• <b>Stein am Rhein (Gemeinde)</b><br>Ansicht der Stadt von Süden mit zwei Kometen und einem rätselhaften Feuer, das in der Nacht des 5. September 1562 beobachtet wurde. Illustrierter Bericht aus der Chronik des Chorherrn  Johann Jakob Wick,   um 1563 (Zentralbibliothek Zürich, Handschriftenabteilung, Wickiana, Ms. F 14, Fol. 211r). Die aquarellierte Zeichnung zeigt die Stadt mit der Burg Hohenklingen auf dem Hügel. Wick sammelte Nachrichten und Darstellungen kosmischer Phänomene und übernatürlicher oder seltsamer Vorkommnisse aus der Zeit zwischen 1560 und 1587.
  • <b>Stein am Rhein (Gemeinde)</b><br>Werbeplakat für die Marke Henke, gestaltet von  Hans Michael Freisager,  1962 (Schweizerische Nationalbibliothek). Die 1885 gegründete Firma spezialisierte sich auf Skischuhe und entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg, als Skifahren zum Massensport wurde, zu einem florierenden Unternehmen. 1961 beschäftigte sie über 500 Mitarbeiter. 1973 musste Henke als wichtigster Arbeitgeber von Stein am Rhein seine Tore schliessen.

Stein am Rhein (Gemeinde)

Polit. Gem. SH, Hauptort des Bez. Stein, der eine Exklave des Kt. Schaffhausen, den sog. Oberen Kantonsteil, bildet. Die Kleinstadt liegt am Westende des Untersees am Rhein, am Fuss des Klingenbergs und umfasst auch das gleichnamige Kloster. Zu S. gehört ebenfalls der linksrhein. Gemeindeteil Vor der Brugg mit Burg. 833/834 Stein, später auch Lithopolis oder Gaunodurum genannt. Um 1500 ca. 1'200 Einw.; 1583 ca. 1'720; 1643 ca. 830; 1798 1'148; 1850 1'469; 1900 1'777; 1950 2'352; 2000 2'985.

1 - Ur- und Frühgeschichte bis Römerzeit

Die ältesten archäolog. Zeugnisse auf dem Gemeindegebiet reichen ins Jungneolithikum zurück. Bei Grabungen anlässlich der Restaurierung der Burg Hohenklingen (2005-07) kamen im Innern der Kapelle und ausserhalb der Ringmauer Pfeilspitzen, Dickenbännlibohrer und Keramikscherben zum Vorschein, die auf eine Besiedlung um 4300 v.Chr. hinweisen. Für die Zeit danach fehlen Belege, obwohl die Nachbarorte Hemishofen und Eschenz bzw. die Insel Werd solche aufweisen. Die nächsten Zeugnisse stammen aus der Zeit der Römer. Diese errichteten im Zug der Rücknahme ihrer Reichsgrenze und zur Abwehr der Germanen am Ende des 3. Jh. auf dem Hügel im heutigen Gemeindeteil Vor der Brugg auf einer Fläche von 88 x 91 m ein Kastell. Es umfasste zwölf Türme, eine Brücke und einen Brückenkopf am nördl. Rheinufer. Etwa 250 m südlich des Kastells befindet sich der spätröm. Friedhof, wo z.T. erstklassige Speckstein- und Glasgefässe wie etwa eine Jagdschale zutage traten. Kurz nach 400 verliessen die Römer die Gegend.

Autorin/Autor: Michel Guisolan

2 - Mittelalter und Neuzeit

2.1 - Herrschaft und Verwaltung

Nach dem Abzug der Römer siedelten sich alemann. Einwanderer innerhalb der Kastellmauern an. Mindestens zwei Adelsfamilien teilten sich die Gegend. Sie sicherten die Befestigung und Herrschaft und kontrollierten die Verkehrswege. Spätestens im 7. Jh. stand in S. eine Holzkirche, die älteste ihrer Art auf Schweizer Boden. Ihr folgte wenig später ein steinerner Saalbau, der einer Adelsfamilie als Grabstätte diente. Am rechten Rheinufer, wo heute das Städtchen liegt, bestand vom 7. Jh. an ein sog. Fronhof, der ein kleines bäuerl. Bewirtschaftungssystem mit Herrenhaus, Kirche, Friedhof sowie Wohn- und Zweckgebäuden umfasste und die bedeutendste Siedlung im Umkreis war. Der Fronhof Stein gehörte im 10. Jh. wahrscheinlich Kuno von Öhningen, einem Gefolgsmann der Hzg. von Schwaben. Um 1007 verlegte Kg. Heinrich II. das Benediktinerkloster St. Georgen vom Hohentwiel nach S. in den Fronhof. Die gut ausgestattete Abtei gliederte er in die Verwaltung des Bistums Bamberg ein. Damit gab er der Entwicklung des Orts einen entscheidenden Impuls. Die Abtei besass anfänglich Markt- und Zollrechte sowie die niedere Gerichtsbarkeit. Wegen ihrer Querelen mit der Stadt und den Vögten auf Hohenklingen begab sie sich 1478 unter den Schutz Zürichs, das St. Georgen in der Reformation aufhob. Ab dem 13. Jh. spielten die auf ihrer Burg ob S. lebenden Vögte, die Herren von Hohenklingen, eine zunehmend wichtige Rolle. Sie gewährten Kloster und Stadt Schutz und Sicherheit und stifteten um 1302 ein Spital; vom Kaiser erhielten sie für ihre guten Dienste um 1250 das Brückenbaurecht, 1379 das Privileg des eigenen Gerichtsstands und 1395 den Grossen Zoll. In dieser Zeit stieg S. zu einem bedeutenden Handelsstädtchen auf. Gleichzeitig erstarkte die in Handel, Handwerk und Gewerbe tätige Bürgerschaft. Das Dreigespann Kloster, Vögte und Bürgerschaft teilte sich die Macht und nahm Verwaltung und Rechtsprechung wahr.

Im 14. Jh. mehrten sich die Streitigkeiten zwischen den Vögten und dem Kloster, die in den 1380er Jahren zum Bruch und der Annäherung der Vögte an die Bürgerschaft führten. Bedingt durch finanzielle Engpässe und polit. Veränderungen, veräusserten die Hohenklinger schliesslich 1419 bzw. 1433 ihre Steiner Rechte und Besitztümer an die Herren von Klingenberg. Tief verschuldet - grösstenteils bei Steiner Bürgern -, mussten die Klingenberger wenig später ebenfalls ihr Eigentum veräussern. In einem Kraftakt erwarb die Stadt 1457 dieses um 24'000 Gulden, wurde damit für kurze Zeit reichsunmittelbar, geriet aber selbst in Schulden. Militärisch schwach und politisch isoliert, schloss S. 1459 ein Schutz- und Trutzbündnis mit Zürich und Schaffhausen. Bei dessen Erneuerung 1484 schied Schaffhausen aus. Indem Zürich die Schulden von S. aus dem Loskauf von Schaffhausen übernahm, nutzte es die Gunst der Stunde und erhob sich im neuen Vertrag zum Territorialherrn. Zürich bestimmte fortan die Aussenpolitik, hatte die Militärhoheit inne und waltete als höchste Appellationsinstanz. S. blieben eine gewisse Eigenverwaltung und die Unabhängigkeit in wirtschaftl. Belangen. Ab der 2. Hälfte des 15. Jh. verfügte es über einen eigenen Rat. S. versuchte in der Folge vergeblich, sich zum Stadtstaat zu entwickeln, indem es 1457 bzw. 1468 die Gerichtsherrschaft Vor der Brugg, 1539 jene von Ramsen und 1575 bzw. 1596 jene von Wagenhausen erwarb. Bis zum Ende des Ancien Régime setzte Zürich stets seine strateg. und polit. Interessen durch, kam der Stadt in Notzeiten aber auch zu Hilfe. Wiederkehrende Interessenskonflikte mündeten 1783-84 in den Steinerhandel.

Mit der Helvetik verlor S. seine Privilegien und Untertanengebiete und wurde im 2. Koalitionskrieg (1799-1801) zuerst von den Franzosen, dann von den Alliierten und wieder von den Franzosen besetzt. Zwischen 1798 und 1802 wechselte es mehrmals die Kantonszugehörigkeit, bevor es 1803 mit der Mediationsverfassung endgültig zum Kt. Schaffhausen kam und mit Hemishofen, Ramsen und ab 1929 mit Buch einen eigenen Bezirk bildete. Von 1933 bis fast zum Ende des 2. Weltkriegs war S. eine Hochburg der Frontenbewegung. Am 22.2.1945 wurde es von amerikan. Bomben getroffen, die neun Menschen töteten. 1945 gab sich die Stadt mit dem Einwohnerrat ein eigenes Parlament. In den Räten dominieren seit 1920 die Bürgerlichen, wobei die Sozialdemokraten stets stark vertreten sind.

Autorin/Autor: Michel Guisolan

2.2 - Kirche

S. umfasst zwei Kirchgemeinden. Die linksrheinische nennt sich nach dem Standort ihrer Kirche im einstigen Kastell Burg, die rechtsrheinische Stein-Hemishofen. Nach Burg pfarrgenössig sind die Einwohner von Vor der Brugg sowie der thurg. Gemeinden Eschenz und Wagenhausen. Das Patronatsrecht wechselte ab dem 8. Jh. oft den Besitzer. 1468-1836 lag es beim Kloster Einsiedeln, bis 1918 beim Kt. Schaffhausen. Dann erhielt Burg das Pfarrwahlrecht und wurde eine selbstständige öffentl.-rechtl. Korporation. Unter der Führung von Pfarrer Johannes Oechsli ging die linksrhein. Bevölkerung 1525 geschlossen zum ref. Glauben über (Ittingersturm). Die Johanneskirche von Burg ist die älteste im Kt. Schaffhausen. Ihr Chor datiert aus dem 12./13. Jh. und beherbergt drei bedeutende Bilderzyklen aus der Zeit um 1420, ihr Schiff stammt von 1671. Zur rechtsrhein. Stadtpfarrei gehörten von Beginn weg auch die Einwohner von Hemishofen. Die Pfarreiangehörigen besuchten zunächst den Gottesdienst in der heute verschwundenen Leutkirche. Unter dem Steiner Leutpriester und Reformator Erasmus Fabricius trat auch die gesamte rechtsrhein. Bevölkerung in der Reformation zum neuen Glauben über. Von da an bis 1806 besass Zürich das Pfarrwahlrecht, dann Schaffhausen. Erst nach dem Umbau von 1583-84 wurde die einstige Klosterkirche aus dem 12. Jh. zur Stadtkirche erhoben. Die in der Folge mehrfach umgestaltete Kirche beherbergt im Chor Malereien aus dem 13. Jh. und in ihrer Nordkapelle die Grablege der Herren von Hohenklingen und deren Memoralbild von 1372.

Durch die Industrialisierung und wachsende Dienstbotenzahl entstand in S. im späten 19. Jh. eine kath. Minderheit, die zunächst nach Ramsen kirchgenössig war. Die Katholiken gründeten 1902 eine Genossenschaft, erhielten 1905 ihren ersten Pfarrer und bauten 1911 ihre eigene Kirche Herz Jesu. 2008 wurde die Pfarrei in den Seelsorgeverband Eschenz-Mammern-Klingenzell integriert.

<b>Stein am Rhein (Gemeinde)</b><br>Ansicht der Stadt von Süden mit zwei Kometen und einem rätselhaften Feuer, das in der Nacht des 5. September 1562 beobachtet wurde. Illustrierter Bericht aus der Chronik des Chorherrn  Johann Jakob Wick,   um 1563 (Zentralbibliothek Zürich, Handschriftenabteilung, Wickiana, Ms. F 14, Fol. 211r).<BR/>Die aquarellierte Zeichnung zeigt die Stadt mit der Burg Hohenklingen auf dem Hügel. Wick sammelte Nachrichten und Darstellungen kosmischer Phänomene und übernatürlicher oder seltsamer Vorkommnisse aus der Zeit zwischen 1560 und 1587.<BR/>
Ansicht der Stadt von Süden mit zwei Kometen und einem rätselhaften Feuer, das in der Nacht des 5. September 1562 beobachtet wurde. Illustrierter Bericht aus der Chronik des Chorherrn Johann Jakob Wick, um 1563 (Zentralbibliothek Zürich, Handschriftenabteilung, Wickiana, Ms. F 14, Fol. 211r).
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Autorin/Autor: Michel Guisolan

2.3 - Wirtschaft und Verkehr

Seinen Wohlstand verdankte S. über Jahrhunderte seiner Lage am Kreuzungspunkt eines Nord-Süd-Landwegs und einer Ost-West-Wasserstrasse, seinen Zollprivilegien sowie seiner Funktion als regionales Gewerbe- und Verwaltungszentrum. Im Ort fanden vier viertägige Jahrmärkte, ein Wochenmarkt und mehrere Spezialmärkte statt. Gehandelt wurden v.a. Salz, Getreide, Holz, Wein, Eisen sowie Produkte und Werkzeuge für den Alltag. Auf Stadtgebiet waren vom MA an vier Mühlen in Betrieb. Die Handwerker organisierten sich in Innungen, zudem gab es zwei Zünfte, die aber nicht als polit. Plattformen genutzt wurden. Nach dem Verlust der Untertanengebiete und Zölle in der Helvetik folgte eine Zeit von Armut, Seuchen und Missernten. Die Entstehung der Städt. Spar- und Leihkasse 1843 brachte für die Stadt eine markante Verbesserung und machte Gemeindesteuern überflüssig, so dass S. um die Jahrhundertwende zur Steueroase wurde. 1920 brach die Bank wegen ihrer Anlagepolitik zusammen. Die Industrialisierung setzte erst im letzten Viertel des 19. Jh. ein mit der Gründung der Teigwarenfabrik Lieb, einer Sesselfabrik, der Uhrenschalenfabrik Weber-Öchslin und der Schuhfabrik Henke. Nur die Sesselfabrik Dietiker AG besteht noch. Im 20. Jh. folgten weitere Betriebe im Industrieviertel Degerfeld in Vor der Brugg, von denen zu Beginn des 21. Jh. noch ein gutes Dutzend existierten. Nach dem 2. Weltkrieg setzte S. auf den Tourismus, von dem es Anfang 21. Jh. hauptsächlich lebte. 2005 stellten Industrie und Gewerbe aber immer noch über einen Drittel der Arbeitsplätze in der Gemeinde.

Einen Anschluss an die Eisenbahn erhielt S. erst 1875, wobei der Standort des Bahnhofs in Vor der Brugg dem Ortsteil Auftrieb gab. Eine einfache Schiffsanlegestelle an der Südwestecke der Altstadt ist seit dem MA bezeugt, ihr Ausbau zur Dampfschiffanlegestelle und zum Quai war 1901 abgeschlossen. Die seit etwa 1250 existierende und in der Folge stets wieder um- und ausgebaute Holzbrücke ersetzte man 1974 durch eine Betonbrücke. Jahrhunderte lang schleppte sich der Verkehr durch die teilweise engen, ungepflasterten Strassen der Altstadt, die Hauptachsen wurden erst in den 1950er Jahren geteert; seit 1992 ist die Altstadt verkehrsfrei. Das Bewusstsein um die Baudenkmäler der Stadt erwachte im letzten Viertel des 19. Jh., aber erst die Bauordnung von 1957 legte den Grundstein für eine eigentl. Pflege des aussergewöhnlichen ma. Stadtbilds. 1972 erhielt S. den Wakkerpreis für vorbildl. Ortspflege und seit 1997 ist die Altstadt Gegenstand eines aufwendigen Verschönerungsprogramms.

<b>Stein am Rhein (Gemeinde)</b><br>Werbeplakat für die Marke Henke, gestaltet von  Hans Michael Freisager,  1962 (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>Die 1885 gegründete Firma spezialisierte sich auf Skischuhe und entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg, als Skifahren zum Massensport wurde, zu einem florierenden Unternehmen. 1961 beschäftigte sie über 500 Mitarbeiter. 1973 musste Henke als wichtigster Arbeitgeber von Stein am Rhein seine Tore schliessen.<BR/>
Werbeplakat für die Marke Henke, gestaltet von Hans Michael Freisager, 1962 (Schweizerische Nationalbibliothek).
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Autorin/Autor: Michel Guisolan

2.4 - Siedlungsentwicklung

Links und rechts des Rheins bestanden bereits im 8. Jh. je eine kleine Siedlung mit Kirche, die sich unterschiedlich schnell entwickelten. Nach der Ankunft des Konvents wuchs die rechtsufrige Siedlung stärker. Um 1400 war S. von einer Stadtmauer und elf Toren und Türmen umgeben, die 1643-46 mit einer Schanzenanlage weiter befestigt wurden. Das Stadtbild prägten Bürgerhäuser, aber auch einfache Handwerkerbauten und landwirtschaftl. Gebäude. Bis weit ins 20. Jh. behielt S. den Charakter eines Agrarstädtchens. Vor der Brugg war ein Fischer-, Schiffer- und Bauerndorf. Die Befestigungen wurden im 2. Viertel des 19. Jh. grösstenteils entfernt. Der Stadtbrand von 1863 und die Bombardierung von 1945 veränderten das Antlitz der Altstadt geringfügig. Ein erstes Ausgreifen ins Umland geschah mit der Entstehung von Industriebauten im Osten der Stadt. Der Wohnungsbauboom setzte nach dem 2. Weltkrieg mit dem Bevölkerungswachstum ein und führte zu einer Ausdehnung in alle Richtungen. 1890 erhielt S. eine moderne Wasserversorgung. Ab 1879 erhellten Petrollampen das Städtchen, der Übergang zum elektr. Licht und zur Stromversorgung erfolgte 1909. S. verfügt über einen Sportplatz, ein Strandbad, drei Museen und die besterhaltene ma. Burg des Bodenseeraums.

Autorin/Autor: Michel Guisolan

Quellen und Literatur

Literatur
Frühgesch. der Region S., hg. von M. Höneisen, 1993
SchaffGesch. 1-3
– E. Eugster et al., S., 2007
– K. Bänteli, C. Buff, Die Johanneskirche auf Burg, S., 2010
– K. Bänteli et al., Die Burg Hohenklingen ob S., 2 Bd., 2010

Autorin/Autor: Michel Guisolan