• <b>Urnäsch</b><br>Silvesterkläuse vor einem Haus in Urnäsch, 13. Januar 1997  © KEYSTONE. Die Silvesterkläuse ziehen in kleinen Gruppen von Haus zu Haus, um den Menschen ein gutes neues Jahr zu wünschen. Der Brauch wird an Silvester und am Alten Silvester in einigen Gemeinden des Kantons Appenzell Ausserrhoden (nach Julianischem Kalender am 13. Januar) praktiziert. Nachdem Papst Gregor XIII. den Kalender erneuert hatte, hielten mehrere reformierte Kantone bis ins 18. Jahrhundert am alten Julianischen Kalender fest, einzelne Gemeinden Graubündens gar bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Zwischen den beiden Kalendern besteht eine Differenz von dreizehn Tagen.

Urnäsch

Polit. Gem. AR, ehem. Bez. Hinterland. Strassendorf auf 838 m am linken Ufer des gleichnamigen Flusses mit zahlreichen Weilern, Einzelhöfen und Alpen. Die mit 48 km2 flächenmässig grösste Gem. Ausserrhodens umfasste bis ins frühe 18. Jh. auch Schönengrund, das sich 1720-22 abtrennte. 1344 Urnäschen. 1667 1'772 Einw.; 1794 2'798; 1818 1'917; 1850 2'464; 1900 3'087; 1950 2'579; 2000 2'336. 831 Erwähnung des Weilers Färchen (Farrichun), im 9. Jh. des Flusses in der lat. Form Urnasca. Unter der äbt. Herrschaft bildete U. vorerst mit Herisau einen Verwaltungsbezirk, im 14. Jh. war es eine Rhode des Amts Hundwil und gehörte mit diesem innerhalb des Reichsverbands zur Vogtei St. Gallen. Kommunales Eigenleben zeigte U. bereits im 14. Jh.; es trat als lendlyn 1377 dem Schwäb. Städtebund und 1401 dem Bund mit der Stadt St. Gallen bei, allerdings noch unter dem Siegel Hundwils, und war wie Letzteres eine treibende Kraft in den Appenzeller Kriegen 1401-29. Vorerst nach Herisau kirchgenössig, erlangten die Urnäscher nach dem 1414 erfolgten Bau der Antoniuskirche 1417 die endgültige kirchl. und polit. Selbstständigkeit. Innerhalb der Streusiedlung entwickelte sich um die Kirche ein Dorfkern. 1525 trat der Ort zur Reformation über. Die Kirche wurde nach dem Dorfbrand von 1641 wieder aufgebaut und 1866-68 renoviert. Die kath. Pfarrei U.-Hundwil-Waldstatt mit der Kirche im Weiler Zürchersmühle wurde 1911 gegründet.

1480 bereinigten U. und Hundwil nach der Trennung der gemeinsamen Alpen den Grenzverlauf. Seit der Landteilung 1597 gehört U. als erste der sechs äusseren Rhoden zum Land Appenzell Ausserrhoden und war regelmässig Tagungsort des Kl. Rats. Die Gemeindeteile Tal und Dorf dehnten sich ab dem 18. Jh. entlang der Route Waldstatt-Schwägalp aus und wuchsen allmählich zusammen.

Alp- und Viehwirtschaft sowie Forstwirtschaft spielen seit je eine herausragende Rolle. Grosse Bedeutung kam bis um 1900 dem Holz- und Holzkohlenexport zu. Trotz Schutzbestimmungen für die Gemeindewälder - solche hatte die Gem. erstmals 1533 erlassen - nahm die Abholzung ab 1820, vorerst für die Köhlerei, später auch für die Papierindustrie massiv zu; 1826 wurden neun Sägemühlen gezählt. Die Kantonsregierung erklärte 1901 die verbliebenen Waldungen zu Schutzwäldern. Im 17. Jh. bestand eine Pulvermühle, 1801-67 eine Ziegelei, bis ins frühe 19. Jh. eine Salpetersiederei. Der von 1592 an gehaltene Jahrmarkt wurde ab 1726 durch zwei weitere ergänzt. Die Herstellung von Leinwandtuch ist bereits 1515 bezeugt, der Flachsanbau 1604. Weberei (1826 672 Weber) und besonders der Stickereiboom im letzten Drittel des 19. Jh. prägten die Gemeinde. In diesem Zeitraum entstanden mehrere Fabriken. Die Krise der Zwischenkriegszeit traf in U. v.a. die Heimindustrie, während die Fabriken meist erfolgreich diversifizierten. Die Textilindustrie blieb auch nach 1945 wichtigster Erwerbszweig, sie erfuhr erst in den 1980er Jahren einen teilweisen Einbruch. Eine Teppichfabrik nahm 1965 den Betrieb auf, eine Spinnerei 1978. Seit 1875 verfügt U. über eine Station an der Bahnlinie Herisau-Appenzell. Ab der 2. Hälfte des 19. Jh. stieg die Bedeutung des Fremdenverkehrs, wobei U. von seiner Lage als Ausgangsort für Ausflüge zur Schwägalp und zum Säntis profitierte (1935 Bau der Säntis-Schwebebahn, 1944 des Skilifts sowie der Sprungschanze). 2008 eröffnete das Reka-Feriendorf mit ca. 300 Betten. Obwohl viele seiner Einwohner in die Region Herisau-Gossau-St. Gallen pendelten, bestand in U. zu Beginn des 21. Jh. noch immer ein umfassendes Arbeitsplatzangebot (2005 957 Stellen). Wichtigste Branchen waren Textilindustrie, Buchdruckerei, Milch- und Viehwirtschaft (2009 Eröffnung einer Käserei als erstes regionales Entwicklungsprojekt in der Schweiz) sowie allgemein das Handwerk und das Kleingewerbe. Zu den Besonderheiten von U. gehört ein vielfältiges Brauchtum mit Silvesterklausen, Bloch und Sennenbällen. Das Appenzeller Brauchtumsmuseum öffnete 1976 seine Tore. U. weist ein Ortsbild von nationaler Bedeutung auf.

<b>Urnäsch</b><br>Silvesterkläuse vor einem Haus in Urnäsch, 13. Januar 1997  © KEYSTONE.<BR/>Die Silvesterkläuse ziehen in kleinen Gruppen von Haus zu Haus, um den Menschen ein gutes neues Jahr zu wünschen. Der Brauch wird an Silvester und am Alten Silvester in einigen Gemeinden des Kantons Appenzell Ausserrhoden (nach Julianischem Kalender am 13. Januar) praktiziert. Nachdem Papst Gregor XIII. den Kalender erneuert hatte, hielten mehrere reformierte Kantone bis ins 18. Jahrhundert am alten Julianischen Kalender fest, einzelne Gemeinden Graubündens gar bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Zwischen den beiden Kalendern besteht eine Differenz von dreizehn Tagen.<BR/>
Silvesterkläuse vor einem Haus in Urnäsch, 13. Januar 1997 © KEYSTONE.
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Literatur
– A. Zehender, H. Spross, Aus der Gesch. der Kirchgem. U., 1942
– J. Jakob, Bausteine zu einer Heimatgesch. von U., Ms., 1955, (GemA U.)
Kdm AR 1, 1973, 292-330
– R. Bendix, T. Nef, Silvesterkläuse in U., 1984
– T. Fuchs, Stromland U., 2003
– H. Hürlemann et al., U., 2006

Autorin/Autor: Thomas Fuchs