Hagiografie

H. beinhaltet die Lebensbeschreibungen von Heiligen, zugleich die wissenschaftl. Beschäftigung mit ihrer Überlieferung sowie mit Geschichte und Kult der Heiligen (Heiligenverehrung). Ausgehend von den frühen Märtyrerakten, hat die weitgefächerte Gattung der H. zunächst ihren Platz in Liturgie und kult. Kommemoration. Neben Passiones (Leidensgeschichten von Märtyrern) umfasst sie Wunder- (Miracula) und Translationsberichte, Viten sowie kürzere Texte in Kalendarien und Martyrologien. Über den monast.-klerikalen Bereich hinaus fanden vom 13. Jh. an Legendarien (z.B. die "Legenda aurea"), z.T. in volkssprachl. Übersetzung, grosse Verbreitung. Als Geschichtsquellen sind hagiograf. Texte nur bedingt verwendbar, dafür führen sie tiefer in Leben und Mentalität früherer Generationen ein. Sie bilden, auch für die Schweiz, die Hauptmasse der erzählenden Quellen des MA. Ein Panorama ihrer Genese und Überlieferung in der Schweiz hat den Hauptetappen der Christianisierung, den Klöstern und weiteren Kultorten von Heiligen zu folgen: dem frühen Juramönchtum, dem Kult der Thebäischen Legion, dem Christentum in Rätien, der Missionierung Alemanniens (Säckingen, St. Gallen, Reichenau), hl. Klosterstiftern, Bischöfen, Äbten, Mönchen, Nonnen, Eremiten usw. des hohen und späten MA. Die Darstellung der "Helvetia Sancta" (durch Heinrich Murer 1648 bzw. Laurenz Burgener 1860-62) aufgrund frühchristl. und ma. Legenden war ein beliebtes apologet. Thema des kath. Barocks wie auch Streitpunkt zwischen den Konfessionen. Im 19. und 20. Jh. stellten Emil Egli und Ernst Alfred Stückelberg die Erforschung des frühen Christentums auf krit. Grundlagen. Iso Müller lieferte zahlreiche wichtige Beiträge zur ma. H. der Schweiz.


Literatur
Bibliotheca Sanctorum, 12 Bde. und Reg., 1962-70, Erg.Bd., 1987
TRE 14, 360-380
– W. Berschin, Biogr. und Epochenstil im lat. MA 1-3, 1986-91
LexMA 4, 1840-1860
– D. von der Nahmer, Die lat. Heiligenvita, 1994
Ökumen. Kirchengesch. der Schweiz, hg. von L. Vischer et al., 1994
Gesch. und Hagiographie in Sanktgaller Hs., Ausstellungskat. St. Gallen, 2003

Autorin/Autor: Ernst Tremp