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Vadian, Joachim

geboren 29.11.1484 St. Gallen,gestorben 6.4.1551 St. Gallen, von St. Gallen. Sohn des Lienhard von Watt, Kaufmanns und Ratsherrn, und der Magdalena Thalmann, Tochter des Ulrich, äbt.-sankt-gall. Kanzlers. ∞ 1519 Martha Grebel, Tochter des Jakob Grebel. Schwager des Konrad Grebel. Nach dem Besuch der Lateinschule in St. Gallen hielt sich Joachim von Watt, der sich seit seiner Studienzeit auch Vadian(us) nannte, 1502-18 an der Univ. Wien auf und studierte u.a. bei Konrad Celtis, Johannes Cuspinian sowie Georg Tannstetter. 1508 erlangte er den Magister artium, unterrichtete dann Poetik, Geschichte und Naturlehre, wirkte ab 1511/12 als Dozent an der Universität, war 1516-17 deren Rektor und ab 1516 Prof. für Poetik am Collegium poetarum. 1517 schloss V. ein Medizinstudium mit dem Doktorat ab. Aus seinen Wiener Vorlesungen erwuchsen rund 20 Publikationen, v.a. kommentierte Ausgaben antiker Autoren, u.a. 1518 des röm. Geografen Pomponius Mela. In diesen stellte er der Autorität der Klassiker Erkenntnisse aus eigener Anschauung und Erfahrung gegenüber, die er u.a. auf Reisen durch Nordostitalien, Kärnten, Ungarn und Polen gewonnen hatte. Der akademisch gebildete Humanist trat als Redner auf, wurde 1514 durch Ks. Maximilian I. zum poeta laureatus gekrönt und unterhielt enge Kontakte zu zeitgenöss. Musikern wie Ludwig Senfl.

1518 gab V. seine akad. Tätigkeit auf, kehrte nach St. Gallen zurück und stellte sich in den Dienst seiner Heimatstadt. Ab 1521 Mitglied des Kl. Rats, vollzog er ab 1522 den Übergang zu den Ideen der Reformation und war 1523 Präs. der 2. Zürcher Disputation. 1525 spielte er die massgebl. Rolle bei der Einführung der Reformation in St. Gallen, ab 1526 amtierte er bis ans Lebensende im Dreijahresturnus als Bürgermeister. Der Versuch, die 1529 im 1. Kappeler Landfrieden erlangten Vorteile der Reformierten für die Aufhebung des Klosters zu nutzen, scheiterte 1531. Das Kloster blieb Nachbar der Stadt und dessen Abt Gegenspieler V.s, doch wahrte die Stadt unter V. als politisch und geistig führender Persönlichkeit ihre Selbstständigkeit und damit auch den ref. Glauben. In der eidg. Politik wirkte er mehrmals als Gesandter an der Tagsatzung, 1549 auch als Obmann eines eidg. Schiedsgerichts.

V. führte in St. Gallen die gelehrte Tätigkeit fort, doch mit veränderten, auf seine Stadt fokussierten Interessen und nur mehr als Mittelpunkt eines interessierten Kreises von Freunden, darunter Johannes Kessler, der zu V.s Biograf und Nachlassverwalter wurde. Ausserhalb St. Gallens waren Heinrich Bullinger, Johannes Comander und Oswald Myconius wichtige Korrespondenten; insgesamt haben sich rund 1'850 Briefe von und an V. erhalten. Während der Aufhebung des Klosters standen ihm dessen Archiv und Bibliothek längere Zeit offen. Auf dieser Quellengrundlage, erweitert um die städt. Überlieferung, verfasste er 1529-32 in der Erwartung, die Stadt trete an die Stelle des Klosters, die "Grössere Chronik der Äbte", die den Zeitraum 1199-1491 umfasst und formal in der Tradition der klösterl. Geschichtsschreibung steht, inhaltlich aber mit ihr bricht und sich sprachlich an ein breites Publikum richtet. Nach der Niederlage der Reformierten in der 2. Schlacht bei Kappel 1531 legte V. das Werk 1532 unvollendet beiseite, betrieb jedoch weiterhin hist. sowie theol. Forschungen mit Schwergewicht auf der regionalen Geschichte sowie auf der Kirchengeschichte, u.a. zu den Grundlagen des Mönchtums und zur Entwicklung von der Urkirche zur Papstkirche. Auf dem Gebiet der Medizin hielt sich V., der neben seiner polit. Tätigkeit ab 1518 ohne formelle Ernennung auch die Aufgaben des Stadtarztes wahrnahm, an die in Wien gelehrte arab.-lat. Tradition.

V.s Werke der zweiten Lebensphase blieben weitgehend ungedruckt. Seine für die 1547-48 publizierte Schweizerchronik von Johannes Stumpf verfassten Texte, u.a. die "Kleinere Chronik der Äbte", sind dort stark gekürzt und auf V.s Wunsch anonym eingeflossen. Dank handschriftl. Verbreitung wurde die Kleinere Chronik in der Stadt St. Gallen dennoch rasch zur massgebl. Darstellung der eigenen Geschichte. Im Druck veröffentlichten Melchior Goldast bereits 1606 und Ernst Götzinger 1875-79 die hist. Schriften V.s. Auf dieser Grundlage etablierte die ref. Historiografie (Eduard Fueter, Werner Näf, Hans Conrad Peyer) V. im 20. Jh. in bewusstem Kontrast zu Aegidius Tschudi als ersten zu hist. Objektivität fähigen Geschichtsschreiber der Schweiz. Die neuere Forschung hat hingegen gezeigt, dass auch V.s Darstellung der St. Galler und eidg. Geschichte parteigebunden blieb, beeinflusst durch Herkunft, polit. Überzeugungen und reformator. Glauben. So steht der krit. Distanz zum eidg. Gründungsmythos die Fixierung auf die Feindbilder Kloster und Papstkirche gegenüber. Anders als Tschudi vertrat V. aber den Gedanken des Wandels und der Entwicklung aller Dinge und prägte mit Blick auf eine Periodisierung der Geschichte den Begriff Mittelalter für die Epoche zwischen Antike und damaliger Gegenwart.

Die Privatbibliothek im Umfang von 450 Bänden ging 1551 testamentarisch an die Stadt St. Gallen, wo sie zusammen mit dem handschriftl. Nachlass den Kernbestand der Vadian. Sammlung in der Kantonsbibliothek St. Gallen bildet. 1904 schuf Richard Kissling in St. Gallen ein Denkmal V.s.


Werke
Die Grössere Chronik der Äbte, bearb. von B. Stettler, 2 Bde., 2010
Die Kleinere Chronik der Äbte, bearb. von B. Stettler, 2013
Archive
– KBSG, Vadian. Slg.
Quellen
Die Vadian. Briefslg. (der Stadtbibliothek St. Gallen), hg. von E. Arbenz, H. Wartmann, 7 Bde., 1890-1913
Bibliotheca Vadiani, bearb. von V. Schenker-Frei, 1973
Literatur
V.-Studien 1-17, 1945-2006
– F.W. Bautz, Biogr.-Bibliograph. Kirchenlex. 12, 1997, 1003-1013
V. als Geschichtsschreiber, hg. von R. Gamper, 2006
– R. Frohne, Das Welt- und Menschenbild des St. Galler Humanisten Joachim von Watt/Vadianus (1484-1551), 2010
– C. Müller, «Doktor Joachim von Watts arabist. Arztpraxis in St. Gallen», in NblSG 151, 2011, 37-44
Senfl-Studien 1, hg. von S. Gasch et al., 2012

Autorin/Autor: Christian Sieber