23/01/2007 | Rückmeldung | PDF | drucken

Greifensee (Gemeinde)

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Polit. Gem. ZH, Bez. Uster. Hist. Städtchen (1260 Grifense) am nordöstl. Ufer des gleichnamigen Sees, durch Grüngürtel getrennt von alten Bauernhöfen und neuen Wohnsiedlungen. Zu G. gehört der Weiler Wildsberg. 1634 133 Einw.; 1799 278; 1836 406; 1850 396; 1900 289; 1950 279; 1960 421; 1970 2'674; 1980 5'423; 2000 5'242.

Neolith. Ufersiedlungen beim Storen und bei Furen wurden 1876 bzw. 1893 entdeckt. Neuere Sondierungen im Storen (1979-80) erbrachten vier Pfyner und zwei Horgener Schichten nebst schnurkeram. Ablagerungen. Seit 1984 wird in Böschen eine spätbronzezeitl. Ufersiedlung freigelegt, die 1047/46 v.Chr. errichtet und nach einem Brand 20-30 Jahre später verlassen wurde. Bisher sind 21 nicht in übl. Pfosten-, sondern in Blockbauweise erstellte Hausfundamente freigelegt worden. An Fundmaterial wurden v.a. Keramik, Gebrauchsgegenstände und Schmuck aus Bronze sowie Geräte für Ackerbau und Fischfang, Pflanzen-, Textil- und spärl. Knochenreste von Haustieren gehoben. Im 12. Jh. erfolgte der Bau eines Wehrturms durch die Gf. von Rapperswil. In der 1. Hälfte des 14. Jh. folgte der Ausbau zum befestigten Städtchen durch die Landenberger. Die von ihnen gestiftete Galluskapelle, einzige got. Kirche Europas mit dreieckigem Grundriss, bildete die Ostecke der Stadtmauer; sie steht seit 1910 unter eidg. Schutz. Das 1444 von den Eidgenossen zerstörte Schloss wurde erst 1520 durch Zürich wieder aufgebaut. An Stelle des hölzernen Walmdaches trat ein Satteldach mit Treppengiebeln. 1402-1798 Sitz des zürcher. Landvogtes der Herrschaft G., 1814-30 des Oberamtes, ging das Schloss danach in Privatbesitz und wurde 1935 vom Kanton zurückgekauft. Anlässlich der Renovation von 1948-53 wurde der Vorbau mit dem neugot. Portal aus dem 19. Jh. beseitigt.

Kirchlich gehörte G. vor der Reformation zum Kirchspiel Uster. Mit dem Übertritt zur Reformation 1523 bildete sich eine eigene Kirchgemeinde. Die Kollatur lag bis 1831 beim Kl. Rat von Zürich. 1931 verschmolz die Kirchgemeinde mit der ref. Kirchgemeinde Uster, seit 1974 ist sie wieder selbstständig. Seit 1974 besteht in G. auch eine kath. Pfarrei, die zur kath. Kirchgemeinde Uster gehört (2005 44% ref., 30% kath.). Unter zürcher. Herrschaft stand der Gem. ein Untervogt vor. An der Gemeindeversammlung hatte aus jeder Haushaltung eine männl. Person (Mindestalter 17 Jahre) teilzunehmen. In der Restauration ernannte der Zürcher Kl. Rat aus den von der Gemeindeversammlung eingereichten Vorschlägen den Präsidenten (Gemeindeammann) und die Mitglieder des Gemeinderates. 1831 erhielt die Gemeindeversammlung das direkte Wahlrecht und spätestens seit 1892 werden die fünf (seit 1973 sieben) Mitglieder durch die Urne gewählt.

Einzelne Höfe und eine Mühle standen schon im SpätMA ausserhalb der Stadtmauern. Die Inhaber der Seefischenzen mussten zweimal täglich ihre Fische auf den Zürcher Markt bringen. Da G. keine Offnung besass, erliess der Zürcher Kl. Rat 1669 und 1734 Vorschriften über die Flurnutzung im Rahmen der Zelgenwirtschaft. Salomon Landolt führte als Landvogt von G. (1781-86) die Stallfütterung, den Kartoffel- und Kleeanbau ein. Mit dem Aufkommen der Textilindustrie entstanden in G. eine kleine Stickerei und eine Färberei (1854). Kleinbauern fanden Nebenverdienst als Handwerker oder als Fabrikarbeiter in Uster. Bis Mitte des 19. Jh. lag G. verkehrsmässig im Abseits. Der Gütertransport erfolgte auf schlechten Strassen und über den See. Mit dem Anschluss an die Eisenbahnlinie Zürich-Uster 1856 verbesserte sich die Lage. 1967 verlegte die Mettler Instrumente AG (Präzisionswaagen, Messinstrumente) ihren Sitz nach G. und schuf Arbeitsplätze. Gleichzeitig setzte ein massives Bevölkerungswachstum und eine ungestüme Überbauung ein. Letztere erfolgte dank kant. Richtplan 1966 in differenzierter Bauweise vom See her ins Landesinnere bis zu achtstöckigen Hochhäusern ansteigend. Sie ist aufgrund der kant. Verordnung zum Schutze des G.s mit umfangreichen Bauverbotszonen im Wesentlichen abgeschlossen. Die Zahl der Bauernbetriebe ging 1944-91 von 33 auf 4 zurück. Die meisten Berufstätigen sind Pendler nach Zürich, Winterthur und Uster. G. bildet seit 1894 mit Nänikon (Gem. Uster) die Oberstufenschulgemeinde Nänikon-G.


Literatur
G., 1967 (41989)
Kdm ZH 3, 1978, 465-509
Jb. G., 1983-
– B. Eberschweiler, «Die neolith. und bronzezeitl. Ufersiedlungen an G. und Pfäffikersee», in Die ersten Bauern 1, Ausstellungskat. Zürich, 1990, 179-182

Autorin/Autor: Diethelm Zimmermann