• <b>Jegenstorf</b><br>Das Schloss vor dem Umbau von 1720, von Süden. Ausschnitt aus dem Herrschaftsplan Jegenstorf von   Johann Adam Riediger,   1719, in einer Kopie von 1818 (Burgerbibliothek Bern). Schon vor dem Umbau zum barocken Landsitz durch Albrecht Friedrich von Erlach war die Burg entfestigt und dem Geschmack der Zeit angepasst worden. Dennoch blieb die mittelalterliche Anlage erkennbar: An der Nordseite ist der Verlauf der Wehrmauer in der bogenförmigen Baumallee entlang des Ringgrabens ersichtlich. Bergfried und Palas sind als Kern der Anlage erhalten, doch haben sie ihren Wehrcharakter durch die grosszügige Befensterung und die Verbindung zum Garten eingebüsst.

Jegenstorf

Politische Gemeinde BE, Amtsbezirk Fraubrunnen, Verwaltungskreis Bern-Mittelland. Die Gemeinde auf dem Rapperswiler Plateau umfasst das Dorf J. und mehrere Neuquartiere, darunter Bachtelen, Bimer, Solecht und Risere, sowie seit 2010 die Gemeinde Ballmoos und seit 2014 auch die Gemeinden Münchringen und Scheunen. 1131 Igistorf, 1255 Jegistorf. 1680 484 Einw.; 1764 400; 1850 1'062; 1900 996; 1950 1'245; 2000 3'999.

Hügelgräber der Hallstattzeit mit Pfeilspitzen, Keramik- und Goldfunden wurden im Hurst an der Grenze zu Münchringen entdeckt. Zahlreiche Funde (Mauer- und Säulenreste, Ziegel, Keramik) weisen auf einen galloröm. Gutshof auf dem Kirchhügel hin. Stammsitz der zähring. Ministerialen und späteren Bernburger von Jegistorf war die Anfang des 12. Jh. erbaute Wasserburg (Bergfried erhalten). Schon vor dem Aussterben der Herren von Jegistorf kamen um 1300 Teile der Herrschaft unbekannten Umfangs an die Fam. von Erlach, der es aber erst im 15. Jh. gelang, Schloss, Herrschaft und Niedergericht in J., Scheunen sowie Münchringen ganz in ihren Besitz zu bringen. Die Herrschaft unterstand dem kyburg., ab 1406 bern. Landgericht Zollikofen mit Gerichtsplatz vor dem Gasthof Kreuz. Vom 14. Jh. an waren Schloss und Herrschaft im Besitz von Bernburger Fam. (bis 1584 von Erlach, 1584-1675 von Bonstetten, 1675-1720 von Wattenwyl, 1720-58 von Erlach). Karl Ludwig von Erlach verkaufte 1758 das Schloss mit Gutshof, behielt aber die Herrschaft. Deren Rechte gingen 1798 an den Staat über, der die von Erlach 1810 entschädigte. 1803 kam die Gem. zum Oberamt Fraubrunnen, seit 1831 Amtsbez. Fraubrunnen. Albrecht Friedrich von Erlach liess das Schloss um 1720 zu einem barocken Landsitz umbauen und die Befestigung durch Parkanlagen ersetzen. 1758-1934 diente es der Patrizierfamilie Stürler als Sommersitz. 1936 ersteigerte es der neu gegr. Verein zur Erhaltung des Schlosses J. und richtete das Museum für bern. Wohnkultur ein. Seit 1955 liegt die Verwaltung des Besitzes bei der Stiftung Schloss J.; die Ausstellungen sind Sache des Vereins.

Die Kirche (Marienpatrozinium, heutiger Bau 1514-15, Glasgemälde aus dem 16. und 17. Jh.), deren Leutpriester 1180 erwähnt wird, war eine Eigenkirche der Herren von Jegistorf. Mit deren Aussterben kam der Kirchensatz an bern. Geschlechter (Schwanden, Vrieso, von Krauchtal), 1424 an das Niedere Spital in Bern und 1839 an den Staat Bern. Die Reformation war 1528 eingeführt worden. Die Kirchgemeinde J., die weit umfangreicher als die Einwohnergemeinde ist, gliedert sich in die Kreise J. (Ballmoos, Iffwil, J., Münchringen, Oberscheunen, Zauggenried, Zuzwil) und Urtenen (Mattstetten, Urtenen-Schönbühl).

Bereits 1389 hatte ein Grossteil der Bewohner bern. Ausburgerstatus erlangt. Im Bauernkrieg von 1653 plünderten Jegenstorfer das Schloss, worauf das Dorf durch ein bern. Heer gebrandschatzt wurde. Die Sozialordnung in der Gem. entsprach jener der Kornbau- und Zelgregion: Grossbauern (1802 18%) besetzten die wichtigsten Dorfämter, zu denen die Mehrheit (Mittelbauern 9%, Tauner 73%) keinen Zugang hatte. Der Übergang auf Feldgrasbau mit Privatisierung von Allmend und Wald (1825) fand im 19. Jh. statt. Die Gründung bäuerl. Organisationen, z.T. mit Nachbargemeinden, kam eher spät (nach 1840 Käsereigenossenschaft, 1886/1916 Landwirtschaftl. Genossenschaft, 1906 Viehzucht- und 1912 Mostereigenossenschaft). Erst die 1935-45 realisierte Güterzusammenlegung verdrängte die alte Zelgstruktur endgültig und erweiterte das Wegnetz. Lange waren Handwerk und Gewerbe auf landwirtschaftl. Bedürfnisse zugeschnitten. Die schwache Industrialisierung (Betrieb für Messtechnik 1918) war eine Folge der ungünstigen Verkehrsführung: J. liegt zwar an der alten Landstrasse Bern-Solothurn, doch die grossen Verkehrslinien des 19. und 20. Jh. (Eisen- und Autobahn) umfahren es. Mit der Entwicklung J.s zur Agglomerationsgemeinde Berns ab 1960 gewann dann allerdings die lokale Schmalspurbahn (1916, heute Regionalverkehr Bern-Solothurn) für den Pendlerverkehr an Bedeutung. 1970 liess sich die Interdiscount-Gruppe nieder und entwickelte sich in der Folge zur grössten Arbeitgeberin. Starke private und öffentl. Bautätigkeit veränderten die Gemeinde. Neue Quartiere und Schulhausanlagen entstanden ab den 1960er bzw. 70er Jahren. Eine Sekundarschule wird seit 1879 geführt (Schulverband seit 1910/21). Das 1891 eröffnete Spital (1976 Neubau, 1990 Erweiterung) wurde 1999 geschlossen.

<b>Jegenstorf</b><br>Das Schloss vor dem Umbau von 1720, von Süden. Ausschnitt aus dem Herrschaftsplan Jegenstorf von   Johann Adam Riediger,   1719, in einer Kopie von 1818 (Burgerbibliothek Bern).<BR/>Schon vor dem Umbau zum barocken Landsitz durch Albrecht Friedrich von Erlach war die Burg entfestigt und dem Geschmack der Zeit angepasst worden. Dennoch blieb die mittelalterliche Anlage erkennbar: An der Nordseite ist der Verlauf der Wehrmauer in der bogenförmigen Baumallee entlang des Ringgrabens ersichtlich. Bergfried und Palas sind als Kern der Anlage erhalten, doch haben sie ihren Wehrcharakter durch die grosszügige Befensterung und die Verbindung zum Garten eingebüsst.<BR/>
Das Schloss vor dem Umbau von 1720, von Süden. Ausschnitt aus dem Herrschaftsplan Jegenstorf von Johann Adam Riediger, 1719, in einer Kopie von 1818 (Burgerbibliothek Bern).
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Literatur
– H. Haeberli, Aus der Besitzergesch. des Schlosses J., 1987
J., 1989
– I. Meili-Rigert, Bauinventar der Gem. J., 2003

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler