07/01/2003 | Rückmeldung | PDF | drucken

Boscéaz

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Archäolog. Fundort in der polit. Gem. Orbe VD. Seit alters bekannt und durch die im 19. Jh. entdeckten Mosaiken berühmt geworden, ist B. seit 1986 Gegenstand systematischer archäolog. Untersuchungen. Menschl. Präsenz ist schon im Neolithikum (Einzelfunde), in der Bronze- (Siedlungsspuren) und in der jüngern Eisenzeit (bäuerl. Gut, Gräber) nachgewiesen. In röm. Zeit war B. nicht ein Vicus, wie zunächst vermutet, sondern ein ausgedehnter Gutshof am Schnittpunkt der Verkehrswege von der Rhone zum Rhein und von Italien in die Bretagne. Mit Blick auf die Alpen und hoch über der Ebene der Orbe stand das Herrenhaus, ein Palast von 260 x 100 m, im Zentrum eines Gevierts von 420 x 400 m. Ein langer Gang (oder Säulengang) verband an der Front zwei symmetrisch vorspringende Flügel. Die Wohn- und Diensträume im hintern Teil, z.T. mit Mosaiken und Wandmalereien ausgestattet, ordneten sich um Peristyle (von Säulen umgebene offene Innenhöfe). Ein umfangreiches Kanalisationssystem diente der Abführung des Brauch- und Regenwassers. Im Innern des ummauerten Hofbereichs -- und aus Gründen des Brandschutzes voneinander getrennt -- standen die Wirtschaftsgebäude (Scheunen, Schuppen, Vieh- und Pferdeställe, Werkstätten und Unterkünfte für das Personal). Die im 2. Jh. anstelle einer aus dem 1. Jh. stammenden Anlage erbaute Villa wurde im 3. Jh. aufgegeben und systematisch ausgebeutet. Einzelne Teile wurden notdürftig wieder hergestellt und mind. bis zum Anfang des 5. Jh. wieder verwendet. Die neun Mosaiken, die an Ort in Pavillons aufbewahrt sind, stellen insbesondere die Wochengötter, Theseus und den Minotaurus, Odysseus, der den unter den Töchtern des Lykomedes versteckten Achilles entdeckt, sowie Herbstmotive dar. Ausserhalb der Umfassungsmauer stand ein vom 3. bis ins frühe 5. Jh. aufgesuchter Mithras-Tempel.

B. blieb ein landwirtschaftl. Gut. Im MA gingen grundherrl. Abgaben und Zehnten an die Priorate Romainmôtier und Baulmes. Unter bern. Herrschaft flossen diese Einkünfte infolge der Reformation (Säkularisation) den Vogteien Romainmôtier und Yverdon zu. Das Landgut B. (auch Bossaye) gehörte 1476-1798 zur gemeinen Herrschaft Echallens-Orbe.


Literatur
– W. Drack, R. Fellmann, Die Römer in der Schweiz, 1988, 463-465
JbSGUF 71-85, 1988-2002, (Grabungsber.)
– T. Luginbühl et al., Vie de palais et travail d'esclave: La villa romaine d'Orbe-B., 2001

Autorin/Autor: Daniel Paunier / FSC