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Herisau

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Polit. Gem. AR, ehem. Bez. Hinterland. Das Regionalzentrum des Appenzeller Hinterlandes liegt am Kreuzungspunkt der Verbindungsrouten St. Gallen-Toggenburg und Gossau-Appenzell. Es besteht aus einem als Dorf bezeichneten Zentrum kleinstädt. Charakters, anschliessenden, in die hügelige Topografie ausgreifenden Wohn- und Industriequartieren sowie Weilern und Einzelhöfen in den landwirtschaftlich geprägten Aussenbezirken. Als Sitz von Kantonsregierung und Tagungsort des Kantonsrates ist H. seit 1876 faktisch Kantonshauptort. 30% der Kantonsbevölkerung waren in der 2. Hälfte des 20. Jh. hier ansässig. Das am Übergang vom schweiz. Mittelland zu den Voralpen liegende Gemeindegebiet umfasste vor 1648 mit rund 50 km2 die doppelte Fläche wie heute. Zu H. gehörten bis 1648 bzw. 1720 auch die Gem. Schwellbrunn und Waldstatt. 837 Herinisauva. 2003 war H. als erste Schweizer Ortschaft Trägerin des Titels Alpenstadt des Jahres.

Bevölkerung Herisau
JahrEinwohner
16673 021
1734 4 816
17805 933
18136 863
18307 014

Jahr18501870a18881900191019301950197019902000
Einwohner8 3879 70512 93713 49715 33613 59913 40714 59715 62415 882
Anteil an Kantonsbevölkerung19,2%19,9%23,9%24,4%26,5%27,8%28,0%29,8%29,9%29,7%
Sprache          
Deutsch  12 79213 24414 57413 38213 08312 54913 22013 816
Italienisch  781826651532301 422869537
Französisch  4642604349364949
Andere  21293721455901 4861 480
Religion, Konfession          
Protestantisch8 1479 01311 34711 45712 48811 26310 8019 6748 6467 666
Katholischb2406051 5501 9862 7652 2572 4964 5665 3335 105
Andere0109405483791103571 6453 111
davon christlich-orthodox       2376411 006
davon jüdischen Glaubens 1720282918207514
davon islamischen Glaubens       4175362
davon ohne Zugehörigkeitc       596121 207
Nationalität          
Schweizer8 1899 48112 08212 42613 55012 78412 81912 12812 73112 535
Ausländer1982468551 0711 7868155882 4692 8933 347

a Einwohner: Wohnbevölkerung; Religion, Nationalität: ortsanwesende Bevölkerung

b 1888-1930 einschliesslich der Christkatholiken; ab 1950 römisch-katholisch

c zu keiner Konfession oder religiösen Gruppe gehörig

Quellen:Autor; eidg. Volkszählungen

1 - Bis zu den Appenzeller Kriegen

Die ältesten Zeugen menschl. Aktivitäten auf Gemeindegebiet bilden drei Fundgegenstände aus dem Mesolithikum. Die definitive Besiedlung begann etwa im 8. Jh. n.Chr. durch Alemannen. Die ältesten Flurnamen liegen fast alle westlich der Glatt. Hier liegt auch die Örtlichkeit Schwänberg, die im Zuge einer Landübertragung an das Kloster St. Gallen als erste im Appenzellerland urkundl. Erwähnung fand (vermutlich 821 suweinperac). Bis Ende des 14. Jh. sind westlich der Glatt Freie mit gesonderter Vogteizugehörigkeit überliefert. Das Gebiet östlich der Glatt mit Kirche und späterer Siedlung H. dagegen dürfte schon im frühen 9. Jh. ganz zur Grundherrschaft des Klosters St. Gallen gehört haben. Eine klösterl. Eigenkirche wird 907 erstmals erwähnt. Für den späteren Landesausbau dürfte den vom 11. bis 13. Jh. erstellten Burgen Urstein, Rosenberg und Rosenburg Bedeutung zugekommen sein. Besitzer waren die aus dem sankt-gall. Dienstadel hervorgehenden Herren von Rorschach (Rosenberg). Das Recht zur Investitur in der Kirche H. ging im 12. Jh. vom St. Galler Abt an den Bf. von Konstanz über. 1208 ist für H. erstmals ein Leutpriester, 1282 ein Kelnhof nachgewiesen. Die Pfarrpfrund war neben der von Appenzell die einträglichste im Appenzellerland. Das Patrozinium wechselte zwischen 1225 und 1415 von St. Salvator zu Laurentius.

Entsprechend der heterogenen, von Norden nach Süden ansteigenden Topografie des weitläufigen, wohl bis gegen die Schwägalp reichenden Gebietes der curia Herisouve präsentierten sich um 1200 auch die landwirtschaftl. Anbauprodukte. Dominierte auf den tiefer gelegenen Höfen im Norden der Getreideanbau, war es auf den höher gelegenen Höfen und den Alpen die Viehwirtschaft, wobei der Produktion von Alpkäse eine wichtige Rolle zukam. Wie im übrigen Appenzellerland verlagerte sich die kommerzielle Landwirtschaft im SpätMA auf die Viehwirtschaft. Kapitalgeber aus der aufstrebenden Stadt St. Gallen gaben hierzu wichtige Impulse.

Im 13. und 14. Jh. bildete H. innerhalb der äbt. Verwaltung ein Meieramt. Dessen Einzugsgebiet umfasste das ganze Appenzeller Hinterland westlich der Urnäsch von der heutigen Kantonsgrenze im Norden bis gegen die Schwägalp. Inhaber waren ab ca. 1277 die Herren von Rorschach (Rosenberg). Mit dem zusätzl. Erwerb der Vogtsteuer der Vogtei H. und dem Amt des Kirchherrn gelang ihnen im frühen 14. Jh. die Errichtung einer lokalen Hausmacht. Vogteien sind im Gebiet von H. zwei ausgewiesen: Die westlich der Glatt ansässigen Freien unterstanden der Freivogtei im Oberen Thurgau (Ende des 14. Jh. wird zusätzlich eine Vogtei Schwänberg genannt), die übrigen Bewohner beidseits der Glatt der Reichsvogtei H. Die Vogteien wechselten mehrmals ihre Inhaber, ehe sie zwischen 1381 und 1398 zusammen mit dem Meieramt H. in den Besitz der Abtei St. Gallen übergingen.

Diese Machtkonzentration beim Grundherrn dürfte zum einen der Gemeindebildung entscheidende Impulse verliehen haben; so taucht ab etwa 1400 die Bezeichnung Kirchhöri oder Pfarrei H. auf. Sie hat aber zum andern wohl auch die in den Appenzeller Kriegen gipfelnde Opposition gegen das Kloster St. Gallen gefördert. Das Gebiet von Urnäsch ging spätestens ab 1377, als es mit andern Appenzeller lendlin dem Schwäb. Städtebund beitrat, eigene Wege, verblieb aber bis 1417 nach H. kirchgenössig. 1401 trat H. mit einem eigenen Siegel (S[igillum] Universitatis Terre de Herisow) erstmals als eigenständiger Ort in Erscheinung und schloss sich im Verband mit andern Gemeinwesen der Alten Landschaft einem Bündnis gegen die Abtei St. Gallen an. 1403 trennte sich H. von diesen Nachbarn. Das bis dahin den Appenzeller Separationsbestrebungen fern gebliebene H. wandte sich den Appenzellern zu und verblieb im Gegensatz zu den Fürstenländern in Opposition zur Abtei. In den folgenden Kriegshandlungen kam es 1403 zu Zerstörungen auf Herisauer Gebiet, u.a. der verbliebenen Burgen Rosenberg und Rosenburg. Mit der Bestätigung von Appenzeller Landrecht 1421 (den benachbarten Gossauern wurde dies verwehrt) und Gerichtsbarkeit 1433 in eidg. Schiedssprüchen wurde H. endgültig Teil des Landes Appenzell.

Autorin/Autor: Thomas Fuchs

2 - Im ungeteilten Land Appenzell (1421-1597)

H. war die flächenmässig drittgrösste Rhode des neuen Landes Appenzell und zählte weitaus am meisten Einwohner. Nur locker ins Land eingebunden, verfolgte H. eine den Eigeninteressen dienende Politik und stellte bis 1597 auch nur viermal den Landammann. Die Grenzen gegen die Fürstabtei St. Gallen wurden 1459 (Nordgrenze gegen die Alte Landschaft) und 1539 (Westgrenze gegen die Grafschaft Toggenburg) bereinigt, der Grossteil der Abgaben an die Abtei 1461-63 abgelöst. Den Loskauf von den letzten Abgabepflichten erleichterten 1517-66 Pensionen aus Solddiensten. H. gliederte sich im 16. Jh. in vier Scharen, die Aufgaben in Militär- und Polizeiwesen, Feuerwehr und Fürsorge erfüllten. In der 2. Hälfte des 15. Jh. wurden die Pfrundstellen vermehrt und drei neue Altäre errichtet, von denen einer wohl von einer St.-Anna-Bruderschaft unterhalten wurde. Die Kirche wurde 1516-20 unter Beibehaltung des Turmes aus dem 14. Jh. durch einen prachtvollen Neubau ersetzt; Baumeister war Lorenz Reder aus Speyer. Daneben bestand eine einfache Kapelle im Weiler Wilen. Das Zentrum um die Kirche entwickelte sich zum Marktflecken und bestand im 16. Jh. bereits aus mehr als 40 Häusern. 1518 ist am Namenstag des Kirchenpatrons Laurentius erstmals ein Jahrmarkt belegt. Zwischen 1533 und 1537 wurde ein Kaufhaus erbaut und ab 1537 sind Wochenmärkte nachgewiesen.

Die Reformation setzte sich in H. später durch als in den übrigen Äusseren Rhoden. Mit Johannes Dörig war 1516-22 zwar ein eifriger Lutheraner Pfarrer in H., sein vom Konstanzer Bischof eingesetzter Nachfolger Joseph Forrer verhinderte dann aber bis 1529 die Einführung der neuen Lehre. 1525-29 soll sich auf einem Hof im Aussenbezirk Sturzenegg ein Zentrum der Wiedertäufer befunden haben. H. nahm nach 1531 und gegen Ende der 1580er Jahre, als sich die Glaubenskonflikte mit den Katholiken wieder verschärften, eine vermittelnde Position ein. In Reaktion auf die gegenreformator. Bestrebungen im Hauptort Appenzell übersiedelten nach 1588 führende ref. Politiker von dort nach H. 1603-05 wurden in H. - als vorreformator. Relikte - die letzten Altäre und die Grabkreuze entfernt. Die Katholiken hatten H. schon vorher verlassen müssen, 1622 wurden auch die Juden verstossen.

Autorin/Autor: Thomas Fuchs

3 - Aufstrebender Marktflecken (1597-1830)

Im Streit um den Hauptort des neuen Landes Appenzell Ausserrhoden unterlag H. 1597 Trogen. Fortan bestand polit. und wirtschaftl. Rivalität zwischen den zwei Orten, die 1647 durch die Schaffung eines Doppelregimentes für die Landesregierung und die Kl. Räte entschärft wurde. 1601 erbaute H. ein eigenes Rathaus. Hier kamen neben den kommunalen Behörden alternierend mit Trogen der Zweifache Landrat, der Gr. Rat und das Ehegericht sowie im Wechsel mit Hundwil und Urnäsch der Kl. Rat hinter der Sitter zusammen. Während der Helvetik war H. Hauptort des gleichnamigen Distrikts. Die südwestl. Gebiete um Schwellbrunn und Waldstatt trennten sich 1648 bzw. 1720 von H. ab und wurden selbstständige Gemeinden. Die Abtrennungen zogen jeweils Neueinteilungen der Herisauer Scharen nach sich. Um 1780 wurde das stark gewachsene Dorf als fünfte Schar ausgeschieden, 1808 die Schareneinteilung abgeschafft.

Höchste Instanz für die Belange der ganzen Kirchhöri war die aus den männl. Ortsbürgern gebildete Kirchhöriversammlung (spätere Gemeindeversammlung). Sie wählte Anfang Mai Gemeindehauptleute und Ratsherren (ab 1723 auch die Vertreter in den Zweifachen Landrat) und um Martini einzelne Beamte. Von ca. 1738 bis 1850 mussten die Ratsherren je zur Hälfte aus dem Dorf und aus den Aussenbezirken (je elf) stammen, das Hauptmannamt war ebenfalls doppelt besetzt. Der Vorsitz in der kommunalen Vorsteherschaft stand dem höchsten ortsansässigen Landesbeamten zu, sofern es einen solchen gab. Die Hausbesitzer innerhalb des Feuerschaubezirkes im Zentrum organisierten sich ab dem 16. Jh. in der Dorferkorporation und nahmen Aufgaben der Feuer-, Bau- und Sicherheitspolizei sowie der Wasserversorgung selbstständig wahr. Die Leitung lag bei den Ratsherren des Dorfes. Eine eigene Verwaltung bestand auch für das ausgedehnte Gemeinwerk Nordhalde. Die dortigen Rechte gingen im 18. Jh. an Private über oder wurden von der Kirchhöri erworben, die sie 1799 dem Armenhausgut zuwies. Als verpachtete Gemeindebetriebe sind die Ziegelhütte am Mauchler (bis 1843) sowie Gerberei, Schlachthaus, Badhaus und Schützenstube zu erwähnen. Politik und Wirtschaft H.s dominierten bis gegen 1830 wenige Familien, die untereinander teils verschwägert waren, teils aber auch miteinander rivalisierten.

Gemessen an den Einwohnerzahlen gehörte H. im 18. Jh. zu den grössten Schweizer Ortschaften. Nach einem Einbruch der Einwohnerzahl im frühen 17. Jh. wegen der Pestzüge und der Abtrennung Schwellbrunns nahm die Bevölkerung dank der Blüte des Leinwandgewerbes 1650-1734 um über 60% zu. Ein weiterer Bevölkerungsanstieg folgte 1750-1800 nach der Einführung von Baumwollweberei und Stoffveredelung. Der Zuwachs beruhte zu einem grossen Teil auf Zuwanderung, die fast ausschliesslich aus anderen Ausserrhoder Gem. erfolgte. Mit versch. Massnahmen versuchte H. den Zustrom zu kontrollieren: Die Zuzüger hatten ab 1701 einen Einzug zu bezahlen und blieben bis zum Erwerb des Bürgerrechts von der Kirchhöriversammlung ausgeschlossen. Sie liessen sich bevorzugt in den Aussenbezirken nieder. Umgekehrt konzentrierten sich die Eliten, die bisher übers ganze Gemeindegebiet verstreut gelebt hatten, im Zuge der wirtschaftl. Veränderungen im erweiterten Zentrumsbereich von Dorf, Glatt und Säge. Führte das Wachstum vorerst v.a. zu einer Verdichtung der Streusiedlung in den Aussenbezirken - die im 18. Jh. erbauten zahlreichen Weberbauernhäuser prägen das Siedlungsbild noch immer -, verlagerte es sich nach 1760 auf das Dorf und die sich bildenden Industriegebiete an Glatt und Sägebach. Trotz verheerender Dorfbrände (1559, 1606, 1812) wuchs der Flecken um die Kirche rasch und zählte 1646 rund 85, 1791 bereits 250 Gebäude. Die heutige Anlage des Dorfkerns geht auf den Wiederaufbau nach 1606 zurück. Viele der sog. Fabrikantenhäuser, die ab 1750 entlang der sukzessive ausgebauten Hauptgassen errichtet wurden, blieben als prägende Elemente des Ortsbildes erhalten. Neue Akzente unter den dominierenden Holzbauten setzten 1737 am Kirchplatz zwei prunkvolle Wohnpaläste der Fam. Wetter. Der Feuerschaukreis erfuhr 1787 eine Erweiterung. Die Zahl der Dorfbrunnen erhöhte sich im 18. Jh. von vier auf zwölf, ab 1808 wurde das Wasser weit ausserhalb gelegener Quellen ins Dorf geführt.

Im 16. und 17. Jh. gewannen das Leinwandgewerbe und seine Hilfsindustrien gegenüber der bisher vorherrschenden Landwirtschaft die Oberhand. Die Herstellung von Leinwandtuchen ist ab 1515 belegt. Parallel dazu setzte sich die ab spätestens dem 14. Jh. laufende Umstellung der Landwirtschaft auf Viehhaltung vollends durch, neben die als Ergänzung meist die Heimweberei trat. Der kommerzielle Ackerbau verschwand vollständig. Die für Appenzell Ausserrhoden typ. Kombination von Viehwirtschaft und Heimweberei prägte spätestens ab 1700 auch die Landbezirke. H. vermochte zudem als Garnmarkt (wöchentl. Markt bezeugt ab 1670), als Werkplatz der Stoffveredelung und im Tuchhandel (Leinwandschau ab 1706 erw.) eine bedeutende Stellung zu erlangen. Bildete H. bis ins 17. Jh. nur einen Teil des Hinterlandes des Stadt-St. Galler Leinwandgewerbes, wurde es nach 1650 zur konkurrenzfähigen Rivalin. Herisauer Kaufleute begannen um 1660 mit dem Export von Leinwand nach Lyon, 1666 nahmen die Brüder Ulrich und Bartholome Schiess eine erste Bleiche und später auch eine Papiermühle in Betrieb. Um 1737 wurde an der Glatt eine erste Stoffdruckerei eröffnet. Mit der Umstellung auf die Verarbeitung von Baumwolle gewann die Textilindustrie nach 1750 weiter an Gewicht. An mehreren peripher gelegenen Orten entstanden Bleichen und Appreturen; am dichtesten reihten sich diese entlang der Glatt, wo sich ein erstes eigentl. Industriequartier mit versch. Manufakturen ausbildete. Lebten 1579 in H. noch vier Garnhändler, wurden 1826 bereits 42 Kaufleute, 84 Fabrikanten, eine grosse Zahl Garnhändler und Webermeister sowie neun Bleichereien, zwölf Appreturen, vier Sengereien, zwei Stoffdruckereien und zwei Färbereien registriert. Es bestanden ferner acht Säge-, sieben Korn- und zwei Papiermühlen. Handwerk und Gewerbe zeichneten sich durch städt. Vielfalt aus. Viele Meister waren in zunftähnl. Gesellschaften eingebunden. 1826 wurden 309 Meister, 175 Gesellen und 55 Lehrjungen erfasst. H. war der wichtigste Warenumschlagplatz im Appenzellerland mit Ausstrahlung bis in die fürstäbt. Landschaft und ins Toggenburg.

Die Volksschulen waren bis 1834 Lohnschulen, die von privaten Schulmeistern geführt wurden. Der Einfluss der Ortsbehörden beschränkte sich auf eine Zulassungsbewilligung für die Lehrkräfte, die Entlöhnung des Schuldienste leistenden zweiten Pfarrers, Beiträge ans alljährl. Osterexamen und die Ausrichtung von Armenschulgeldern. 1809 gründete der Pestalozzischüler Johann Jakob Fitzi eine private Realschule. Ein Waisenhaus wurde 1769, ein Armenhaus 1795 eröffnet. Geistig-kulturelles Leben regte sich in H. vergleichsweise spät und beschränkte sich auf einen elitären Kreis. 1775 wurde eine Bibliothek gegründet, 1776-90 und 1810-16 bestanden Musikgesellschaften und 1792-1809 betrieb Johannes Walser eine zeitweise durch Gabriel Lory (Père) geleitete Kunstanstalt. Mit dem "Avisblatt für Herisau und Umgebung" erschien 1805-14 in H. die erste Ausserrhoder Zeitung.

Autorin/Autor: Thomas Fuchs

4 - Herisau seit 1830

Seit 1877 ist H. ordentl. Tagungsort von Regierung und Parlament sowie Sitz der wichtigsten kant. Verwaltungszweige und damit faktisch Hauptort von Appenzell Ausserrhoden. Regierung, Parlament und Hauptverwaltungszweige waren bis 1914 im Gemeindehaus (Regierungsrat und Kantonskanzlei 1902-14 im neuen Postgebäude), seither im Kantonalbank- und Regierungsgebäude am Obstmarkt untergebracht. H. ist zudem Bankenplatz (seit 1866), Standort eines Regionalspitals (seit 1879), der Kant. Psychiatrischen Klinik (erbaut 1906-08), des Kant. Berufsbildungszentrums (seit 1975) und eines eidg. Zeughauses (seit 1919) und seit dem Bau einer Kaserne 1865 Eidg. Infanteriewaffenplatz. 1859 erfolgte die Gewaltentrennung durch die Bildung eines Gemeindegerichts (1972 abgeschafft), 1877 die Auflösung der Kirchhöri und ihre Umwandlung in die evang.-ref. Kirchgemeinde und die polit. Einwohnergemeinde. An die Stelle der Gemeindeversammlung traten 1910 Wahlen und Abstimmungen an der Urne. 1975 wurden der Gemeinderat professionalisiert und von 21 auf sieben Mitglieder verkleinert sowie ein 31-köpfiges, im Proporzwahlrecht zu bestellendes Parlament (Einwohnerrat) geschaffen. Die Dorferkorporation erhielt 1834 eine private Verwaltung. Sie trat die Bereiche Feuerwehr, Polizei- und Wachtwesen bis 1875 der Gem. ab, übernahm dafür die Strassenbeleuchtung im Zentrum und dehnte die Verantwortung für die Wasserversorgung allmählich auf das ganze Gemeindegebiet aus. Kommunalisiert wurden in den 1970er Jahren die zuvor privat getragenen Kindergärten, Verkehrsbetriebe und Strassenbeleuchtungen. Dagegen wurde 1972 die Polizei und 1993 das Regionalspital kantonalisiert. Die Kehrichtentsorgung wird seit 1971 im überregionalen Verband gelöst (KVA der Stadt St. Gallen). Die Alters- und Pflegeheime wurden 2001 in die neue Stiftung Altersbetreuung Herisau überführt.

Die Einwohnerzahlen verzeichneten im Gefolge der Stickereiblüte 1850-1910 eine dritte Phase des Wachstums, das im Vergleich zur übrigen Schweiz und zum restlichen Kt. Appenzell Ausserrhoden überdurchschnittlich stark war. H. ist der einzige aus einem Flecken hervorgegangene Kantonshauptort, der vor 1915 die Zahl von 10'000 Einwohnern erreichte. Der Zuwachs beruhte nun vorab auf ausserkant. Zuwanderung. Der Anteil der Bürger aus anderen Schweizer Kantonen stieg 1850-1920 von 11,5% auf 43% (1960 49%) an, der Ausländeranteil von 2% auf 12%, während derjenige der Ortsbürger von 50% auf 25,5% sank. Die Zuziehenden liessen sich nun v.a. im Dorf und in den Fabrikbezirken nieder, wobei eigentl. Arbeiterquartiere entstanden. Nach 1920 brachen die Bevölkerungszahlen krisenbedingt ein, nach 1950 begann eine allmähl. Erholung. Der Ausländeranteil nahm 1950-70 von 4,5% auf 17% zu (2000 21%), wobei nach 1980 Menschen aus Ex-Jugoslawien die Italienstämmigen als grösste Gruppe ablösten. Die Zeit ab 1970 ist gekennzeichnet durch hohe Fluktuation; nur für 34% der Wohnbevölkerung war 1990 H. auch der Geburtsort. Reaktionen auf diese Entwicklung waren u.a die Bildung von Quartiervereinen und die Veranstaltung von Dorffesten ab 1965. Weiter wird H. im Zuge der rapide steigenden individuellen Mobilität seit 1985 zunehmend in die Agglomeration St. Gallen eingebunden; seine traditionelle Stellung als Regionalzentrum wird dadurch z.T. geschwächt. Die tägl. Pendlerzahlen verzeichneten in den 1980er Jahren einen sprunghaften Anstieg (von rund 1'500 auf rund 2'550), wobei das fast ausgeglichene Verhältnis sich leicht zugunsten der Zupendler verschob. Damit war die Pendlerbilanz erstmals seit 1960 wieder positiv. In den 1990er Jahren legten dann die Zupendlerzahlen wesentlich stärker zu.

Das Ortsbild von H. wurde nach 1835 durch intensive Bautätigkeit stark verändert. Siedlungsgestaltend wirkten bis 1910 die Anlage von drei neuen, vom Zentrum aus- gehenden Strassen (Post-, Kasernen- und Bahnhofstrasse), Industrieansiedlungen an Sägebach, Glatt und im Bereich Nordhalde sowie der Eisenbahnbau. Die 1875 im Zentrum eröffnete Station war ein Sackbahnhof; für den heutigen Durchgangsbahnhof wurden grosse Planierungen am dynam. Rande des Zentrums vorgenommen und ein markanter Viadukt wurde über das Glatttal geschlagen (1907-10). Wohnquartiere, die im Umfeld des neuen Bahnhofs geplant waren, konnten dann nur noch stückweise realisiert werden; die Wirtschaftskrise zog einen Schlussstrich unter ambitionierte Überbauungspläne. Steinbauten verdrängten im Ortszentrum die traditionellen Holzhäuser. Höhepunkte setzten die mit einer ans Bundeshaus gemahnenden Kuppel überdeckte neue Post (1899-1902) und das Kantonalbank- und Regierungsgebäude (1912-14) am neuen Hauptverkehrsknoten Obstmarkt. Städtebaulicher Ehrgeiz führte 1901 zur Schaffung eines Gemeindebaumeisteramtes und zur Mitgliedschaft im Schweiz. Städtebund. Nach 1905 wurde H. zur Vorkämpferin des Heimatstils. Dank der Heimstickerei konnten ab 1880 auch die Aussenbezirke am Bauboom teilhaben. Das durch die Stickereikrise bedingte Ende der Baukonjunktur liess das Ortsbild 1918-43 erstarren. Nach 1950 leitete der akute Wohnungsmangel eine intensive Bautätigkeit ein: Industrie- wurden zu Wohnquartieren umgebaut und an der Peripherie des Zentrums und im Grünen entstanden neue Siedlungen. Parallel dazu wandelte sich der Ortskern zum kleinstädt. Geschäftszentrum mit sinkendem Wohnanteil. Beim Wohnungsbau stand bis 1975 der Bau von Wohnblöcken im Vordergrund, ab 1979 von Einfamilienhäusern. Der bislang geschlossene Ortskern wuchs in der komplizierten Topografie zum unübersichtl., polypenähnl. Gebilde an.

Die wirtschaftl. Entwicklung verlief bis 1940 im Rhythmus der Konjunkturschwankungen der Textilindustrie. Die entscheidenden Akzente setzten 1865-1920 die Stickerei und ihre Hilfsindustrien. H. entwickelte sich zum Hauptzentrum der Ausrüstindustrie in der Ostschweiz. 1900 bestanden acht Bleichereien, zehn Appreturen, vier Sengereien, zwei Färbereien, eine Zwirnerei, mehrere Maschinenstickereien und 13 Textilhandelshäuser. Daneben verdienen die Draht- und Kabelfabrik Suhner, die Buntpapierfabrik Walke (die erste ihrer Art in der Schweiz), zwei Lithografie- und Prägeanstalten und eine Buch- und Zeitungsdruckerei Erwähnung. Im 19. Jh. gab es zudem intensive Bemühungen zur Förderung von Vieh- und Forstwirtschaft und zum Ausbau der Verkehrswege. Es kam zu grösseren Aufforstungen, zur Anlage von Baumschulen und zur Gründung mehrerer Talkäsereien. Der seit 1792 bestehende, wöchentl. Viehmarkt wandelte sich im 20. Jh. zum grössten Ostschweizer Kälbermarkt. Anschluss ans Eisenbahnnetz brachte 1875 die erste schweiz. Schmalspurlinie Winkeln-H.-Urnäsch (die Strecke Winkeln-H. ersetzt seit 1913 eine Verbindung nach Gossau) und 1910 die Normalspurbahn Romanshorn-St. Gallen-H.-Wattwil. 1857 wurde ein Telegrafenbüro errichtet, 1867 eine Gasfabrik, 1883-84 die Hauswasserversorgung und Hydrantenanlage, 1885 ein örtl. Telefonnetz, 1885-86 eine Turnhalle, 1900 folgte der Anschluss ans Elektrizitätswerk Kubel und 1907 die Kanalisation. Dank der Kuranstalt Heinrichsbad war H. 1824-73 ein Fremdenverkehrsort internat. Ranges.

Die Wirtschaftskrise der Zwischenkriegszeit traf H. empfindlich und zwang besonders Stickereien sowie kleine und mittlere Ausrüstereien zur Aufgabe. Die drei wichtigsten Betriebe, die Appretur AG Cilander, das Textilhandelshaus J.G. Nef & Co. und die Draht- und Kabelfabrik Suhner & Co., vermochten jedoch zu expandieren. Im Detailhandel erregte 1928 die Eröffnung der ersten ostschweiz. Migrosfiliale die Gemüter. Auffallend ist die starke Zunahme von Naturärzten und kantonal approbierten Zahnärzten ab 1930 (1939 zählte man 68 Naturärzte und 43 Zahnärzte). Den Gemeindebehörden gelang es nach 1945, die bislang einseitige Wirtschaftsstruktur beträchtlich zu diversifizieren. Insbesondere die Metall- und Maschinenindustrie kamen stark auf. Eine Zäsur brachten die Jahre 1965-75 mit dem Verlust von rund einem Drittel der Industriearbeitsplätze, vornehmlich im Textilbereich. Im selben Zeitraum legten dafür die Dienstleistungen zu und zogen mit dem 2. Sektor gleich. Diese Entwicklung schuf die Voraussetzungen für einen erneuten wirtschaftl. Aufschwung (Zunahme der Vollzeitstellen 1975-91 von 5'636 auf 6'833), der erst nach 1995 durch die Rezession gebremst wurde.

Am gesamtschweiz. Wirtschaftsboom nach 1945 konnte H. trotzdem nur am Rande teilhaben. Flaggschiff der Ausserrhoder Wirtschaft der Nachkriegszeit ist die erfolgreich in Elektrotechnik, Gummi- und Kunststoffverarbeitung eingestiegene Suhner & Co. (ab 1969 Huber + Suhner). Die Textilindustrie, die 1905 noch 59% der Arbeitsplätze gestellt hatte, war 1995 auf 5% geschrumpft. Markant nahmen dafür 1955-95 die Arbeitsplätze in der öffentl. Verwaltung (von 11% auf 20%) und im Bereich Beratung, Planung und Interessenvertretung (von 17 auf 324 Vollzeitstellen) zu. 2000 bot der Dienstleistungssektor etwa die Hälfte der Arbeitsplätze, die Landwirtschaft knapp 4%. Mit mehr als 8'000 Arbeitsplätzen trägt H. entscheidend dazu bei, dass das Appenzeller Hinterland als Arbeitsregion dem Sog der Region St. Gallen-Gossau widersteht. Spät begann H., die Mängel in der kommunalen Infrastruktur zu beheben. Neben Schulhausbauten sowie Sport- und Kulturanlagen entstand 1968-70 das Altersheim Heinrichsbad (1980-82 um Pflegeheim und Alterssiedlung erweitert), 1968-72 das Regionalspital und 1971-75 die Kläranlagen (1997-99 Erweiterung). Dem Dauerproblem Wasserknappheit begegnete die Dorferkorporation 1934 mit dem Anschluss ans Gemeinschaftswerk H.-Degersheim-Mogelsberg, 1966 durch Bezugsverträge mit der Stadt St. Gallen und 1993 durch Beitritt zur Regionalwasserversorgung St. Gallen mit Beteiligung am neuen Seewasserwerk Frasnacht. 1969 erfolgte die Einstellung der Gasproduktion und der Anschluss ans ostschweiz. Erdgasnetz.

Die starke Zuwanderung führte eine grosse Zahl von Katholiken ins ref. H., ihr Bevölkerungsanteil stieg zwischen 1860 und 1910 von 5% auf 18%, von 1950 bis 1970 von 18,5% auf 31,5%. 1867 erfolgte die Gründung einer röm.-kath. Diasporapfarrei, 1878-79 der Bau einer kath. Kirche (1936-37 Neubau). Kath. Lehrkräfte sind erst seit 1958 zugelassen. In der evang.-ref. Kirchgemeinde bewirkten Differenzen zwischen Orthodox-Positiven und Freisinnigen ab 1870 eine bis weit ins 20. Jh. wirkende Spaltung, der mit einer parität. Besetzung der Pfarrstellen Rechnung getragen wurde. Das Heinrichsbad wandelte sich nach der Übernahme durch eine evang.-orthodoxe Gesellschaft 1873 zur christl. Kuranstalt mit eigenem Pfarrer. Ab 1887 fassten Heilsarmee (eine der ersten Gründungen in der Deutschschweiz) und versch. Freikirchen in H. Fuss. Eine in den 1990er Jahren gegründete prot. Gemeinde führt seit jüngster Zeit eine christlich orientierte, private Primarschule.

Für die polit. Meinungsbildung wurden Lesegesellschaften (ab 1830), Grütliverein (ab 1850), Landwirtschaftl. Verein (ab 1869) und Arbeiterverbände bestimmend. Erstere verstanden sich in den Aussenbezirken v.a. als Interessenvertreter der dortigen Anwohner. Nach 1900 verlagerte sich die polit. Arbeit auf Parteien, wobei die FDP stets dominierte. Der gesellschaftspolit. und weltanschaul. Ausdifferenzierungsprozess liess versch. Milieus entstehen: In den 1870er Jahren standen sich konservative und freisinnige Liberale gegenüber, in der 1. Hälfte des 20. Jh. grenzten sich sozialist. Arbeiterbewegung sowie Katholiken bewusst von der um Einigkeit in den eigenen Reihen ringenden prot.-freisinnigen Mehrheit ab. Diese weltanschaul. Milieus erodierten ab 1960 zusehends. Ein Sammelbecken kritisch denkender junger Leute bildete 1974-93 der Landesring der Unabhängigen. Ihm folgte ab 1992 das den Grünen nahe stehende, sich ausserhalb traditioneller Strukturen definierende Forum H., das aber polit. Anfangserfolge nicht konsolidieren konnte. Milieuhafte Züge trägt dagegen die seit 1994 rasch aufstrebende, neue konservative Kraft SVP. Seit 1852 erscheint in H. die freisinnige "Appenzeller Zeitung". Den längsten Atem ihrer meist kurzlebigen Konkurrenzblätter hatte 1906-30 die in H. redigierte sozialist. "Appenzeller Volkswacht" (ab 1914 Kopfblatt der St. Galler "Volksstimme"). Im von einer Vielzahl von Vereinen getragenen kulturellen Leben fand in der Zwischenkriegszeit eine Neuorientierung am Appenzeller Volkstum und am Jodelwesen statt. So steht die Wiege der 1925 neu geschaffenen Ausserrhoder Tracht in H., und ab 1927 wurde der alte Brauch des Silvesterklausens neu belebt. Die Eröffnung eines Jugendhauses 1968 markiert den Aufbruch einer neuen, angelsächsisch inspirierten Jugendbewegung. Der kulturellen Anziehungskraft St. Gallens wirken Initiativen wie die klass. Casinokonzerte entgegen, die von Kultur is Dorf veranstalteten Kleinkunstabende im Alten Zeughaus, die seit den 1990er Jahren in Casino und Chälblihalle stattfindenden Popkonzerte, aber auch die Eröffnung einer Bibliothek 1994 und eines Kinos 2000 (Kinos bestanden bereits 1910-84). Eine Besonderheit von H. bildet der um 1845 aufgekommene Frühjahrsbrauch Gidio Hosestoss, der auch in der Nachbargemeinde Waldstatt Nachahmung fand. Stark im Vormarsch ist im einst ref. H. seit den 1980er Jahren die Fasnacht.

Autorin/Autor: Thomas Fuchs

Quellen und Literatur

Archive
– GemA
– GemB
– Museum H.
Literatur
Kdm AR 1, 1973
INSA 5, 123-223
– T. Fuchs et al., H., 1999
– P. Witschi, Das Schwarze Haus am Glattbach, 1999