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Lötschental

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Grösstes und neben dem Tal von Leukerbad einziges bewohntes Walliser Seitental nördlich der Rhone, von der Lötschenlücke auf 3178 m bis zum Talausgang bei Steg/Gampel auf 630 m 27 km lang, durchzogen vom Talfluss Lonza. Im oberen Teil des Tals liegen am Nordhang (Sonnenseite) die Ackerfluren, Kuhalpen und Siedlungen der vier Gem. Ferden, Kippel, Wiler und Blatten (1370-1700 m), am Südhang (Schattenseite) ausgedehnte Wälder, Weiden und Schafalpen. Das untere Taldrittel umfasst eine schroffe Mündungsschlucht mit wenigen Siedlungsplätzen (Fiischtrtellä, Goppenstein, Mittal). Im MA Vallis Lyche (1233), Lyech oder Vallis Illiaca/Illiacensis superior (im Gegensatz zum Vallis Illiaca/Illiacensis inferior genannten Val d'Illiez). 1798 783 Einw.; 1850 763; 1900 999; 1950 1'411; 2000 1'423. Frühbronzezeitl. Pfeilbogenfunde (Lötschenpass), eisenzeitl. Schwert (isolierter Höhenfund ob Kippel) und keltorom. Brandgräber (Kippel) weisen auf die prähist. Begehung über den Lötschenpass als Nord-Süd-Verbindung und die Besiedlung des Tals spätestens ab der röm. Epoche hin. Im 13. und 14. Jh. war das L. dem Adelsgeschlecht der Herren vom Turn (Stammburg in Niedergesteln, östlich des Talausgangs) unterstellt, das Lötscher Kolonisten in seinen Besitzungen im Berner Oberland ansiedelte. Mit dem Untergang der vom Turn wurde die Kastlanei Niedergesteln und damit auch das L. Untertanengebiet der fünf oberen Walliser Zenden (Goms, Brig, Visp, Raron, Leuk). 1527-1786 kauften sich die Talbewohner sukzessive von den Zehntabgaben los, 1790 von der Gerichtsbarkeit. Kirchlich bildete das L. bis 1899 eine Pfarrei mit Zentrum in Kippel. Gyrold vom Turn schenkte 1233 das Patronatsrecht über die Kirche im L. dem Kloster Abondance in Savoyen; seither trägt der Pfarrer in Kippel den klösterl. Titel Prior. 1899 löste sich Blatten von der Talpfarrei ab, 1956 bildeten Ferden und Wiler eigene Pfarreien. 1849 baute die engl. Minengesellschaft, die in Goppenstein silberhaltige Bleiminen ausbeutete, eine Wagenstrasse von Steg nach Goppenstein. Nach der Erstbesteigung des Bietschhorns durch Leslie Stephen 1859 wurde 1866-68 das erste Hotel im L. errichtet. Ab 1900 machten die Ethnografen und ab den 1920er Jahren die Aktivitäten des Malers Albert Nyfeler und des Priesters Johann Siegen das L. zu einem der als typisch geltenden Schweizer Alpentäler. Die Bräuche der Osterspende, der Herrgottsgrenadiere und der Tschäggätä fügten sich ins Repertoire der Geistigen Landesverteidigung ein und trugen auch zur erfolgreichen tourist. Entwicklung des L.s bei. Mit der Eröffnung des Lötschbergtunnels 1913 fand das L. Anschluss an eine internationale Eisenbahnlinie. 1918-20 wurde die Wagenstrasse bis Kippel erweitert. Die traditionelle Berglandwirtschaft mit Viehzucht, Ackerbau (Roggen, Gerste, Kartoffeln) und kleinen Hortusbereichen hielt sich bis nach dem 2. Weltkrieg. Nach dem Ausbau der Autostrasse, die 1954 bis nach Blatten führte, verschwand sie innerhalb einer Generation. Der kriegswirtschaftlich bedingte Betrieb einer Kohlenmine bei Ferden (1940-48), die Heimstrickerei der 1950er und 60er Jahre, die Maskenschnitzerei und der Aufschwung des Winter- und Wandertourismus brachten Verdienst ins Tal. Arbeit fanden die Bewohner auch in der 1962 eröffneten Alusuisse in Steg (zeitweise über 100 Lötschentaler Fabrikarbeiter). Seit der Inbetriebnahme der Luftseilbahn Wiler-Lauchernalp 1972 und dem Ausbau des Skigebiets werden jährlich 150'000-200'000 Logiernächte verbucht.


Literatur
– H. und K. Anneler, Lötschen, das ist: Landes- und Volkskunde des L.es, 1917, (Nachdr. 1980)
– J. Siegen, Zwei Bergtäler im Wandel, 2005

Autorin/Autor: Werner Bellwald