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Lateinische Münzunion

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Am Ursprung der L. standen Turbulenzen auf dem Edelmetallmarkt um die Mitte des 19. Jh. Die Entdeckung grosser Mengen Goldes in Australien und in den Vereinigten Staaten zwischen 1848 und 1851 hatte zu einer Verteuerung des Silbers im Verhältnis zum Gold geführt, die Spekulationen auslöste und eine Demonetisierung der Silberstücke angebracht erscheinen liess, weil deren effektiver Wert höher war als der nominale. Daher ersetzten die Goldmünzen (Geld, Münzen) nach und nach die Silbermünzen, was in den europ. Staaten zu Sorgen Anlass gab, auch weil der wesentlich höhere Eigenwert des Goldes zu beträchtl. Schwierigkeiten bei den Transaktionen bescheidenen Umfangs führte. Das Phänomen betraf auch die Schweiz, die mit dem eidg. Münzgesetz von 1850 den Franken eingeführt hatte, eine Münze mit einem Silbergehalt von 5 g und einem Feingehalt von 900/1000. Dasselbe Gesetz hatte auch den Umlauf von ausländ. Silbermünzen legalisiert, die mit dem franz. System übereinstimmten, darunter die französischen, belgischen und die des Königreichs Sardinien.

Zur Lösung dieses Problems gründeten Frankreich, Belgien, Italien und die Schweiz (vertreten durch Johann Konrad Kern, bevollmächtigter Minister in Frankreich, Albert Escher, Direktor der eidg. Münzstätte, und Carl Feer-Herzog, aarg. Nationalrat und anerkannte Autorität in Geld- und Handelsangelegenheiten) am 23.12.1865 in Paris die L., der sich 1868 auch Griechenland anschloss. Auf der Grundlage des Bimetallismus setzte sie ein Gold-Silber-Verhältnis von 1:15,5 fest und übernahm als Basis den franz. Franc, so wie er vom franz. Gesetz vom 28.3.1803 definiert war. Das Abkommen regelte die Münzprägung und legte einen Metallgehalt (Feingehalt) von 900/1000 für die Goldmünzen und die Silberscudi der beteiligten Länder fest. Sie wurden zum frei umlaufenden und allgemein akzeptierten Zahlungsmittel innerhalb der Staaten der Union. Auch der Feingehalt der Scheidemünzen (835/1000) wurde bestimmt. Durch den Beitritt zur Münzunion wurde die Schweiz Teil des franz. Währungsraums.

Wenige Jahre nach ihrer Entstehung wurde die L. mit einem Problem konfrontiert, das demjenigen, welches zu ihrer Gründung geführt hatte, entgegengesetzt war. Die Übernahme des Goldstandards durch das neu gegr. Deutsche Reich (1871) und die darausfolgende Liquidation der Silbermünzen zogen, zusammen mit einer Verknappung des Goldes und einer Zunahme der Silberproduktion, eine Abwertung des Silbers nach sich, was die Prägung von Silbermünzen begünstigte. Die Länder der Union begrenzten daher in den 1870er Jahren die Emission von Silbermünzen und stellten diese ab 1880 ganz ein. Diese Entwicklung verlief parallel zum fakt. Übergang vom Bi- zum Monometallismus (Goldwährung, Geld- und Währungspolitik).

Die Schwierigkeiten, die mit dem 1. Weltkrieg entstanden, führten dann zum endgültigen Untergang der Union: 1920 zogen Frankreich und die Schweiz ihre ausserhalb der Landesgrenzen umlaufenden Münzen zurück, 1921 tat Belgien dasselbe. Am 31.3.1921 wurden die ausländ. Scudi in der Schweiz ausser Kurs gesetzt. Ende 1925 trat Belgien aus der L. aus. Darauf schlug der Bundesrat Ende 1926 vor, die Union aufzulösen. Seit dem 1.4.1927 haben in der Eidgenossenschaft nur noch die schweiz. Gold- und Silbermünzen gesetzl. Zahlkraft.


Literatur
– L.-A. Dubois, La fin de l'Union monétaire latine, Diss. Neuenburg, 1950
– A. Niederer, Die lat. Münzunion, 1976
– B. Graf, Die Schweiz und die lat. Münzunion, Liz. Bern, 1995
– L. Einaudi, Money and Politics: European Monetary Unification and the International Gold Standard (1865-73), 2001
– S. Koch-Mehrin, Hist. Währungsunion zwischen Wirtschaft und Politik: die lat. Münzunion 1865-1927, 2001

Autorin/Autor: Sandro Guzzi-Heeb / RG