10/08/2007 | Rückmeldung | PDF | drucken

Kesslerloch

Höhle in der polit. Gem. Thayngen SH. Sie liegt auf der nördl. Seite des Fulachtales am Südostfuss des Reiat, überdeckt eine Fläche von knapp 200 m2 und wird von einem Steinpfeiler unterteilt. Die beiden Eingänge sind nach Nordosten und Süden orientiert. Das K. liefert bedeutende Siedlungsspuren aus dem Jungpaläolithikum (Magdalénienkultur, 13 000-11 000 v.Chr.). Der Platz diente vermutlich den Jägergruppen während des Sommerhalbjahres als Treffpunkt für die saisonale Jagd. Die Fundstelle wurde 1873 durch den Reallehrer Konrad Merk entdeckt, der 1874 erste Ausgrabungen vornahm. Weitere Grabungen folgten 1893 und 1898-99 durch Jakob Nüesch, 1902-03 durch Jakob Heierli. Zur Abklärung der Stratigrafie im östl. Vorplatzbereich wurden 1980 Bohrungen durchgeführt. Die Fund führenden Schichten fallen vom Eingang weiter entfernt steil ab. Bei den alten Grabungen unterschied einzig Heierli versch. Schichten, doch entspricht seine Trennung des Fundmaterials nicht den Belegungsphasen. Zur nachgewiesenen Fauna gehören Ren, Wildpferd, Schneehase und Schneehuhn, ferner Steinbock, Gemse und Murmeltier. In Resten belegt sind auch Wollnashorn und Mammut. Ausser Feuerstellen und Artefaktkonzentrationen sind keine Befunde überliefert. Das Fundmaterial setzt sich aus mehreren tausend Gesteins-, Geweih- und Knochenartefakten zusammen. Die Geräte aus Stein bestehen zur Hauptsache aus lokalem Silex der Reiathochflächen. Zahlreich sind die Belege der Geweih- und Knochenindustrie (Rohmaterial, Werkstücke, Geräte). Allein an Geschossspitzen liegen rund 200 Exemplare vor, die Hälfte mit nur einseitig abgeschrägter Basis. Belegt sind auch andere Jagdwaffen wie Harpunen und Speerschleudern sowie weitere Geräte (Lochstäbe, Meissel, Glätter, Nadeln) und Schmuck aus Tierzähnen, fossilen Muscheln, Schnecken und Gagat. Besonders bedeutend ist die Kleinkunst. Es liegen sowohl skulptierte Geräte und Anhänger wie auch Ritzzeichnungen, vorwiegend auf Lochstäben, vor. Weltberühmt ist die Darstellung des "Weidenden Rentiers". Die Kleinkunst gab anlässlich ihrer Entdeckung zu heftigen Kontroversen über die Echtheit paläolith. Kunst Anlass, da zwei Gravierungen nachweislich als Fälschungen entlarvt werden konnten. Die übrigen Stücke sind aber unbestritten und gehören teilweise zu den Spitzenstücken eiszeitl. Kunst.


Literatur
– J. Heierli, Das K. bei Thayngen, 1907
Die Kultur der Eiszeitjäger aus dem K., Ausstellungskat. Konstanz, 1977
– B. Ammann et al., Neue Unters. am K. bei Thayngen/SH, 1988

Autorin/Autor: Markus Höneisen