• <b>Genealogie</b><br>Stammbaum der Familie Sinner, Aquarell um 1795 (Bernisches Historisches Museum). Der Baum zeigt die vierzehn Generationen männlicher Nachkommenschaft des 1325 geborenen Rudolf Sinner bis 1795. Das Hochformat eignete sich gut für eine Familie, die sich nicht in zu viele Nebenlinien verzweigte. Die meisten patrizischen Familien der Schweiz strebten dies an, um das Familienvermögen nicht zu verzetteln.

Genealogie

Die G. oder Geschlechterkunde erforscht die Abstammungsverhältnisse von und in Familien. Ursprünglich befasste sie sich mit der Ermittlung biolog., rechtl. und gesellschaftl.-ständ. Beziehungen in Geschlechtern des Adels und der Aristokratie. Im 19. Jh. entwickelte sie sich zu einer historischen Hilfswissenschaft. Im 20. Jh. wurde sie mit autarker Zielsetzung insbesondere in der Familienforschung fruchtbar.

1 - Ursprüngliche Rolle

Die G. diente schon im SpätMA der Ahnenforschung des Adels zu prakt. Zwecken: Mit ihr liess sich der Nachweis adeliger Abstammung, der bei der Aufnahme in ein adeliges Stift oder ein Domkapitel verlangt wurde, erbringen oder eine bestimmte Stammfolge bei Erbfällen nachweisen. Im Gebiet der Schweiz, in dem der (Hoch-)Adel ausgestorben oder weggezogen war, wurde die G. ab dem 16. Jh. Sache der neuen städt. und ländl. Oberschichten, zu denen zunehmend auch Fam. bürgerl.-handwerkl. und bäuerl. Herkunft gehörten. Diese liessen, oft durch Familienmitglieder, Stammbücher, Stammtafeln und Stammbäume erstellen, die das Geschichts- und Familienbewusstsein der jungen Generation fördern sollten (so z.B. das Stammregister der bern. Patrizierfamilie von Erlach von 1542). Im 18. und 19. Jh. legten einzelne Angehörige solcher Fam. vielbändige Sammlungen an, welche z.T. die G.n aller Ratsfamilien aus ihrer Stadt umfassten. Aus teils persönl.-familiären, teils familiär-ständ. Beweggründen entstanden so z.B. in Bern die Sammlungen Gruner, Stettler, von Stürler, von Werdt und von Rodt.

Das Interesse an der G. weckten Kontakte mit europ. Adelskreisen, die sich aus Heiratsverbindungen mit der ausländ. Aristokratie ergaben oder im 18. Jh. auch in fremden Diensten und im 19. Jh. während Studienaufenthalte, v.a. an dt. Universitäten, aufgenommen wurden. Die Heraldik war eng mit der G. verbunden, da Siegel, Petschaft und Wappenschild der Identifikation versch. Linien eines Geschlechts dienten (Wappen). Überschaubare einheim. Verhältnisse verlangten den genealog. Nachweis der Herkunft selten, am ehesten noch bei erbrechtl. Fragen, z.B. beim Fideikommmiss. Diese Sonderform des Erbrechts forderte bei der Ältesten-Erbfolge den genealog. Nachweis des Rechts des Erstgeborenen (Primogenitur) und seiner Linie. Ein letztes Mal dokumentierten europ. Adlige mit Stammtafeln Ansprüche auf heute schweiz. Territorium im Gerangel um die Erbfolge im Fürstentum Neuenburg 1707.

<b>Genealogie</b><br>Stammbaum der Familie Sinner, Aquarell um 1795 (Bernisches Historisches Museum).<BR/>Der Baum zeigt die vierzehn Generationen männlicher Nachkommenschaft des 1325 geborenen Rudolf Sinner bis 1795. Das Hochformat eignete sich gut für eine Familie, die sich nicht in zu viele Nebenlinien verzweigte. Die meisten patrizischen Familien der Schweiz strebten dies an, um das Familienvermögen nicht zu verzetteln.<BR/>
Stammbaum der Familie Sinner, Aquarell um 1795 (Bernisches Historisches Museum).
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Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

2 - Genealogie als Wissenschaft

Als sich im 19. Jh. die Geschichte als selbstständige Wissenschaft zu etablieren begann, zog sie neben anderen Hilfswissenschaften wie der Heraldik auch die G. bei. Genealog. Fragestellungen wurden v.a. von Mediävisten untersucht, welche die gängigen Quellenkategorien - Urkunden, Nekrologien, Annalen, Chroniken - entsprechend den Regeln der hist.-krit. Methode auswerteten. Dabei entwickelten sie weitergehende Richtlinien für die Darstellung von Verwandtschafts- und Abstammungsverhältnissen in Grafiken (Kennzeichnung sicherer und unsicherer Abfolgen, von Bastarden und kognat. Verwandtschaft usw.) und den erläuternden Textteil (Titel, Etappen der Laufbahn, Herrschaftsbesitz usw.), der notwendig war, um die Stammtafel übersichlich zu halten. Zum Standard wurden auch die Quellenangabe und die wortgetreue Wiedergabe der Quellentexte.

Zur wissenschaftl. Arbeitsweise gehören heute die möglichst breite Quellenbasis, die genaue genealog. Identifikation durch Ausnützung sämtl. Angaben (auf dem Land z.B. familiäre Übernamen und Hofnamen) und der Verzicht auf unzulässige Spekulationen bei lückenhaften oder fehlenden Angaben. Zu den genealog. Quellen zählen Kirchenbücher, die ab dem 16. oder 17. Jh. verfasst wurden, und später die Zivilstandsregister. Solche führten zuerst nur einzelne Kantone (z.B. Waadt 1821, Bern ab 1823-25, Luzern ab 1833-34), bis das Zivilstandswesen 1876 für die gesamte Schweiz vereinheitlicht wurde. Beigezogen werden Urkunden (ab dem 15. Jh.), Bücher (städt. Rats- bzw. Gemeindeprotokolle, Dorfchroniken), Akten (z.B. Testamente, Nachlassinventare, Gülten, Konkurs-, Hofteilungs- und Gerichtsakten), Register (Haushalts-, Populationsregister, Steuerlisten) und Bildmaterial (Fotos) aus den kommunalen Archiven.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

3 - Darstellungsformen

Die Ergebnisse genealog. Sammelns und Forschens wurden teils in Textform, teils in schemat. Form dargestellt. Ersterer sind auch die Lexika zuzurechnen, z.B. Johann Jakob Leus "Allg. Helvetisches, Eydgenössisches oder Schweitzerisches Lexicon" (1747-65) sowie das "Historisch-Biographische Lexikon der Schweiz" (1921-34).

Die vorherrschende und in den genealog. Handbüchern meist angewendete Form ist die schemat. Darstellung in genealog. Tafeln, die z.T. durch Kommentare ergänzt werden. Grundsätzlich lässt sich ein Individuum auf zwei versch. Arten betrachten: Wird eine Person rückwärts (aufsteigend) verfolgt zur Erforschung ihrer Vorfahren, wird dies in einer Aszendenztafel (auch Vorfahren- oder Ahnentafel) dargestellt. Im Gegensatz dazu wird bei der vorwärts (absteigend) verfolgten Person ihre Nachkommenschaft oder Deszendenz untersucht, es entsteht eine Deszendenztafel (auch Nachfahren- oder Enkeltafel). Diese Grundtypen enthalten agnat. (Mannesstamm) und kognat. (Weibesstamm) Blutsverwandte.

Die Aszendenz- und Deszendenztafeln werden unter verschiedenen genealog. Aspekten variiert: Die Stammtafel beschränkt sich auf die Nachkommen der männl. Namensträger, Töchter werden aufgeführt, aber nicht weiterverfolgt. Im Deszentorium und Aszentorium werden Abstammungslinien (Deszente) erarbeitet, je nach Auftrag als Vater- (Mannesstamm) oder Mutterreihe (Mutterstamm), um z.B. biologisch vererbte Begabungen in bestimmten Linien aufzuzeigen. Auszüge lassen sich für unterschiedl. Aspekte erstellen, z.B. Erbtafeln (nur Nachfahren eines bestimmten Erblassers) und Regententafeln (zum Thron berufene Nachkommen eines Herrschers). Zu naturwissenschaftl.-biolog. Zwecken wurde in Konsanguinitätstafeln (Verwandtschaftstafeln) die gesamte Blutsverwandtschaft eines Probanden unter Einbezug von dessen Aszendenz und Deszendenz rekonstruiert (z.B. Nachfahrentafel Rübel, 1943). Sippschaftstafeln enthalten zusätzlich die Ahnen der Ehefrauen von Nebenfahren.

Für die G. als Wissenschaft und für den praktischen genealog. Gebrauch waren Stammtafeln (nur männl. Deszendenz) die häufigste tabellar. Darstellungsform. Da in der vaterrechtlich geprägten Tradition nicht so sehr das biolog. Erbe, als vielmehr das mit dem Familiennamen verknüpfte Manneserbe zur rechtl. und gesellschaftl. Bewertung einer Person diente, die agnat. Abstammung vor der kognatischen also die grössere Rolle spielte, genoss die Vater- oder Stammreihe Vorrang (v.a. in den Handbüchern des Adels). Bei Einheiraten in Hochadelsdynastien ohne männl. Nachkommen galt, dass der ständisch tiefer stehende Einheiratende den Namen weiterführte (z.B. Gf. von Kyburg, ab 1273 Neu-Kyburg). Der wappengeschmückte Stammbaum mit dem Stammvater an der Wurzel, der auf keinem Schloss oder Herrensitz fehlte und manche Bürgerstube zierte, wird von der wissenschaftl. G. nicht verwendet. Seit den 1980er Jahren setzt sich die horizontale Darstellung als Folge der Verwendung von Computern zunehmend durch.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

4 - Forschungsziele

Die wissenschaftl. G. verstand sich als Teil der Geschichtswissenschaften und war integriert in hist. Gesamtdarstellungen, anfänglich v.a. in Herrschaftsgeschichten über hochadlige Dynastien (u.a. Zähringer, Lenzburger, Habsburger, Kyburger, Savoyer), über Fam. von Freiherren und solche aus dem Ministerialadel. Namhafte Mediävisten und Historiker schufen monumentale genealog. Werke wie z.B. die "Oberrheinischen Stammtafeln" (1912).

Ab Ende des 19. Jh. gewann die Familienforschung an Bedeutung. Als Einzelunternehmen entstanden genealog. Handbücher zu bürgerl. Familien, z.B. der "Recueil généalogique suisse" (ohne Tafeln, 3 Bde., 1902-18) von Louis Dufour-Vernes und Albert Choisy, das "Schweiz. Geschlechterbuch" (12 Bde., 1905-65) und das "Schweiz. Familienbuch" (4 Bde., 1945-63). Erarbeitet wurden auch Stammregister von Fam. der Korporationen in Uri und Schwyz. Oft waren rechtl.-prakt. Gründe Anlass zur Forschung, z.B. Erbschaftsverfahren wie in Glarus, wo ab 1893 in öffentl. Auftrag die G.n aller Glarner Geschlechter erarbeitet wurden (seit 1988 Weiterführung durch das Landesarchiv). Berufsgenealogen wie z.B. James Galiffe (Genf), Wilhelm R. Staehelin (Basel), Johann Jakob Kubly-Müller (Glarus), Anton Küchler (Unterwalden), Julius Billeter und Johann Paul Zwicky von Gauen arbeiteten auf Auftragsbasis. Private genealog. Sammlungen wurden als Bestände öffentl. Bibliotheken der Forschung zugänglich gemacht.

Die Naturwissenschaft interessierte sich schon früher für die G. als wichtige Hilfswissenschaft der Vererbungslehre (Erbbiologie), u.a. zur Erforschung bestimmter Erbkrankheiten wie z.B. der durch Frauen übertragenen Bluterkrankheit. An sich legitime wissenschaftl. Interessen, kombiniert mit älteren Rassentheorien, entarteten in der Rassenideologie der Nationalsozialisten, welche die G. zur Feststellung der arischen bzw. jüd. Herkunft und zur Durchsetzung von Gebietsansprüchen im Osten missbrauchten.

Eine Welle intensiver genealog. Tätigkeit setzte in den 1960er Jahren ein, als die Genealog. Gesellschaft von Utah (Departement der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage) aus heilsideolog. Gründen die Kirchenbücher systematisch auf Mikrofilme aufnahm und diese der schweiz. Forschung zur Verfügung stellte. Den Mikrofilm-Leihdienst betreiben eigene Forschungsstellen in Zürich, Pratteln und Genf (1997) sowie ein ausgebauter genealog. Service auf dem Internet. Das Filmmaterial der Mormonen dient auch den Benutzern der schweiz. Archive.

Neue Forschungsziele verfolgte die seit Ende der 1960er Jahre auch in der Schweiz betriebene historische Demografie, deren Familienrekonstruktionen zwar auch auf Kirchenbüchern beruhten, die aber - im Gegensatz zur G. und ähnlich wie die Sozialgenealogie (Familiensoziologie) - deskriptiv-statistisch arbeitete und auf vitalstatist. Durchschnittswerten basierte.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

5 - Organisationen und ihre Publikationen

Vom Ende des 19. Jh. an wurden mehrere Gesellschaften ins Leben gerufen, welche genealog. Zielsetzungen verfolgten und entsprechende Publikationsreihen edierten. 1891 wurde als erste die Schweiz. Herald. Gesellschaft gegründet, die das "Genealog. Handbuch zur Schweizer Geschichte" (4 Bde., 1900-80) und das "Schweizer Archiv für Heraldik" herausgab. Die erste regionale Gesellschaft war die 1910 gegründete Société généalogique vaudoise, der man den "Recueil de généalogies vaudoises" (3 Bde., 1912-50) verdankt.

Breiteste Wirkung hatte die 1933 gegr. Schweiz. Gesellschaft für Familienforschung, die bis 1998 als Dachgesellschaft von elf selbstständigen regionalen Organisationen wie z.B. der Genealog.-Herald. Gesellschaft der Region Basel fungierte. Die Gesellschaft für Familienforschung versah ihre Mitglieder, meist Laiengenealogen, mit umfassenden Informationen und Anleitungen zur wissenschaftl. Arbeitsweise. Zum Hilfsangebot zählten diverse Periodika wie "Der Schweizer Familienforscher" (1938-73, ab 1974 Jahrbuch), die Reihe "Arbeitshilfen für Familienforscher" und das "Familiennamenbuch der Schweiz". Sie unterstützte die ab 1980 von den Mormonen eingeführte elektron. Erfassung genealog. Daten und begann in den 1990er Jahren mit dem Aufbau eines genealog. Hilfsservice auf dem Internet. 1986 wurde in Zürich die Schweiz. Vereinigung für jüd. G. gegründet, welche vierteljährlich die Vereinszeitschrift "MAAJAN - Die Quelle" herausgibt.

Seit dem späten 20. Jh. führt das generelle Interesse an G. zur Gründung von genealog. Gesellschaften auch in bis dahin abseits stehenden Kantonen und Landesteilen, so im Kt. Jura und im Berner Jura 1989, in der ital. Schweiz 1997, in Graubünden 1999 und in Genf 2001.

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler

Quellen und Literatur

Literatur
– O. Forst de Battaglia, Wissenschaftl. G., 1948
– H. Kläui, «Wappen, Taufnamen und Grundbesitz als Hilfsmittel zur Aufstellung von Stammtaf. des niederen Adels», in Genealog. Jb. 11, 1971, 5-12
– P.A. Nielson, «Observations on the Swiss Genealogical Research of Julius Billeter in Comparison with Original Bernese Vital Records», in Genealogica & Heraldica, 1982
Familiennamenbuch der Schweiz, 3 Bde., 31989
– B. de Diesbach-Belleroche, «Les recherches généalogiques en Suisse», in La généalogie, hg. von J. Valynseele, 1991, 217-229
– M. von Moos, Familiengeschichtl. Bibl. der Schweiz, 2 Bde., 21994
– A. von Brandt, Werkzeug des Historikers, 151998
– E. Henning, «Sozialgenealogie und Hist. Demographie, Prosopographie und Biographieforschung», in G., Sonderheft, 1998, 4-13
– E. Brunner, «G. und Heraldik unter staatl. Aufsicht im absolutist. Bern», in Schweizer Archiv für Heraldik 113, 1999, 36-46
– R. Krähenbühl, Familiengeschichtl. Bibl. der Schweiz, Ergänzungsbd., 2003