10/03/2004 | Rückmeldung | PDF | drucken

Cotencher

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit einem Bild illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

Die Grotte von C. (Gem. Rochefort) befindet sich auf einer Höhe von 660 m in der Areuse-Schlucht. Sie ist 18 m lang und weist eine Fläche von 200 m2 auf, die im Moustérien (ca. 40'000 v.Chr.) bewohnt war. In der bereits 1523 erwähnten Grotte führten Henri-Louis Otz und Charles Knab 1867 erste Ausgrabungen durch. Die Grabung in den Jahren 1916-18 wurde von Hans Georg Stehlin und Auguste Dubois geleitet. Sie fanden 67 Tierarten und 420 steinzeitl. Artefakte. 1964 fand man menschl. Überreste.

Die Stratigrafie von C. erreicht stellenweise eine Höhe von vier Metern. Die oberste Schicht (Schicht I) besteht aus lockerem Schutt und enthält Spuren aus der Jungsteinzeit und der Bronzezeit, der gallo-röm. und der neueren Zeit. In der sog. Kieselschicht (Schicht V) machen Überreste von Höhlenbären (ursus spelaeus), die während einer Wärmeperiode der Würmeiszeit (spätes Moustérien) die Höhle benutzten, 95% der entdeckten Knochen aus. In dieser Schicht befanden sich fast alle Steinwerkzeuge des Moustérien, die zu Tage traten. 70% der erfassten Nagetiere, die ausgezeichnet als Klimaindikatoren genutzt werden können, gehören Arten an, die ein mildes Klima bevorzugen und in bewaldeten Steppengebieten vorkommen. Die Pollenanalyse weist auf eine gemässigte Flora und auf Wald hin, in dem Haselsträucher dominierten. Die sog. braune Schicht (Schicht VI) enthält zahlreiche Knochenreste, aber nur wenige Steinwerkzeuge aus dem Moustérien. Ihr Alter wurde mit der C-14-Methode auf 44'300 bis 42'100 Jahre festgesetzt. Die gesammelten Pollen bezeugen eine Flora, in der krautartige Pflanzen vorherrschten. 40% der vorhandenen Nagetiereknochen sind, ähnlich der in Schicht V gefundenen, typisch für Arten, die bei gemässigtem Klima in Laubwäldern leben. Ein bedeutender Anteil der Knochen weist jedoch auf Arten hin, die in kalten Perioden auftreten. Deren Knochenreste kamen in Schicht V nicht vor. Was die anderen Säugetiere und Vögel betrifft, wurden in beiden Schichten sowohl mediterrane als auch alpine, nord. und atypische Arten nachgewiesen.

420 Artefakte aus den Schichten V und VI und ausserhalb der Stratigrafie belegen die Bearbeitung von Steinen. 82% der steinzeitl. Werkzeuge von C. sind aus einheim. Kieselkalk des Hauterivien gefertigt. Andere Materialien sind Lydit (8%) und Quarz (7%), beide alpinen Ursprungs, sowie importierter Silex (3%) von weit besserer Qualität als die einheim. Materialien. Die gefundenen Splitter lassen vermuten, dass die Steine vor Ort bearbeitet worden sind. 96 Werkzeuge wurden hergestellt: 74 Schaber, eine dreieckige Pfeilspitze aus dem Moustérien, drei sog. limaces (dicke, rundum bearbeitete Werkzeuge), drei Spitzschaber, ein gekerbtes und ein gezähntes (aus nebeneinander liegenden Kerben gefertigtes) Werkzeug, neun atypische Levallois-Splitter und vier weitere Werkzeuge. Der in der Höhle gefundene Gerätebestand aus dem Moustérien mit seinen zahlreichen Schabern erinnert an das Moustérien des Typs La Quina (Charente). Betrachtet man die Zahl der Spitz- und Winkelschaber, kann der Bestand der östl. La Quina-Gruppe der Rhonekultur zugeordnet werden.

Die Entdeckung eines Oberkieferknochens einer ca. 40-jährigen Frau mit zehn stark abgenutzten Zähnen aus der Schicht VI ist das wichtigste menschl. Fundstück des Moustérien in der Schweiz. Die relative Kleinheit dieses Kiefers weist auf einen kleinzahnigen Neandertaler-Typus hin, der mit jenem aus der Grotte von Hortus im Languedoc verwandt ist.


Literatur
– A. Dubois, H.G. Stehlin, La grotte de C., station moustérienne, 1933
– J.-P. Jéquier, Le Moustérien alpin, 1975
Hist.NE 1, 24-28
– J.-M. Le Tensorer, Le Paléolithique en Suisse, 1998

Autorin/Autor: Hervé Miéville / GG