Trogen

Polit. Gem. AR, ehem. Bez. Mittelland. Umfasst das Dorf sowie zahlreiche Weiler und Einzelhöfe. Um 1175 Trugin. 1667 2'262 Einw. (mit Wald und Rehetobel); 1734 2'250 (ohne Wald und Rehetobel); 1813 2'370; 1850 2'611; 1870 2'906; 1900 2'496; 1941 1'669; 1950 2'142; 2000 1'867.

1 - Amt und Vogtei Trogen bis 1429

Der südöstl. Teil des heutigen Gemeindegebiets (die Gegend um die Eugst) wurde vom Rheintal her besiedelt und war nach Altstätten zehntpflichtig und kirchgenössig. Der Rest wurde von St. Gallen her erschlossen. Der Hof T. war ein kolonisator. Mittelpunkt des Klosters St. Gallen. Von hier aus wurde das Gebiet um den Gäbris urbar gemacht. Im 13. und 14. Jh. bildete das Trogner Gebiet ein Amt der äbt. Herrschaft und war einem Ammann unterstellt. Es war in fünf oder sechs Rhoden unterteilt, die Schnaiter, Roter, Rotenwieser, Troger und Füglisegger sowie evtl. die Tablater Rhode. Als Reichsvogtei wurde es 1331 von Ks. Ludwig dem Bayern an Ulrich von Königsegg verpfändet und von diesem 1381 der Abtei St. Gallen verkauft, welche somit die hohe und die niedere Gerichtsbarkeit innehatte. Im 14. Jh. dürfte T. bereits über eine gewisse kommunale Eigenständigkeit verfügt haben. 1401 schloss sich der Ort, der sich bisher nicht an den appenzell. Separationsbewegungen beteiligt hatte, dem sog. Volksbund der Gotteshausleute an, der gegen Habsburg - die neue Schutzmacht des Klosters - gerichtet war. T. zeichnete mit eigenem Siegel. Der Versuch des Klosters, die Trogener für ihren Abfall zu bestrafen, endete 1403 mit der Niederlage der äbt.-habsburg. Truppen in der Schlacht bei Vögelinsegg.

Autorin/Autor: Thomas Fuchs

2 - Die Rhode Trogen 1429-1688

Im Zeitraum 1429-1688 muss zwischen der Rhode und der Kirchhöri T. unterschieden werden. Im Zuge der Konstituierung des Landes Appenzell nach den Appenzeller Kriegen erfolgte 1429 die Auflösung des bisherigen Amts T., an dessen Stelle die Rhode T. trat. Diese verlor die bisherigen Teilrhoden Rotenwies an Gais und Füglisegg an Teufen, dafür wurde ihr das ganze Vorderland angeschlossen. Im 16. Jh. bildeten sich innerhalb der Rhode T. versch. Gemeinden oder Hauptmannschaften, nämlich Kurzenberg, Unter- und Oberhirschberg, Oberegg, Grub (AR) und T.; die beiden Letztgenannten waren zugleich Pfarreien, die übrigen verblieben bei den angestammten Mutterkirchen im Rheintal. Bis Ende des 17. Jh. löste sich der Trogner Rhodverband allmählich ganz in eigenständige Kirchhören auf: Grub war schon vom Kirchenbau 1474 an faktisch eine selbstständige Gem. gewesen; 1597 kamen die kath. Oberhirschberg und Oberegg zu Appenzell Innerrhoden; zwischen 1616 und 1632 gelangte Roten (das spätere Bühler) zu Teufen; 1638 wurde Unterhirschberg unter dem Namen Walzenhausen eine selbstständige Kirchhöri; 1651-58 entstanden am Kurzenberg die Gem. Heiden, Wolfhalden und Lutzenberg. 1688 verselbstständigten sich die Reformierten am Oberen Hirschberg unter dem Namen Reute. Trotz heftiger Gegenwehr zerfiel auch die bisherige Kirchgemeinde T., indem sich Rehetobel 1669 und Wald 1686 selbstständig machten und eigene Kirchen bauten. T. fand somit seine heutigen Grenzen.

Autorin/Autor: Thomas Fuchs

3 - Die Kirchhöri Trogen 1463-1877

Mit dem Bau einer Kirche beim Hof T. um 1459 und deren Erhebung zur Pfarrkirche 1463 (Marienpatrozinium) entstand innerhalb der Trogner Rhode die Kirchhöri T. Sie umfasste mit den späteren Gem. T., Rehetobel und Wald Gebiete, die im 13. und 14. Jh. drei versch. Pfarreien angehört hatten; die Gegend um T. war nach St. Laurenzen in St. Gallen kirchgenössig gewesen, das südöstl. Gebiet nach Altstätten und der östl. Teil nach dem bischöfl.-konstanz. Goldach. 1525 erfolgte der Übertritt zur Reformation. Nach der Landteilung 1597 wurde T. Hauptort des Landes Appenzell Ausserrhoden und war fortan Landsgemeindeort, Gerichtsstätte und regelmässig Tagungsort des Gr. und des Kl. Rats. Die Hinterländer Gem. machten ihm aber schon bald den Rang streitig. Die Rivalität zwischen T. und Herisau brachte Ausserrhoden im Landhandel 1732-34 an den Rand eines Bürgerkriegs. Innerhalb der Kirchhöri T. dominierte im 16. und frühen 17. Jh. die Strogler Rhode um den Weiler Wald (spätere Gem. Wald). Der Einfluss der von dort stammenden Fam. Schläpfer vermochte ein Auseinanderfallen der Kirchhöri vorerst zu verhindern, jedoch nur bis zur Abspaltung von Rehetobel und Wald 1669 bzw. 1686. Dass T. diesen Aderlass glimpflich überstand, verdankte es dem blühenden Leinwandgewerbe, das ab ca. 1570 zunehmend die hergebrachte Vieh- und Milchwirtschaft ergänzte. Nachdem die Gebr. Gonzenbach 1667 im Haus des Statthalters Conrad Zellweger (1630-1705) eine Leinwandschau eingerichtet hatten, wurde T. unter Führung der Fam. Zellweger zum bedeutenden Zentrum des Leinwandhandels. Die Fam. bestimmte künftig die Dorfpolitik und hatte auch auf kant. Ebene grossen Einfluss. Ihr Reichtum und ihr Repräsentationsbedürfnis prägten das Dorfbild und liessen T. zum kulturellen Zentrum werden. Beim Neubau der Kirche 1779-82 finanzierte sie die Fassade und die Innenausstattung. Rund um den zuvor von Holzhäusern umgebenen Dorf- und Landsgemeindeplatz liessen die Zellweger und ihre Verwandten 1747-1810 Steinpaläste errichten. Der Dorfkern (Ortsbild von nationaler Bedeutung) blieb seit dem Abbruch zweier Bauten 1825 und 1842 beinahe unverändert.

1766 bzw. 1828 wurden in T. Buchdruckereien gegründet, 1820 vom Philanthropen Johann Caspar Zellweger eine höhere Privatschule, ausserdem wurde 1823 eine Bibliothek eingerichtet. Während der Helvetik gehörte T. im Kt. Säntis zum Distrikt Teufen. 1804-14 wurde eine mechan. Spinnerei betrieben, 1835 die erste mechan. Weberei in Ausserrhoden eröffnet. T. vermochte jedoch mit dem Trend zur Mechanisierung der Textilindustrie nicht Schritt zu halten. Da sich die Handelsströme und Produktionsstätten ins Schweizer Mittelland verlagerten, brachten auch verkehrstechn. Investitionen keinen industriellen Aufschwung. Der Ausbau der alten Verbindung über den Ruppen nach Altstätten erfolgte 1837-38, der Bau der Mittellandstrasse 1858-60, die Strasse nach Bühler wurde 1865-66 angelegt. Die kant. Administration wurde zunehmend nach Herisau verlagert, das 1877 alleiniger Regierungssitz und damit faktisch auch Hauptort wurde.

Autorin/Autor: Thomas Fuchs

4 - Die Gemeinde Trogen seit 1877

1877 erfolgte in T. wie in ganz Ausserrhoden die Trennung der bisherigen Kirchhöri in eine polit. Einwohner- und eine ref. Kirchgemeinde. Die kath. Kirchgemeinde Speicher-T.-Wald mit einer Kirche in Speicher besteht seit 1882. Noch zu Beginn des 20. Jh. war die textile Heimindustrie, die 1905 66% der Beschäftigten Arbeit gab, der Haupterwerbszweig in T. Ab 1903 ist T. Endstation der elektr. Strassenbahn St. Gallen-Speicher-T. (heute Linie der Appenzeller Bahnen). Um die Wende zum 20. Jh. setzte die Entwicklung zum Luftkur- und Wintersportort ein. 1821 wurde im Gebäude des sog. alten Konvikts, dem ehem. Arbeiterwohnhaus der nahe gelegenen Spinnerei, die Kantonsschule mit angeschlossenem Konviktbetrieb (bis 2003) eröffnet. 1865-1907 wurde die Schule von der Gem. T. und dem Kt. Appenzell Ausserrhoden gemeinsam getragen, seither ist sie eine eidgenössisch anerkannte kant. Maturitätsschule. Die Grundsteinlegung für das Kinderdorf Pestalozzi erfolgte 1946. Trotz des Niedergangs der Heimindustrie und der massiven Bevölkerungsabnahme in der Zwischenkriegszeit bewahrte T. als Sitz von Kantons- und Obergericht sowie bis 2012 der Kantonspolizei, der Kantonsschule und der -bibliothek zentralörtl. Funktionen. Seit 1945 ist es Standort mehrerer Heime. Die gute Erschliessung Richtung St. Gallen machte T. ab 1950 zunehmend als Wohnort attraktiv.

Quellen und Literatur

Literatur
– O. Wohnlich, T., 21971 (bearb. von W. Schläpfer)
Kdm AR 2, 1980, 23-170
– H. Werder, Zur Aktualdynamik der Kulturlandschaft des Appenzeller Mittellandes, 1984

Autorin/Autor: Thomas Fuchs