22/04/2015 | Rückmeldung | PDF | drucken

Vindonissa

Dieser Artikel wurde für die Buchausgabe des HLS mit Bild und Infografik reich illustriert. Bestellen Sie das HLS bei unserem Verlag.

Röm. Legionslager des 1. Jh. n.Chr., Vicus, spätantikes Castrum und vermutlich zeitweise frühma. Bischofssitz auf dem Gebiet der Aargauer Gem. Windisch, Brugg, Hausen und Gebenstorf, an strategisch bedeutender Position am Zusammenfluss von Aare, Reuss und Limmat gelegen. Der antike Ortsname V. ist bei Tacitus ("Historien" 4,61 und 4,70), in der "Notitia Galliarum" (9,5) und in der "Tabula Peutingeriana" sowie auf steinernen Inschriften (CIL 13, 5194 f.) und hölzernen Schreibtäfelchen vom 1. bis 4. Jh. n.Chr. bezeugt. Bischofslisten, Münzprägungen und Urkunden tradierten ihn als Vinse in das MA hinein, woraus schliesslich der Ortsname Windisch entstand.

Trotz intensiver Ausgrabungstätigkeiten sind aus dem Gebiet der heutigen Gem. Windisch bislang nur wenige Spuren bekannt, die vor die spätkelt. bzw. röm. Zeit zurückreichen. Zumeist handelt es sich dabei um Einzelfunde (Steinbeile, Bronzegeräte, Keramik), die bereits im 19. Jh. gemacht wurden und über die keine weiteren Fundangaben vorliegen. Erst bei jüngsten Ausgrabungen in der westl. Peripherie des röm. V. stiess man auf einige Brandgruben, die zu einer Siedlung aus der späten Bronzezeit (ca. 1000-800 v.Chr.) gehören dürften.

Autorin/Autor: Jürgen Trumm

1 - Spätkeltische Siedlung

Das röm. V. hat seinen Ursprung in einer wohl gleichnamigen Siedlung der kelt. Helvetier, welche den strategisch wichtigen Punkt am sog. Wasserschloss der Schweiz kontrollierten. Die Siedlung war mit einer mächtigen, ca. 350 m langen Abschnittsbefestigung mit Holz-Erde-Wall und einem bis zu 7 m tiefen Spitzgraben befestigt, welche die Engstelle auf dem sog. Windischer Sporn abriegelten. Über die Innenbebauung weiss man nur wenig; ein kleines Brandgräberfeld lag etwa 200 m südwestlich ausserhalb der befestigten Siedlung. Ob sich der von Caius Iulius Caesar verwendete Begriff Oppidum für befestigte kelt. Siedlungen auf die ca. 4 ha grosse Anlage von Windisch übertragen lässt, bleibt offen. Archäolog. Funde belegen eine Nutzung der Siedlung im fortgeschrittenen 1. Jh. v.Chr. Die Siedlung geriet vermutlich schon mit der Unterwerfung der Helvetier 58 v.Chr. durch Caesar, spätestens aber mit dem Alpenfeldzug des Ks. Augustus 15 v.Chr. unter militär. Kontrolle Roms. Für ein gewaltsames Ende der Siedlung gibt es im archäolog. Fundbild bislang keine Hinweise.

Autorin/Autor: Jürgen Trumm

2 - Frühzeit von Vindonissa

Das Römische Heer dürfte vermutlich bereits während des Alpenfeldzugs 15 v.Chr. mit geschultem Blick für die militär. und verkehrsgeogr. Bedeutung des Orts einen Militärposten auf dem Hochplateau zwischen Aare und Reuss errichtet haben. Von hier aus überwachten die Soldaten die Verkehrsrouten nach Norden Richtung Germanien und nach Süden zu den Alpenpässen. Ausdehnung und innere Struktur dieses ersten Truppenlagers auf dem Windischer Sporn sind erst in Ansätzen bekannt; die röm. Militärpräsenz wird im Wesentlichen aus typ. Fundmaterial (Waffen, Ausrüstungsteile) erschlossen. Bereits in dieser ersten Okkupationsphase ist eine zugehörige zivile Ansiedlung mit Gewerbebetrieben (u.a. Töpfereien) nachweisbar.

Autorin/Autor: Jürgen Trumm

3 - Das Lager der 13., 21. und 11. Legion

Nach dem Tod des Augustus kam es unter seinem Nachfolger Tiberius (14-37 n.Chr.) zu einem Wandel der röm. Militärpolitik in den Nordwestprovinzen des Reichs. Die Offensiven in den germ. Raum wurden eingestellt und die eroberten Gebiete westlich und südlich des Rheins durch die Anlage einer Reihe von Militärlagern gesichert. In diesen Zusammenhang gehörte der Ausbau des bestehenden Militärpostens von V. zu einem Legionslager, das von der 13. Legion zunächst in Holz und Lehm errichtet wurde und von der nachfolgenden 21. Legion schrittweise zu einer Anlage aus Stein um- und ausgebaut wurde. Ab ca. 70 n.Chr. ist als letzte Besatzung die 11. Legion bezeugt, die weitere Baumassnahmen innerhalb des Lagers veranlasste. Der polygonale und etwa 20 ha umfassende Lagergrundriss ist an das Gelände angepasst. Die ca. 1,8 km lange Umwehrung bestand zunächst aus einem Holz-Erde-Wall mit hölzernen Toren und Zwischentürmen und einem vorgelagerten Doppelspitzgraben. Nach dem Einzug der 11. Legion, jedenfalls nach 72 n.Chr., wurde diese Umwehrung durch eine ca. 3,6 m breite Lagermauer mit massiven Toren und Zwischentürmen und einem einfachen Spitzgraben ersetzt. Die Innengliederung des Legionslagers entspricht im Grossen und Ganzen dem Schema röm. Militäranlagen, weist jedoch aufgrund der Geländesituation und des polygonalen Grundrisses einige spezif. Ausprägungen auf. Die von Westen nach Osten verlaufende Lagerhauptstrasse (via principalis) gliederte das Areal in einen kleineren vorderen (praetentura) und einen grösseren rückwärtigen Lagerbereich (retentura). Das Lager dürfte nach Süden orientiert gewesen sein, Haupttor wäre demnach das Südtor (porta praetoria) mit der via praetoria. Deren nördl. Verlängerung, die via decumana, führte zum Nordtor (porta decumana). Während das Osttor (porta principalis sinistra) bis heute nicht entdeckt ist, bildete das Westtor (porta principalis dextra) offenbar die monumentale Empfangspforte an der schnurgeraden, 400 m langen Westfront.

Vom weitgehend in Stein erstellten Legionslager der 21. bzw. 11. Legion ist mittlerweile etwa die Hälfte der Innenbauten durch archäolog. Ausgrabungen erfasst. Bekannt sind das Zentralgebäude (principia), die Lagerthermen, mehrere Speichergebäude und Werkhallen, ein hl. Bezirk (area sacra) mit Podiumstempel, der Palast des Legionskommandanten (praetorium), die Wohnhäuser der Stabsoffiziere sowie eine Vielzahl von Mannschaftsunterkünften für die Legionäre (centuriae). Das Trinkwasser für die ca. 6'000 Mann starke Lagerbesatzung wurde 2,4 km weiter südlich im Grundwasserbereich beim der heutigen Hausen gefasst und in einer gemauerten Wasserleitung an die Südfront des Lagers geführt. Von einem dort zu vermutenden Wasserverteilwerk wurde das Wasser dann in hölzernen und bleiernen Druckwasserleitungen entlang der Lagerstrassen geführt. Das Abwasser sammelte man in grossen gemauerten Abwasserkanälen entlang der Lagerperipherie, von wo es gegen Norden abgeleitet wurde. Feste Abfälle aller Art sowie Bauschutt von Neu- und Umbaumassnahmen innerhalb des Lagers deponierte man gleichfalls vor der nördlichen Lagerfront, wo eine natürl. Geländestufe eine einfache Entsorgung erleichterte. Diese gewaltige Abfallhalde, die als "Schutthügel von V." in die Literatur einging, birgt bis heute aufgrund feuchter Lagerungsbedingungen einzigartige Objekte aus organ. Material (Holz, Leder), die sich anderswo längst zersetzt hätten. Vom "Schutthügel" stammen über 100 hölzerne Schreibtäfelchen (tabulae ceratae), die dank ihrer erhaltenen Schriftreste einen einzigartigen Einblick in den Soldatenalltag des 1. Jh. n.Chr. liefern.

Autorin/Autor: Jürgen Trumm

4 - Die Zivilsiedlung

Ausserhalb des Legionslagers entwickelte sich mit Ankunft der Soldaten zugleich ein Lagervicus (canabae legionis), der gegen Ende des 1. Jh. n.Chr. mit einer Fläche von mind. 45 ha wohl an die 10'000 Bewohner umfasste, innerhalb derselben die inschriftlich bezeugten Vicani die Führungsgruppe bildeten (Vicus). Diese Zivilsiedlung erstreckte sich mit eng aneinander gebauten Stein- und Fachwerkhäusern entlang der westl., südl. und östl. Ausfallstrassen des Legionslagers. Archäologisch nachgewiesen sind ein Amphitheater, ein riesiger Vielzweckbau mit offenem Innenhof (forum oder campus?), ein kleines Bad mit angeschlossener Herberge (mansio) und zwei galloröm. Tempel in einheim. Bautradition. Inschriften bezeugen ferner die Existenz eines Jupitertempels sowie eines Ehrenbogens für Mars, Apollo und Minerva. Die gekiesten, breiten und mehrfach erneuerten Ausfallstrassen waren gleichzeitig Abschnitte überregional bedeutsamer Verkehrswege nach Augusta Raurica (Augst), Aventicum (Avenches) und in die Ostschweiz, von der die Strasse nach Turicum (Zürich) abzweigte. Eine mächtige, mit Holzarmierung verstärkte Steinschüttung entlang des nördl. Reussufers sicherte vermutlich eine Schiffsanlegestelle im Bereich der östl. Zivilsiedlung. Auf Gewerbebetriebe verweisen Töpfer- und Kalkbrennofen; nachgewiesen ist auch die Metallverarbeitung im Vicus.

An den Ausfallstrassen wurden ausserhalb der Zivilsiedlung grosse Gräberfelder angelegt. Derzeit sind vier Nekropolen mit insgesamt über 700 Brand- und Körpergräbern von Soldaten und Zivilisten des 1. und 2. Jh. n. Chr. bekannt. Neben mehreren Grabsteinen kamen auch Reste monumentaler Grabbauten und aufwendig gearbeitete Totenbetten zum Vorschein, die auf eine mediterrane Herkunft der dort bestatteten Personen verweisen.

Autorin/Autor: Jürgen Trumm

5 - Vindonissa als wirtschaftlicher und kultureller Magnet

Die ca. 5'000-6'000 stationierten röm. Soldaten und ihre mitgereisten Familienangehörigen stellten einen wichtigen wirtschaftl. Faktor im schweiz. Mittelland dar. Die Gesamtsumme, die dem Heeresverband jährlich zur Verfügung stand, wurde auf rund 2 Mio. Denare geschätzt. Die Soldaten gaben den bar ausgezahlten Sold, der einen wesentl. Bestandteil der Geldzirkulation hierzulande bildete, zum Teil in Gaststuben im Lager, im Lagervicus oder vielleicht auch im nahen Badeort Aquae Helveticae für die versch. Vergnügungen aus; der Sold wurde aber auch gespart oder gegen Zinsen an Kameraden oder Zivilisten verliehen. Zahlreiche Trossknechte, Sklaven, Diener, Händler, Wirte, andere Geschäftsleute und Prostituierte fanden so ihr Auskommen. Austern, Pfirsiche, Öl, Garum und Wein wurden aus dem Mittelmeerraum importiert; die inschriftlich belegten negotiatores salsari leguminari vertrieben in Salz eingelegte Hülsenfrüchte und Oliven. Den Getreidebedarf dürften die Gutshöfe aus dem schweiz. Mittelland gedeckt haben, deren Besitzer so ebenfalls von der röm. Militärpräsenz profitierten. Die Verbreitung von Ziegeln mit Stempeln der in V. stationierten Legionen und Auxiliareinheiten - solche wurden nicht nur in militär. Niederlassungen, sondern auch in Gutshöfen und benachbarten Vici entdeckt - bezeugt ebenfalls die wirtschaftl. Verflechtung zwischen dem Lager und seinem Umland.

V. war vom Rechtsstatus her keine Stadt, stellte in wirtschaftl. und in kultureller Hinsicht aber doch eine solche dar. Die galloröm. und röm. Tempel, das Amphitheater oder das Bad bezeugen seine zentralörtl. Funktionen. V. war in der Nordschweiz während des 1. Jh. n.Chr. so etwas wie ein Motor der Romanisierung.

Autorin/Autor: Jürgen Trumm

6 - Das Ende des Legionslagers und das 2. und 3. Jh. n.Chr.

Gegen Ende des 1. Jh. n.Chr. hatte sich die militär.-strateg. Lage im nordschweiz. und süddt. Raum grundlegend geändert. Die in V. stationierten Truppen hatten wesentlich dazu beigetragen, die Militärgrenze vom Rhein weiter gegen Norden und gegen Osten zu verschieben. Nach der schrittweisen Eroberung Südwestdeutschlands Ende des 1. Jh. verlief die röm. Reichsgrenze dann im Neckargebiet und auf der Schwäb. Alb, also mehr als 250 km nördlich von V. Das einstige Frontlager hatte sich zu einem Ort im Hinterland gewandelt; 101 n.Chr. befahl Ks. Traian daher den Abzug der 11. Legion aus V. und deren Versetzung an die Kriegsschauplätze an der mittleren und unteren Donau. Das ehem. Legionslager wurde planmässig geräumt und verblieb wohl noch eine zeitlang unter der Kontrolle der röm. Militärverwaltung. Das aufgelassene Lagerareal wurde ab der Mitte des 2. Jh. n.Chr. nur zögerlich besiedelt. Im Gegensatz zu anderen kontinuierlich weiterbelegten Legionsstandorten an Rhein und Donau, die sich zu grossen stadtähnl. Siedlungen und später teilweise gar zu Grossstädten weiterentwickelten, sank das röm. V. ab dem 2. Jh. n.Chr. zu einer einfachen Strassensiedlung herab.

Autorin/Autor: Jürgen Trumm

7 - Spätantike und Frühmittelalter

Ab der Mitte des 3. Jh. n.Chr. änderte sich die militärpolit. Situation erneut. Mit der Zurücknahme des Limes an Rhein und Donau geriet die Region um V., wie schon im frühen 1. Jh. n.Chr., wieder in die Grenzzone des Röm. Reichs. Eine offenbar weitgehend aus Abbruchschutt errichtete Mauer samt vorgelagertem Spitzgraben, streckenweise über der ehem. Ostumwehrung des früheren Legionslagers verlaufend, ist nicht sicher datiert, dürfte aber zu einer ersten provisor. Befestigung aus den Krisenjahren um 260 n.Chr. gehört haben. Die "Notitia Galliarum" (9,5) bezeugt für das 4. Jh. n.Chr. dann das castrum Vindonissense, bei dem es sich vermutlich um das ca. 0,3 ha grosse Kastell handelte, das etwa 1,6 km westlich des ehem. Legionslagers an der Aare bei Brugg-Altenburg errichtet wurde. Mehrere spätröm. Bestattungsplätze, darunter zweifelsfrei auch Gräber von Angehörigen des röm. Militärs, qualitätsvolle Einzelfunde und Architekturteile unterstreichen die Bedeutung des Platzes V. in der Spätantike.

Als Bischofssitz - belegt als Bischöfe von V. sind 517 Bubulcus sowie 541/549 Grammatius - und als Münzstätte besass die Civitas Vindoninsis bis in die Zeit um 600 zentralörtl. Funktionen. Inschriftlich ist für die Zeit um 600 der Bau einer Martinskirche unter dem Konstanzer Bf. Ursinus bezeugt; diese ist aber noch nicht lokalisiert. Südlich des ehem. Legionslagers lag die grosse spätröm. und frühma. Nekropole Windisch-Oberburg.

Autorin/Autor: Jürgen Trumm

8 - Forschungsgeschichte

Nachrichten über röm. Funde - vorwiegend Inschriften und Münzen - reichen bis ins 14. Jh. zurück. Zu systemat. Sammlungen und Ausgrabungen kam es jedoch erst gegen Ende des 19. Jh. Diese wurden hauptsächlich von der 1897 gegründeten Antiquar. Gesellschaft von Brugg und Umgebung bzw. deren Nachfolgerin, der Gesellschaft Pro V. (ab 1906), getragen. Mit mehr als 1'000 archäolog. Grabungen und dokumentierten Interventionen gehört V. Anfang des 21. Jh. zu den besterforschten Stätten der röm. Welt. Gesetzlich geschützt sind jedoch nur wenige Monumente. Der Grossteil der antiken Überreste liegt in Bauzonen und ist damit potentiell von Überbauung und endgültiger Zerstörung bedroht. Das seit 1912 bestehende V.-Museum ist Besitz der Gesellschaft Pro V. und wird von der Kantonsarchäologie Aargau betrieben.

Autorin/Autor: Jürgen Trumm

Quellen und Literatur

Archive
– Archiv der Gesellschaft Pro V., Brugg
– Ausgrabungsarchiv der Kantonsarchäologie Aargau, Brugg
– V.-Museum, Brugg
Literatur
Jb. der Ges. Pro V. 1-, 1906-
Veröff. der Ges. Pro V. 1-, 1942-
– M. Baumann, Gesch. von Windisch vom MA zur Neuzeit, 1983
– M. Hartmann, V., 1986
– W. Drack, R. Fellmann, Die Römer in der Schweiz, 1988, 537-550
– M.A. Speidel, Die röm. Schreibtafeln von V., 1996
SPM 5, 64-73, 401-403; 6, 410 f.
Reallex. der germ. Altertumskunde 32, 2006, 427-430
– J. Trumm «V.», in Jber. der Ges. Pro V., 2010, 37-54; 2011, 3-22

Autorin/Autor: Jürgen Trumm