Notker der Arzt

geboren um 900, gestorben 12.11.975 St. Gallen. 906 wahrscheinlich Profess in St. Gallen. Zeitgenöss. Quellen - u.a. die "Vita sanctae Wiboradae" Ekkehards I. - nennen den zweiten berühmt gewordenen St. Galler Mönch namens N. einen medicus (Arzt, später auch physicus genannt). N. selbst bezeichnete sich in Urkunden 956/957 als cellararius (Verwalter) und 965 als hospitarius (Gastmeister). N. war ein Onkel Abt Notkers (971-975) und ein strenger Verfechter klösterl. Disziplin, worauf der im Werk "Casus sancti Galli" von Ekkehard IV. bezeugte Beiname piperisgranum (Pfefferkorn) hindeutet. Sein Nachruhm gründet einerseits auf seiner durch mehrere Fallberichte belegten ärztl. Wirksamkeit, die ihn auch an den Hof Ottos des Grossen führte. Ausserdem resultiert er aus seinem künstler. Schaffen, von dem die "Casus" ebenfalls berichten. Demzufolge hat N. als pictor (Maler) die nach dem Klosterbrand von 937 restaurierte Galluskirche mit Wandmalereien ausgestattet sowie Bücher mit Miniaturen geschmückt. Als Dichter und Musiker schuf er nach dem Zeugnis Ekkehards IV. liturg. Gesänge (ein Offizium für den hl. Otmar, den Otmarhymnus "Rector aeterni metuende saecli" und den Hymnus "Hymnum beatae virgini"), die sich in der St. Galler Überlieferung erhalten haben, sowie (heute verlorene) Begrüssungsgedichte für Königsempfänge. Auch als Lehrer hat N. gewirkt: Zu seinen Schülern zählte Balther von Säckingen, der Verfasser der "Vita sancti Fridolini", die N. gewidmet ist.


Literatur
– J. Duft, N., 1972
VL 6, 1210-1212
– J. Duft, Die Abtei St. Gallen 2, 1991, 149-164
Die Notkere im Kloster St. Gallen, Ausstellungskat. St. Gallen, 1992
– R. Schaab, Mönch in St. Gallen, 2003, 97

Autorin/Autor: Udo Kühne