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Glocken

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G. standen seit der Spätantike im Dienst der christl. Liturgie. Im FrühMA waren nebeneinander kleine gegossene (Bronze-) und genietete (Eisenblech-)G. in Gebrauch. Seit dem HochMA entstanden grosse, nun ausschliesslich bronzene G., seit der Gotik ganze, abgestimmte Geläute. Die älteste Glocke der Schweiz ist die genietete sog. Gallusglocke, die wohl aus dem 7. Jh. stammt und in der Kathedrale St. Gallen aufbewahrt wird. Glockenguss wurde in Klöstern und an Bischofssitzen gepflegt; so goss der St. Galler Mönch Tancho eine G. für Karl d.Gr. Seit dem 13. Jh. betrieben Laien den Glockenguss in den Städten (Metallverarbeitende Handwerke). G. wurden meist am Ort ihrer Bestimmung gegossen. Die grösste Glocke der Schweiz wurde 1611 für das Berner Münster angefertigt (Durchmesser 248 cm, 10'150 kg, Ton E). Neben sesshaften gab es auch Wandergiesser, z.B. aus Nürnberg (15. Jh.) und Lothringen (16.-17. Jh.).

Die Form der G. veränderte sich von den topfförmigen sog. Bienenkorb- oder Theophilus-G. (Hist. Museum Basel, 11. Jh.) über schlanke, hohe "Zuckerhut"-G. (Büsingen und Cham, 12.-13. Jh.) zu der seit dem 14. Jh. gebräuchlichen, heutigen Form, wobei sich regionale Unterschiede der Rippe (Wandprofil) ausbildeten. Im Tessin hielt sich die altertüml. "Birnenform" der G. bis ins SpätMA. Als profane Verwendungen bildeten sich Warnung vor Feuer- und Feindgefahr sowie der Stundenschlag heraus (Zeitsysteme). Reine Schlagglocken erhielten zuweilen eine flache Schalenform. Die Verzierungen, die im MA einfach waren, wurden im Barock besonders reich. Als Dekorationen finden sich Rillen, Stege, Inschriften wie Anrufungen, Giessersignaturen und Nennungen von Würdenträgern (Majuskel 13.- 15. Jh., Minuskel Anfang 15. bis Mitte 16. Jh., Kapitalis ab 16. Jh.), Reliefs (Christus, Heilige), ornamentale und vegetabile Friese (ab 14. Jh.), Münzen oder Salbeiblätter (ab Mitte des 16. Jh.). Die von Kriegsverlusten verschont gebliebene Glockenlandschaft der Schweiz ist reich an alten G. und widerspiegelt die unterschiedl. kulturellen Einflussbereiche. Neben dem freien Schwingen der G. kennt das Wallis das melodiemässige Anschlagen seit der Mitte des 18. Jh.; Carillons mit Hämmern kamen nach 1930 auf. In der Südschweiz sind die G. bei mehrstimmigen Geläuten über ein Tangentialrad neigbar, sodass die Anschläge einzeln bestimmt und (ambrosian.) Choralmelodien gespielt werden können (suonare a concerto9).

Viehglocken sind seit dem 12. Jh. nachgewiesen, ihre Verwendung im Brauchtum seit dem 18. Jh., als Volksmusikinstrument seit dem 19. Jh. ("Schälleschötte").


Literatur
– M. Sutermeister, Die G. von Zürich, 1898
Kdm
– W. Deonna, «Cathédrale St-Pierre de Genève», in Genava 28, 1950, 129-180
Fusa sum Arowe, 1968
– L. Imesch, Tönendes Erz, 1969
– O. Stiefel, «Schaffhausens Glocken- und Geschützgiesser», in ZAK 26, 1969, 67-103; 27, 1970, 101-124
– F. Siegenthaler, Die Glockengiesser des Kt. Graubünden, 1970
– B. Bachmann-Geiser, «Schellen und G. in Tierhaltung, Volksbrauch und Volksmusik der Schweiz», in Studia instrumentorum musicae popularis 5, 1977, 20-26
– P. Donati et al., Il Campanato, 1981
G. in Gesch. und Gegenwart, 2 Bde., 1986-1997
– M. Schilling, G.: Gestalt, Klang und Zier, 1988
Jb. für Glockenkunde, 1989/90-
Campanae Helveticae, 1992-
– F. Hoffmann, Etude de l'iconographie et de l'épigraphie des cloches du XIVe, XVe et du XVIe s. dans les districts d'Echallens, de Lavaux, de Lausanne et d'Yverdon, Liz. Lausanne, 1992
– A. Corbin, Die Sprache der G., 1995 (franz. 1994)
– R. Schwaller, Treicheln, Schellen, G. = Sonnailles et cloches, 1996
Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana 3, 1998, 324-333
– J. Grünenfelder, Die G. im Kt. Zug, 2000

Autorin/Autor: Josef Grünenfelder