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Sankt Gallen (Gemeinde)

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Polit. Gem. SG, Region S., Hauptstadt des gleichnamigen Kantons, seit 1847 Bischofssitz (Diözese), seit 1995 Universitätsstadt und ab 2012 Sitz des Bundesverwaltungsgerichts. Der Ursprung der Stadt S. liegt in einer neben dem Kloster S. entstandenen Siedlung, die nach dem Kloster benannt wurde. 700 sancti Galluni, ab 1212 sancti Galli, 1281 sante Gallin, 1347 stat sant Gallen. Der Name geht auf den gemäss Tradition irischen Mönch und Einsiedler Gallus zurück. Franz. Saint-Gall, ital. San Gallo, rätorom. Son Gagl. Durch die Vereinigung des knapp 4 km2 umfassenden Stadtterritoriums mit den Nachbargemeinden Straubenzell und Tablat 1918 erweiterte sich die Stadtfläche auf ihren heutigen Umfang von 39,4 km2.

Mit seiner Höhenlage zwischen 496 m und 1074 m befindet sich S. im Übergangsgebiet zwischen der mittelländisch geprägten Bodenseeregion und den Appenzeller Voralpen. Die Altstadt liegt in einem von der Steinach durchflossenen Hochtal. Die Flüsse Sitter und Goldach behinderten mit ihren tief eingeschnittenen Schluchten bis zum Eisenbahnbau 1856 den Verkehr mit dem Umland. Trotz dieser topografisch ungünstigen und innerhalb der Schweiz peripheren Lage übt S. in den Bereichen Wirtschaft, Bildung, Gesundheit und Kultur Zentrumsfunktionen für die Nordostschweiz und Teile des benachbarten Auslands aus. Im Verkehrsknotenpunkt S. schneiden sich die Verbindungen Zürich-München und Bodensee-Luzern.

Bevölkerung Sankt Gallena
JahrEinwohner
1411ca. 2 300-2 900
um 1500ca. 3 000-4 000
1680ca. 6 000
1766ca. 8 350
18098 118
18379 430

Jahr18501870b18881900191019301950197019902000
Einwohner17 85826 39843 29653 79675 48263 94768 01180 85275 23772 626
Anteil an Kantonsbevölkerung10,5%13,8%19,0%21,5%24,9%22,3%22,0%21,0%17,6%16,0%
Sprache          
Deutsch  42 20351 05966 92961 31464 88469 79962 01560 297
Italienisch  5901 9227 1461 6241 7936 9304 2432 722
Französisch  231385596508680615802575
Andere  2724308115016543 5088 1779 032
Religion, Konfession          
Protestantisch9 00913 15921 20125 18132 81531 04333 50134 04026 41720 961
Katholischc8 79913 16221 51428 05140 93231 36132 53744 53538 18831 978
Andere502395815641 7351 5431 9732 27710 63219 687
davon jüdischen Glaubens  399421825628463271152133
davon islamischen Glaubens       1962 1574 856
davon ohne Zugehörigkeitd       6903 8167 221
Nationalität          
Schweizer16 52923 80534 16840 34250 58252 67961 00966 27058 30053 132
Ausländer1 3292 7559 12813 45424 90011 2687 00214 58216 93719 494

a Angaben 1850-2000 gemäss Gebietsstand 2000

b Einwohner: Wohnbevölkerung; Religion, Nationalität: ortsanwesende Bevölkerung

c 1888-1930 einschliesslich der Christkatholiken; ab 1950 römisch-katholisch

d zu keiner Konfession oder religiösen Gruppe gehörig

Quellen:Autor; eidg. Volkszählungen

1 - Früh- und Hochmittelalter

1.1 - Ansiedlung um das Kloster

Aus archäolog. Sicht gibt es keine Hinweise auf eine ständige Besiedlung des heutigen Stadtbodens vor dem frühen MA. Die Frühgeschichte der Stadt ist eng mit jener des 719 von Otmar gegr. Klosters S. verknüpft. Als herrschaftl., wirtschaftl. und religiöses Zentrum zog es früh Menschen an, die sich in seiner Umgebung niederliessen. Erste schriftl. Belege der langsam um die Abtei wachsenden weltl. Siedlung reichen ins 10. Jh. zurück. Zu diesen Zeugnissen gehört die Erwähnung, dass das Kloster und seine nächste Umgebung nach 950 mit einer Mauer umgeben wurden.

Autorin/Autor: Stefan Sonderegger

1.2 - Kommunale Entwicklung

Im HochMA wuchs und festigte sich die städt. Siedlung. So sind 1170 erstmals Bürger der Stadt (cives) belegt. Ein Markt ist ab der 2. Hälfte des 12. Jh. nachzuweisen, der Marktplatz ist 1228 bezeugt. Es ist jedoch anzunehmen, dass man schon vorher in S. regelmässig Markt abhielt. Die Gründung des Heiliggeistspitals 1228 im Zentrum der Stadt belegt die Übernahme sozialer Aufgaben durch die Stadt. Dieses Spital für Hilfsbedürftige und Waisen, das sich im SpätMA zu einem Pfrundhaus entwickelte, war von Beginn an eine städt. und keine klösterl. Institution. Die Abtei, der die Stadt nach wie vor herrschaftlich unterstand, förderte deren Entwicklung in der Frühzeit. Ebenfalls bis in die 1. Hälfte des 13. Jh. zurück reichen Hinweise auf ein städt. Siechenhaus ausserhalb der Stadtmauern auf dem Linsebühl.

Autorin/Autor: Stefan Sonderegger

2 - Spätmittelalter bis frühe Neuzeit

2.1 - Herrschaft und Politik

2.1.1 - Aufbau einer städtischen Verwaltung und Emanzipationsbestrebungen im Spätmittelalter

Bis ins 15. Jh. emanzipierte sich die Stadt schrittweise von der Herrschaft des Klosters, zu dessen Kerngebiet S. wie Wil, das Appenzellerland und das St. Galler Rheintal gehört hatte. Dieser Verselbstständigungsprozess drückt sich im Ausbau der rechtl., polit. und administrativen Organisation aus. 1281 gab Kg. Rudolf I. der Bürgerschaft das Recht, vor ihrem eigenen Richter belangt zu werden. Von 1291 datiert die erste Handfeste, die auf einen Entwurf von 1272/73 zurückgeht. In dieser von Abt Wilhelm von Montfort ausgestellten Urkunde finden sich Ausführungen zu Grundbesitz, Erbschaft und Verpfändungen, die auf eine hohe Freiheit der Bürger gegenüber ihrer Herrschaft, dem Kloster, schliessen lassen. Zudem ist vom städt. Hoheitsgebiet innerhalb von vier Kreuzen die Rede. In der Handfeste wird explizit auf Konstanzer Recht Bezug genommen; es ist anzunehmen, dass sich das St. Galler Stadtrecht an demjenigen der Bischofsstadt Konstanz orientierte.

Von spätestens 1294 an bestand in S. ein städt. Rat mit einem eigenen Stadtsiegel. 1354 ist erstmals ein Bürgermeister bezeugt, und 1362 werden erstmals Zünfte erwähnt. Letztere hatten bereits polit. Funktionen inne, denn ebenfalls 1362 ist von einem Gr. Rat die Rede, in dem die Elfer, d.h. je elf Vertreter der Zünfte, sassen. Ab wann sich in S. die auch in anderen Städten typ. Teilung in einen Kl. und Gr. Rat herausbildete, bleibt offen. Dem Kl. Rat gehörten im 15. und 16. Jh. der Bürgermeister, Altbürgermeister, Reichsvogt (Vorsitzender der hohen Gerichtsbarkeit), je sechs Zunft- und Altzunftmeister und sieben oder neun nicht zünft. Ratsherren aus dem Kreis der Kaufleute oder der vom Grundbesitz lebenden Oberschicht an.

Die wachsende Autonomie der Stadt gegenüber dem Kloster zeigte sich in der eigenen gesetzgeber. Tätigkeit. Das erste Stadtsatzungsbuch geht auf die Mitte des 14. Jh. zurück, das zweite wurde 1426, das dritte 1508 angelegt. Im ersten Satzungsbuch finden sich Satzungen, Pfandbriefe, Urkundenabschriften und Abrechnungen städt. Amtsträger. Im zweiten und dritten Buch fehlen Abrechnungen. Diese wurden kurz nach 1400 in einer separaten, seriellen Buchführung festgehalten. Erhalten sind ab 1401 Seckelamtsbücher, ab 1402 Steuerbücher, ab 1419 Baurechnungen und ab 1425 Jahrrechnungen. Die noch vorhandenen Ratsprotokolle setzen 1477 ein. Das Vorhandensein dieser schriftl. Quellen weist auf den Ausbau der städt. Verwaltung um 1400 hin.

Nachdem der Zerfall der Klosterherrschaft bereits im 13. Jh. eingesetzt hatte, konnte das Kloster viele grundherrl. Ansprüche nicht mehr durchsetzen. Vergeblich versuchte die Abtei in der 2. Hälfte des 14. Jh. diese wieder einzufordern: Die Emanzipation der Stadt und von Teilen ihres Umlands war zu weit fortgeschritten. Daraus entstand ein langwieriger Streit zwischen Stadt und Kloster, der seinen ersten Höhepunkt in den Appenzeller Kriegen (1401-29) erreichte. S. verbündete sich mit den Appenzellern im gemeinsamen Kampf um ihre gewonnenen Freiheiten gegen das Kloster und setzte sich im Konflikt im Wesentlichen durch.

Der entscheidende Schritt auf ihrem langen Weg der Befreiung aus der Herrschaft des Klosters S. gelang der Stadt Mitte des 15. Jh. Der erste von drei eidg. Schiedssprüchen erlaubte der Stadt, der Abtei 1457 wichtige Rechte abzukaufen. S. durfte fortan selbst über Mass und Gewicht und über den Leinwandreif (Tuchmass) verfügen sowie den Ammann (äbt. Vertreter im städt. Rat), den Münzmeister und die Korn-, Fleisch- und Weinschätzer ernennen. Zudem fiel der Huldigungseid der Bürgerschaft gegenüber dem Abt weg.

Mit dem Amtsantritt von Abt Ulrich Rösch (1463-91) spitzte sich die Lage nochmals zu. Rösch und seinen Nachfolgern gelang es, mit Hilfe einer weitgehenden Vereinheitlichung der Gesetzgebung (Offnungen) in ihrem Territorium und einer schriftgestützten Verwaltung das Kloster zu einer Landesherrschaft auszubauen, wodurch die Hoffnungen der Stadt, ihr Hoheitsgebiet auszuweiten, schwanden.

Aussenpolitisch bewegte sich die Stadt zwischen dem Reich und der Eidgenossenschaft. Bereits in den Urkunden des 14. Jh. wird S. regelmässig als Reichsstadt bezeichnet, obwohl es diese Stellung erst Anfang des 15. Jh. erlangte, als es durch königl. Privilegien 1401 und 1415 die hohe Gerichtsbarkeit, 1415 das Münzrecht sowie 1417 das Recht, über die Reichssteuer selbst zu befinden, erhielt.

Auf eine aktive städt. Aussenpolitik deuten die ab 1312 nachweisbaren Bündnisse mit anderen Städten hin. So war S. Mitglied des Schwäbischen Städtebunds des späteren 14. Jh. Nach den Appenzeller Kriegen drangen einige eidg. Orte immer tiefer in die heutige Ostschweiz vor. 1454, drei Jahre nach der Abtei, schloss die Stadt S. ein Schirmbündnis mit Zürich, Bern, Luzern, Schwyz und Glarus und wurde darauf aus eidg. Sicht ein zugewandter Ort. Das Kloster versuchte mit Unterstützung der Eidgenossen, seine Position als legitime Herrschaft zu festigen. Nach weiteren Streitereien ergingen 1457-62 eidg. Schiedssprüche, die zwar einem nächsten Schritt zur Verselbstständigung der Stadt, aber noch nicht dem Ende des Konflikts gleichkamen. Im Rorschacher Klosterbruch 1489 bzw. im St. Galler Krieg 1489-90 kam es nochmals zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung. Trotz des ungünstigen Ausgangs für die Stadt - sie musste sich der eidg. Ordnungsmacht, die für die Abtei Partei ergriffen hatte, fügen - wurde deren Stellung als freie Reichsstadt und zugewandter Ort nicht mehr ernsthaft in Frage gestellt. V.a. aus wirtschaftl. Gründen bemühte sich S. um eine gute Beziehung zum Reich.

Autorin/Autor: Stefan Sonderegger

2.1.2 - Selbstständigkeit und politische Struktur in der frühen Neuzeit

Seine vollständige Selbstständigkeit erlangte S. im Wiler Vertrag von 1566. Dieser sah vor, dass eine sog. Schiedmauer die Hoheitsgebiete des Klosters und der Stadt voneinander trennte. Alle Rechte und Verpflichtungen, welche die beiden auf dem Gebiet des jeweils anderen Vertragspartners noch hatten, lösten sie mit Geldbeträgen ab. Von da an existierten die Fürstabtei und die Stadt S. bis 1798 als souveräne Staaten nebeneinander.

Im Stadtstaat S. lag die polit. Entscheidungsgewalt zu einem guten Teil beim Kl. Rat. Für besonders wichtige Geschäfte, z.B. beim Erlass von Stadtsatzungen, erweiterte er sich zum Gr. Rat. Als "Häupter" standen den Räten der Amtsbürgermeister, der Altbürgermeister und der Reichsvogt vor, die ihr Amt jährlich alternierend ausübten. Die Vertreter der sechs Zünfte (Weber, Schmiede, Schneider, Schuhmacher, Pfister und Metzger) besassen im Kl. und Gr. Rat stets eine rechtlich abgesicherte, klare Mehrheit der Sitze. In S. herrschte für alle männl. erwachsenen Bürger Zunftzwang, mit Ausnahme u.a. der Kaufleute und der Angehörigen freier Berufe, die sich in der Gesellschaft zum Notenstein versammelten. Die Notensteiner hatten aber keinen rechtl. Anspruch auf eine Vertretung in den Räten oder im Bürgermeisteramt. Ihr Anteil in diesen Positionen ging im Verlauf der frühen Neuzeit zurück. Vieles spricht dafür, dass der Rückgang mit dem mangelnden Interesse der Kaufleute an den Ämtern der politisch wenig einflussreichen Stadt zusammenhing.

Das nach zünft.-demokrat. Grundsätzen aufgebaute polit. System wurde im Ancien Régime ausgehöhlt, indem sich der Kreis der wichtigsten Amtsträger auf eine zünft. Oberschicht verengte, die sich die zeitaufwändige Ratstätigkeit leisten konnte. Dennoch bildete sich kein geschlossenes Patriziat, und der soziale Aufstieg in höchste Ämter blieb bis Ende des 18. Jh. in Einzelfällen möglich, wie die polit. Laufbahn von Caspar Steinlin belegt. Die Verwaltung der Stadt wurde mit Hilfe einiger anspruchsvoller Ämter (z.B. Stadtschreiber, Seckel-, Steuer- und Spitalmeister) und zahlreicher Hilfschargen (z.B. Wächter aller Art) besorgt, dank derer viele Bürger in irgendeiner Form im Dienst der Stadt standen.

Das spannungsreiche Verhältnis zwischen Fürstabtei und Stadt führte einerseits 1697 beinahe zum sog. Kreuzkrieg. Andererseits waren die beiden Hoheitsgebiete schon allein wegen ihrer Lage auf eine friedl. Koexistenz angewiesen. Der Stiftseinfang mit dem Verwaltungssitz der Fürstabtei lag innerhalb der Stadt und wurde von dieser umschlossen, während das weitläufige Territorium des Klosters die Stadt umfasste.

Nach der Niederlage im St. Galler Krieg 1489-90 gelang es der Stadt nie, sich ein Untertanengebiet zu erwerben. Die 1579 gekaufte Herrschaft Bürglen im Thurgau bedeutete weder eine polit. noch eine ökonom. Stärkung der Stadt. Während der ganzen frühen Neuzeit behielt S. seine traditionelle Doppelrolle zwischen Eidgenossenschaft und Reich bei; allerdings lehnte es sich vermehrt an die Eidgenossen an, die ihm 1667 den ständigen Beisitz an der Tagsatzung zugestanden.

Mit der Helvet. Revolution endete die Existenz der Stadtrepublik S. Unter franz. Druck und ohne Widerstand zu leisten, stimmte die Bürgerversammlung vom 29.4.1798 der Annahme der Helvet. Verfassung und damit der Eingliederung der Stadt in den neu geschaffenen Kt. Säntis zu.

Autorin/Autor: Marcel Mayer

2.2 - Gesellschaft und Wirtschaft

2.2.1 - Bevölkerung, Gesellschaft, Siedlung

Die Bevölkerung zählte im 15. und frühen 16. Jh. nach einer Schätzung aufgrund der ab 1402 erhaltenen Steuerbücher und eines Häuserverzeichnisses aus den 1470er Jahren 3'000-4'000 Personen. Damit gehörte S. im europ. Vergleich zu den mittelgrossen Städten. Die Einwohnerzahl vergrösserte sich bis Ende des 18. Jh. auf gut 8'000 Personen. Die städt. Bevölkerung war rechtlich unterteilt in Bürger, Ausbürger sowie Frei- und Hintersässen. Letztere waren in der Stadt Niedergelassene oder Aufenthalter ohne Bürgerrecht. Laut Stadtsatzungsbuch von 1673 hatten Freisässen ein einjähriges, erneuerbares Aufenthaltsrecht, während der Rat bei Hintersässen dieses jederzeit auflösen konnte.

Neben den rechtl. bestanden auch soziale Unterschiede in der städt. Gesellschaft. Ein hohes Sozialprestige genossen die Kaufleute (u.a. die Fam. Schobinger, Schlumpf, Studer, Zollikofer, Zili) als finanzstärkste Gruppe. Sie waren in der ab Mitte des 15. Jh. belegten Gesellschaft zum Notenstein und berufsständisch in der in den 1630er Jahren konstituierten, die städt. Wirtschaftspolitik massgeblich bestimmenden Kaufmänn. Corporation zusammengeschlossen. Obwohl rigorose Sittenmandate den Spielraum einengten, hoben sich die Kaufleute durch ihren Lebensstil und eine bewusste Heiratspolitik von der übrigen Bürgerschaft ab. Vermögende Fam. kauften vom 16. bis 18. Jh. im Rheintal, Fürstenland und im Thurgau Landsitze (z.T. mit Gerichtsherrschaften) und ahmten den adligen Lebensstil nach.

Mindestens drei Brände verwüsteten im MA die Stadt. Die darüber vorhandenen Informationen sind spärlich und v.a. im Fall der viel später entstandenen chronikal. Überlieferung mit Vorsicht zu interpretieren. Gemäss Vadian wurde S. am 2.5.1215 bis auf wenige Wohnhäuser und das Kloster zerstört. Am 23.10.1314 brannte das Kloster nieder, und nur wenige Häuser blieben verschont. Im dritten Stadtbrand vom 20.4.1418 wurden bis auf einige Häuser die ganze Stadt, das Kloster und die Vorstadt St. Mangen ein Raub der Flammen. Nach diesem Brand wurde beim Wiederaufbau auf eine feuersicherere Steinbauweise geachtet und zudem die Vorstadt St. Mangen in die Ringmauern einbezogen. Diese Stadterweiterung - die einzige im MA - machte den Bau von zusätzl. Toren und Türmen notwendig. Auf sie geht auch der heutige Marktplatz zurück, indem am Übergang von der alten zur neuen Stadt ein weiträumiger Platz für den Kornhandel und den Rindermarkt mit der 1475 errichteten Metzg (Schlachthaus) geschaffen wurde.

In der 2. Hälfte des 16. Jh. entstanden repräsentative städt. und private Bauten (u.a. Rathaus, Waaghaus, Schlössli beim Spisertor und das heutige Stadthaus). Dennoch behielt S. insgesamt ein baulich eher bescheidenes Gepräge. Als Statussymbole dienten weniger Stadtpalais als vielmehr die zahlreichen kunstvoll verzierten, grossenteils um 1700 erstellten Erker. Nach 1791 begann an der Rorschacher Strasse östlich der Altstadt vor den Stadtmauern die planmässige, strengen Vorschriften folgende Überbauung des Bodens.

Autorin/Autor: Stefan Sonderegger, Marcel Mayer

2.2.2 - Regionale Versorgung

S. war die grösste Siedlung in der Region; andere, kleinere Marktorte waren Altstätten, Rheineck, Rorschach, Wil, Herisau, Appenzell und Lichtensteig. S.s Markt bildete einen zentralen Ort für den Gütertausch zwischen Stadt und Land. Der städt. Versorgung diente die Produktion von Getreide v.a. im Fürstenland, von Wein im Rheintal und von Viehhaltungsprodukten im Appenzellerland und Toggenburg. Dabei ist eine aktive Rolle der Stadt zu erkennen. Städt. Institutionen wie das Heiliggeistspital sowie Bürger verfügten über ausgedehnten Bodenbesitz im Umland. Mit ihrer Beteiligung an der ländl. Wirtschaft und mit Krediten förderten sie insbesondere den Weinbau und die Viehwirtschaft.

Die Getreideproduktion des städt. Umlands genügte offensichtlich nicht, denn bereits für das 15. Jh. lassen sich Importe von schwäb. Getreide über den städt. Bodenseehafen Steinach und das dortige Gredhaus (Lager- und Zollhaus) nachweisen. Über S. wurde auch ein Teil des Appenzellerlands, das sich im Lauf des SpätMA auf Viehwirtschaft spezialisiert und dadurch zu wenig eigenes Korn hatte, mit Getreide beliefert.

Autorin/Autor: Stefan Sonderegger

2.2.3 - Textilproduktion und -handel

Die Stadt S. gehörte im SpätMA und in der frühen Neuzeit zu den wichtigsten Textilstädten Europas. Vom 11. Jh. an entwickelte sich in der Ostschweiz, wie im ganzen Bodenseeraum, ein Leinwandgewerbe, das nicht nur der Selbstversorgung und dem regionalen Markt, sondern auch dem Fernhandel diente (Leinwand). Allmählich gewann die Stadt als Leinwandort südlich des Bodensees an Bedeutung. Nach 1450 musste das durch Zunftaufstände erschütterte Konstanz seine Vorreiterrolle an S. abgeben, das zum neuen Zentrum der Leinwandproduktion um den Bodensee aufgestiegen war. Als wichtigster Grund für den wirtschaftl. Aufstieg gilt die hohe Qualität der Tücher. Deren Kontrolle bestand aus der von städt. Beamten durchgeführten strengen "Schau" der teils auf dem Land, teils in der Stadt gewobenen Rohleinwand. Einen überaus guten Ruf genoss auch die sankt-gall. Leinwandveredlung (Bleichen, Färben und Mangen).

Das städt. Leinwandgewerbe beruhte auf der in Zunftsystemen übl. Trennung von Produktion und Vertrieb. Der Rat verteidigte die Arbeitsorganisation, welche die traditionell mächtige Weberzunft begünstigte, und unterband in der Stadt bis Ende des 18. Jh. weitgehend erfolgreich das Verlagssystem im Leinwandgewerbe. Eine im langfristigen Trend gute Konjunktur wies dieses vom 16. bis zum beginnenden 17. Jh. sowie von der 2. Hälfte des 17. bis zum frühen 18. Jh. auf.

St. Galler Kaufleute engagierten sich vom 13. Jh. an im Fernhandel mit Leinwand aus dem Bodenseegebiet. Bis zum frühen 16. Jh. bauten sie ein europ. Handelsnetz auf, das sich von Deutschland bis Italien und von Polen bis nach Spanien erstreckte, wie das Beispiel der Diesbach-Watt-Gesellschaft zeigt. Bis ins SpätMA dominierten die Handelsbeziehungen über den Bodensee mit dem Reich, was sich in der städt. Aussenpolitik (Städtebünde, ab 1387 nachweisbare gegenseitige Zollprivilegien mit Nürnberg) spiegelte. Aus den Geschäftsbeziehungen entstanden auch familiäre Verbindungen von St. Galler Geschlechtern mit Fam. aus Konstanz, Ravensburg, Lindau, Isny und weiteren Städten. Nach dem Schluss des Ewigen Friedens von 1516 zwischen Frankreich und der Eidgenossenschaft wuchs die Bedeutung des Handels mit Frankreich, v.a. auf dem wichtigen Messeplatz Lyon. Einen regelmässigen Postdienst unterhielten die meistens in kleinen Handels- oder Familiengesellschaften zusammengeschlossenen Kaufleute mit Nürnberg (spätestens ab ca. 1480) und Lyon (ab ca. 1560). Ab Ende des 17. Jh. wandten sich einige Kaufleute vom Kerngeschäft des Leinwandhandels ab und betätigten sich im Speditionsgeschäft, im Handel mit Edelmetallen sowie im Bankgeschäft. So gründeten die Fam. Högger (franz. Hogguer) und Zili (spätere Privatbank Wegelin) bedeutende Bankhäuser.

In den 1720er Jahren setzte der langsame Niedergang des Leinwandgewerbes ein. Gleichzeitig fasste mit der Einführung der Barchentweberei durch Peter Bion 1721 die Baumwollverarbeitung in S. Fuss. Das Spinnen, Weben, Veredeln und ab den 1750er Jahren Besticken von Baumwolle beschleunigten den Zerfall des Leinwandgewerbes, eröffnete der Stadt und ihrer Umgebung aber neue Entwicklungsmöglichkeiten. Bion hatte erreicht, dass die Baumwollverarbeitung nicht den städt. Zunftvorschriften unterstellt, sondern im Verlagssystem betrieben wurde. Im ausgehenden 18. Jh. beschäftigten St. Galler Verleger Zehntausende Heimarbeiter in der Nordostschweiz und im angrenzenden Ausland.

Autorin/Autor: Marcel Mayer

2.3 - Religion, Bildung und Kultur

2.3.1 - Religion

Das älteste Gotteshaus auf heutigem Stadtboden war das Kloster, an dessen Unterhalt sich die Stadtbürger noch im 15. Jh. beteiligten. St. Laurenzen, ursprünglich eine Kapelle des Klosters, danach Leutkirche für die Stadtbevölkerung, wurde im 14. Jh. - seit damals ist die bauliche und administrative Aufsicht des Rats bezeugt - Stadtkirche. In der St. Laurenzenkirche versammelte sich die Gem. auch, um den Bürgermeister zu wählen und die Beschlüsse des Rats entgegenzunehmen. Die Pfarrei St. Laurenzen umschloss Mitte des 14. Jh. ein Gebiet, das von S., Straubenzell, Tablat, Rotmonten, Wittenbach bis nach Häggenschwil, Teufen (AR), Bühler, Gais, Hundwil, Speicher und Trogen reichte.

Die Kirche St. Mangen im gleichnamigen Stadtteil geht auf 898 zurück, der heutige Bau stammt aus der Zeit um 1100. 926 erlitt die Inklusin Wiborada, die ab 916 in einer der St. Mangenkirche angebauten Klause lebte, den Märtyrertod. St. Mangen diente der Bevölkerung von Bernhardzell, Rotmonten sowie der Vorstadt St. Mangen als Pfarrkirche. Im gleichen Stadtteil lag das in der Reformation aufgehobene Frauenkloster St. Katharinen. Die 1228 gegr. Frauengemeinschaft wechselte 1368 von der Augustiner- zur Dominikanerregel. Beim Stadtbrand von 1418 wurde das Kloster teilweise zerstört.

Das älteste, vermutlich um 1150 durch Abt Werinher (1133-67) gestiftete Gotteshaus im Gebiet St. Leonhard diente als Quartierkirche und Hundwil längere Zeit als Pfarrkirche. Wann die Stadt dessen Unterhalt übernahm, ist unklar. Bei St. Leonhard befanden sich zudem zwei Frauengemeinschaften, die im Zug der Reformation aufgehoben wurden. In der Nähe des Siechenhauses Linsebühl befand sich wahrscheinlich ab dem 13. Jh. eine Kapelle, die im späten 15. Jh. durch eine Kirche (Patrozinium St. Martin) ersetzt wurde. Letztere benutzten die Leprosen sowie die Bewohner der Spiser-Vorstadt.

Unter der Leitung von Joachim von Watt, genannt Vadian, und Johannes Kessler trat S. schon früh zur Reformation über (1524 Einführung des Schriftprinzips, 1527 erste Abendmahlsfeier in der Stadtkirche St. Laurenzen). Die städt. Bürgerschaft setzte sich während der frühen Neuzeit ausschliesslich aus Reformierten zusammen. Deren Kirche besass die Stellung einer von der weltl. Obrigkeit beaufsichtigten Staatskirche. 1685 wurde zur geistl. Betreuung der Hugenotten die Eglise française gegründet; 1686 dürften rund 300, 1688 über 1'000 hugenott. Flüchtlinge unterstützt worden sein. Im 17. Jh. geriet die städt. Kirche in orthodoxe Erstarrung (Formula Consensus von 1675). Als Reaktion darauf bildeten sich im frühen 18. Jh. pietist. Konventikel, die jedoch kaum Einfluss auf die offizielle Kirche nahmen. Gegen Ende des 18. Jh. wandte sich diese dem religiösen Rationalismus zu.

Autorin/Autor: Stefan Sonderegger, Marcel Mayer

2.3.2 - Bildung und Kultur

Bereits vor der Reformation führte die Stadt eigene Schulen. Im 14. Jh. ist eine Lateinschule bezeugt, im 15. Jh. kamen eine Dt. Schule und eine Mädchenschule hinzu. 1598 wurde aufgrund einer privaten Stiftung ein Gymnasium gegründet; der Unterricht fand ab 1599 im ehem. Kloster St. Katharinen statt. Als bescheidene theol. Fakultät funktionierte die 1713 ins Leben gerufene und bis 1833 bestehende Höhere Lehranstalt. Zahlreiche ref. St. Galler Theologen studierten nun nicht mehr oder nur kurz an auswärtigen, hauptsächlich dt. Universitäten.

Im kulturellen Bereich spielte Vadian in der 1. Hälfte des 16. Jh. eine herausragende Rolle, etwa durch seine hist. Werke und die Schenkung seiner bedeutenden Bibliothek an die Stadt. Im Gegensatz zu anderen ref. Orten wurde in der Stadt des 16. und 17. Jh. das Theaterspiel betrieben. Die Aufführungen der Werke des Stadtbürgers Josua Wetter standen teilweise im Wettstreit zu den Heiligenspielen des Fürstabts. Von der Pflege des Chorgesangs zeugen die Herausgabe eines Kirchengesangbuchs von 1533 und die Gründung des Collegium musicum 1620.

Autorin/Autor: Marcel Mayer

3 - Das 19. und 20. Jahrhundert

3.1 - Politik und Verwaltung

3.1.1 - Von der Helvetik bis zur Regeneration

Als Folge der Neuordnung der Schweiz in der Helvetik wurde S. 1798 Hauptort des Kt. Säntis. Der Stiftsbezirk gehörte zur Gem. Tablat und nicht zum städt. Hoheitsgebiet. Ein Munizipalitätsrat, der als Vertretung nicht nur der Ortsbürger, sondern aller stimmberechtigten Einwohner amtierte, bildete die neue Stadtbehörde. Für die Verwaltung der aus vorrevolutionärer Zeit stammenden Bürgergüter war eine Gemeindekammer zuständig. Allerdings liessen sich die Vermögenswerte, Aufgaben und Kompetenzen der Munizipalität und der Ortsbürger vorerst nicht klar voneinander trennen. Die Zünfte, die durch die Neuerungen der Helvetik ihrer wirtschaftl. und polit. Funktionen beraubt worden waren, veräusserten ihren Besitz und lösten sich auf.

Im 1803 neu geschaffenen Kanton S. bildete die Stadt S. als Hauptstadt einen Bezirk, einen Kreis und eine polit. Gemeinde. Im Gr. Rat erhielt sie im Vergleich mit den übrigen Kantonsgebieten eine Übervertretung zugestanden, die erst 1861 aufgehoben wurde. Die Leitung der Stadt oblag während der Mediationszeit einem von der Generalversammlung aller Stimmberechtigten gewählten Gemeinderat, dessen Befugnisse nach dem Ende der franz. Vorherrschaft auf einen Stadtrat übergingen.

Autorin/Autor: Marcel Mayer

3.1.2 - Von der Regeneration zur Stadtvereinigung

Die liberale Kantonsverfassung von 1831, welche im Sinne der Regeneration die Volksrechte ausbaute, förderte die Entwicklung der Einwohnergemeinden, indem sie deren klare Trennung von den Bürgergemeinden verlangte. Für die Stadt S. bedeutete dies, dass die polit. Gemeinde und die Ortsbürgergemeinde 1831-32 eigene Organisationen schufen und ihre Aufgabenbereiche sowie die Vermögenswerte untereinander aufteilten.

Zu den Gemeindeversammlungen der polit. Gemeinde waren zunächst nur die Orts- und Kantonsbürger zugelassen. Niedergelassene Bürger aus anderen Kantonen konnten erst daran teilnehmen, nachdem 1849 und 1867 zwei dahingehende kant. Gesetze erlassen worden waren. Die städt. Stimmbürger vertraten bereits in den 1830er Jahren mehrheitlich liberale Anschauungen. Die Stadt galt, namentlich in den kant. Verfassungskämpfen des 19. Jh., als freisinnige Hochburg. Als ungeteilte polit. Behörde fungierte der bis 1918 im Majorzverfahren gewählte Gemeinderat. 1900 wurden zur Erfüllung der städt. Aufgaben fünf Verwaltungsabteilungen eingerichtet. Diesen stand je ein Gemeinderat (ab 1909 Stadtrat) vor, die der Gemeinderat aus seinen eigenen Mitgliedern wählte, die aber noch kein selbstständiges Organ mit eigenen Befugnissen bildeten.

Die Ortsbürgergemeinde mit ihrem ausgedehnten Landbesitz beteiligte sich noch lange an der Verwirklichung öffentl. Bauvorhaben. In der 2. Hälfte des 19. Jh. erstarkte dank der Hochkonjunktur der Stickereiindustrie die polit. Gemeinde. Neben den traditionellen Verpflichtungen (u.a. Vollzug kant. Gesetze und Verordnungen, Polizeihoheit im weitesten Sinne, Handänderungs- und Hypothekarwesen, Fürsorge für die Nichtbürger) übernahm sie aufgrund des zügigen Ausbaus der städt. Infrastruktur zahlreiche neue Aufgaben. Die Ortsbürgergemeinde erfüllte weiterhin vielfältige Aufgaben im Einbürgerungs-, Sozial- und Gesundheitswesen (Bürgerspital) sowie im kulturellen Leben. Die finanzielle Grundlage dafür bildeten die eigene Bank (Ersparnisanstalt der Stadt S., heute Vadian-Bank), Landwirtschaftsbetriebe und die Forstwirtschaft.

Autorin/Autor: Marcel Mayer

3.1.3 - Von der Stadtvereinigung bis zur Gegenwart

Der Boom der Stickereiindustrie und die damit verbundene starke Zunahme der Bevölkerung führten dazu, dass S. mit seinen beiden Nachbargemeinden Tablat und Straubenzell um die Jahrhundertwende zusammenwuchs. Schliesslich vereinigten sich die beiden Gem. 1918 mit der Stadt, wodurch sich deren Bevölkerung annähernd verdoppelte und sich deren Gebiet etwa verzehnfachte.

Mit der Stadtvereinigung wurde bei den Stadtbehörden erstmals die Trennung zwischen Legislative (Gemeinderat, ab 1984 Gr. Gemeinderat, seit 2005 Stadtparlament) und Exekutive (Stadtrat mit zunächst sieben, seit 1924 fünf Mitgliedern) eingeführt. Die Entwicklung der Stadtverwaltung verlief nach 1918 wechselhaft. Zunächst zwang die wegen der Stickereikrise schlechte wirtschaftl. Lage während der Zwischenkriegszeit zu einem massiven Abbau an Verwaltungspersonal (Rückgang des Personalbestands 1922-33 von 1'467 auf 1'245 Stellen). Während des 2. Weltkriegs hatte die Stadt neue Aufgaben, etwa in den Bereichen Kriegswirtschaft und Luftschutz, zu übernehmen. Schliesslich weitete sich die Verwaltungstätigkeit in der 2. Hälfte des 20. Jh. durch den Aufbau des Sozialstaats und die steigende Bedeutung von Bildungs- und Dienstleistungsangeboten erheblich aus (Personalbestand 2008: 2'118,7 100%-Stellen).

In den 1920er Jahren bildete sich auf Kosten der bedeutungslos werdenden Demokraten eine Vorherrschaft der Freisinnig-Demokratischen Partei (FDP) als zunächst stärksten Partei sowie der Katholisch-Konservativen, der späteren Christlichdemokrat. Volkspartei (CVP), und der Sozialdemokrat. Partei (SP) heraus, die bei Gemeinderatswahlen über Jahrzehnte mehr als 80% der Stimmen auf sich vereinigten. Als Oppositionspartei vermochte sich ab 1939 eine Zeit lang der Landesring der Unabhängigen zu etablieren. Seit den 1980er Jahren verteilen sich die Wählerstimmen auf mehr Parteien, darunter die Schweiz. Volkspartei (SVP) und die Grünen. Die bürgerl. Mehrheit blieb aber ungebrochen. Konstanz zeichnet auch die Zusammensetzung des Stadtrats aus, der seit 1924 aus Vertretern und seit 1985 auch Vertreterinnen der FDP (2 Sitze), CVP (1-2 Sitze) und SP (1-2 Sitze) besteht. Bis auf zwei Unterbrechungen (1981-2004 SP und 2005-06 CVP) stellte ab 1918 stets die FDP den Stadtpräsidenten.

Autorin/Autor: Marcel Mayer

3.2 - Gesellschaft und Wirtschaft

3.2.1 - Bevölkerung und Siedlung

Die Stadt S. zählte 1799 rund 8'000 Einwohner. Bis gegen die Mitte des 19. Jh. nahm deren Zahl langsam zu. Dann beschleunigte sich das Wachstum, so dass die Stadt 1910 knapp 38'000 Personen (ohne Straubenzell und Tablat) zählte. Die um 1800 noch mehrheitlich aus ref. Ortsbürgern bestehende Bevölkerung wurde nun hinsichtlich Herkunft und Konfession heterogener. 1910 belief sich der Ausländeranteil auf 31% (ca. ⅔ Deutsche). Nach der Stadtvereinigung von 1918 lebten gut 69'000 Personen in S. Dieser Wert ging aber infolge der Wirtschaftskrise und des Wegzugs (v.a. Junge und Ausländer) bis 1941 um 10% zurück. Dank des z.T. durch einwandernde Südeuropäer bewirkten Wachstums erreichte die Stadtbevölkerung 1970 mit fast 81'000 Personen ihre bisherige Maximalgrösse. Weil danach viele Leute in die Agglomerationsgemeinden zogen, nahm die Einwohnerzahl wieder ab und pendelte sich zu Beginn des 21. Jh. bei rund 70'000 Personen ein. Davon machten die Ausländer 2005 rund 27% aus (ca. ⅓ aus dem ehem. Jugoslawien).

Mit dem Bevölkerungswachstum im 19. Jh. weitete sich das Siedlungsgebiet S.s aus. Unmittelbar vor den Stadtmauern wurden ab dem späten 18. Jh. Häuserzeilen, später ganze Gevierte nach strengen Bauvorschriften erstellt. Um die als eng empfundene Altstadt zu öffnen, brach man ab den 1830er Jahren die Befestigungsanlagen ab (1836-79 Abreissen der Stadttore mit Ausnahme des Karlstors) und füllte die Stadtgräben auf. Die Überbauung des engen Hochtals schritt in der Folge zügig voran. Der 1856 erfolgte Anschluss der Stadt an das Eisenbahnnetz förderte diese Entwicklung, die zur Entstehung eines Geschäftsquartiers zwischen Altstadt und Bahnhof führte. Als auf dem Talboden das Bauland knapp wurde, begann ab den 1880er Jahren die Überbauung der nördlich und südlich davon gelegenen Hänge. Das Villenquartier am sonnigen Rosenberg bildete einen sozialen Kontrast zu den eng nebeneinander gestellten Mietshäusern an der Bernegg und am Freudenberg auf der gegenüberliegenden Seite.

Dank der Stadtvereinigung verfügte S. ab 1918 über umfangreiche Baulandreserven. Diese blieben während der von der Stickereikrise geprägten Zwischenkriegszeit erhalten. In der 2. Hälfte des 20. Jh. dehnte sich das Siedlungsgebiet jedoch durch den von der Hochkonjunktur begünstigten Bau neuer Wohn- und Industriequartiere sowie Einkaufszentren in westl. und östl. Richtung nochmals erheblich aus.

Autorin/Autor: Marcel Mayer

3.2.2 - Wirtschaft und städtische Infrastruktur

1801 nahm eine auf Betreiben von Marc-Antoine Pellis errichtete Aktiengesellschaft im leer stehenden Kloster S. eine mechan. Baumwollspinnerei in Betrieb, die zu den Pionierunternehmen der schweiz. Industrialisierung zählt und der in der Stadt und Umgebung bald weitere Fabriken folgten. Wichtiger als die Spinnerei wurde indes die gegen Mitte des 19. Jh. einsetzende mechan. Stickerei. Dieser Industriezweig beherrschte bis zum 1. Weltkrieg die Wirtschaft der Stadt, die als Sitz weltweit tätiger Exportfirmen (u.a. Stickereihaus Union, Iklé Frères, Fenkart & Abegg, Reichenbach, Hirschfeld, Otto Alder AG, Hufenus & Co.) zum Zentrum eines grossen Stickereiproduktionsgebiets wurde. Die Wirtschaftsstruktur weiter Teile der Nordostschweiz sowie Vorarlbergs war darauf ausgerichtet. Der techn. Fortschritt erlaubte eine massive Produktionssteigerung, wobei die mechan. Stickerei nicht nur als Fabrik-, sondern immer auch als Heimarbeit betrieben wurde. Zu Beginn des 20. Jh. zählte die St. Galler Stickerei zu den wichtigsten Exportartikeln der Schweiz, die v.a. in die USA, nach Grossbritannien, Frankreich und Deutschland ausgeführt wurde. Einen namhaften Teil der städt. Wirtschaft machten zudem die Zuliefer- (Spinnereien, Zwirnereien) und Veredlungsbetriebe (Bleichereien, Appreturen) der Stickerei aus.

Andere Wirtschaftszweige wie der Maschinenbau oder die Schokoladefabrikation spielten bis 1914 eine untergeordnete Rolle. Um die Bedürfnisse der aufstrebenden Wirtschaft zu befriedigen, wurden Banken für die Geldbeschaffung und Kreditgewährung sowie 1858 die Helvetia Versicherungen als erste schweiz. Transport-Versicherungsgesellschaft gegründet. Von der Mitte des 19. Jh. an schritt der Aufbau einer modernen städt. Infrastruktur (1852 Telegraf, 1857 Gaswerk, 1895 Wasserversorgung aus dem Bodensee, 1897 Elektrizitätswerk und Tram, ab 1905 Schwemmkanalisation, 1916-18 mechan.-biolog. Kläranlage) zügig voran.

Der 1. Weltkrieg und seine Folgen, v.a. der Modewandel der 1920er Jahre, leiteten den raschen Niedergang der Stickereiindustrie ein, der in der Stadt und Region S. eine tiefe Wirtschaftskrise mit hoher Arbeitslosigkeit verursachte. Um sich aus der Abhängigkeit von der Textilbranche zu lösen, strebte S. eine Diversifikation der Wirtschaftsstruktur an. 1943 entstand im Zusammenhang mit dem durch die kriegsbedingte Anbauschlacht geweckten Interesse für Landwirtschaft die fortan jährlich durchgeführte Ostschweiz. Land- und Milchwirtschaftl. Ausstellung (Olma).

Die Hochkonjunktur nach dem 2. Weltkrieg veränderte die städt. Wirtschaft nachhaltig: So beschäftigte die Textilindustrie (ohne Kleiderfabrikation) bereits 1965 weniger Personen als die Metall- und Maschinenindustrie. Obwohl die gesamtwirtschaftl. Bedeutung der Stickereiindustrie mit derjenigen um 1900 nicht mehr zu vergleichen ist, zählte S. zu Beginn des 21. Jh. mit Firmen wie Bischoff Textil, Forster Rohner und Jakob Schlaepfer weltweit zu den innovativsten Orten der Stoffentwicklung.

Der Dienstleistungssektor wächst seit den 1960er Jahren auf Kosten der Industrie und des Handwerks und umfasste 2001 85% aller Betriebe (v.a. kleinere und mittelgrosse Unternehmen). 2009 war das Kantonsspital S. mit ca. 4'200 Angestellten der grösste Arbeitgeber. In S. befinden sich die Zentrale der schweiz. Raiffeisenkassen (2009 1'300 Mitarbeitende) und der Hauptsitz der Helvetia Versicherungen (2009 550 Mitarbeitende).

Wie anderswo nahm die Motorisierung der Bevölkerung in der 2. Hälfte des 20. Jh. sprunghaft zu und führte in der schmalen, lang gezogenen Stadt zu erhebl. Verkehrsproblemen. Eine zeitweilige Entlastung der innerstädt. Durchgangsachsen brachte 1987 nach umstrittenen Planungsarbeiten die Eröffnung der Stadtautobahn. Der Förderung des öffentl. Verkehrs diente u.a. die Teilnahme S.s am 2002 eingeführten Tarifverbund Ostwind.

Autorin/Autor: Marcel Mayer

3.3 - Bildung, Religion, Kultur

3.3.1 - Bildung

Nach der Kantonsverfassung von 1814 oblag das Erziehungswesen bis 1861 den Konfessionen und deren Behörden. Den Reformierten der Stadt S. standen die aus der Zeit vor 1800 stammenden Schulen offen, während die Katholiken 1822 eine eigene Schulgenossenschaft gründeten. 1879 wurden die konfessionellen Trägerschaften für die Volksschule aufgelöst bzw. zur Einwohnerschulgemeinde S. verschmolzen. 1918 ging das Volksschulwesen in die Kompetenz der polit. Gemeinde über. Getrennte Wege gingen die Konfessionen zunächst auch bei den Mittelschulen (evang. Gymnasium von 1598, kath. Gymnasium von 1809), bis 1856 nach zahlreichen Widerständen die überkonfessionelle Vertragsschule (Kantonsschule) zustande kam.

Für Lehrlinge, später auch Lehrtöchter entstand 1860 eine Freiwillige Fortbildungsschule, aus der sich die Gewerbl. Berufsschule entwickelte. Deren Besuch war ab 1919 obligatorisch. In die Berufsarbeit bei Eisenbahn, Post, Telegraf und Zoll führte 1899 die Verkehrsschule ein. Eine Zeichnungsschule (1867) sowie ein Industrie- und Gewerbemuseum (1878) mit Bibliothek (heute Textilmuseum mit Fachbibliothek) dienten der Stickereiindustrie als Ausbildungsstätten. Für den kaufmänn. Nachwuchs wurde 1898 die Handelsakademie gegründet, aus der nach bescheidenen Anfängen die heutige Universität Sankt Gallen wuchs. Im 20. Jh. kamen Fachschulen und 1999 die Fachhochschule S. hinzu. An der Wissensvermittlung für ein breiteres Publikum beteiligen sich der Wissenschaftl. Verein (1815), die Naturwissenschaftl. Gesellschaft (1819) und der Hist. Verein (1859), aber auch die Stifts-, die Kantons- (Vadiana) und die Universitätsbibliothek sowie das Staats- und das Stiftsarchiv und die Stadtarchive.

Autorin/Autor: Marcel Mayer

3.3.2 - Religion

In konfessioneller Hinsicht bildeten die Reformierten zu Beginn des 19. Jh. die grosse Mehrheit (1809 91% der Stadtbevölkerung). Später sank ihr Anteil (1860 66%, 1900 53%) als Folge der Binnenwanderung, während die Zahl der Katholiken, die 1847 zu einem eigenen Bistum gekommen waren, anstieg. Mit der Stadtvereinigung von 1918 entstand ungefähr ein Gleichgewicht. Nach dem 2. Weltkrieg avancierten die Katholiken aufgrund der Zuwanderung von Südeuropäern zur stärksten konfessionellen Gruppe. Im Gefolge des im Kanton S. heftig geführten Kulturkampfs entstand 1878 eine christkath. Kirchgemeinde mit 166 stimmberechtigten Mitgliedern, die seit 1895 über eine eigene Kirche verfügt.

1863 schlossen sich 22 in S. lebende Juden zur Israelit. Kultusgemeinde (heute Jüd. Gemeinde S.) zusammen. Daneben existierte 1917-52 die orthodox ausgerichtete Gem. Adass Jisroel, der vorwiegend osteurop. Juden angehörten. Die Religionsgemeinschaften der Katholiken, Reformierten, Christkatholiken und Juden sind als kant. Landeskirchen anerkannt. Im Zug der Säkularisierung und Immigration veränderte sich gegen Ende des 20. Jh. die religiöse Zusammensetzung der Bevölkerung. 2009 belief sich der Anteil der Muslime auf 10,1%, der orthodoxen Christen auf 5,7% und der Konfessionslosen auf 8%.

Autorin/Autor: Marcel Mayer

3.3.3 - Kultur

Das Bedürfnis nach Geselligkeit und gemeinsamen Kulturaktivitäten brachte zahlreiche Vereine hervor, z.B. 1798 die gesellige Trischligesellschaft, 1827 den Kunstverein sowie Sänger-, Turn- und Schützenvereine. In ihnen herrschte zunächst oft eine an aufklärer. Ideale, teils an nationale Gefühle appellierende Grundstimmung. Im Gefolge des Kulturkampfs und der Sozialen Frage bildeten das kath. Milieu und die Arbeiterbewegung ihre je eigenen Vereine.

Die Vereine stehen auch am Anfang der meisten musealen Sammlungen. Für diese erstellte die Ortsbürgergemeinde S., die bis nach der Mitte des 20. Jh. in der Kulturförderung eine massgebl. Rolle spielte, 1877 einen Museumsbau. Darin befinden sich seit 1921 die Kunst- und die Natursammlungen. Die Bereiche Geschichte und Völkerkunde erhielten damals zusammen ein eigenes Gebäude. Das Kunstmuseum kam in den Besitz namhafter Werke durch private Mäzene wie Curt und Erna Burgauer oder Eduard Sturzenegger. Sammlungen von überregionaler Bedeutung äufneten überdies das Textilmuseum (1878) mit den Sammlungen Iklé und Jacoby sowie für naive Kunst und art brut das Museum im Lagerhaus (1988). 1983 wurde der Stiftsbezirk in die Unesco-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.

Seit 1801 wird in S. auf einer permanent betriebenen Berufsbühne professionell Theater gespielt. Die Theater-Trägerschaft bestand zunächst in einer privaten Aktiengesellschaft (1805), später in einer Genossenschaft (1967, Neuregelung 2000). Der Dreispartenbetrieb des Theaters wird heute grösstenteils von Kanton und Stadt S. subventioniert. Das 1903 gegr. Marionettentheater (heute Figurentheater) und die 1965 eröffnete Kellerbühne sind weitere feste Institutionen im St. Galler Kulturleben.

Der Konzertverein organisierte ab 1877 regelmässige Konzerte. Gleichzeitig bildete er die Trägerschaft des Städt. Orchesters (heute Sinfonieorchester), das auch als Theaterkapelle dient und 1917-44 von Othmar Schoeck geleitet wurde. Mitte des 20. Jh. erweiterte sich u.a. mit der zeitweiligen Etablierung einer Jazzszene in den 1960er Jahren oder dem Open Air (seit 1981) das Musikangebot für ein vorwiegend junges Publikum.

Unter den Sportanlässen zieht v.a. der Fussball mit dem FC St. Gallen (1879, ältester noch existierender Fussballclub der Schweiz) und dem FC Brühl (1901) viel Publikum an. Beliebt ist auch Handball mit dem TSV St. Otmar (1924 als Turnverein gegründet). S. ist Austragungsort des Pferdesportereignisses CSIO Schweiz.

Autorin/Autor: Marcel Mayer

Quellen und Literatur

Archive
– KBSG
– StadtA S.
– StASG
– StiA S.
Quellen
St. Gall. Jb., 1823-43, bearb. von P. Ehrenzeller et al., 1824-63
Geschäftsber. des Stadtrats S., 1852-
Gallus-Stadt, 1943-96 (mit St. Galler Chronik)
Statist. Jb. der Stadt S., 1922-
Chartularium Sangallense 3-11, bearb. von O.P. Clavadetscher, S. Sonderegger, 1983-2009
SSRQ SG I/1
Literatur