• <b>Uster</b><br>Der Bezirkshauptort von Norden. Aquarell und Gouache von   Jakob Eggli,   um 1856 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv). Am Fuss des mit Reben bepflanzten Hasenbühls liegen die Ackerfluren. Die von Bäumen gesäumte Kantonsstrasse führt Richtung Fehraltorf und Winterthur. Ein Zug der eben eröffneten Glatttalbahn verlässt den Bahnhof – gut ersichtlich sind die Lokomotivremisen – Richtung Wallisellen. Das markante Schloss und die reformierte Kirche liegen erhöht über dem Hauptort Kirchuster, in Oberuster (links davon) sind die Textilfabriken zu erkennen. Das schneebedeckte Tödimassiv (links) und die Urner Alpen runden das Bild ab.

Uster

Polit. Gem. ZH, Bez. U. Stadt an der Aa östlich des Greifensees gelegen, mit den vollständig zusammengewachsenen Ortsteilen Ober-, Kirch- und Niederuster sowie den Dörfern Werrikon, Nänikon, Winikon-Gschwader, Freudwil, Wermatswil (seit 1869 mit der Hintergasse, zuvor Gem. Pfäffikon ZH), Sulzbach, Nossikon und Riedikon. Winikon-Gschwader und Nossikon sind ins städt. Siedlungsgebiet integriert. 775 Ustra villa. 1467 ca. 600 Einw.; 1634 972; 1694 1'699; 1722 2'191; 1799 3'128; 1850 5'081; 1900 7'623, 1950 12'350; 1980 23'702; 2000 28'571.

Im Gegensatz zu den spärl. Funden aus der mittleren Steinzeit im Gemeindegebiet sind die Zeugnisse von Ufersiedlungen der neolith. Pfyner Kultur bei Riedikon sehr zahlreich. Mehrere bronzezeitl. Grabhügel blieben unerforscht. Röm. Gutshöfe sind in Nänikon, Riedikon und im Oberusterwald nachgewiesen. Eine 1694 an nicht näher bezeichneter Stelle gefundene Merkurstatuette aus Bronze steht heute im Landesmuseum. Der frühma. Siedlungskern ist aufgrund von Gräberfunden in Oberuster an den Ufern des Aabachs anzunehmen. Das Kloster St. Gallen verfügte um 741 über Besitz in Riedikon; davon abgesehen bleibt die Gütergeschichte der fränk. Zeit im Dunkeln. 775 wurden drei St. Galler Urkunden in U. ausgefertigt.

Die ma. Hochgerichtsbarkeit lag ohne das Blutgericht bei den Inhabern der Herrschaft Greifensee. Wermatswil und die Hälfte von Freudwil gehörten zu Kyburg, Sulzbach und Riedikon zu Grüningen; diese beiden Herrschaften teilten sich ins Blutgericht, dessen Grenze mitten durch U. dem Aabach entlang verlief. Ein Gericht von Freien in Nossikon ist im 13. sowie 14. Jh. und insbesondere durch die Offnung von 1431 belegt; seine Sonderstellung ging spätestens im 16. Jh. verloren. Die Burg U., deren Turmfundamente nach 1200 datieren, war Mittelpunkt einer bescheidenen Gerichtsherrschaft, als deren Inhaber 1267 die Frh. von Bonstetten nachweisbar sind. Im Alten Zürichkrieg (1436-50) vermochten diese für ihren Herrschaftsbereich die Neutralität zu wahren, sodass U. den Verwüstungen entgangen zu sein scheint, welche die benachbarte Landschaft verheerten. So war es auch möglich, dass die am 28.5.1444 in Nänikon hingerichtete Besatzung von Greifensee in U. ein christl. Begräbnis erhielt. Nachdem die Burg 1492 und ein in der Folge daneben erbautes Holzhaus 1526 abgebrannt waren, wurde Erstere wieder aufgebaut. 1535 verliessen die Bonstetten U., 1544 verkaufte der Herrschaftsinhaber Hans Vogler die niedergerichtl. Rechte an Zürich, das sie der Landvogtei Greifensee zuschlug. Ab 1560 gehörte die Burg U. als Privatsitz den letzten Generationen der Frh. von Hohensax und erfuhr danach bis Anfang des 20. Jh. mehrere Umbauten und Handänderungen. 1852--53 zum Sitz der Bezirksbehörden umgebaut, wurde sie nach Erstellung eines zentraler gelegenen Bezirksgebäudes 1917-19 in eine dem spätma. Vorbild nachempfundene baul. Form zurückgeführt und durch den Fabrikanten Jakob Heusser (1862-1941) für Schulzwecke adaptiert. Seitdem beherbergte die Burg versch. Schulen (seit 1995 die private Schloss Schule). Auf dem Land der 1927 errichteten Heusser-Staub-Stiftung am Schlossberg wurde nach 1975 der vollständig aus der Gem. verschwundene Weinbau wieder aufgenommen.

Die 1099 erstmals erw., von den Rapperswilern gestiftete Pfarrkirche St. Andreas war als Landkirche eine grosszügige dreischiffige Anlage. Sie wurde 1823 abgebrochen; archäolog. Untersuchungen verliefen 1982 ergebnislos. Der an sich wahrscheinliche rechtl. Zusammenhang mit der unmittelbar oberhalb der Kirche gelegenen Burg ist nicht nachzuweisen. Die Kollatur stand vielmehr ursprünglich den Rapperswilern zu und teilte bis 1369 die Geschicke der Herrschaft Greifensee. Danach blieb sie bei den Landenbergern und ging 1438 durch Kauf an das Kloster Rüti über. Sie galt als Bestandteil des sog. Laubishofs, dessen Standort sich nicht mehr feststellen lässt. 1473 wurde auf Betreiben der Kirchgenossen und gestützt auf ein älteres, heute verschollenes Exemplar ein Jahrzeitbuch angelegt, das zu den besterhaltenen des Kantons zählt. Mit der Aufhebung des Klosters Rüti während der Reformation fielen dessen Rechte 1525 an die Stadt Zürich. 1824 wurde die neue ref. Kirche, eine monumentale Anlage in klassizist. Stil, eingeweiht. Die eingangs erw. elf Orte gehörten zur Kirchgem. U., die überdies bis 1544 Greifensee, bis 1638 Volketswil, Hegnau, Zimikon, Kindhausen und Isikon, bis 1767 Gutenswil und bis 1770 Heusberg umfasste.

<b>Uster</b><br>Der Bezirkshauptort von Norden. Aquarell und Gouache von   Jakob Eggli,   um 1856 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).<BR/>Am Fuss des mit Reben bepflanzten Hasenbühls liegen die Ackerfluren. Die von Bäumen gesäumte Kantonsstrasse führt Richtung Fehraltorf und Winterthur. Ein Zug der eben eröffneten Glatttalbahn verlässt den Bahnhof – gut ersichtlich sind die Lokomotivremisen – Richtung Wallisellen. Das markante Schloss und die reformierte Kirche liegen erhöht über dem Hauptort Kirchuster, in Oberuster (links davon) sind die Textilfabriken zu erkennen. Das schneebedeckte Tödimassiv (links) und die Urner Alpen runden das Bild ab.<BR/>
Der Bezirkshauptort von Norden. Aquarell und Gouache von Jakob Eggli, um 1856 (Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv).
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Die elf Orte werden vom ausgehenden MA an als Dorfgemeinden fassbar. Siedlungen teilweise gewerbl. Gepräges entstanden im Hoch- und SpätMA unterhalb des Burghügels (1271 suburbium), in Wil und bei der Mühle Niederuster (1350 molendinum dictum die Ziegelmülj). Die Aussenhöfe entwickelten sich zu kleinen Bauerndörfern; einzelne von ihnen sind nur noch aus den Namen als Wüstungen zu erschliessen. 1668 fiel ein Drittel der Einwohner der Kirchgemeinde einem Pestzug zum Opfer. Das obere Glatttal samt U. zählte im 18. Jh. zu den Gebieten Europas mit dem höchsten Anteil an Heimindustrie; Ende des 18. Jh. dürften dort bereits ca. die Hälfte der Bevölkerung im Baumwollgewerbe tätig gewesen sein (Kantonsmittel 26%). 1798 wurde U. Distrikts-, 1803 und wiederum 1831 Bezirkshauptort; in der Restaurationszeit gehörte es zum Oberamt Greifensee. 1875 übersiedelte auch das Notariat von Greifensee nach U. Am sog. Ustertag, der 1830 gewaltlos die Regeneration des Kt. Zürich einleitete, hatte U. selbst wenig Anteil; die Einwohner standen dem Unternehmen ängstlich und passiv gegenüber. Anlässlich der alljährl. Gedenkfeier zündeten am 22.11.1832 zu diesem Anlass nach U. gekommene Heimarbeiter aus dem Oberland die oberhalb von Oberuster gelegene mechan. Weberei Corrodi & Pfister an (Usterbrand). 1867 tagte auf dem Zimiker, einer kleinen Anhöhe, eine der vier Volksversammlungen, welche die verfassungsrechtl. Umgestaltung des Kantons im Sinn der demokrat. Bewegung 1869 einleiteten.

Im 19. Jh. prägte die industrielle Revolution im Textilbereich mit mehreren Spinnereien und Webereien die wirtschaftl. Entwicklung von U. Eingeleitet wurde der Wandel v.a. von "Spinnerkönig" Heinrich Kunz und von Hans Heinrich Zangger. Die Wasserkraft der Aa wurde in U. schon seit Langem von drei Mühlen mit Nebenwerken genutzt und nun in den Dienst der neuen Technik gestellt ("Millionenbach"). Zwischen Wetzikon und Niederuster entstand eines der am dichtesten industrialisierten Gebiete Europas. Nach Hochwasserkatastrophen 1876 und 1878 erfolgte bis 1890 die Korrektion des Aabachs. Die schwere Krise der Textilindustrie liess die Zahl der Arbeitskräfte in der Baumwollspinnerei bis 1901 auf wenig mehr als die Hälfte der Zahl von 1855 sinken. 1891 brach die 1862 gegr. Leihkasse U. zusammen und wurde von der Schweiz. Volksbank übernommen. Die architekton. Zeugen der Industrialisierung sind seit 1985 durch den Industrielehrpfad verbunden; an die Stelle der seit 1994 nicht mehr in U. vertretenen Textilindustrie sind Betriebe der Maschinen- und der Elektrobranche getreten, wie z.B. die Zellweger Uster, die sich ab 1918 unter Jakob Heusser von einem kleinen Betrieb zu einem weltweit operierenden Unternehmen entwickelte. Dagegen verschwanden im Lauf des 20. Jh. mehrere Betriebe der Fahrrad- und Automobilindustrie wieder, die um die Jahrhundertwende entstanden waren (Turicum). Stellte der 2. Sektor 1991 noch 39% der Arbeitsplätze in der Gem., so verlor U. um die Wende zum 21. Jh. seinen Charakter als Industriestadt; 2005 dominierte der 3. Sektor mit 70% der Arbeitsplätze die lokale Wirtschaftsstruktur.

1856 eröffnete die Glatttalbahn eine Bahnlinie von U. nach Wallisellen, wo Anschluss an die NOB bestand. Schon im folgenden Jahr ging die Glatttalbahn in den Vereinigten Schweizerbahnen auf; die Bahnlinie wurde bis 1859 durch die Verlängerung über Wetzikon und Rapperswil nach Sargans und Chur zu einer wichtigen Verbindung im ostschweiz. Eisenbahnnetz aufgewertet. Die halbrunde Lokomotivremise und das Bahnhofsgebäude aus dieser Zeit bilden ein markantes verkehrsgeschichtl. Ensemble. Von versch. projektierten Querverbindungen wurde einzig die schmalspurige Strassenbahn nach Oetwil am See 1909 verwirklicht (1949 Umstellung auf Autobusbetrieb). Bis 1925 wurden die Postkutschenlinien nach U. durch Autobuskurse ersetzt, die seither ständig ausgebaut wurden. Seit 1890 verkehren Dampfschiffe (später Motorschiffe) auf dem Greifensee. Die Umfahrung U. als Teilstück der künftigen Oberlandautobahn A 53 wurde 1988 eröffnet.

Eine Sekundarschule wurde 1834 gegründet; Bemühungen um die Einrichtung einer Mittelschule blieben im 19. und 20. Jh. dagegen erfolglos. Die Kantonsschule U., die aus der 1974 eingerichteten und ursprünglich in Dübendorf angesiedelten Filialabteilung der Kantonsschule Zürich Oberland entstand, nahm den Lehrbetrieb 2013 auf. Nach der Mitte des 19. Jh. blühte ein reiches Musikleben in U., das später durch die Fam. des Nationalrats Heinrich Grunholzer gefördert wurde. Das Wirken von Pfarrer Friedrich Salomon Vögelin in U. führte nach einer heftigen Auseinandersetzung, aus welcher die heute noch bestehende Freie Kirche U. hervorging, 1868 zur reformer. Umgestaltung der Zürcher Landeskirche. Die ref. Kirchgemeinde Greifensee vereinigte sich 1931 wieder mit derjenigen von U., löste sich aber 1974 infolge starken Bevölkerungswachstums erneut ab. Die Entwicklung der Textilindustrie zog in der 2. Hälfte des 19. Jh. eine starke Zunahme des Ausländeranteils (1910 16%) nach sich, wobei die Zuwanderer mehrheitlich katholisch (1900 14% der Bevölkerung) waren und aus Italien stammten; 1911 wurde ein kath. Italienerpfarrer eingesetzt. Die 1884 im neugot. Stil erbaute kath. Kirche St. Andreas wich 1963 einem Neubau. Die 1963 errichtete kath. Kirchgemeinde umfasst auch Greifensee und Volketswil.

Die Grösse der Gem. machte 1889 die Einführung eines Gr. Gemeinderats (1970 umbenannt in Gemeinderat) zur Vertretung der Zivilgemeinden nötig. Wie die Exekutive (Gemeinderat, 1970 umbenannt in Stadtrat) wird er an der Urne gewählt. 1927 wurden die Zivilgemeinden abgeschafft; an die Stelle der Gemeindeversammlung trat mit Annahme der ausserordentl. Gemeindeorganisation der zu einem vollwertigen Gemeindeparlament aufgewertete Gr. Gemeinderat. Mit der neuen Gemeindeordnung von 1969 wurde U. zur Stadt erhoben. Ein privater Gemeindekrankenverein errichtete 1888 ein Krankenasyl, aus dem sich das heutige Bezirksspital entwickelte. 1904 entstand die Pflegeanstalt für bildungsunfähige Kinder (heute Wagerenhof), 1914 ein Altersasyl sowie 1940 ein Bürgerheim. 1967 wurde die Paul-Kläui-Bibliothek als hist. Regionalbibliothek eröffnet.


Archive
– StadtA U.
Literatur
– P. Kläui, Gesch. der Gem. U., 1964
775-1975: neue Beitr. zur Gesch. von U., 1976
Kdm ZH 3, 1978, 352-464
– U. Pfister, Die Zürcher Fabriques, 1992
– H.-P. Bärtschi, Industriekultur im Kt. Zürich, 1994, 96-107

Autorin/Autor: Bruno Schmid