsiedeln), Wirtschaft und Kultur. R. erstarkte als vorderösterr. Stadt und Stützpunkt gegen die Eidgenossenschaft. Habsburg. Privilegien wie 1379 die niedere Gerichtsbarkeit oder 1406 die Schultheissenwahl durch die Stadtbürger stärkten die Eigenständigkeit. 1415 erfolgte die Erhebung zur freien Reichsstadt durch Kg. Sigismund. 1442-58 erneut unter habsburg. Landesherrschaft, war R. jetzt ein Stadtstaat mit Kempraten, Wagen, Jona, Busskirch und Bollingen als Herrschaftsgebiet.

Als die Eidgenossen ab 1450 ihre Macht bis an den Rhein und Bodensee ausdehnten, musste sich R. - im Alten Zürichkrieg 1436-50 isoliert und verarmt - dem polit. Druck beugen. 1458 marschierten eidg. Truppen in die Stadt ein. 1460 sagte sich R. von Österreich los und 1464 sah es sich mit den Orten Uri, Schwyz, Unterwalden und Glarus zum Schirmbündnis gezwungen, das den Eidgenossen das Besatzungsrecht auf Stadt und Burg sowie ein aussenpolit. Mitspracherecht zugestand. Fortan beteiligte sich R. an eidg. Kriegszügen und Soldbündnissen und diente als Tagungsstätte eidg. Konferenzen. Als zugewandter Ort blieb R. allein die Selbstverwaltung.

Kirchlich gehörte R. zum Pfarrsprengel Busskirch. Für beide lag das Patronatsrecht beim Kloster Pfäfers. 1253 erfolgte die Loslösung und Gründung einer eigenen Pfarrei mit der 1207 wahrscheinlicherstmals erw. Pfarrkirche St. Johann auf dem Herrenberg. Das 1882 vollständig ausgebrannte Gotteshaus wurde an gleicher Stelle durch einen 1885 geweihten Neubau ersetzt. 1606 folgte am Endingerhorn der Bau des 1603 gegr. Kapuzinerklosters. 1837 wurde die ref. Kirchgemeinde gegründet, 1841 die Kirche eingeweiht.

In der Reformation stellte sich die Mehrheit der Bürger und Untertanen - in der Hoffnung, vollberechtigter eidg. Ort zu werden - vier Monate vor der Schlacht bei Kappel 1531 auf die Seite der Zürcher. Aber nach dem Sieg der kath. Kantone banden die alten Schirmorte die Stadt noch enger an sich: Die Ernennung des Schlossvogts und des Pfarrers bedurften fortan ihrer Zustimmung. R. entwickelte sich zum Brückenkopf der kath. Orte gegen Zürich, sinnfällig in der Erneuerung der Stadtbefestigung, der Gründung des Kapuzinerklosters und der Blüte sakraler Goldschmiedekunst. Im 1. Villmergerkrieg 1656 konnte die Stadt trotz der Belagerung durch Zürcher Truppen verteidigt werden. Nach dem Hungerhandel 1703-04 - trotz offensichtl. Unterschlagung von Soldgeldern stellten sich die Schirmorte hinter Schultheiss Johann Michael Hunger - distanzierte sich die Stadt v.a. von Schwyz und begrüsste nach dem Sieg der ref. Orte im 2. Villmergerkrieg 1712 die Übernahme der Schirmherrschaft durch Zürich, Bern und Glarus.

Die neuen Schirmherren gewährten R. aber nicht mehr Freiheiten als die alten. Insbesondere Zürich mischte sich in die inneren Auseinandersetzungen ein, die den zugewandten Ort im 18. Jh. lähmten. Die städt. Demokratie mit Schultheiss, Räten und Bürgerversammlung wurde durch patriz. Ansprüche alteingesessener Fam. behindert, während der Mangel an bürgerl. Unternehmergeist und Eigeninitiative dem Handwerk und Gewerbe schadeten. Einnahmen aus alten Stiftungen und Besitzungen, reichlich fliessende Zollabgaben, Marktprivilegien und Gewerbefreiheiten sowie Einkünfte aus dem bäuerl. Untertanengebiet Jona ermöglichten Steuerfreiheit und verstärkten die Passivität der Bürgerschaft. Eigennutz und Ämtersucht beschleunigten den polit. und gesellschaftl. Zerfall.

Nicht wenige begrüssten deshalb 1798 die franz. Besetzung, die zur Auflösung der Stadtrepublik unter eidg. Schirmherrschaft führte. Stadt und Umland wurden zum helvet. Kt. Linth geschlagen. Aus materiellen und gesellschaftl. Gründen lehnte R. die Bildung einer Einheitsgemeinde mit dem bäuerl. Jona ab. 1803 wurde es polit. Gemeinde und dem Bez. Uznach im neu geschaffenen Kt. St. Gallen zugeteilt.

Der durch die Helvet. Revolution herbeigeführte und vom Liberalismus mitgetragene polit. Umbruch löste auch eine Reformdebatte innerhalb der kath. Kirche aus. In R. kulminierte diese in den 1830er Jahren im sog. Fuchsenhandel. Dieser wurde durch die öffentl. Forderung des liberalen Spitalpfarrers Alois Fuchs nach innerkirchl. Mitbestimmung für das Dekanat Uznach und der Einführung einer Bistumssynode provoziert. Unterstützt wurde das Ansinnen durch die beiden Rapperswiler Geistlichen Christophor Fuchs und Felix Helbling. Nachdem alle drei suspendiert worden waren, widerriefen die ersten beiden, während Letzterer als liberaler Politiker Karriere machte und zu den Mitinitianten der Badener Artikel mit der zentralen Forderung nach einem Staatskirchentum gehörte. In der nachfolgenden innerkonfessionellen und innerkant. Auseinandersetzung standen Rapperswiler Politiker an vorderster Stelle: Die liberalen Regierungsräte Felix Helbling, Basil Ferdinand Curti und Ferdinand Curti befürworteten das Staatskirchentum, während Albert Curti - Redaktor beim "Wahrheitsfreund" (bis 1843 "Der St. Gall. Wahrheitsfreund") - und der spätere St. Galler Bf. Carl Johann Greith für die kath.-konservative Seite fochten. In der nachfolgenden Generation nahm der Journalist und Politiker Theodor Curti als Gegner des Kulturkampfs eine vermittelnde Position ein.

Während die St. Galler Behörden in der Mediations- und Restaurationsphase v.a. mit der Mittelbeschaffung und dem Aufbau staatl. Strukturen befasst waren, bereiteten liberale Kräfte - in R. in der Sternengesellschaft organisiert - und die ref. Zuwanderung den Boden für mehr Unternehmergeist. Am kanalisierten Stadtbach an der Grenze zur Gem. Jona, an dem sich ab dem 13. Jh. Gewerbebetriebe wie Mühlen, Sägen, Hammerschmieden, Bleichen und Färbereien angesiedelt hatten, setzte die Industrialisierung ein: Der ref. Christian Näf aus Wattwil errichtete 1803 eine der ersten mechan. Baumwollspinnereien der Schweiz, die ab 1817 von Johannes Hürlimann aus Richterswil und seinen Nachkommen betrieben und ausgebaut wurde. Eine noch grössere, bis 1993 als Familienbetrieb geführte Spinnerei gründeten 1811 die Brüder Brändlin aus Stäfa. Die 2008 weltweit operierende Geberit-Gruppe mit Sitz in Jona nahm ihren Anfang 1874 in R. als Spenglerei und später als Metallgiesserei und Werkzeugfabrik. 1877 gründete der Zürcher Heinrich Weidmann die Karton- und Pressspanfabrik, die 2008 als Wicor-Gruppe im Bereich der Hochspannungsisolation und Kunststofftechnik weltweit tätig war und als grösste Arbeitgeberin in R. 760 Arbeitsplätze stellte. Die günstigen Steuern und die landschaftlich reizvolle Wohnlage förderten die Zuwanderung wohlhabender Personen, die an der Bucht von Kempraten ihre Villen bauten. Der Anschluss an die Rickenstrasse 1833, an die Zürichsee-Dampfschifffahrt 1835 und an das schweiz. Eisenbahnnetz 1859 sowie die Eröffnung des Seedamms, der 1878 die alte Holzbrücke ersetzte, beschleunigten den Aufschwung. 1894 wurde die rechtsufrige Bahnlinie nach Zürich, 1910 mit dem Rickentunnel die Bahnstrecke nach Wattwil eröffnet.

Im 20. Jh. entwickelte sich R. mit Jona zum regionalen Dienstleistungszentrum. 1971 erfolgte die Eröffnung des interkant. Technikums. Mit dem Tourismus entstanden zahlreiche Hotels und Gaststätten. Beliebte Ausflugsziele sind der 1962 eröffnete Kinderzoo des Zirkus Knie sowie die mithilfe der eidg. Denkmalpflege unterhaltene ma. Altstadt samt dem 1419 erstmals erw. Rathaus und Schloss (ab 1870 mit Unterbrechung Standort des Polenmuseums). Insbesondere nach 1950 begünstigte die Nähe zum Wirtschaftsraum Zürich das Wirtschaftswachstum.

Die Stadt bot 2005 6'206 Arbeitsplätze (davon 83,1% im 3. Sektor). Ein grosser Pendlerstrom - 2000 standen 5'012 Weg- 2'547 Zupendlern gegenüber- sowie ein massiver Durchgangsverkehr (2004 ca. 25'000 Fahrzeuge pro Tag) stellten neue Herausforderungen. Während die Bodenreserven in R. knapp wurden, entwickelte sich das benachbarte Jona ab 1970 zur Agglomerationsgemeinde. Die Ortschaften wuchsen zusammen und waren gezwungen, zahlreiche Aufgaben gemeinsam anzugehen, was 2007 zur Fusion führte.


Quellen
SSRQ SG II/2
Literatur
– X. Rickenmann, Gesch. der Stadt Raperswil, 1855 (21878)
– X. Rickenmann, Gesch. der Stadt Raperswil als Bestandtheil des Kt. St. Gallen von 1803 bis jetzt, 1882
– F. Elsener, Die Verfassung der alten Stadt R. bis 1798, 1941
700 Jahre Stadtpfarrei R., [1953]
Kdm SG 4, 1966, 177-477
– E. Halter, R. im 19. Jh., 1980
– A. Stadler et al., Gesch. des Schlosses R., 1993
– B. Eberschweiler, «Ur- und frühgeschichtl. Verkehrswege über den Zürichsee», in MHVS 96, 2004, 11-32
– P. Röllin, Kulturbaukasten R.-Jona, 2005
SGGesch. 2, 181-202; 3, 173-189
– M. Schindler, «Das FrühMA im Raum R.-Jona», in NblSG 147, 2007, 84-117

Autorin/Autor: Alois Stadler