• <b>Romanisierung</b><br>Bronzekopf, 1. Jahrhundert n.Chr. (Bernisches Historisches Museum) © Foto Stefan Rebsamen. Der zu Beginn des 18. Jahrhunderts vom Pfarrer von Prilly entdeckte Bronzekopf wurde seither als Büste des Mannes "von Prilly" bezeichnet. Er stammt mit Sicherheit vom Ufer des Genfersees, jedoch nicht von Prilly, sondern wahrscheinlich vom Grabungsort Lousonna.

Romanisierung

R. bezeichnet eine allmählich fortschreitende, vielfältige Entwicklung, welche die meisten der von Rom unterworfenen Völker erfasste. Sie bestand in einem mehr oder weniger tief greifenden Wandel der indigenen Gesellschaften infolge der Aneignung einer fremden Kultur. Dieser komplexe Prozess, der durch die Begegnung zweier Kulturen ausgelöst wurde, beschränkte sich nicht auf die blosse, vom Sieger aufgezwungene Akkulturation. Bei der schrittweisen Übernahme neuer Lebensweisen verhielten sich die kelt. und die rät. Gesellschaft (Kelten, Räter) keineswegs passiv, sondern brachten selbst viel ein, indem sie kulturelle Modelle umgestalteten oder neu schufen und gleichzeitig einige ihrer Traditionen bewahrten. Somit ist die Welt der Galloromanen das Ergebnis einer grundlegenden Veränderung der Lebensbedingungen, wobei sich wegen der lückenhaften Kenntnis der kelt. Kultur nur schwer bestimmen lässt, was von ihr erhalten blieb. Die lange vor der Eingliederung in den röm. Herrschaftsbereich einsetzende R. wurde nicht nur durch die rasche Anpassung der Eliten an die röm. Gesellschaftsordnung vorangetrieben, sondern auch durch den polit. Realismus der Römer, die es verstanden, den unterworfenen Völkern ihren identitätsstiftenden Rahmen zu belassen und die aristokratische gall. Führungsschicht in die neuen Machtstrukturen zu integrieren. Je nach Region und Gegebenheiten erfolgte die R. mit unterschiedl. Geschwindigkeit und Intensität: Im Genferseegebiet und Unterwallis setzte sich die röm. Kultur stärker durch als im nordwestl. Mittelland oder in den Alpentälern, die länger an ihren Traditionen festhielten. In den röm. Kolonien Nyon (Colonia Iulia Equestris), Avenches (Aventicum) und Augst (Augusta Raurica) sowie im Südtessin war die R. ausgeprägter als in der weniger dicht besiedelten Nordostschweiz, die etwas abseits der grossen Verkehrsachsen lag.

Autorin/Autor: Daniel Paunier / EM

1 - Anfänge

Bevor sich der röm. Einfluss bemerkbar machte, trugen die griech. Expansion gegen Westen und insbesondere die Gründung der phokäischen Kolonie Marseille um 600 v.Chr. massgeblich zur Entwicklung der kelt. Gesellschaft bei. Diese übernahm städtebaul. und architekton. Muster, landwirtschaftl. Techniken, neue Handelsformen sowie soziale, künstler. und religiöse Praktiken. Die Wanderung der Kelten im 4. Jh. v.Chr., die 387 v.Chr. Rom einnahmen und sich in Norditalien niederliessen, die ab dem 3. Jh. v.Chr. zunehmenden Beziehungen mit städt. Zivilisationen im Mittelmeerraum, der Einsatz vieler kelt. Söldner in den hellenist. Armeen sowie die röm. Eroberung der Gallia Cisalpina sowie später der Gallia Transalpina förderten die Kontakte und führten zur Umstrukturierung der gall. Gesellschaft sowie zur Entstehung der Oppidazivilisation (Oppidum), mit der erstmals eine Urbanisierung fassbar wird. Der Austausch mit der röm. Welt intensivierte sich. Rom schloss Bündnisse, um die Hauptverkehrswege zu kontrollieren, und röm. Händler zogen durch Gallien (Gallia). Mehrere Völker, darunter die Helvetier, glichen ihre Währung dem röm. Währungssystem an, was einer wirtschaftl. Revolution gleichkam. Während des Gall. Kriegs dienten Angehörige der kelt. Aristokratie in Cäsars Stab und Einheimische schlossen sich den röm. Hilfstruppen an. Damit ergaben sich vielerlei Begegnungs- und Austauschmöglichkeiten. Als Ks. Augustus an die Macht kam, war die R. bereits seit mehreren Jahrhunderten im Gang.

Autorin/Autor: Daniel Paunier / EM

2 - Die Eingliederung des schweizerischen Gebiets in das Römische Reich

2.1 - Territoriale, politische und Verwaltungsorganisation

Ab dem 2. Jh. v.Chr. gelangten die oberital. und Tessiner Seenregion sowie ein Teil des Genfer Gebiets unter röm. Kontrolle. Die um 50/46 v.Chr. bzw. 44 v.Chr. in Nyon und Augst gegr. Kolonien bildeten erste Zentren der R. Doch erst nach der Eroberung der Alpen, die 25 v.Chr. begann und wahrscheinlich 13 v.Chr. abgeschlossen war, gehörte das gesamte Gebiet der heutigen Schweiz zum Römischen Reich. Die Errichtung von Militärposten in Zusammenhang mit der röm. Offensive gegen die Germanen und später der durch die Niederlage des Varus 9 n.Chr. ausgelöste Rückzug der Truppen bis zum Rhein lassen darauf schliessen, dass das Römische Heer das Gebiet fest im Griff hatte. Nach und nach wurden manche oppida aufgegeben, während andere offenbar ununterbrochen bewohnt blieben.

Wahrscheinlich zwischen 16 und 13 v.Chr. wurde Gallien reorganisiert; Augustus liess die Provinzen (Provincia) neu einteilen, eine Volkszählung durchführen, das Strassennetz erweitern und ausbauen sowie zahlreiche Haupt- und Nebenorte gründen. Jedes gall. Stammesgebiet wurde zu einer administrativen und polit. Einheit, einer Civitas. Diese hatte einen Hauptort, ein städt. Zentrum, das den röm. Kriterien der urbanitas entsprach und in dem die einheim. Eliten die Macht ausübten. So wurde Aventicum der Hauptort der Helvetier, Augusta Raurica das caput gentis der Rauriker und Forum Claudii Vallensium der Hauptort der Walliser Stämme, die Ks. Claudius zu einer einzigen Einheit zusammenfasste. Einige Stämme (Helvetier, Allobroger) behielten im Röm. Reich ihre alte Einteilung in pagi (Gau) als Überbleibsel aus der Zeit ihrer Unabhängigkeit. Kleinere städt. Siedlungen (Vicus), die administrativ dem Hauptort unterstanden und eine Art Verbindungsglied zwischen Stadt und Land bildeten, wurden ab augusteischer Zeit umgestaltet oder völlig neu geschaffen, wahrscheinlich aufgrund eines kaiserl. Erlasses. In ländl. Gegenden verdrängten die villae (Römischer Gutshof), landwirtschaftl. Betriebe nach röm. Vorbild, die mehrheitlich in den Händen der bedeutendsten Fam. der gall. Aristokratie blieben, nach und nach einen Teil der einheim. Höfe. Die röm. Katastration schuf eine Bemessungsgrundlage für die Bodensteuer und ermöglichte allfällige Umverteilungen des Landes (Vermessung).

Zu den städt. Institutionen, die den römischen nachgebildet waren, gehörten ein örtl. Senat (ordo decurionum) und zwei für ein Jahr gewählte duumviri iure dicundo, die an der Spitze der Verwaltung standen. Ädilen, Quästoren oder Präfekte ergänzten die Exekutive der Kolonien. In den vici hielten die Bewohner (vicani) Versammlungen ab, die von ebenfalls für ein Jahr gewählten curatores oder magistri geleitet wurden. Es galt das komplexe, vollständig kodifizierte Römische Recht, das insbesondere für Nichtbürger durch örtl. Regelungen ergänzt wurde. Die Rechtsprechung oblag entweder den genannten duumviri in den Städten, dem Provinzstatthalter oder in schweren Fällen dem Kaiser als oberstem Richter. Obwohl die Gallier eigene Gesetze und Gerichte gekannt hatten, bedeutete die Einführung des neuen Rechtssystems einen Bruch mit der Vergangenheit. Dagegen entstand die territoriale Organisation, die sich ab augusteischer Zeit herausbildete, nicht von Grund auf neu: Die oppida und Streusiedlungen (einheim. Höfe), die im 2. Jh. v.Chr. aufgekommen waren, sowie das gut belegte, umfangreiche Strassen- und Parzellennetz nahmen einzelne Elemente der Landschaftsstruktur in galloröm. Zeit vorweg.

Autorin/Autor: Daniel Paunier / EM

2.2 - Die Rolle der Armee

Der Rückzug der röm. Truppen auf das linke Rheinufer 9 n.Chr. und die Befestigung der Rheingrenze durch die Ks. Tiberius und später Claudius führten zur Errichtung des Legionslagers Vindonissa (Windisch) und von Militärposten (castella), u.a. in Augst und Zurzach. Nacheinander waren drei Legionen und Hilfstruppen, d.h. ständig rund 6'000 Soldaten, stationiert, die einen wichtigen Faktor der R. darstellten: Über die Armee kam die einheim. Bevölkerung in direkten Kontakt mit röm. Kultur und Lebensart. Indem sie sich um die Versorgung der Truppen kümmerte, beim Transport von Waren aus fernen Gegenden mitwirkte und den Soldaten Güter und Dienstleistungen anbot, erlebte sie einen offensichtlichen wirtschaftl. Aufschwung und öffnete sich dabei zunehmend gegenüber der Zivilisation der Sieger. Die Rekrutierung von Einheimischen für die Hilfstruppen förderte ebenfalls die Aneignung neuer Lebensgewohnheiten. Auf Inschriften werden Kohorten erwähnt, die aus Helvetiern, Raurikern oder Soldaten aus den Walliser Stämmen bestanden. Epigrafisch belegt sind auch mehrere Soldaten aus dem Gebiet der heutigen Schweiz, die in der Ferne gestorben sind. Am Ende ihrer Dienstzeit (meist nach 20 bis 25 Jahren) erhielten die peregrinen Auxiliarsoldaten ein kaiserl. Diplom, das sie und ihre Nachkommen zu röm. Bürgern erhob. Legionen, denen hauptsächlich Bürger angehörten, wurden nur sehr selten von einheim. Adligen befehligt; der Helvetier Caius Iulius Camillus, ein Militärtribun, war eine der wenigen Ausnahmen.

Ehem. Soldaten (Veteranen) liessen sich oft in dem Gebiet nieder, in dem sie Dienst geleistet hatten, wurden Grundeigentümer und knüpften enge Beziehungen zu den städt. Aristokratien. Die Armee wirkte auch an der regionalen Entwicklung mit, indem sie den lokalen Behörden Ingenieure und Spezialisten für den Bau von Strassen, Brücken, Aquädukten oder öffentl. Gebäuden zur Verfügung stellte. Nach der Aufgabe des Legionslagers Vindonissa 101 n.Chr. infolge der Verlegung der Reichsgrenze (Limes) nach Norden war sie bis in spätröm. Zeit kaum mehr präsent. Es wurden lediglich einige Abteilungen zur Überwachung der Strassen eingesetzt, u.a. in Genf, Vevey und Solothurn.

Autorin/Autor: Daniel Paunier / EM

3 - Besiedlung und Gesellschaft

Die röm. Besetzung prägte die Zivilisation nachhaltig, was vermuten lassen könnte, die Bevölkerungsstruktur habe sich damit völlig verändert. Die literar., epigraf. und archäolog. Quellen bestätigen jedoch nur die indigene Abstammung der Bevölkerung und die R. der Eliten, insbesondere durch Erwerb des Bürgerrechts. Vor der Eroberung umfasste die gall. Gesellschaft drei Hauptklassen, die aristokrat. Elite (Ritter und Druiden), welche die Macht innehatte, das fast völlig rechtlose Volk und die Sklaven. Im Röm. Reich gliederte sich die Gesellschaft - abgesehen vom Kaiser und dessen Fam. - in den Senatoren-, den Ritter- und den Dekurionenstand, die reichen Freigelassenen sowie die unteren Schichten, die aus Freien, Freigelassenen und Sklaven bestanden. In den von Rom unterworfenen Gebieten wurden die Freien zu "Peregrinen".

Die Aufnahme ins röm. Bürgerrecht war eine der wichtigsten Triebfedern der R. Dieses wurde einzelnen Personen oder ganzen Gruppen erteilt. In den Kolonien und civitates latin. Rechts, wie in Avenches oder im Wallis, erhielten Angehörige der Oberschicht, die alle städt. Ämter durchlaufen hatten, automatisch die Rechte und Privilegien eines röm. Bürgers. Auch über den Dienst in der Armee war ein solcher Aufstieg möglich. Bereits zu Beginn des Röm. Reichs fügte sich die lokale Aristokratie in die röm. Gesellschaftsstruktur ein, indem sie zivile Ämter und militär. Funktionen übernahm. So hatten einige Mitglieder der bedeutenden Fam. der Camilli aus Aventicum, welche die höchsten Ämter in der Civitas der Helvetier ausgeübt hatten, das röm. Bürgerrecht bereits von Ks. Augustus oder vielleicht sogar schon von Caius Julius Caesar erhalten. Einem von ihnen, Caius Iulius Camillus, gewährte Galba das seltene Vorrecht, in den Ritterstand aufzusteigen. Diese Eliten, deren Einfluss auf Grundbesitz beruhte, passten sich bereitwillig an die röm. Gesellschaftsordnung an und trugen entscheidend zum raschen, tief greifenden Wandel der einheim. Gesellschaft bei.

Die oberen und mittleren Schichten erhielten nach und nach das röm. Bürgerrecht. Dieser Prozess beschleunigte sich zusehends, bis Ks. Caracalla 212 n.Chr. mit einem Edikt dieses Recht allen freien Bewohnern des Reichs gewährte. Den Frauen, die meist dieselbe soziale Stellung hatten wie ihre Männer, waren von den öffentl. Funktionen nur die Priesterinnenämter zugänglich, insbesondere im Kaiserkult (acht Belege). Gemäss dem röm. Recht, das nur für Bürger galt, stand die röm. Frau - je nach der vereinbarten Eheform - unter der Vormundschaft ihres Mannes, ihres Vaters oder eines Verwandten. Abgesehen von den erw. Kaiserpriesterinnen finden sich in der Schweiz nur wenige Belege über die Tätigkeit von Frauen (Händlerinnen, Ärztinnen, Angestellte oder Dienstmägde). Zu erwähnen ist jedoch die in Aventicum bezeugte Pompeia Gemella, die Amme und vielleicht auch Erzieherin des späteren Ks. Titus.

Autorin/Autor: Daniel Paunier / EM

4 - Stadt und Land

4.1 - Der städtische Raum

Die oppida, in denen sich die wirtschaftl., administrative, polit. und religiöse Macht konzentrierte, werden heute meist als "kelt. Städte" angesehen. Sie sind nicht mit den Stadtgründungen im Mittelmeerraum zu vergleichen, deren Urbanität als Inbegriff der griech.-röm. Zivilisation gilt. In Gallien entsprachen die höchst vielgestaltigen Umfassungsmauern nicht immer den Anforderungen einer wirksamen Verteidigung, noch fügten sich die Wege und Plätze in ein streng rechtwinkliges System. Die öffentl. Anlagen (Tempel, hl. Bezirke) blieben bescheiden, die Wasserversorgung war offenbar von untergeordneter Bedeutung und die Wohnungen der Oberschicht zeichneten sich eher durch die Qualität der Alltagsgegenstände sowie die raffinierte Küche als durch architekton. Prunk aus. Der Urbanisierungsprozess, der mit der Reorganisation Galliens unter Augustus einherging und in dem sich der Wille der Zentralgewalt äusserte, wurde von den lokalen Eliten entscheidend vorangetrieben. Zur Machtausübung schufen sie - häufig auf eigene Kosten - dem röm. Modell entsprechende Rahmenbedingungen. Die Entwicklung verlief in den Städten je nach den polit. und wirtschaftl. Verhältnissen unterschiedlich rasch. In Nyon, Avenches und Augst begannen sich unter Augustus und Tiberius, in Martigny unter Claudius städtebaul. Strukturen zu entfalten, die dem polit., religiösen, wirtschaftl. und gesellschaftl. Leben nach röm. Vorbild angemessen waren: Stadtraster mit breiten, von Rinnsteinen und Portiken gesäumten Strassen, Forum mit klassischem röm. Podiumstempel (Tempel), Basilika und Thermen, Stätten für Erholung, Freizeit und Begegnung (Amphitheater, Theater), Märkte, Aquädukte, Abwasseranlagen, Brunnen und Wasserspiele (Wasserversorgung), Abfallentsorgung sowie neben einfacheren Wohngebäuden auch reich verzierte Häuser (domus) der Oberschicht mit Innenhöfen mediterraner Prägung, welche die soziale Stellung ihrer Besitzer widerspiegelten. Diese städt. Zentren, deren Erscheinungsbild sich mit der allmähl. Verdrängung der Holz-Lehm-Bauten ab der 2. Hälfte des 1. Jh. n.Chr. grundlegend veränderte, führten die röm. Wesensart plastisch vor Augen und leisteten dadurch dem Wandel der Lebens- und Denkweisen Vorschub.

Auch die vici, in denen die einheim. Traditionen deutlicher hervortraten, strebten nach einem Stadtbild röm. Zuschnitts, doch blieb dieses wegen ihrer untergeordneten Stellung und mangels finanzieller Mittel eher bescheiden. Das Wegnetz war weniger streng angelegt, röm. Tempel fehlten, in den meist längl. Häusern verbanden sich handwerkl. Nutzung und Wohnfunktion und domus waren nur vereinzelt anzutreffen. In den Alpen folgten Siedlungen wie Gamsen-Waldmatte (Gem. Brig-Glis), die fast ausnahmslos auf die Eisenzeit zurückgehen, ebenfalls einem - allerdings eher lockeren - Leitschema. Sie zeichneten sich durch traditionelle Bauweisen (Lehm und Holz) aus, die perfekt an die Umgebung angepasst waren und weit über die galloröm. Zeit hinaus fortbestanden.

Autorin/Autor: Daniel Paunier / EM

4.2 - Der ländliche Raum

Die villae strahlten als Zentren der R. auf dem Land städt. Flair und städt. Wohlstand aus. In der Zeit des Augustus und Tiberius entstanden, häufig auf neuen Parzellen, die ersten Gutshöfe. Diese waren zuerst aus Holz erbaut und ab der Mitte des 1. Jh. n.Chr. vermehrt auch gemauert. Die Gutshöfe verbreiteten sich allmählich und ersetzten die einheim. Gehöfte, die aus Lehm und Holz gefertigt und von einem Graben umgeben waren; sie wurden entweder am gleichen Ort wie Letztere oder etwas entfernt von diesen angelegt. Ihre maximale Dichte und Ausbreitung erreichten die Gutshöfe im 2. Jh. n.Chr. In dieser Zeit nahm der luxuriöse Wohnbereich (pars urbana) zuweilen palastähnl. Gestalt an (z.B. Orbe-Boscéaz) und der für die landwirtschaftl. und handwerkl. Nutzung bestimmte Bereich (pars rustica) erlangte seine grösste Ausdehnung.

Wichtigste Tätigkeiten waren Getreideanbau, Viehzucht, Obst- und Gemüsebau. Die R. brachte neue Pflanzen wie Koriander, Fenchel, Dill, Roggen, Hafer, Weizen und Weinreben. Das Veredeln führte zu einer Weiterentwicklung des Obstbaus; die bereits bekannten Arten wurden z.B. durch den Nuss- und den Zwetschgenbaum ergänzt. Esel, Maultier, Katze und Taube erweiterten das Spektrum der Haustiere. Bessere Zuchtbedingungen und die Kreuzung mit Rassen aus Italien oder Südgallien führten zu einer Grössenzunahme der Viehsorten. Auch viele landwirtschaftl. Techniken und Gerätschaften wurden verbessert (Steigerung des Bodenertrags durch Mergel- und Mistdüngung, Perfektionierung des Pflugs, Zuchtwahl des Saatguts, Aufkommen von Wassermühlen, Einführung von Fässern, Räucherkammern und Dörröfen für Früchte und Getreide).

Im Alpenraum entstanden Gutshöfe im unteren Rhone- und Rheintal, die sich aufgrund ihrer Topografie und der ausgedehnten Flächen für grosse oder mittlere Landwirtschaftsbetriebe eigneten. In höher gelegenen Tälern bewirkte die röm. Eroberung keine grundlegende Veränderung der Bewirtschaftung (vorwiegend Agrar- und Viehwirtschaft), die von den topograf. und klimat. Bedingungen abhing. Die herkömml. Holzbauweise und Trockenmauertechnik wurden weiter gepflegt, und wie schon im Neolithikum genoss die Ziegenzucht eine Vorrangstellung, die sie bis mindestens ins 5. Jh. n.Chr. behielt.

Autorin/Autor: Daniel Paunier / EM

5 - Alltagsleben

Das Latein, die Verwaltungs- und Kultursprache des Röm. Reichs, war in den Schulen, die den Unterricht der Druiden ersetzten und allen Bevölkerungsschichten, Mädchen wie Jungen, offen standen, stark verbreitet und setzte sich rasch durch. Gleichwohl ist insbesondere der mündl. Gebrauch der Vernakularsprache mindestens bis in die spätröm. Zeit belegt. Die Verwendung der Schrift, die in Gallien im 2. Jh. v.Chr. eingeführt wurde, um den Anforderungen des Handels gerecht zu werden, setzte sich ebenfalls sehr rasch durch. Die neu aufkommenden amtl. oder privaten Inschriften, in Stein oder Bronze graviert, Schreibtafeln, Gegenstände mit Aufschriften sowie Graffiti bezeugen die Alphabetisierung der einheim. Bevölkerung ab augusteischer Zeit. Mit der neuen Urbanität und den vielen Veränderungen auf dem Land wandelte sich der Alltag. Im Wohnbereich zeigt sich der röm. Einfluss bei der Bauweise (Mauerwerk, Ziegel), den Verzierungen (Wandmalereien, Mosaiken, Skulpturen, Stuck), der Einteilung und der Zweckbestimmung der Räume (Wohn-, Ess- oder Schlafzimmer, Küche), dem Komfort (Hypokaustheizung), der Beleuchtung (Öllampen, Laternen) oder der Möblierung (kelt. Häuser hatten meist keine Bänke, Tische, Betten oder erhöhte Feuerstellen aufgewiesen, da sich alle Aktivitäten auf dem Boden abgespielt hatten). Das verwendete Geschirr lässt auf eine Entwicklung des Essverhaltens schliessen, das jedoch je nach sozialer Schicht und Region variierte. Ab dem 1. Jh. v.Chr. waren neue Geschirrtypen, die teils aus dem Mittelmeerraum stammten, teils in örtl. Werkstätten nach röm. Muster hergestellt wurden (Mörser, Krüge, rotes Glanztongeschirr, Feinkeramik), und traditionelle einheim. Formen nebeneinander in Gebrauch. Zusammen mit den importierten Amphoren zeugen sie von mediterranen Ernährungsgewohnheiten, d.h. der Vorliebe für Olivenöl, Wein und scharfe Würzstoffe wie Essig oder Fischsaucen (garum), aber auch für das Dämpfen und Schmoren. Der Löffel wurde gebräuchlich, erst viel später folgte die Gabel.

An offiziellen Zeremonien trugen die Bürger die Toga. Sonst bestand die übl. Kleidung aus der Tunika, einem häufig mit einer Fibel zusammengehaltenen Mantel und meist genagelten Schuhen. Die Frauen richteten sich nach der Mode der Kaiserinnen (Frisur, Schminkstil, Schmuck). Hygiene und Wohlbefinden verbesserten sich erheblich durch Thermenbesuche und Sport, das Anlegen von Abwasserkanälen und Latrinen sowie die Weiterentwicklung der Medizin und der Heilmittel. Die Lebenserwartung stieg deutlich, blieb jedoch im Durchschnitt eher niedrig. Auch das Freizeitangebot nahm röm. Züge an, insbesondere mit dem Aufkommen des Theaters als wichtiger Plattform für die röm. Kultur. Neben der Leier und dem gall. Carnyx bereicherten Flöte, Becken, Laute, Zitter und Wasserorgel das Spektrum der Musikinstrumente.

Autorin/Autor: Daniel Paunier / EM

6 - Wirtschaftsleben

Der von der Hallstattzeit an betriebene Fernhandel intensivierte sich im ausgehenden 2. Jh. v.Chr., und einige gall. Stämme passten ihre Währung an das röm. System an. Überdies ist seit dieser Zeit ein vorröm. Strassennetz belegt. Erst in augusteischer Zeit begann aber ein eigentl. Aufschwung, der in der 2. Hälfte des 1. und im 2. Jh. n.Chr. zu einer wirtschaftl. Blüte führte. Die Übernahme des röm. Gewichts- und Währungssystems, eine flexible und effiziente Verwaltung, präzise Rechtsnormen sowie der Aus- bzw. Aufbau eines Netzes von sichereren Verkehrsverbindungen zu Land und zu Wasser begünstigten den Handel. Entlang der grossen Transitwege reihten sich Raststationen (mansio oder mutatio), Zollstellen, die anstelle des vorröm. Wegzolls eine Steuer erhoben, und militär. Kontrollposten. Neue Hafenanlagen (Genf, Lausanne-Vidy, Avenches) erleichterten die Nutzung der Wasserwege.

Die Angehörigen versch. Berufsgruppen organisierten sich in Korporationen. Die Genfersee-, Aare- und Zihlschiffer, die negotiatores cisalpini et transalpini oder die negotiatores salsarii et leguminari (Gemüse- und Olivenhändler) betrieben und kontrollierten den Handel. Viele Waren kamen aus dem Mittelmeergebiet, aus Afrika, dem Orient, aus Gallien oder Britannien (Nahrungsmittel, Geschirr, Glas, Metall, Marmor, Mühlsteine, aber auch selten archäologisch überlieferte Produkte wie Stoffe oder Gewürze). Im Gegenzug wurden eingesalzene Lebensmittel, Holz, Specksteingefässe, Bergkristalle und Gebrauchsgegenstände, v.a. aus Bronze, ausgeführt. Das Gebiet der heutigen Schweiz lag am Schnittpunkt der grossen Handelsstrassen über die Alpen und den Jura sowie des Rhonekorridors, der in der Kaiserzeit eine Vorrangstellung bekam, und fügte sich früh in das internat. Handelsnetz ein.

Autorin/Autor: Daniel Paunier / EM

7 - Technik, Handwerk und Kunst

Die herkömml. Lehm- und Holzbauweise hielt sich während der gesamten Römerzeit, doch zeigt sich die R. in der Übernahme der Mörtelmauertechnik, der Verwendung von Quadersteinen, Marmor (v.a. aus dem Mittelmeerraum), Ziegeln, Kalkmörtelverputz und Hartböden (Mörtel, Baustoffgemisch mit Ziegelmehl, Stein- oder Terrakottaplatten). Neben Wandmalereien und Mosaiken wurden zur Dekoration auch Steinverkleidungen, Intarsien oder Stuck verwendet. Mit der Heissluftheizung (Hypokaust) und einer ausgereiften Wasserver- und Abwasserentsorgung (Drainagen, Leitungen aus Stein, Holz, Blei oder Ton, Kloaken) erhöhte sich der Komfort. Systematisch ausgebeutete Steinbrüche lieferten Baumaterialien, Mühlsteine oder Speckstein für die Gefässherstellung.

Neue Techniken hielten Einzug, wie der Formguss zur Anfertigung von Lampen, Statuetten und Reliefbildern, die Herstellung von rotem Glanztongeschirr, die Glasbläserei, die eine Produktion in grossem Umfang erlaubte, sowie die Beinschnitzerei und -drechslerei, die bei den Kelten kaum entwickelt war. Auch die Bildhauerei bzw. Skulpturen aus Holz, aus Stein und seltener auch aus Bronze sind bei den Galliern gut dokumentiert, doch fanden sie erst in der Römerzeit im öffentl. wie im privaten Bereich allg. Verbreitung. Trotz einiger Anklänge oder bestimmter Bezüge zur italischen oder gall. Volkskunst setzte sich der Kanon der griech.-röm. Kunst durch.

<b>Romanisierung</b><br>Bronzekopf, 1. Jahrhundert n.Chr. (Bernisches Historisches Museum) © Foto Stefan Rebsamen.<BR/>Der zu Beginn des 18. Jahrhunderts vom Pfarrer von Prilly entdeckte Bronzekopf wurde seither als Büste des Mannes "von Prilly" bezeichnet. Er stammt mit Sicherheit vom Ufer des Genfersees, jedoch nicht von Prilly, sondern wahrscheinlich vom Grabungsort Lousonna.<BR/>
Bronzekopf, 1. Jahrhundert n.Chr. (Bernisches Historisches Museum) © Foto Stefan Rebsamen.
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Ab augusteischer Zeit wurden kostbare Kunstgegenstände importiert, die öffentl. Plätze und Gebäude sowie die prächtigen Wohnhäuser und Mausoleen der Oberschicht zierten. Andere, häufig ebenfalls hochwertige Stücke entstammten der örtl. Produktion. Die kelt. Kunst mit ihren originellen Schöpfungen wie auch die vorwiegend mündl. Literatur verschwanden fast vollständig. Für die Galloromanen waren nunmehr die Gattungen und die Formensprache der klass. Kultur massgebend; die gall. Tradition drang nur noch in Werken von geringerer Bedeutung oder im Handwerk durch.

Autorin/Autor: Daniel Paunier / EM

8 - Religion und Bestattungspraktiken

Trotz des hohen Stellenwerts der bestehenden Traditionen brachte die R. auch grundlegende Veränderungen im religiösen Bereich. Die Druiden und ihr mit der neuen röm. Ordnung unvereinbares Wertesystem wurden ebenso verboten wie Menschenopfer und Polygamie. Dem Zusammenhalt des Reichs diente die Einführung des Kaiserkults und die Schaffung spezieller, für die Manifestation der offiziellen röm. Religion bestimmte Plätze und Zonen. Religiöse Regeln, Opferriten und priesterl. Einrichtungen folgten dem röm. Muster. Die alten Götter, die häufig ihren Namen (u.a. Cantismerta, Epona, Lugoves, Taranis und Naria), ihren natürlichen (Poeninus, die Ortsgottheit vom Gr. St. Bernhard) oder tier. Ursprung (dreihörniger Stier, Bärengöttin Artio) und ihre Attribute behielten, wurden röm. Vorstellungen angepasst, ohne dass sich aber die von Caesar vorgeschlagene Gleichsetzung von gall. Göttern und röm. Gottheiten (interpretatio romana) völlig durchsetzte. Das Wesen der einheim. Götter lässt sich jedoch wegen ungenügender Kenntnis der gall. Religion derzeit nicht genau bestimmen.

Heiligtümer ausserhalb des Stadtzentrums, wie in Avenches oder Augst, die den offiziellen Göttern der Civitas vorbehalten waren, vereinigten die Gottheiten des röm. Pantheons und die - uminterpretierten - einheim. Götter, von denen einige wie z.B. Caturix bei den Helvetiern zu Staatsgöttern wurden. Dasselbe gilt für regionale Kultanlagen, wie in Studen-Petinesca und Thun-Allmendingen, wo die alten Götter mit den röm. Bräuchen in Einklang stehende neue Werte annehmen mussten. Die religiöse Architektur wandelte sich durch die Übernahme des klassischen röm. Podiumstempels und des galloröm. Umgangstempels mit erhöhter cella und Säulenumgang (Fanum), einer stark römisch beeinflussten, originellen Schöpfung, die einen Bruch mit der gall. Vergangenheit erkennen lässt. Die Götter nahmen mit einigen Ausnahmen menschl. Züge an, und die Tempel, in denen ihre Bildnisse standen, dienten ihnen als Behausung. Die Weiterbenutzung von kelt. Heiligtümern wie dem durch einen Graben begrenzten Sakralbezirk in Lausanne-Vidy, der im 1. Jh. n.Chr. noch in Gebrauch war, blieb die Ausnahme. Im Privatbereich fand der röm. Hauskult mit dem Lararium, in dem die Götterstatuetten aufgestellt wurden, insbesondere bei den Eliten grosse Verbreitung.

Die Bestattungen richteten sich nach röm. Gesetz. Die bereits in der Spätlatènezeit anzutreffende Feuerbestattung setzte sich fast überall durch, ausser im Alpenraum, wo die Körperbestattung trotz der R. der Grabbeigaben und der -architektur (Tessin) während der gesamten Römerzeit praktiziert wurde. Nach röm. Brauch wurden die Nekropolen ausserhalb des Stadtgebiets angelegt. Die Verstorbenen wurden manchmal am selben Ort verbrannt, an dem sich später ihr Grab befand, während Neugeborene und Kleinkinder nicht kremiert wurden. Die Grabformen spiegelten die gesellschaftl. Hierarchie: Manche Gräber wiesen nur bescheidene überird. Markierungen auf, die kaum Spuren hinterliessen, andere waren durch behauene oder mit Inschriften versehene Stelen, auf denen meist Name, Alter, Status und Laufbahn des Toten angegeben waren, kenntlich gemacht. Wieder andere Gräber zeichneten sich durch gemauerte Kleinbauten oder durch imposante Mausoleen aus, deren Architektur und Bildersprache sich unmittelbar an den griech.-röm. Kanon anlehnten und als Monumente des Stolzes und des Geltungsanspruchs die herausragende soziale und kulturelle Stellung der Notabeln zum Ausdruck brachten. Selten finden sich Bezüge zu früheren kelt. Praktiken wie die Beigabe von Waffen, bezeugt in einem romanisierten Grab in Remetschwil aus dem beginnenden 1. Jh. n.Chr.

Autorin/Autor: Daniel Paunier / EM

9 - Schlussbetrachtung

Die R. führte zu einem tief greifenden Wandel der kelt. Gesellschaft und deren Lebensbedingungen, wobei das ethn. Substrat sich nur unwesentlich veränderte. Mehrere Faktoren begünstigten diesen Prozess: der lang anhaltende Austausch zwischen zwei Zivilisationen, die viele Gemeinsamkeiten aufwiesen, eine lange Periode des Friedens und des Wohlstands nach einer schonungslosen Eroberung, die Gewährung einer weitgehenden Autonomie für die civitates, deren Bevölkerungen schrittweise das Bürgerrecht erhalten hatten, aber nach wie vor von derselben einheim. Elite geleitet wurden, eine offene Geisteshaltung sowie das Ausbleiben von religiösem Fanatismus. Die R., ein einzigartiges geschichtl. Phänomen, kann durchaus als Erfolg gewertet werden, doch ist eine differenzierte Betrachtung angezeigt. Die Veränderungen vollzogen sich unter dem fördernden Einfluss Roms und mit Zustimmung der Oberschicht, und die Einheimischen romanisierten sich gemäss Tacitus, ohne es zu merken. Allerdings darf weder der Identitätsverlust der Bevölkerung noch die kulturelle Entfremdung oder gar das fast völlige Verschwinden einer reichen Kultur ausser Acht gelassen werden.

Die romanisierte indigene Gesellschaft sicherte in der Westschweiz, in Rätien und im Tessin eine lang anhaltende geschichtl. und sprachl. Kontinuität, während die übrigen Teile des Landes, die ab dem 6. Jh. n.Chr. von den Germanen schrittweise bis zur Saane kolonisiert wurden, nach und nach eine neue kulturelle und sprachl. Identität annahmen (Alemannen). Die Kolonien Augst, Nyon und Avenches verloren zwar zu Gunsten von Basel, Genf und Lausanne an Bedeutung, doch blieb das galloröm. Erbe überall lebendig, v.a. auch dank der Kirche, die am Gebrauch des Lateinischen und einer hierarch. Verwaltungsorganisation nach röm. Vorbild festhielt, und durch den Fortbestand des röm. Rechts, das bis heute nachwirkt.

Autorin/Autor: Daniel Paunier / EM

Quellen und Literatur

Literatur
– C. Goudineau, Regard sur la Gaule, 1998
– D. Paunier, «Dix ans d'archéologie gallo-romaine en Suisse», in Revue du Nord 80, 1998, 235-251
– G. Woolf, Becoming Roman, 1998
SPM 5
– W. van Andringa, La religion en Gaule romaine, 2002
– L. Flutsch, L'époque romaine ou la Méditerranée au nord des Alpes, 2005
La romanisation et la question de l'héritage celtique, hg. von D. Paunier, 2006

Autorin/Autor: Daniel Paunier / EM