• <b>Schaffhausen (Gemeinde)</b><br>Holzschnitt aus der Schweizerchronik von Johannes Stumpf, 1548  (Zentralbibliothek Zürich). Die älteste Darstellung Schaffhausens zeigt die Stadtanlage aus Südosten vor dem Bau des Munots. An dessen Stelle steht noch die Feste Unot. Das innerstädtische Rheinufer ist noch unbefestigt. Vom linken Ufer gelangte man über die Holzbrücke durch das äussere und innere Rheintor in die Stadt. Die Vordergasse (mit Fussgängern) bildete die west-östlich verlaufende Hauptachse und endete am Obertor. Links von der Gasse liegt das Kloster Allerheiligen mit dem Münsterturm, rechts die Stadtpfarrkirche St. Johann.
  • <b>Schaffhausen (Gemeinde)</b><br>Entwurf und Kartografie: Andreas Brodbeck  © 2009 Geographisches Institut der Universität Bern und Historisches Lexikon der Schweiz.

Schaffhausen (Gemeinde)

Polit. Gem. SH, Bez. S. Am Rhein gelegene Hauptstadt des Kt. S. Die Gem. fusionierte 1947 mit der polit. Gem. Buchthalen, 1964 mit Herblingen und 2009 mit Hemmental. 1045 Scâfhusun. Franz. Schaffhouse, ital. Sciaffusa, rätorom. Schaffusa. Auf dem Gebiet der Gem. liegt die jungpaläolith. Siedlung Schweizersbild, in der auch neolith. Gräber zutage kamen. Weitere Gräber aus dem Neolithikum wurden im Dachsenbühl, solche aus der Hallstattzeit im Wolfsbuck entdeckt. Die ältesten Funde in der Altstadt sind alemann. Gräber und Eisenverhüttungsreste aus dem 7. Jh. Da der Rhein unterhalb von S. nicht schiffbar ist, entstand die Siedlung als Warenumschlagplatz. Eberhard von Nellenburg erkannte deren handelspolit. Bedeutung, baute sie zur Stadt aus und gründete 1049 das Kloster Allerheiligen. Im MA und in der frühen Neuzeit blieb das Siedlungsgebiet im Wesentlichen auf den Talkessel beschränkt. Im 19. und 20. Jh. wuchs die Stadt dem Rhein entlang und im Mühlental. Die umliegenden Anhöhen wurden für Wohnzwecke und als Industriequartiere erschlossen. S. wandelte sich zu einem der bedeutendsten Industriezentren der Schweiz.

S. ist Sitz der kant. Behörden sowie Handels- und Dienstleistungszentrum für die wachsende Agglomeration, zu der auch Gem. des Zürcher Weinlands, des Kt. Thurgau und der dt. Nachbarschaft gehören. Im Bereich der Kultur nimmt S. zentralörtl. Aufgaben wahr. Wegen seiner weitgehend erhaltenen barocken Altstadt und seinem Wahrzeichen, der Rundfeste Munot, ist S. ein beliebtes Reise- und Ausflugsziel, das durch den Rhein als Naherholungsgebiet ergänzt wird.

Bevölkerung Schaffhausena
JahrEinwohner
1392ca. 4 000
1520ca. 3 500
1550ca. 5 300
1582ca. 6 350
1620ca. 5 950
1640ca. 3 650
1672ca. 5 050
17666 969
17985 482

Jahr18501870b18881900191019301950197019902000
Einwohner8 47711 04913 09916 32019 26723 14127 26137 03534 22533 628
Anteil an Kantonsbevölkerung24,0%29,4%34,7%39,3%41,8%45,2%47,3%50,8%47,4%45,8%
Sprache          
Deutsch  12 93215 69318 00122 02925 85630 15728 65328 340
Italienisch  443971 0127289413 9861 6831 069
Französisch  96179154262314312213209
Andere  27511001221502 5803 6764 010
Religion, Konfession          
Protestantisch7 9879 37210 11412 05913 46216 65419 93522 04017 54214 502
Katholischc4881 6862 8684 2155 6776 0716 90813 38110 6009 267
Andere277117461284164181 6146 0839 859
davon jüdischen Glaubens  2621383944161318
davon islamischen Glaubens       1961 1122 450
davon ohne Zugehörigkeitd       6613 9804 907
Nationalität          
Schweizer7 6949 1749 81611 78912 89519 43025 44629 01726 81725 070
Ausländer7831 9613 2834 5316 3723 7111 8158 0187 4088 558

a Angaben 1850-2000 gemäss Gebietsstand 2000

b Einwohner: Wohnbevölkerung; Religion, Nationalität: ortsanwesende Bevölkerung

c 1888-1930 einschliesslich der Christkatholiken; ab 1950 römisch-katholisch

d zu keiner Konfession oder religiösen Gruppe gehörig

Quellen:Oliver Landolt; eidg. Volkszählungen

1 - Stadt und Kloster im Hochmittelalter

Um 1000 wurde die erste Stadtkirche gebaut, ein Kalksteinbruch und Kalköfen stehen damit in Zusammenhang. Der Aufstieg S.s ist eng verknüpft mit den Gf. von Nellenburg. 1045 verlieh Ks. Heinrich III. Gf. Eberhard das Münzrecht für die Stadt. Eberhard errichtete einen Umschlagplatz für Handelswaren, die wegen der Stromschnellen im Rhein auf dem Landweg weitertransportiert werden mussten. Eine Umgehungsstrasse um den Rheinfall durchschnitt den in ovaler Form angelegten Stadtwall mit Graben. Sie war zuerst gepflastert und wurde später mehrfach aufgekiest. Eine Stein-Erdemauer sicherte die hochwassergefährdete Rheinseite der Stadt. Diese Befestigung umschloss etwa 18 ha.

Mit der Gründung des Benediktinerklosters Allerheiligen und der Weihe des Bauplatzes 1049 durch Papst Leo IX. festigten Eberhard und seine Frau Ita ihre Herrschaft in S. Das 1064 vollendete Eigenkloster wurde rasch zur repräsentativen Grablege der Nellenburger ausgebaut. Es verfügte über einen einzigartigen Kreuzhof: Die Aussenkrypta und die Kapellen des Klosters bildeten die Eckpunkte eines Kreuzes und sind so in den Schriftquellen erwähnt. Nach Eberhards Tod verzichtete sein Sohn Gf. Burkhard von Nellenburg 1080 auf alle seine Rechte zugunsten der Kirche, blieb aber Vogt und liess das Kloster durch Wilhelm von Hirsau reformieren. Um 1090 wurde die Nellenburger Memorialanlage abgerissen, um Platz für eine fünfschiffige Kirche zu schaffen, von der aber nur die Fundamente angelegt wurden. Auf diesen steht heute das um 1105 geweihte dreischiffige Münster, ein Beispiel für die Hirsauer Reformbauten.

Ita von Nellenburg stiftete zusammen mit ihrem Sohn und Abt Siegfried um 1080 das Nonnenkloster St. Agnes, dessen Kirche ausserhalb des Stadtwalls lag. Älterer Grundherrschaftsverhältnisse wegen war die Stadtkirche St. Johann nicht in Nellenburger, sondern in anderem, unbekanntem Besitz; formales Vorbild aber war Allerheiligen, insbesondere für die Säulen und Würfelkapitelle. Ähnl. Kapitelle finden sich an einem Wohnturm mit ummauertem Hof im Oberhaus beim Obertor, am höchsten Punkt der damaligen Stadtanlage. Dieser Turm ist die 1098 im Zusammenhang mit der Enteignung von Gütern von Allerheiligen bezeugte Stadtburg des Vogts Adalbert von Morisberg, einem engen Verwandten von Burkhard von Nellenburg.

Ein Güterbeschrieb von Allerheiligen verzeichnet um 1120 in der damals bedeutendsten Stadt zwischen Basel, Zürich und Konstanz Abgaben von neun Bier- und zwei Weinschenken, von Brotbäckern, Marktbänken, Münze, Schiffs- und Strassenverkehr, den beiden Klostermühlen und 112 Hofstätten. Der archäolog. Siedlungsbestand ist fragmentarisch: Spuren früher Holzbauten wie im nahen, wüstgelegten Berslingen wechseln sich ab mit Steinbauten. Zwei Ziegelarten, die mächtigen Hohlziegel einer Wasserleitung und noch auf dem Münsterdach liegende Flachziegel von gleicher Machart, stammen aus der Zeit um 1100 und gehören zu den ältesten der Schweiz.

Mit Burkhards Tod 1101/02 endete die erste Nellenburglinie. Die herausragenden Steindenkmäler, eine der Stifterfamilie gewidmete Memorialplatte und die Grabplatten von Eberhard, Ita und Burkhard, heute auch als Rekonstruktion an originaler Stelle im Münster aufgestellt, zeugen von Macht und Ruhm des einstigen Grafengeschlechts.

Autorin/Autor: Kurt Bänteli

2 - Herrschaft, Politik und Verfassung vom Hochmittelalter bis ins 18. Jahrhundert

Mit dem Verzicht des Gf. Burkhard von Nellenburg auf sämtl. Besitzrechte und sonstigen Privilegien und der Übertragung dieser Rechte 1080 an das Kloster Allerheiligen wurde der Abt faktisch Stadtherr. Nach Hirsauer Sitte übte das Kloster diese weltl. Rechte nicht selbst aus, sondern übertrug sie im 12. Jh. von Abt und Konvent frei gewählten Klostervögten, die das Kloster allerdings oft eher bedrängten als beschützten. Ks. Heinrich VI. stellte Kloster und Bürger im späten 12. Jh. unter den Schutz des Reichs. Wenig später gelangte S. unter die Herrschaft der Zähringer. Nach deren Aussterben 1218 fiel S. als Königsgut an das Reich zurück. Dies bestätigt die Erwähnung S.s in einem Abgabenverzeichnis von Reichsgut 1241. Einzelne Hoheitsrechte (Schiffs- und Brückenzoll, Stapelrecht usw.) wurden durch das Kloster als Erblehen an versch. aus dem Niederadel stammende Fam. vergeben; auch das Schultheissenamt kam am Ende des 13. Jh. auf diese Weise in die Hände der Fam. von Randenburg. Damit verlor das Kloster allmählich die Oberherrschaft über die Stadt. 1330 wurde S. durch Ks. Ludwig den Bayern an Habsburg-Österreich verpfändet, was der habsburgfreundl. Stadtadel, der die österr. Herzöge militärisch wie finanziell unterstützte, begrüsste. Auch während der Zeit der habsburg. Verpfändung betonten Bürgerschaft und Rat den reichsstädt. Status beim Abschluss von Bündnissen wiederholt. Ende der 1370er Jahre entmachteten die österr. Herzöge die Randenburger als Schultheissen und setzten einen Stadtvogt ein, was einem wesentl. Eingriff in die innerstädt. Machtverhältnisse gleichkam. Die Bedeutung von S. innerhalb der vorderösterr. Herrschaft zeigt sich darin, dass sich die habsburg. Herzöge im späten 14. und frühen 15. Jh. wiederholt in der Stadt aufhielten.

Innerstädtisch lassen sich ab dem späten 13. Jh. gewaltsame Unruhen zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen feststellen, in der 1. Hälfte des 14. Jh. v.a. Auseinandersetzungen unter den Mitgliedern der adligen Oberschicht. Ein 1332 erlassenes Verbot für Handwerker, sich in Zünften zusammenzuschliessen, zeugt davon, dass auch andere Bevölkerungsgruppen nach polit. Partizipation strebten. Als religiöse Vereinigungen durften die Handwerkerverbände bestehen bleiben. Die 2. Hälfte des 14. Jh. war durch versch. Änderungen der städt. Verfassung (1350, 1367, 1375, 1405, Verfassungsentwürfe von 1388 und 1391) geprägt, deren Ursachen polit. Differenzen zwischen der adligen Oberschicht und den aufstrebenden Kaufleuten und den sich immer stärker organisierenden Handwerkern waren. Seit den 1370er Jahren sind Trinkstuben von Handwerkern und Gewerbetreibenden sowie der Adligen belegt und auch als militär. Einheiten traten die Handwerkervereinigungen auf. Die 1411 eingeführte sog. Zunftverfassung beruhigte die innerstädt. Verhältnisse. Fortan bestimmten zehn Handwerkerzünfte sowie die Herren- und die Kaufleutengesellschaft im Kl. und Gr. Rat weitgehend die innen- und aussenpolit. Angelegenheiten der Stadt. Ausdruck dieses städt. Selbstbewusstseins war das noch heute erhaltene Rathaus, das zwischen 1382 und 1412 - nach je einem Vorgängerbau an der Sporren- und der Vordergasse - errichtet wurde. Im Kl. Rat sassen v.a. die vermögenden Stadtbürger, die für die zeitaufwendigen Ämter (Bürgermeister, Stadtrechner usw.) abkömmlich waren. Die Zünfte und die beiden Gesellschaften besetzten das Stadtgericht, das als Zivil- und Schuldengericht fungierte, sowie das Vogt- bzw. Bussengericht als Strafgericht. Letzteres diente bei schweren Delikten auch als Blut- oder Malefizgericht.

1415 erlangte S. im Reichskrieg gegen Hzg. Friedrich IV. von Habsburg erneut die Reichsfreiheit, welche die Stadt zunächst in versch. Bündnissen mit süddt. Städten zu bewahren suchte. S. wurde in der Mitte des 15. Jh. in den süddt. Städtekrieg verwickelt, der den stark verschuldeten Finanzhaushalt weiter belastete. Aufgrund des Friedens von 1450 zwischen den süddt. Städten und den Fürsten konnte S. von seinen Bündnispartnern keine Hilfe mehr erwarten. 1454 schloss es daher mit den eidg. Orten ein Bündnis als zugewandter Ort, das 1479 verlängert wurde. Nach krieger. Verheerungen im eigenen Territorium im Schwabenkrieg von 1499 trat S. 1501 als zwölfter Ort dem eidg. Bündnis endgültig bei. Turbulenzen bereitete insbesondere die Reformationszeit (u.a. Rebleutenaufstand 1525), wobei die Bürger nach innerstädt. Auseinandersetzungen die Reformation 1529 annahmen.

Trotz wiederholter Unruhen bestimmte der sich im 16. Jh. zur Obrigkeit ausbildende, zünftisch verfasste Rat bis zum Untergang der Alten Eidgenossenschaft 1798 weitgehend die Politik des Stadtstaats S. Im SpätMA und in der frühen Neuzeit erwarb S. einen Grossteil des heutigen Kantonsgebiets. An sozialen Institutionen entstanden vermutlich schon im 13. Jh. das Heiliggeistspital wie auch das Sondersiechenhaus. Im 14. Jh. sind das für die Hausarmen zuständige Spendamt und die für auswärtige Bedürftige eingerichtete Elendenherberge fassbar. Das 1273 erstmals erw. städtische Kornhaus, das der kommunalen Vorratshaltung diente, lag in der Nähe des Fronwagplatzes, sein Nachfolgebau ist das 1678-79 errichtete Korn- oder Kaufhaus auf dem Herrenacker. Das Zeughaus wurde Ende des 15. Jh. gebaut.

<b>Schaffhausen (Gemeinde)</b><br>Holzschnitt aus der Schweizerchronik von Johannes Stumpf, 1548  (Zentralbibliothek Zürich).<BR/>Die älteste Darstellung Schaffhausens zeigt die Stadtanlage aus Südosten vor dem Bau des Munots. An dessen Stelle steht noch die Feste Unot. Das innerstädtische Rheinufer ist noch unbefestigt. Vom linken Ufer gelangte man über die Holzbrücke durch das äussere und innere Rheintor in die Stadt. Die Vordergasse (mit Fussgängern) bildete die west-östlich verlaufende Hauptachse und endete am Obertor. Links von der Gasse liegt das Kloster Allerheiligen mit dem Münsterturm, rechts die Stadtpfarrkirche St. Johann.<BR/>
Holzschnitt aus der Schweizerchronik von Johannes Stumpf, 1548 (Zentralbibliothek Zürich).
(...)

Autorin/Autor: Oliver Landolt

3 - Wirtschaft und Gesellschaft vom Hochmittelalter bis ins 18. Jahrhundert

Die Pest und andere Epidemien sorgten im SpätMA wie auch in den besonders gut dokumentierten Jahren 1519, 1611 und 1628-29 im dicht bebauten S. für Bevölkerungseinbrüche. Die Befestigung S.s, die schon im HochMA angelegt worden war, wurde im SpätMA ausgebaut. In der frühen Neuzeit erfuhren v.a. die Stadttore - nicht zuletzt wegen der Stellung von S. als eidg. Grenzstadt - eine Verstärkung durch Bollwerke. Die Festung Munot, zwischen 1564 und 1589 erbaut und noch heute städt. Wahrzeichen, stellte den Abschluss dieser Wehrbauten dar. Sie war schon bei ihrer Vollendung wehrtechnisch überholt. Die Siedlungsentwicklung innerhalb der Stadtmauern lässt sich anhand der schriftl. und archäolog. Überlieferung ermitteln: Die Klöster - neben Allerheiligen das um 1080 gegr. Benediktinerinnenkloster St. Agnes wie auch das 1253 erstmals erw. Franziskanerkloster - bestimmten im MA die Siedlungsstruktur stark. Zugewanderte Adelsfamilien, aber auch reiche Handwerker errichteten im 13. Jh. steinerne Wohntürme. 1372 zerstörte eine Brandkatastrophe einen Grossteil der Stadt, worauf durch gesetzl. Massnahmen die Steinbauweise gefördert wurde. Neben rom. Bausubstanz (Kloster Allerheiligen) und einzelnen got. Bauwerken (Stadtkirche St. Johann, Scheiben- oder Salzhof, Turm am Ort, unterer Diebsturm, Obertorturm, Schwabentor) haben sich v.a. Renaissance- (Haus zum Ritter, Zeughaus, Munot, Goldener Ochsen), Rokoko- (Engelburg) und Barockbauten (Herrenstube, Gerberstube) wie auch im klassizist. Stil errichtete Zunft- und Bürgerhäuser in der Altstadt (Kaufleutenstube, Haus zum Rüden) erhalten. Nach der Einführung der Reformation 1529 kam es zu Umgestaltungen bzw. Umnutzungen der Klosterbauten: 1542 wurde das im Bereich westlich des Fronwagplatzes gelegene Heiliggeistspital in das aufgehobene Kloster St. Agnes überführt. Teile des im Bereich der Stadthaus-, Krumm- und Repfergasse gelegenen Franziskanerklosters wurden nach und nach abgerissen und neue Häuserzeilen errichtet. Vom 16. Jh. an bauten reiche Patrizierfamilien Landsitze ausserhalb der Stadtmauern (u.a. Schloss Herblingen, Sonnenburggut).

Vom MA an stellte der Rhein die Lebensader S.s dar. Er bot reiche Fischgründe, diente als Verkehrs- und Handelsweg und verhalf der Stadt zu Zolleinnahmen. Der Handel, insbesondere mit Salz aus dem bayr. und österr. Raum, spielte innerhalb des städt. Wirtschaftslebens eine bedeutende Rolle. Auch der Wein aus den Schaffhauser Rebbergen wurde teilweise exportiert. Im 13. Jh. hatte S. Anteil am Fernhandel im Tuchgewerbe: Die Messen in der Champagne, Oberitalien und das Mittelmeergebiet werden als Absatzorte von Schaffhauser Leinwand erwähnt, wobei die Stadt damals zur Gewerberegion des Bodenseegebiets gehörte. Vom 16. bis ins 18. Jh. gründeten Handelsherren Gesellschaften oder errichteten Handelshäuser mit ausgedehnten Fernbeziehungen.

Das Webergewerbe gab im 14. Jh. seine Exportorientierung auf und produzierte fortan lediglich Grautuche für den regionalen Markt. Eine überregionale Bedeutung spielte im 16. und 17. Jh. das Kunsthandwerk der Glasmaler und die Goldschmiedekunst, die bis heute ihren Stellenwert nicht verloren hat. Vom 14. bis ins 19. Jh. setzten auch zahlreiche Glockengiesser ihre Produkte überregional ab. S. hatte für seine Umgebung eine Zentrumsfunktion, was sich in einem stark differenzierten Handwerk und Gewerbe spiegelte. Die gewerbl. Entwicklung im städt. Umland wurde dagegen vom Rat aus protektionist. Gründen unterdrückt.

Schon im HochMA zog der Marktort S. eine sozial breit gefächerte Bevölkerung aus der näheren und weiteren Umgebung an. Niederadlige Fam. aus dem Umland nahmen zwischen dem 12. und 14. Jh. Wohnsitz in der aufstrebenden Stadt und erwarben klösterl. Hoheitsrechte als Erblehen. Während der Krisen des SpätMA verarmten zahlreiche Adelsfamilien oder starben aus. Die von 1392 bis in das späte 17. Jh. überlieferten Steuerbücher geben Aufschluss über die Vermögensverhältnisse der Einwohner: Einer kleinen Schicht von Reichen stand die grosse Masse der Bevölkerung mit geringen finanziellen Ressourcen gegenüber. Während die Bürger politisch wie wirtschaftlich vollberechtigt waren, verfügten die Beisassen zumeist über wenig Vermögen und mindere Rechte. Im Lauf des 16. Jh. war der Erwerb des städt. Bürgerrechts nur noch mit hohem finanziellem Aufwand möglich. Juden sind in S. seit der 2. Hälfte des 13. Jh. belegt. Nach den Pogromen von 1349 und 1401 liessen sich jeweils wenige Jahre später wieder Juden in der Stadt nieder. Im 14. und frühen 15. Jh. wurde auch Lombarden bzw. Kawerschen als christl. Geldverleihern der Aufenthalt gestattet. 1472 kündigte die Stadt den Juden das Wohnrecht auf. Dieses Wohnverbot dauerte abgesehen von einem kurzen Intermezzo im 16. Jh. bis zum Ende der Alten Eidgenossenschaft 1798.

Im SpätMA gewann der städt. Rat durch die aus seiner Mitte stammenden Pfleger Einfluss über kirchl. Institutionen in der Gem. (Pfarrkirche St. Johann, Kapellen). Wegen finanzieller Misswirtschaft der monast. Gemeinschaften griff die Stadt auch in deren Verwaltung ein: Von der 2. Hälfte des 14. Jh. an lassen sich verschiedentlich städt. Pflegschaften gegenüber dem Benediktinerkloster Allerheiligen feststellen, wobei ab 1377 Konflikte zwischen Stadt und Kloster im sog. Fünfergericht geregelt wurden. Obmann in diesem Gericht war der österr. Vogt, nach der Wiedererlangung der Reichsfreiheit 1415 der Bürgermeister. Abt und Rat stellten je zwei Beisitzer. Im 15. Jh. sind Ratspfleger in weltl. Geschäften für das Frauenkloster St. Agnes, das Franziskanerkloster und die Beginensamnung zum Hl. Kreuz belegt, schon ab dem frühen 15. Jh. auch für das ausserhalb der Stadtmauern gelegene, ab 1330 mit S. verburgrechtete Klarissenkloster Paradies. Nach der Reformation 1529 wurden die Klöster säkularisiert und deren Güter als sog. Klosterämter bis ins 19. Jh. von Rat und Klosterpflegern als ökonom. Einheiten weiterverwaltet. Nicht wenige, v.a. vornehme Fam. verharrten im alten Glauben und wanderten u.a. nach Solothurn, Luzern, Österreich, ins Elsass oder in den süddt. Raum ab. Der Rat setzte ein Ehegericht und die drei städt. Hauptpfarrer als Triumvirn ein, welche die Kirche unter Aufsicht des Rats leiteten. Die 1536 in der Synode vereinigte Geistlichkeit bestimmte bis ins 19. Jh. die Kirchenordnung. Der sog. Scholarchenrat war für Kirchen- und Schulsachen zuständig.

Im HochMA existierte eine vom Kloster Allerheiligen betriebene Klosterschule. Im SpätMA entstanden eine städt. Schule und eine Lateinschule; 1534 wurde eine Mädchenschule durch den städt. Rat gegründet. Im 17. Jh. wurde ein Gymnasium und schliesslich das Collegium humanitatis, dessen bescheidene Anfänge bis in die 1570er Jahre zurückreichen, eingerichtet. Es bereitete Schaffhauser Schüler auf das Studium an auswärtigen Universitäten vor. In wechselnder Kombination wurden die Fächer Griechisch, Latein, Rhetorik, Physik, Logik, Metaphysik, Hebräisch, Geschichte, Politik, Philosophie und Theologie angeboten. Mit säkularisiertem Klostergut wurde im 16. Jh. ein Stipendienfonds zur Förderung des Theologiestudiums geäufnet.

Theateraufführungen, d.h. Fasnachts- und Passionsspiele, sind für das SpätMA belegt. Auch nach der Einführung der Reformation spielten Schüler Stücke bibl. Inhalts. Gegenüber auswärtigen Theatertruppen wurde dagegen unter dem Einfluss der ref. Orthodoxie eine strenge Zensur ausgeübt und Aufführungsgesuche bis ins 18. Jh. restriktiv behandelt. Mit Johann Jakob Rüeger erlebte S. den Anfang lokaler Geschichtsschreibung, mit Johannes von Müller erreichte die nationale schweiz. Historiografie einen ersten literar. Höhepunkt.

Autorin/Autor: Oliver Landolt

4 - Politik und Administration im 19. und 20. Jahrhundert

1799 wurde das Staats- vom Stadtgut getrennt, doch der Kantonsrat legte 1803 und 1815 Regierung und Verwaltung von Kanton und Stadt wieder zusammen. Erst die liberale Kantonsverfassung von 1831 schuf die selbstständige Stadtgemeinde. Seither bestehen in der Stadt S. die Kantons- und die Stadtverwaltung nebeneinander, was seit 1970 manchmal als ineffizienter Dualismus kritisiert wird, v.a. weil in der Stadt S. mit 34'563 Einwohnern (2009) 46% der Kantonsbevölkerung wohnen.

Die zwölf Gesellschaften und Zünfte übten ab 1411 die eigentl. Herrschaft über Stadt und Landschaft aus, ab 1831 nur noch über die Stadt. Sie wählten 1831 je vier Vertreter in den neu geschaffenen Gr. Stadtrat, der den 15-köpfigen Stadtrat bestimmte. Erster Stadtpräsident wurde 1831 Johann Conrad Fischer, der Begründer der Stahlwerke (später Georg Fischer AG). Bedeutende Schaffhauser Stadtpräsidenten waren 1895-1917 der Freisinnige Carl Spahn und 1933-68 der Sozialdemokrat Walther Bringolf. Mit der Kantonsverfassung von 1834 wurden die zwölf Gesellschaften und Zünfte je dreigeteilt und die Teile zu drei Wahlsektionen zusammengefasst, wodurch die Zünfte ihre polit. Bedeutung weitgehend einbüssten. Seit 1852 sind sie politisch gänzlich ohne Funktion und spielen als private Vereinigungen nur noch eine gesellschaftl. Rolle.

1847 wurde die Gemeindeversammlung - die Versammlung aller Stadtbürger - eingeführt. Sie tagte jeweils nach dem Gottesdienst in der Stadtkirche St. Johann. Mit der Stadtverfassung von 1918 wurde die Gemeindeversammlung abgeschafft und Abstimmungen und Wahlen an der Urne eingeführt. 1861 erhielten auch Niedergelassene aus anderen Kantonen teilweise das Stimm- und Wahlrecht. 1875 konstituierte sich die Einwohnergemeinde. Die Bürgergemeinde verlor ihre Funktion, als das Fürsorgegesetz von 1935 das Bürgergut und die Armenfürsorge der Einwohnergemeinde übertrug.

1831-47 umfasste der Gr. Stadtrat 48 durch die Gesellschaften und Zünfte gewählte Mitglieder, danach noch 36. Diese Sitzzahl wurde 1918 auf 50 erhöht, 2008 aus Rationalitätsgründen wieder auf 35 gesenkt. 2009 kam ein Sitz für Hemmental dazu. Seit 1952 wird der Gr. Stadtrat nach Proporz gewählt. Der Frauenanteil im Stadtparlament betrug 2009 28%. Der (kleine) Stadtrat wurde 1834 von 15 Mitgliedern (1831) auf zwölf, 1847 auf neun, 1861 auf sieben und 1875 auf fünf reduziert. Seit 1981 üben nur noch der Stadtpräsident und ein weiterer Stadtrat ihre Funktionen vollamtlich aus, die übrigen halbamtlich. 1847 wurden das Referentensystem (jeder Stadtrat ist für ein Sachgebiet verantwortlich) und die persönl. Haftung der Exekutivmitglieder eingeführt.

Im frühen 19. Jh. umfasste die städt. Verwaltung die Zweige Erbteilung, Waisenaufsicht, Fürsorge, Polizei, Finanzen, Sittenaufsicht, Flurstreitigkeiten, Einwohnerkontrolle und Schulen. Die Stadtverwaltung, nach 1831 aus Kommissionen, wenigen Amtsträgern und drei Polizisten bestehend, wurde bis 2010 auf 1'500 Personen (1'050 Vollpensen) ausgebaut. In versch. Bereichen ergaben sich Zuständigkeitsverschiebungen zwischen Stadt und Kanton: 1901 übernahm der Kanton das städt. Krankenhaus und führt es seither als Kantonsspital, 1972 entstand die gemeinsame kant.-städt. Datenverarbeitung, 1984 wurde die städt. Gewerbeschule kantonalisiert, 1993 erfolgte die Zusammenlegung der Schulzahnkliniken von Stadt und Kanton. Die Vereinigung von Kantons- und Stadtpolizei zur Einheitspolizei geschah in zwei Schritten: 1989 wurde ein gemeinsames Kommando geschaffen, 2000 wurden die Korps zusammengelegt. Seit 2004 führt die Stadt für alle Schaffhauser Gem. das Zivilstandsregister. Die städt. Gas- und Wasserversorgung bedient zahlreiche umliegende Gem., mit Neuhausen am Rheinfall besteht ferner im Bereich Verkehrsbetriebe eine enge Zusammenarbeit. Die städt. Verkehrsbetriebe übernahmen nach 1987 auch wesentl. Teile des ehem. privaten Bustransportunternehmens Rattin und der PTT-Buslinien. In den von der Stadt aus geführten Regionalen Verkehrsbetrieben Schaffhausen sollen langfristig alle Betriebe des lokalen öffentl. Verkehrs zusammengefasst werden.

Autorin/Autor: Eduard Joos

5 - Bevölkerung, Siedlung, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur im 19. und 20. Jahrhundert

Nach einer schwachen Bevölkerungszunahme bis 1850 folgte mit der Industrialisierung ein rasanter Wachstumsschub. Die Einwohnerzahl nahm zwischen 1850 und 1910 von 8'477 auf 19'267 Personen zu. Dieses Wachstum wurde von einem hohen Geburtenüberschuss und einer starken Zuwanderung getragen. Der Ausländeranteil stieg von 10 auf 34% (Deutschland 75%, Italien 16,5%, Österreich 6,5%).

Mit dem Abbruch der alten Befestigungsanlage zwischen 1826 und 1877 öffnete sich die Stadt nach aussen, erhalten blieben Munotanlage, Schwabentor, Obertorturm und einige Mauerreste. In den 1860er Jahren setzte eine rege Bautätigkeit ein. An den Hängen rund um die Altstadt wurden Fabrikantenvillen sowie Siedlungen für Arbeiter und Angestellte errichtet. Dem Rhein entlang entstand ein Industriequartier mit mächtigen Fabrikbauten. Das enge Mühlental wurde zum Standort grosser Werkanlagen der Eisen- und Stahlgiesserei Georg Fischer. Eine dritte Industriezone richtete die Stadt 1911 auf dem Ebnat ein. Das Wachstum der Stadt und ihre Rolle als Kantonshauptort führten zum Bau markanter öffentl. Gebäude, so des städt. Krankenhauses (1843-46), der kant. Irrenanstalt Breitenau (1888-91), des kant. Zeughauses (1871-73), des Bachschulhauses (1867-69), der Kantonsschule (1900-02) und der Kantonalbank (1902-03). An prominenter Lage an der Bahnhofstrasse errichtete die Eidgenossenschaft das Post- und Telegraphengebäude (1899-1902) und die Kreiszolldirektion (1913-14). Westlich der Altstadt entstand 1857 das Bahnhofgebäude, das 1867-69 durch den heute noch bestehenden Bau ersetzt wurde. Zwischen 1901 und 1913 erhielt die Stadt ein Strassenbahnnetz mit vier Linien.

<b>Schaffhausen (Gemeinde)</b><br>Entwurf und Kartografie: Andreas Brodbeck  © 2009 Geographisches Institut der Universität Bern und Historisches Lexikon der Schweiz.<BR/>

In der Zwischenkriegszeit wuchs die Bevölkerung moderat. Der Ausländeranteil sank bedingt durch die Rückwanderung und eine restriktive Einwanderungspolitik bis 1950 auf 6,7%. In zwei Etappen entstand die fächerförmig angelegte Gartensiedlung Niklausen (1927-28 und 1943). Zwischen 1928 und 1938 errichteten einheim. Architekten zahlreiche Gebäude im Stil des Neuen Bauens, so u.a. das Gelbhausgarten-Schulhaus (Eduard Lenhard) und die Turnhallen Emmersberg (Karl Scherrer und Paul Meyer).

S. erlebte am 1.4.1944 einen versehentl. Bombenangriff durch amerikan. Flieger. Rund 400 Brand- und Sprengbomben fielen auf das Stadtgebiet und lösten nahezu 50 Brände aus. Dabei wurden 40 Menschen getötet und 270 verletzt, 450 Personen verloren ihr Obdach. 66 Gebäude wurden vollständig zerstört oder schwer beschädigt. Im Museum zu Allerheiligen und im Naturhist. Museum gingen unschätzbare Kulturgüter in Flammen auf. Der Wiederaufbau der einzelnen Quartiere und Einzelgebäude dauerte mehrere Jahre und veränderte das Stadtbild in einigen Bereichen wesentlich.

Mit der Hochkonjunktur in den 1950er Jahren setzte ein massiver, durch einen Geburtenüberschuss (Babyboom) bedingter demograf. Wachstumsschub ein, der durch die Zuwanderung ausländ. Arbeitskräfte noch verstärkt wurde. Zwischen 1950 und 1970 nahm die Bevölkerung von 27'261 auf 37'035 Personen zu (Ausländeranteil 22%). Damit verbunden war ein grosses Siedlungswachstum mit Wohnblöcken in den Aussenquartieren. In diese Zeit fallen wichtige Infrastrukturbauten wie das neue Kantonsspital (1949-54), das neue Elektrizitätswerk (1960-67), die Rheinuferstrasse (1962-69) sowie der Ausbau des als Industriezone geplanten Herblingertals zu einem Gewerbegebiet ab 1965. Die rezessionsbedingte Rückwanderung ausländ. Arbeitskräfte und die Stadtflucht führten 1970-85 zu einem markanten Bevölkerungsrückgang. S. bildet zu Beginn des 21. Jh. das Zentrum einer Agglomeration mit über 60'000 Einwohnern, zu der auch die vier Zürcher Gem. Feuerthalen, Flurlingen, Laufen-Uhwiesen und Dachsen zählen.

In der 1. Hälfte des 19. Jh. hatte S. noch einen weitgehend handwerkl.-kleinstädt. Charakter. Das Gewerbe wehrte sich gegen Zuzüger und neue Produktionsverfahren. Es existierten zwei grosse Betriebe der Textilindustrie mit je über 100 Arbeitern. Zwischen 1860 und dem 1. Weltkrieg entwickelte sich S. zu einer der am stärksten industrialisierten Städte der Deutschschweiz. Wichtige Impulse dazu gaben die Anbindung S.s ans Eisenbahnnetz 1857 sowie die Eröffnung des von Heinrich Moser gebauten Rheinkraftwerks 1866, des damals grössten Wasserkraftwerks der Schweiz. Dieses lockte Unternehmen wie die International Watch Co. (IWC) und die Schöller'schen Kammgarnfabriken nach S. und ermöglichte den Ausbau bestehender Gewerbebetriebe zu Fabriken (z.B. Amsler Präzisionsinstrumente und Materialprüfmaschinen). Ab 1890 produzierte das Kraftwerk Strom, bis um 1910 war die Elektrifizierung des Stadtgebiets abgeschlossen.

Als führende Industriebranche wurde die Textilindustrie um 1890 von der Metall- und Maschinenindustrie überholt. Eine herausragende Stellung nahm dabei die Georg Fischer ein. Die 1802 gegr. Metallgiesserei entwickelte sich gegen Ende des Jahrhunderts zur Grossindustrie und expandierte ins Ausland. Sie beschäftigte 1910 in S. 2'000 und 1950 rund 4'000 Angestellte und war damit mit Abstand das einflussreichste Unternehmen am Ort. Nach dem 2. Weltkrieg verlagerte der Konzern seine Tätigkeit verstärkt ins Ausland.

Wirtschaftskrisen und Globalisierung führten ab den frühen 1970er Jahren zu einem tief greifenden Strukturwandel, der die Industriestadt empfindlich traf und viele Betriebsschliessungen nach sich zog. Die Zahl der Vollzeitbeschäftigten sank zwischen 1965 und 1998 von 21'000 auf 14'000, ein Verlust, der im schweiz. Städtevergleich überproportional war. Der wirtschaftl. Abwärtstrend wurde 2000 gestoppt. Markant verschob sich das Verhältnis zwischen dem 2. und 3. Sektor. S. entwickelte sich fortan zur Dienstleistungsstadt, wenn auch der 2. Sektor relativ stark blieb. Zwischen 1985 und 2008 nahm der Anteil der Beschäftigten im Dienstleistungsbereich von 56 auf 70% zu, jener in Industrie und Gewerbe fiel auf 30%. Seit 1997 bemüht sich die kant. Wirtschaftsförderung erfolgreich um die Stärkung des Wirtschaftsstandorts S. Bis 2009 wurden knapp 100 neue Unternehmen in der Stadt angesiedelt.

Die Einführung liberaler Bürgerrechte veränderte im 19. Jh. die städt. Gesellschaft. Durch Zuwanderung nahm die Zahl der Einwohner ohne Schaffhauser Bürgerrecht laufend zu (1860 61%). Obwohl bald in der Mehrheit, verfügten diese über keine polit. Mitsprache und wurden sozial benachteiligt. Erst die Einführung der polit. Einwohnergemeinde 1875 brachte den Niedergelassenen die weitgehende Gleichstellung mit der Bürgerschaft. Der wachsenden Zahl der Katholiken gelang es 1841 gegen erhebl. Widerstand, eine Pfarrei zu gründen. Der kath. Gottesdienst fand anfänglich in der St.-Anna-Kapelle beim Münster statt. 1883-85 wurde die Kirche St. Maria im Fäsenstaub errichtet.

Die Arbeiterschaft begann sich gegen Ende des 19. Jh. in Gewerkschaften, Vereinen und Parteien zu organisieren. Sie gewann zunehmend an Einfluss, was zu erbitterten Konflikten und einer starken Polarisierung zwischen ihr und dem Bürgertum führte. Mit der äusseren Bedrohung im 2. Weltkrieg und dem steigenden Wohlstand in den 1950er Jahren entspannte sich die Lage zusehends. In den 1930er Jahren erhielten die frontist. Bewegungen einen im schweiz. Vergleich starken Zulauf.

Der grosse Bedarf an Arbeitskräften während der Hochkonjunktur führte zu einer starken Immigration v.a. aus Italien. Die Italiener, die eigene Organisationen und Vereine gründeten (z.B. Colonia Libera Italiana di Sciaffusa, Missione cattolica italiana), stiessen auf manche Widerstände seitens der einheim. Bevölkerung. Integrationsbemühungen führten dazu, dass die zweite Generation besser assimiliert ist. Seit den 1980er Jahren wandern vermehrt Menschen aus Osteuropa und weiter entfernten Kulturkreisen ein, was sich u.a. in einer wachsenden Zahl muslim. Einwohner niederschlägt.

Die Garantie der Vereins- und Versammlungsfreiheit durch die Verfassung von 1831 führte zu zahlreichen Vereinsgründungen. 1859 zählte die Stadt schon 39 Vereine unterschiedl. Ausrichtung. Das Vereinswesen wurde zu einem wichtigen Kulturträger, der alle gesellschaftl. Schichten durchdrang und bis heute das kulturelle Leben massgeblich prägt.

S. verfügt über diverse städt. und private Kulturinstitutionen. Aus der 1636 gegr. Bürgerbibliothek entwickelte sich im 19. Jh. die öffentl. Stadtbibliothek, die auch als Kantonsbibliothek fungiert. Mit dem Imthurneum am Herrenacker erhielt S. 1867 ein Theater-, Konzert- und Ausstellungshaus, das 1954-56 einem Neubau wich (Stadttheater). Seit 1928 besteht das städt. Museum zu Allerheiligen, das 1935-38 erweitert wurde. Mit einer Ausstellungsfläche von über 6000 m2 zählt es zu den grösseren Museen der Schweiz und umfasst die Bereiche Archäologie, Kulturgeschichte, Naturgeschichte und Kunst. Die auf privater Basis 1984 eröffneten Hallen für Neue Kunst zeigen herausragende, nach 1965 entstandene Werke internat. Künstler. Seit 1946 werden in S. das renommierte Bachfest und seit 1990 das Jazz-Festival durchgeführt, beide mit überregionaler Ausstrahlung. Etablierte Orte der alternativen Kulturszene sind die Genossenschaft zum Eichenen Fass mit Bühne, Restaurant und Läden (1978) sowie das Kulturzentrum Kammgarn mit Konzert- und Ausstellungsräumen sowie Restaurant (1997).

Autorin/Autor: Mark Wüst

Quellen und Literatur

Literatur
  • Allgemein

    Kdm SH 1, 1951
    – Schib, S.
  • Ur- und Frühgeschichte bis Frühmittelalter

    – K. Bänteli et al., «Die Stadtkirche St. Johann in S. Ergebnisse der Ausgrabungen und Bauunters. 1983-1989», in SchBeitr. 67, 1990, 21-90
    – K. Bänteli, «Kt. S.», in Stadt- und Landmauern 2, 1996, 229-242
    – K. Bänteli «S. "Boomtown" der Nellenburger im 11. und 12. Jh.», in Centre, Region, Periphery, hg. von G. Helmig et al., Bd. 2, 2002, 39-47
    – K. Bänteli, H.P. Mathis, Das ehem. Kloster zu Allerheiligen in S., 2004
  • Spätmittelalter und frühe Neuzeit

    – H. Ammann, Schaffhauser Wirtschaft im MA, [1949]
    – K. Schmuki, Steuern und Staatsfinanzen, 1988
    – P. Scheck, Die polit. Bündnisse der Stadt S. von 1312 bis 1454, 1994
    – O. Landolt, Der Finanzhaushalt der Stadt S. im SpätMA, 2004
    – M. Schultheiss, Institutionen und Ämterorganisation der Stadt S. 1400-1550, 2006
  • 19. und 20. Jahrhundert

    INSA 8
    Caroline Mezger: 1787-1843, Ausstellungskat. S., 2000, 9-29
    SchaffGesch.
    – S. Stoll et al., Fortschritt im Alltag, 2010