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Appenzell (Bezirk)

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Bez. (vergleichbar der polit. Gem.), Feuerschau-, Kirch- und Schulgemeinde. Das Dorf A. liegt inmitten des Talkessels der Sitter an der mittleren Ostgrenze des Bez. A. Mit seinen Aussenquartieren greift es in das Gebiet der Bez. Rüte (nördl. der Sitter) und Schwende (südl. der Sitter) aus. Als Hauptort des Halbkt. A. Innerrhoden ist A. Sitz der kant. Behörden, alter Marktflecken und das Zentrum des Inneren Landesteils. 1071 Abbacella. Die Zusammensetzung aus den ahd. Lehnwörtern abbat und cella ist als Benennung eines Wirtschaftshofs des Abts von St. Gallen zu deuten.

Bevölkerung
JahrEinwohner der Feuerschaugem.a
15351 500
15972 100
16261 800
16642 300
17132 600
18012 300
18503 000
18803 450
19003 600
19203 950
19503 770
19703 750 (5 200)b
19803 700 (5 300)b
19904 000 (5 700)b

a alter oder innerer Feuerschaukreis

b in Klammern: Feuerschaugem. mit Grenzen seit 1962

Jahr 1880190019201950197019801990
Einwohner des Bezirks4 3024 5745 1735 0015 2174 7815 194
SpracheDeutsch4 2984 5425 1274 9204 5304 1494 375
 Französisch     2     6   15   10     4     5   10
 Italienisch     1   19   19   58 433 279 182
 Andere     1     7   12   13 250 348 627
KonfessionProtestantisch 157 257 190  142 222 313 430
 Katholisch4 1434 3164 9794 8434 9734 3224 326
 Andere und konfessionslos     2     1    4   16   22 146 438
 davon konfessionslos         65
NationalitätSchweizer4 1474 4204 9394 7834 4504 1204 261
 Ausländer 155 154 234 218 767 661 933

Quellen:Autor, BFS

1 - Von der Ur- und Frühgeschichte zum Frühmittelalter

Ein in den Forren bei A. als Einzelfund entdecktes spätbronzezeitl. Schaftlappenbeil erlaubt keine eindeutigen Rückschlüsse auf eine urzeitl. Besiedlung oder Begehung. Bis tief in das FrühMA hinein war das Gebiet um A. überwiegend bewaldet und kaum besiedelt.

Autorin/Autor: Achilles Weishaupt

2 - Vom Hochmittelalter bis zur Helvetik

2.1 - Siedlung, Bevölkerung und Wirtschaft

Dank von den Äbten des Klosters St. Gallen gerufenen Siedlern setzte die Kolonisation des Talkessels der Sitter spätestens im 11. Jh. ein. Erstmals wird der Ort A. 1071 in der Stiftungsurkunde der auf Rodungsland (in novali loco) errichteten Mauritiuspfarrei erw. Neben dem äbt. Hof -- er dürfte das Quartier südl. des heutigen Landsgemeindeplatzes von der Platte bis zur Hofwiese umfasst haben -- nennt ein um 1200 angelegter Abgabenrodel auch die im Bez. A. liegenden Streusiedlungen Brenden, Lank, Lehn und Meistersrüte. Die dürftige Quellenlage vor 1500 erlaubt keine genaue Rekonstruktion der frühen Siedlungsentwicklung. Die ersten Dorfhäuser wurden wohl entlang den Verbindungswegen zwischen Kirche und äbt. Hof gebaut, an der Reichsstrasse und am Unterlauf des Gansbachs, was dem Dorf eine Ost-West-Richtung gab. Die östl. der Kirche über die Sitter führende Metzibrücke liess als Verlängerung dieser Achse einen kleinen Brückenkopf zu. Den östl. Abschluss bildete ein Konglomerat von Wirtschafts- und obrigkeitl. Bauten. A. wurde 1291 durch Truppen der Gf. von Werdenberg-Sargans verwüstet. Im Zusammenhang mit der Erteilung des Marktrechts (1353) stehen wohl der Schmäuslemarkt (südl. der Hauptgasse, gegenüber dem Rathaus) und die nach Art städt. Hofstätten gebildeten, geschlossenen Häuserzeilen der Haupt- und Hirschengasse. Letztere war als Querachse in Nord-Süd-Richtung hinzugekommen, ebenso Verbindungswege, Plätze und platzartige Erweiterungen. Das südl. des Dorfkerns gelegene Ried-Quartier geht auf eine wohltätige Stiftung von 1483 zugunsten armer Dorfbewohner zurück.

Die Loslösung des Landes A. von der äbt. Herrschaft und der Aufstieg des Dorfs A. zum Hauptort des Landes bedingten die Freihaltung eines Platzes für die Landsgem. und den Bau eines Rathauses. Erstmals am 10.10.1367 und häufig im 15. Jh. werden Dorf und Gerichtsort A. zur Unterscheidung vom Land ze Appacelle zu dem Hof genannt. Davon leitet sich die noch geläufige Bezeichnung der Dorfbewohner als "Hofer" her, in Abgrenzung zu den Bauern der Einzelhofsiedlungen.

Informationen über Umfang und Anlage des Dorfkerns geben ab Mitte des 16. Jh. die Nachtwächter-Verordnungen. Am 18.3.1560 wurde A. ein Raub der Flammen. Beim Wiederaufbau hielt man sich grösstenteils an die alten Hofstätten und Fundamente. Durch die Landteilung (1597) wurde die Bedeutung von A. als Hauptort empfindl. geschmälert. Feuersbrünste zerstörten 1679 und 1701 das Dorf nur teilweise. Als Bauten, welche die Dorfsilhouette prägten, entstanden 1560-84 die Pfarrkirche, 1560-65 das Beinhaus, 1560-83 das Rathaus, am Südostrand 1563-70 das sog. Schloss, 1611-22 das Kapuzinerinnenkloster und vor 1568 das Zeughaus sowie als westl. Abschluss 1587-88 das Kapuzinerkloster. Ein Vergleich von hist. Ansichten (1586, 1642, 1839) zeigt, dass sich Grösse und Struktur der Dorfsiedlung vom 16. Jh. bis zur Mitte des 19. Jh. kaum verändert haben.

Um den äbt. Hof siedelten wohl schon früh Handwerker. Vom 14. Jh. an ist eine Vielzahl von Handwerken und Gewerben nachgewiesen, und das sog. Antworten- und Mandatenbuch enthält ab 1547 Regelungen und Kontrollen für Wirte, Müller und Metzger. Mit dem am 23.9.1353 erteilten Recht auf Abhaltung zweier Jahrmärkte und Erhebung von Zöllen begannen sich im landwirtschaftl. geprägten Dorf ein bäuerl. Bedarfsgewerbe und ein lokaler Handel zu entwickeln. Um 1400 zeugen eine Taverne und Massnahmen betr. Masse und Gewichte von Handelsaktivitäten. Vom letzten Viertel des 15. Jh. an wurde auch ein wöchentl. Garn- und Wergmarkt abgehalten. Spätestens ab Ende der 1440er Jahre gehörte A. zum Leinwand webenden Hinterland der Stadt St. Gallen. Später begannen Appenzeller selbstständig Fernhandelsbeziehungen zu knüpfen (1494 Venedig, 1497 Konstanz, um 1499 Lyon, 1529 Frankfurt am Main). Bestrebungen, den Flecken A. zu einem unabh. Leinwandplatz zu erheben -- dazu gehören der Bau einer eigenen Bleiche, eines Beuchhauses und einer Walke (1535-37) sowie die Gründung einer Leinwandges. (1537) --, schlugen aber angesichts harter Konkurrenzmassnahmen der Stadt St. Gallen wiederholt fehl, letztmals 1683. Bestand hatten nur die Bleicherei (bis 1842) sowie die Leinenspinnerei und -weberei. Besonders die Spinnerei von feinem Leinengarn war stark verbreitet. Um die Mitte des 18. Jh. kam die Baumwollspinnerei hinzu. Daneben spielten fremde Kriegsdienste im 16.-18. Jh. für zahlreiche Fam. (v.a. Sutter, Bischofberger, Büchler, Knusert, Ulmann) eine bedeutende Rolle. Wie im übrigen Kantonsgebiet war auch in A. die Landwirtschaft auf Vieh- und Milchwirtschaft ausgerichtet, unter Nutzung der Alpen im Alpsteingebiet und in einem besonderen System der Besitzverhältnisse und Zusammenarbeit zwischen Sennen (Viehbesitzer, Alpsömmerung) und Heubauern (Talgutbesitzer, Überwinterung). An Gemeingütern des Inneren Landesteils (Allmenden, Alpen, Waldungen, Weiden) hatten Bewohner von A. versch. Sondernutzungsrechte.

Autorin/Autor: Achilles Weishaupt

2.2 - Die kommunale Gesellschaft, kirchliches und kulturelles Leben

Im Lauf des Hoch- und SpätMA bildete sich aus den zahlreichen grund-, leib-, kirch- und gerichtsherrl. Rechten des Klosters St. Gallen ein fürstäbt. Herrschaftskomplex, zu dessen Sicherung mit den Rhoden eine neue rechtl. und wirtschaftl. Organisation geschaffen sowie um 1210 nördl. von A. die Burg Clanx gebaut wurde. Die Einw. von A. waren St. Galler Gotteshausleute, unter denen die Meier und Ammänner eine hervorragende soziale und wirtschaftl. Stellung innehatten (Steintürme in der Lank, Burgstelle Schönenbühl am Hirschberg). Nicht zuletzt Pensionen aus Solddiensten ermöglichten 1517, 1518, 1537 und letztl. 1566 die rechtl. und abgabenmässige Ablösung von der Abtei. Dies und die Ausbildung einer eigenständigen kommunalen Organisation dürfte den ständ. Ausgleich in der noch wenig erforschten Gesellschaftsstruktur A.s im SpätMA und in der frühen Neuzeit gefördert haben, führte aber zu neuen polit. und wirtschaftl. Ungleichheiten. Als Hauptort des Landes A. bzw. Innerrhodens wurde der Flecken A. zum Sitz führender Fam. (Sutter, Fässler, Streule, Bischofberger, Dähler, Geiger, Schiess). Im 16. und 17. Jh. schloss sich die Führungsgruppe, die neben hohen Landesämtern auch Offiziersstellen in fremden Diensten innehatte, zusehends ab.

1071 legte Abt Norbert von St. Gallen die Grenzen des Pfarrsprengels der äbt. Eigenkirche St. Mauritius -- das Patrozinium ist erstmals in der Marktrechtsurkunde (1353) erw. -- in A. fest. Bf. Thietmar von Chur hatte sie zuvor auf Bitten und im Auftrag Bf. Rumolds von Konstanz geweiht und reichl. ausgestattet. In den Auseinandersetzungen zwischen Ks. Friedrich II. und dem Papsttum wurde die Kirche 1248 der Abtei St. Gallen inkorporiert (1253 bestätigt). St. Mauritius war die Mutterpfarrei der inneren Rhoden. Nebst dem Leutpriester -- die Namen sind seit 1370 bekannt -- sind vom 15. Jh. an Helfer nachgewiesen. Nachdem die Kirchhöre A. z.Z. der Reformation mehrheitl. beim alten Glauben geblieben war, wurde die ref. Minderheit im Zuge der Gegenreformation 1588 durch einen Glaubensvertrag zur Konversion oder Auswanderung gezwungen. 1645 gingen die Kollaturrechte an Landammann und Rat zu A. über. Die Bildung von vier Tochterpfarreien (Gonten 1647, Haslen 1666, Brülisau 1845, Schwende 1914) und zwei Kuratien (Eggerstanden 1727, Schlatt 1769-1970) hing im 17. Jh. mit der Intensivierung der Seelsorge nach dem Konzil von Trient (1563), im 19.-20. Jh. mit der Zunahme der Bevölkerung zusammen.

Die grosse Ausdehnung der urspr. Pfarrei sowie die spätma. und die barocke Frömmigkeit führten seit 1409 zur Errichtung von Kaplaneipfründen. Die kath. Reform brachte 1586-87 die Gründung des Kapuzinerklosters "Mariä Lichtmess". 1613 folgte die Wiederherstellung einer schon 1420-21 belegten Schwesterngemeinschaft des Dritten Ordens des hl. Franziskus als Kapuzinerinnenkloster "Maria der Engel". Kirchl. Bruderschaften sind quellenmässig erst vom 17. Jh. an fassbar. Geistliches und Weltliches waren in A. besonders stark verzahnt, da sich die Grenzen der Pfarrei und des Inneren Landesteils lange Zeit deckten.

Der um 1068/69 erbauten ersten Pfarrkirche St. Mauritius folgte um 1300 ein spätrom. Saalbau. Ihre heutigen Ausmasse erhielt die Kirche spätestens 1488-1513 durch den Neubau einer spätgot. dreischiffigen Anlage, welche auch das Selbstbewusstsein des neuen eidg. Standes A. repräsentierte. Nach dem Dorfbrand von 1560 erfolgte die Wiederherstellung der Standeskirche von 1513, deren Schiff aber 1824-43 einem klassizist. Neubau weichen musste (Innenraum 1890-92 in Neurokoko). Die Sakrallandschaft von A. bereicherten ein 1565 erbautes Beinhaus (1857 abgebrochen), die 1561 errichtete Heiligkreuzkapelle, die 1594 erstellte St. Martinskapelle (urspr. Siechenkapelle, heute Lourdeskapelle), die 1661 erbaute St. Antonskapelle im Rinkenbach, die erstmals 1696 erw. Kapelle St. Anna bei der Haggenbrugg sowie die Andachtskapellen St. Michael am Blumenrain (1612), St. Anna und St. Jakob auf dem Rütirain (1630) sowie Maria Hilf im Hundgalgen (1874).

Schulunterricht auf freiwilliger Basis wurde schon im 15. Jh. gegeben. Später hielt ein Geistlicher die Lateinschule, ein weltl. Schulmeister die Dt. Schule. Im 16. Jh. hat der Flecken A. in der Nähe der Kirche und Pfrundhäuser ein eigentl. Schulhaus erhalten. Ein Schulmeister ist erstmals 1555 erw., der spätere Landammann Bartholomäus Dähler. Die älteste Schulordnung datiert aus der Zeit um 1620. 1679 wurden dem Hilfslehrer der Dt. Schule auch Mädchen zugewiesen, nachdem 1639 Bestrebungen zur Gründung einer Schule bei den Klosterfrauen gescheitert waren. Ab 1738 erteilte ausser dem Hauptlehrer auch ein Provisor oder Hilfslehrer elementaren Unterricht.

Die gehobene Kultur der führenden Fam. A.s zeigt sich beispielhaft in den wenigen Steinbauten aus dem 16. Jh., dem spätgot. Bürgerhaus (sog. Schloss) mit Kreuzgiebel, rundem Treppenturm und säulengestützter Vorhalle, dem reich ausgestatteten Haus Salesis (wohl letztes Drittel 16. Jh.), sowie in den Dorfhäusern Konkordia (17. Jh.) und an der Hauptgasse (nach 1560). Die kirchl. Kultur präsentiert sich am eindrücklichsten an der Pfarrkirche mit Turm, Chor und Krypta vom Vorgängerbau (1488-1513), einem rom. Missale (vor 1183), einem Jahrzeitbuch (1566) und einem Taufbuch (1570) mit Titelminiaturen Caspar Hagenbuchs.

Autorin/Autor: Achilles Weishaupt

2.3 - Verfassung, dörfliche Einrichtungen und politisches Leben

Erstmals 1323 ist die Rede von "den landlüten ze Appenzell", womit der Innere Landesteil gemeint war. Wie sich der Name A. später auf das Land A. ausbreitete, so deckt sich auch die polit. Gesch. des Dorfs in vielem mit jenen des Landes A. bzw. Innerrhodens. Umständehalber ergaben sich mit der Zeit nähere Bezeichnungen für A.: Hof (um 1300), Dorf (Ende 15. Jh.) und Feuerschau (1585). Das Dorf A. erstreckte sich bis 1873 über die Gebiete der Rhode Lehn sowie Teile der Rhoden Schwende, Rüte und Rinkenbach. Die als Geschlechtergemeinschaften organisierten Rhoden hatten in A. Innerrhoden nur wenige Gemeindefunktionen. Für den Dorfkreis A. entwickelte sich vom 16. Jh. an die Feuerschau als Gemeinwesen, das im Lauf der Jahre in Ermangelung einer Ortsgem. zunehmend kommunale Aufgaben übernahm. Hatte sie anfängl. nur die Brandverhütung und -bekämpfung wahrgenommen, so wurden ihr im 17.-18. Jh. auch die Wasserversorgung, die Bewilligung von Niederlassungen, der Erlass von Bau- und Gewerbeordnungen sowie das Steuerrecht übertragen. Ihre Organe hatten auch richterl. Kompetenzen, die so weit gingen, dass Hintersassen des Landes A. Innerrhoden verwiesen werden konnten. Oberste Instanz war die "Dunke", d.h. die obligator. Versammlung der Hausbesitzer im Feuerschaukreis. Deren Name leitet sich von der alljährl. gemeinsamen Dichtigkeitsprüfung der Löschbehälter ab. Den Rat der Feuerschau bildeten seit 1642 der im Dorfkreis wohnende Landammann von Innerrhoden zusammen mit anderen Landesbeamten -- wie Statthalter, Pannerherr, Seckelmeister, Landweibel und Landschreiber -- und drei Feuerschauern. Im 18. Jh. wurden an der Dunke nur noch die Rechnung vorgelegt und die Verordnungen verlesen.

Das aus der erw. Stiftung von 1483 hervorgegangene Riedquartier durfte von Armen aus den Rhoden Lehn und Rinkenbach genutzt werden. Die Nutzungsberechtigten (seit 1615 nur noch Verheiratete oder Verwitwete mit weniger als 1'000 Pfund Vermögen) erhielten eine Hofstatt zum Hausbau, eine begrenzte eigene Nutzfläche und durften Weiden, Wiesen und Hölzer mitnutzen. Pferdeweide und Käseherstellung waren jedoch verboten. Die Riedgenossen verwalteten ihre Stiftung selbst, wobei eine jährl. abgehaltene Riedgem. für die laufenden Geschäfte eine Riedkomm. wählte (älteste Statuten 1602). Das Dorf A. besass im 16. Jh. zwei Siechenhäuser, ein älteres in der Sandgrube (1517 erstmals erw., wohl 1560 verbrannt) und ein jüngeres auf der Liegenschaft Geren/Hälenbrunnen (1540-42 erbaut, vor 1766 abgerissen), wo nach 1598 neben Kranken auch gebrechl. und alte Leute Aufnahme fanden. An dessen Stelle stand das 1766 erstmals erw. Armenhaus (1904 abgebrochen). Das nach 1575 nordöstl. von A. erbaute Spital (1912 abgebrannt) diente anfängl. als Fremdenherberge und Heim für ältere Pfründner, später als Waisenhaus, Straf- und Arbeitsanstalt. Die Wasserversorgung erfolgte bis Mitte des 19. Jh. durch private und öffentl. Brunnen. Da die meisten Häuser noch keine Zuleitungen besassen, wurde besonderes Gewicht auf die Sauberkeit der sechs öffentl. Brunnen gelegt. Als Feuerlöschreserve dienten zwei südl. des Dorfs angelegte Wassersammler. Um Feuersbrünsten vorzubeugen, patrouillierten (erstmals am 15.12.1519) zwei Feuerschauer. Eigens für sie wurde auf dem Landleutehaus, das Marktzwecken und als Salzlager diente, ein Wachthaus erstellt. 1579 wurde eine Feuer- und Wächterverordnung geschaffen (1642, 1675 und 1790/93 modifiziert).

Die wohlhabende und führende Schicht Innerrhodens war in A. konzentriert. Besonders ausgeprägt war das Übergewicht des Hauptorts in der Exekutive. Damit bestand zwischen A. und den ländl. Gebieten (besonders den Rhoden Schlatt und Gonten) im ausgehenden 18. Jh. eine Spannung, die sich im sog. Sutterhandel manifestierte. In dieser Zeit begannen versch. Angehörige der Oberschicht das aufklärer. Gedankengut zu rezipieren und sympathisierten z.T. offen mit der Helvet. Republik, namentl. Pfarrer Josef Anton Sutter, die beiden Offiziere Johann Josef Michael Büchler und Johann Baptist Graf, der spätere Landammann Karl Franz Josef Anton Bischofberger und der Arzt Johann Nepomuk Hautle. Aufklärer. Sozietäten bildeten sich in A. jedoch nicht.

Autorin/Autor: Achilles Weishaupt

3 - Das 19. und 20. Jahrhundert

3.1 - Wirtschaft und Verkehr

Mit der Erstellung der hauptsächl. Strassenverbindungen (1852-53 nach Gais, 1862-68 nach Urnäsch, 1867-69 nach Wasserauen, 1877 nach Hundwil, 1902-14 nach Oberriet) und dem etappenweisen Ausbau des Streckennetzes der später zu den Appenzeller Bahnen (AB) fusionierten vier Eisenbahnges. stiegen die Möglichkeiten für Tourismus und Industrie.

Die landwirtschaftl. Nutzfläche wurde durch die Meliorationen der Forren (1936-37) und Mendle (1943-44) ausgeweitet. Die in den 1870er Jahren einsetzende Wirtschaftskrise führte zu einer Modernisierung der Landwirtschaft, diese zur Gründung von drei Viehzuchtgenossenschaften (A. 1894, Lehn 1945, Rapisau 1965). Vor dem Ausbau der Ausfallstrassen vermochten die kleineren lokalen Gewerbebetriebe den regionalen Bedarf zu decken. Fremde Handwerker brachten neue Techniken ins Land und übten zu Beginn des 19. Jh. meistens seltene Berufe aus (z.B. Kupferschmiede, Stoffdrucker, Zinngiesser, Kreidemacher). Eine grössere Zahl von Heimarbeiterinnen (im Bez. A. 1880 646, 1920 1'178) betrieben Handstickerei für Ausserrhoder und St. Galler Verlags-Unternehmer, später auch für einheim. Fergger.

1870-76 wurden in A. fünf Maschinenstickereien gebaut. Die meisten überdauerten nur kurze Zeit. Mehr Bestand hatte die von der franz. Firma Marie Fanny Driou & Cie. erstellte Fabrik im Ziel (1871-1930). Nach der Inbetriebnahme der Schmalspurlinien Urnäsch-A. (1886) und Gais-A. (1904) sowie des Elektrizitätswerks A. (1905) entstanden einige Fabrikationsbetriebe, hauptsächl. der Textilbranche, von denen nur wenige die Stickereikrise nach dem 1. Weltkrieg überlebten. Vierzehn vornehml. auf die Veredelung und den Vertrieb von Textilerzeugnissen spezialisierte Fabrikbetriebe, u.a. die alba AG & weba AG (1923) und die Doerig + Kreier AG (1923), beschäftigten 1925 mehr als 220 Arbeitskräfte. Weitere wichtige Firmen in A. sind die Brauerei Karl Locher AG (Brauerei 1728 belegt, Firma 1886 gegr.), die Liqueur-Destillerie Emil Ebneter & Co. AG (1902), die Bürstenfabrik Emil Broger (1902-80) und die Textilfabrik Lehner Les Accessoires AG (1938). Einen neuen, wenn auch bescheidenen Aufschwung nahmen kleine und mittelgrosse Betriebe der Maschinen-, Metall-, Kunststoff- und Baubranche nach dem 2. Weltkrieg: Litex Neon AG (1959), Fenster Dörig AG (1959), Chemora AG (1965-93), Bühler AG (1966), KUK Electronic AG (1990). Daneben ist v.a. das kleingewerbl. Handwerk stark vertreten.

Die Hotellerie wurde mit der Erschliessung des Alpsteins gefördert. Zu den älteren Bädern Hofer- (1628 erw.) und Oberbad (1372) gesellte sich eine Reihe z.T. kurzlebiger Anstalten (Kaubad seit 1851, Bad Dreikirchenstein 1881-85, Sonnenau 1892-97, Rosengarten 1896-1940). Eine relativ starke Bedeutung kommt seit dem 2. Weltkrieg dem Tagesausflugsverkehr zu. Die Konzentration von Detailhandel (über 40 Geschäfte), Banken, Schulen, Versicherungen und Verwaltungen (Bez., Feuerschaugem., Kt.) widerspiegelt A.s Bedeutung als regionales Zentrum (1990 44,7% Zupendler).

Erwerbsstatistik
Jahr19301950197019801990
1. Sektor19,1%15,7%10,7%10,0%6,7%
2. Sektor68,8%52,8%55,8%49,4%37,8%
3. Sektor12,1%31,5%33,5%40,6%55,5%

Quellen:BFS

Autorin/Autor: Achilles Weishaupt

3.2 - Siedlung, Gesellschaft, Kultur und Bildung

Bis ins frühe 19. Jh. stagnierte die Einwohnerzahl A.s -- auch unter dem Einfluss von Wirtschaftskrisen (1771-72, 1817-18) und Epidemien (v.a. Typhus, Diphtherie, Ruhr, Pocken) -- in etwa auf dem Niveau von 1710. Danach wuchs sie dank aufkommender Heimindustrie und gefestigtem Gewerbe bis 1920 allmähl. an, sank dann infolge der Stickereikrise, um erst ab 1960 wieder anzusteigen. Infolge der in A. mit Verzögerung einsetzenden, dafür umso krisenfesteren Hochkonjunktur nach dem 2. Weltkrieg zählte die Feuerschaugem. A. 1990 5'700 Einw. (1997 6'200). Dem Wachstum förderl. waren u.a. die landschaftl. Vorzüge, die verbesserte Infrastruktur, die Stärke der Tourismusbranche, innovative Unternehmen sowie die kant. Finanzpolitik und Wirtschaftsförderung.

Noch bis zur Mitte des 19. Jh. präsentierte sich A. als weitgehend geschlossener Talschaftshauptort. Die danach einsetzende Siedlungsentwicklung (1827 204 Häuser, 1920 446, 1950 567 im Inneren Feuerschaukreis, 1990 ca. 1'500 in der Feuerschaugem.) vollzog sich v.a. entlang den Ausfallstrassen, woraus sich der sternförmige Grundriss von A. erklärt. Während die Bautätigkeit zwischen den Weltkriegen stagnierte, setzte Ende der 1950er Jahre ein Bauboom ein, der teilweise die hist. Substanz des Dorfkerns gefährdete und neue, z.T. gleichförmige Wohnquartiere entstehen liess.

Gemäss dem Steuerverzeichnis von 1803 besassen 31 als reich geltende Landleute, d.h. ca. 2% der Haushalte, mind. 10'000 Gulden Vermögen, der reichste Landmann 130'000 Gulden. Die Wirren der Helvetik, die napoleon. Kriege, die Hungersnot von 1817-18 sowie die Teuerung von 1830-31 trugen zur Vermehrung der Mittellosen im 19. Jh. bei. Von den 1816 in die Innerrhoder Armenliste eingetragenen 1'800 Personen (ca. 17% der Einw.) wohnten wohl viele im Dorf A. Noch 1938 mussten im Bez. A. 221 Personen (5% der Einw.) unterstützt werden. Erst die Industrialisierung nach dem 2. Weltkrieg verbesserte die Lage der Unterschicht, bewirkte eine leichte Verringerung der wirtschaftl. Gefälle und ein relatives Wachstum der Mittelschicht. 1996 betrug die Steuerkraft des Bez. A. 43,6% derjenigen des Halbkt., dies bei einem Bevölkerungsanteil von 37,4%.

Die Sozialstruktur der insgesamt eher in bescheidenen Verhältnissen lebenden Bevölkerung kannte im ausgehenden 18. Jh. zeitgenöss. Angaben zufolge keine scharfen Trennlinien. Nur Hintersassen hatten polit. und wirtschaftl. Einschränkungen zu erdulden. Aus den Verhältnissen in der Land- und Alpwirtschaft und -- weniger ausgeprägt -- in Militär und Staat kann im 19. Jh. auf eine polit., wirtschaftl. und sozial führende Gruppe von reichen Bauern, Sennen, Viehhändlern, Güter- und Kapitalbesitzern geschlossen werden, während Textilindustrie und Handel (u.a. Tuch-, Molkenhändler, Krämer) nicht über bescheidene Anfänge hinaus kamen. Die meisten Dorfbewohner waren verschuldete Kleinbauern, Taglöhner, Heimarbeiter und arme Handwerker.

Die sprichwörtl. Geselligkeit der Appenzeller fand ihren Ausdruck in zahlreichen Vereinigungen, die sich z.B. dem Schiessen (seit dem 16. Jh.), der Blasmusik (seit 1792), dem Chorgesang (Männerchor 1835 belegt, 1855 gegr., Kirchenchor 1514 belegt, 1881 gegr.) und dem Sport (seit 1866) widmen. Soziale und wirtschaftl. Ziele wurden öfters auf Vereins- und Genossenschaftsbasis angestrebt. So entstanden vor 1866 der Armenverein, 1883 der Verein gegen Haus- und Gassenbettel, 1883 der Konsumverein, 1916 die Freiwillige Hilfsges. und 1911 der Rabattverein.

Elementarschulhäuser entstanden am Landsgemeindeplatz (1854), auf der Hofwiese (1890), beim Frauenkloster (1879) und im Gringel (regionale Realschule 1972). Nach 1866 wurde nordwestl. von A. in der 1854 gegr. Waisenanstalt eine Arbeitsschule untergebracht. Die Mädchenschule (ab 1929 auch die Mädchenrealschule) wurde 1811-1973 von Kapuzinerinnen geführt. Nachdem eine 1812 gegr. Lateinschule 1848 eingegangen war, wurde 1872 eine Real-Lateinschule eröffnet (vorerst nur für Knaben, ab 1876 auch für Mädchen), die 1887 vom Kt. übernommen und 1908 durch das neu gegr. und von den Kapuzinern geführte Kollegium St. Antonius (Realschule und Gymnasium mit 1940 eidg. anerkannter Matura, Letzteres seit 1999 Kantonsschule) abgelöst wurde. Die Realschulfunktionen übernahm 1974 die 1957 eingeweihte und 1970-74 ausgebaute Sekundarschule in der Hofwiese. 1880-1982 unterrichteten Lehrschwestern von Ingenbohl als Arbeitslehrerinnen, ab 1892 an der Mädchenrealschule und 1906-58 an Spezialklassen. 1856 entstand auf private Initiative eine Kleinkinderschule, 1880 eine gewerbl. Berufsschule.

Auch die Geistlichkeit engagierte sich in schul. und sozialen Belangen (z.B. 1853 Gründung des Gesellenvereins durch den Kapuzinerpater Otto Gartmann). Erst nach der Gründung des Bundesstaats (1848) entstand in A. eine evang. Diasporagem. 1875 wurde ein Protestantenverein gegr., 1909 eine ref. Kirche errichtet und 1925 die Kirchgem., deren Gebiet dem inneren Landesteil entspricht, öffentl.-rechtl. anerkannt.

Autorin/Autor: Achilles Weishaupt

3.3 - Entwicklungen im administrativen Bereich

Bis 1872 war die -- z.Z. der Helvet. Republik vom kurzlebigen Distrikt A. abgelöste -- Feuerschaugem. in dörfl. Angelegenheiten die wichtigste Institution. Mit der neuen Kantonsverfassung (1872) wurde die Bezirkseinteilung geschaffen. Der Bez. A. umfasst das Gebiet der alten Rhode Lehn und den oberen Teil der aufgehobenen und in drei Teile aufgeteilten Rhode Rinkenbach. Das Dorf wuchs in der Folge über die Bezirksgrenzen hinaus (1991 A. 71%, Rüte 16%, Schwende 13% der Einw.), wird aber als gebaute Einheit von der "entpolitisierten" Feuerschaugem. (bis 1872 Ortsgem.) zusammengefasst. Diese ist v.a. für Feuerpolizei, Bauwesen, Elektrizitäts- und Wasserversorgung zuständig, ihre Organe sind die Dunkeversammlung, die Feuerschau- und die Rechnungskomm. Organe des Bez. A. sind die Bezirksgem. (jährl. Versammlung), der Bezirksrat (u.a. regierender und stillstehender Hauptmann, Kassier, Aktuar) und versch. Komm., wobei zahlreiche kommunale Aufgaben von der Kantonsverwaltung wahrgenommen werden und dem Bez. v.a. das Polizei- (bis 1996) und Strassenwesen innerhalb der Bezirksgrenzen, ausserhalb der Feuerschaugem. zudem das Bauwesen und die Feuerpolizei zufallen.

A. war und ist Zentrum aller kant. parteipolit. Organisationen, Verbände und Vereine, erhielt aber erst 1876 eine bleibende Druckerei. Wichtige Zeitungen wurden der konservative Appenzeller Volksfreund (seit 1876) und der liberale "Anzeiger vom Alpstein" (1906-72), Nachfolger des "Freien Appenzellers" (1878-95). Aus privater Initiative wurde 1874-78 ein Krankenhaus gebaut (1897 vom Kt. übernommen, seit 1982 auch Alterspflegeheim). 1888 wurde eine leistungsfähige Wasserversorgung, 1905 die elektr. Beleuchtung in Betrieb genommen. Das 1901-03 neu errichtete Armenhaus nennt sich seit 1958 Bürgerheim. Von 1850-1909 war die Eidg. Post in privaten und kant. Gebäuden eingemietet. 1908-09 baute der Bund beim Bahnhof ein neues Postgebäude, nachdem schon 1857 der Telegraf und 1894 ein erstes Telefonnetz eingerichtet worden waren. Seit 1976 fliessen die ersten Dorfabwässer zur kant. ARA Bödeli.

Quellen und Literatur

Archive
– Archiv von Pfarrei, Kirch-, Schul- und Feuerschaugem. A.
– LAA
– Mus. A.
Literatur
– J. Signer, «Chronik der A. I.-Rh. Liegenschaften», in Appenzell. Geschichtsbl. 1-16, 1939-54, (Beil. zum Appenzeller Volksfreund; Bez. A., Schwende und Rüte)
– H. Ammann, «Die Talschaftshauptorte der Innerschweiz in der ma. Wirtschaft», in Gfr. 102, 1949, 105-144
– N. Senn, Die Feuerschaugem. in A., 1950
– S. Sonderegger, «Der Name A.», in IGfr. 4, 1956, 3-31
AppGesch. 1 und 3
– F. Stark, 900 Jahre Kirche und Pfarrei St. Mauritius A., 1971
– W. Bodmer, «A. als Wirtschafts- und Leinwandplatz», in IGfr. 18, 1973, 15-29
– R. Kölbener, Freiräume in A. und deren Bedeutung, Diplomarbeit ETH Zürich, Ms., 1979
INSA 1, 259-387
Kdm AI, 1984
– I. Bischofberger, Entstehung und Entwicklung der Feuerschaugem. A., 1991
– A. Weishaupt Der Finanzhaushalt des Landes A. 1519-1597, Liz. Freiburg, 1996
– D. Fässler, Den Armen zu "Trost, Nutz und Gut", 1998
– H. Bischofberger, Rechtsarchäologie und rechtl. Volkskunde des eidg. Standes A. Innerrhoden, 2 Bde., 1999
– A. Weishaupt, 125 Jahre Evang.-ref. Kirchgem. A., 2000

Autorin/Autor: Achilles Weishaupt