• Quelle: Römermuseum Augst  © 2000 HLS und Kohli Kartografie, Bern.

Augusta Raurica

Das antike Stadtgebiet von A. liegt auf dem Boden der polit. Gem. Augst, Kaiseraugst und teilweise auch Pratteln am Südufer des Rheins in verkehrsgeogr. und strateg. günstiger Lage. Das Gelände eignete sich für den Brückenschlag wie für Hafenanlagen. Die Zivilstadt des 1. bis 3. Jh. n.Chr. lag leicht erhöht auf einer Terrasse (Oberstadt, Augst). Der Ausbau der Siedlung in der Unterstadt - mit Flusshafen, Handelseinrichtungen und Handwerkerquartieren - in der Rheinniederung (Kaiseraugst) erfolgte ab etwa 100 n.Chr. am Standort eines um 20-50 n.Chr. errichteten und inzwischen aufgelassenen frühkaiserzeitl. Militärlagers. In der Spätzeit, ab etwa 270 n.Chr., entstanden die befestigte Wehranlage auf dem Geländesporn Kastelen (Augst) sowie im 4. Jh. direkt am Rhein und an der Stelle des späteren Dorfes Kaiseraugst das spätröm. Castrum Rauracense. Das Stadtgebiet erreichte um 200 n.Chr. seine grösste Ausdehnung. Der stark erweiterte alte Siedlungskern der Oberstadt umfasste mit seinen 53 insulae, den Tempelbez. im Westen und den Aussenquartieren im Süden rund 77 ha. Die Unterstadt folgte auf 800 m dem Rheinufer und umschloss weitere 29 ha. Mit 106 ha war A. somit etwas grösser als Aventicum (80 ha) und wenig kleiner als z.B. die Colonia Claudia Ara Agrippinensium (Köln, 110 ha) oder die Colonia Augusta Treverorum (Trier, 150 ha).

1 - Geschichte und Bedeutung

Gemäss der Inschrift auf seinem Grabmal in Gaeta (I) gründete Lucius Munatius Plancus (in Basel?) 44 v.Chr. die Colonia Raurica. Um 15-10 v.Chr. begann die Bau- und Siedlungstätigkeit in A. mit Holzbauten (erster "Bauboom"). Das Jahr 6 v.Chr. ist das älteste, dendrochronolog. gesicherte Datum. Unter Augustus (27 v.Chr.-14 n.Chr.) erfolgte die Neugründung mit erweitertem Kolonienamen. Ab etwa 20 n.Chr. entstand das Holzforum (mit Tempel?). Um 20-50 waren Fuss- und Reitertruppen im Holzkastell in der Unterstadt untergebracht (archäolog. Befunde, Inschriften), und um 40-70 erfolgte der Umbau der Wohnstadt in Stein (zweiter "Bauboom"). Eine rege öffentl. Bautätigkeit liess um 60-70 das erste Theater, den Schönbühltempel und das Steinforum entstehen. Funde und eine Inschrift weisen auf eine Truppenpräsenz (Benefiziarierposten?) in flavischer Zeit hin. Eine wirtschaftl. Blüte vom späten 1. bis ins frühe 3. Jh. führte zum Ausbau der Thermenanlagen, um 200 zum Bau des dritten Theaters, des Amphitheaters sowie privater Luxusbauten mit Mosaiken (dritter "Bauboom"). Um 195-210 ist die inoffizielle Herstellung von Denaren (Falschgeld) nachgewiesen. Zwischen 240 und 250 muss ein Erdbeben grosse Teile der Stadt zerstört haben, und um 253/254 finden sich erste Anzeichen krieger. Bedrohung (Verwahrfunde). Die Alemanneneinfälle um 260 zeitigten in A. keine nachweisbaren Folgen. Unklar sind die Machtverhältnisse zur Zeit des Gall. Sonderreichs (evtl. Truppenstationierungen, Auxiliarkastell am Rhein?). 273/274 wurden die Zivilstadt durch Krieg zerstört und die Befestigung auf Kastelen erbaut. Unter Diokletian (284-295) war A. Teil der neu geschaffenen Provinz Maxima Sequanorum. Zwischen 320 und 340 - vielleicht schon ab der Bauzeit des Castrum Rauracense - erfolgte die Schleifung von Kastelen. Dem Zerstörungshorizont um 352 ist der bekannte Silberschatz von A. zuzuordnen. Zwischen 346 und 360 liegt zugleich die hist. am besten belegte Zeit mit zahlreichen Nennungen des Castrum Rauracense im Zusammenhang mit Truppenbewegungen, kaiserl. Inspektionen und dem Bischofssitz (Ammianus Marcellinus, Notitia Dignitatum usw.). Nach 400 zogen die röm. Truppen ab, das Kastell blieb aber weiter besiedelt.

Die Colonia [Paterna Munatia Felix Apollin]aris [Augusta E]merita [Raur]ica(?), wie die Stadt nach der Neugründung durch Augustus geheissen haben mag (sog. Nuncupator-Inschrift), beherbergte gegen Ende ihrer Blütezeit um 200 n.Chr. an die 20'000 Einw. und war dadurch geringfügig grösser als Aventicum. In der militär. Expansionspolitik des 1. Jh. n.Chr. spielte A., im Gegensatz zu Vindonissa, nur eine geringe Rolle. Umso grösser war die wirtschaftl. und verkehrstechn. Bedeutung der Koloniestadt im "goldenen Zeitalter" vom späteren 1. bis zur Mitte des 3. Jh.: Fast der ganze Personen- und Warenverkehr zwischen dem Süden und den Militärstützpunkten und Siedlungen am Mittel- und Niederrhein führte über A. Dadurch wurden Güterumschlag (Rheinhafen) und Handel, aber auch eine vielfältige lokale Produktion und Veredelung von Konsum- und Gebrauchsgütern zu den wirtschaftl. Stützpfeilern der Stadt. Militär. überregionale Bedeutung erlangte erst im 4. Jh. das Kastell Kaiseraugst, als die legio I Martia hier während mehrerer Jahre ihren Hauptstützpunkt für einen umfangreichen Abschnitt der nördl. Reichsgrenze hatte.

Autorin/Autor: Alex R. Furger

2 - Forschungsgeschichte

Erste Ausgrabungen und wiss. Untersuchungen im Theater fanden bereits ab 1582 durch Andreas Ryff und Basilius Amerbach d.J. statt. Damit ist A. ältester archäolog. Forschungsplatz nördl. der Alpen. Ab 1839 übernahm die Hist. und Antiquar. Ges. zu Basel (HAGB) die Forschungen: Seit 1878 finden regelmässige Ausgrabungen statt, ab 1957 mit festem Ganzjahresteam. 1884 kaufte die HAGB das Theater- und Schönbühlareal mit dem Ziel, die Anlagen vor weiterer Zerstörung und Steinausbeutung zu bewahren. 1935 erfolgte die Gründung der Stiftung "Pro Augusta Raurica" (PAR). Bis zur Gegenwart erwarben HAGB, PAR und der Kt. Basel-Landschaft weitere grosse Areale des röm. Stadtgebiets, um es unter Schutz zu stellen.

Autorin/Autor: Alex R. Furger

3 - Siedlungsgeschichte und archäologischer Befund

Obwohl A. stets eine Zivilstadt war und erst im 4. Jh. offizieller Militärstützpunkt wurde, ist die Militärpräsenz nicht zu unterschätzen, auch wenn sie bisher erst in drei Zeitabschnitten nachweisbar ist: in der 1. Hälfte des 1. Jh. durch ein Holzkastell mit Fuss- und Reitertruppen in der späteren Unterstadt und durch eine Inschrift (Nennung der ala Moesica und der ala Hispanorum), in der 2. Hälfte des 1. Jh. durch eine weitere Inschrift (Nennung der legio I Adiutrix) und wohl auch durch versch. Siegesmonumente, schliessl. im späten 3. Jh. durch die Befestigung auf Kastelen, das Militär und Zivilbevölkerung auf engstem Raum Platz bot. Die Anlage auf dem Kastelensporn war möglicherweise die militär. Reaktion auf die Zerstörung der Stadt um 273/274. Von dieser zeugen Zerstörungsschichten, Waffen in Strassen und Portiken sowie Reste Gefallener mit deutl. Spuren von Gewaltanwendung (Leichenzerstückelung). Die Keramik- und Münzenfunde aus diesen Schichten lassen eine relativ präzise Datierung der Ereignisse zu und schliessen einen Zusammenhang mit dem traditionell auf 260 datierten hist. Geschehen (Fall des Limes, weiträumige Zerstörungen usw.) eindeutig aus. Wahrsch. ist vielmehr ein Zusammenhang mit der Liquidation des Gall. Sonderreichs durch Ks. Aurelian. Versch. Indizien (Spitzgräben) im Gebiet des nachmaligen Castrum Rauracense weisen darauf hin, dass schon kurz zuvor (unter Ks. Gallienus?) oder gleichzeitig mit der Befestigung auf Kastelen ein kleines Kastell am Rheinufer stand.

Quelle: Römermuseum Augst  © 2000 HLS und Kohli Kartografie, Bern.<BR/>
Archäologischer Übersichtsplan von Augusta Raurica (Stand der Grabungen 1999)

Die Zivilstadt besass sämtl. Infrastrukturen einer Koloniestadt: eine dreiviertelrunde Curia (Versammlungshaus des Stadtrats), daran anschliessend das Hauptforum mit der area publica (Platz, Basilika [Gerichtsgebäude]) und der area sacra (Porticus, Podiumtempel für den Kaiserkult). Eine verwandte Anlage, das sog. Südforum, wie das Hauptforum mit zahlreichen Tavernen, befand sich 200 m südwestl. davon und umfasste verm. auch ein praetorium (Verwaltungssitz) und ein macellum (Lebensmittelmarkt, allerdings ohne Apsis). Im Stadtzentrum wurde - erstaunlicherweise erst um 60-70 n.Chr. - ein erstes szenisches Theater errichtet, das im frühen 2. Jh. in ein Arenatheater umgebaut wurde. Dieser "Mehrzweckbau" ist um 200 an gleicher Stelle durch ein wiederum szenisches Theater ersetzt worden; gleichzeitig entstand am Stadtrand ein separates Amphitheater. Ebenfalls öffentl. Bauten waren die drei Thermen von A. Von den Frauenthermen direkt hinter dem Theater sind ein bescheidener Vorgängerbau (um 40-50), ein Neubau (um 60-80) und eine umfassende Umgestaltung (im 2. Jh.) bekannt. Die Zentralthermen mitten in den Wohnquartieren (insulae) der Oberstadt weisen sogar vier Bauphasen auf: einen Bau der 2. Hälfte des 1. Jh., eine Erneuerung und Erweiterung am Ende des 1. Jh., nochmalige Erweiterungen im 2. Jh. und den Einbau einer palaestra (Spiel- und Sportanlage) zu Beginn des 3. Jh. Die dritte Thermenanlage am Rhein in der Unterstadt wurde erst im 3. Jh. errichtet, im 4. Jh. vollst. umgebaut und in das Kastell integriert.

Schachbrettartig angelegte Strassen im Zentrum und später auch in der Unterstadt sowie radiale Ausfallstrassen verbanden die Quartiere. Zur städt. Infrastruktur gehörten ferner die Brücke und zeitweise eine Fähre über den Rhein, die Wasserversorgung (mit 6,5 km langem Aquädukt und mehreren Laufbrunnen), Abwasserkanäle und unterird. Kloaken, eine nur im 2. Jh. nachweisbare Kehrichtabfuhr und eine nie vollendete Stadtmauer mit zwei Toren im Westen und Osten (Ende 1. Jh.).

Die Stadt und ihr Umgelände weisen eine typ. Mischung von röm. und einheim. Kult auf. Der Haupttempel auf dem Forum war der Stadtgöttin Roma und dem vergöttlichten Augustus geweiht. Ein ähnl. Podiumtempel auf dem Schönbühl, auf der Achse des Theaters, hat um 70 n.Chr. einheim. Vierecktempelchen ersetzt; seine Weihung ist unbekannt (evtl. Merkur?). Vierecktempel in galloröm. Tradition sind bisher an sechs Orten zum Vorschein gekommen. Sie bildeten einen regelrechten Gürtel entlang des westl. Stadtrandes. Weitere Vierecktempel standen weiter ausserhalb der Stadt in 1-5,4 km Entfernung (Im Sager, Wyhlen [D], Flühweghalde, Schauenburger Fluh). Inschriften-, Skulptur- und Keramikfunde belegen u.a. Kaiserkultpriester (flamines Augusti), eine Vielzahl verehrter Gottheiten im Heiligtum Grienmatt (u.a. Heilgötter) und einen hist. nicht überlieferten, für A. charakterist. Schlangenkult mit speziellen Gefässen.

Autorin/Autor: Alex R. Furger

4 - Wirtschaft und Gesellschaft

Gewerbe, Handwerk und Handel waren die Grundpfeiler der Stadt. In organ. gewachsenen, urspr. in Holz errichteten und um 40-70 n.Chr. in Stein umgebauten Häusern wurde unter demselben Dach produziert und gewohnt. Unzählige Einrichtungen und Gewerbe sind nachgewiesen: Metzgereien und Räuchereien, Bronzegiesser und Gürtler, Schmiede und Schrotthändler, Drechsler und Glasbläser, Weber und Tuchwalker, Mosaizisten und Maler, Beinschnitzer und Leimsieder, Ärzte und Kaufleute, Kleinviehzüchter und Tavernenwirte, ferner Handelshäuser, Rasthäuser und Töpfereibetriebe (Brandgefahr) am Stadtrand. Die steigende Bedeutung des Rheinhafens und die Enge in der Oberstadt führten im 2. Jh. zum Ausbau der Unterstadt mit Lagerhäusern, weiteren Handwerksbetrieben und Handelshäusern. Vom regen Handel zeugen u.a. eine Inschrift des collegium negotiatorum cisalpinorum et transalpinorum aus der Basilika, ein Hinweis bei Plinius (naturalis historia 15, 30, 103) über Kirschen von "den Ufern des Rheins" und eine Nachricht bei Varro (res rusticae 2, 4, 10) über die Einfuhr von Vorder- und Hinterschinken, Würsten und Speck aus Gallien. Der Wohnkomfort der Stadtbevölkerung reichte vom schmalen, dunklen Handwerkerhaus mit einfachster offener Herdstelle bis zur luxuriösen Stadtvilla mit Peristyl, Privatbad und mosaikengeschmückten Wohnräumen mit Hypokaustheizung. Quartiere, die von der öffentl. Wasserversorgung nicht bedient wurden, wie die Südvorstadt und Teile der Unterstadt, mussten das Wasser aus Sodbrunnen schöpfen.

Die wirtschaftl. Prosperität von A. stützte sich auf die optimale Verkehrslage am schiffbaren Rhein und im Schnittpunkt wichtiger Fernstrassen, auf das agrar. Zuliefer- und Absatzgebiet im unmittelbaren Hinterland sowie auf die handwerkl. Produktion in der Stadt selbst mit ihren exportfähigen Spezialitäten (Metallhandwerk, Fleischkonserven, evtl. Obst). Wichtigste Infrastrukturen im Hinblick auf Verkehrslage, Handel und Güterumschlag waren der Rheinhafen (wohl bei der Ergolzmündung, noch nicht ausgegraben) und die Brücken. Archäolog. und topograf. Beobachtungen sprechen dafür, dass bereits im 1. Jh. eine erste Rheinbrücke in der Verlängerung der Nord-Süd-Ausfallstrasse (sog. Castrumstrasse) bestand, im 2./3. Jh. mit dem Bau der Unterstadt eine zweite (oder neue) Brücke die Höllochstrasse über die Insel Gwerd mit dem rechtsrhein. Gebiet verband und schliessl. im 4. Jh. am Standort der ersten Brücke eine neue (oder erneuerte) Brücke das Castrum Rauracense mit dem befestigten rechtsufrigen Brückenkopf verband.

Autorin/Autor: Alex R. Furger

Quellen und Literatur

Literatur
– K. Stehlin, «Bibl. von A. und Basilia», in BZGA 10, 1911, 38-180
– M. Martin, «Bibl. von Augst und Kaiseraugst 1911-1970», in Beitr. und Bibl. zur Augster Forschung, 1975, 289-371
Augster Museumsh. 1-, 1976-
Forsch. in Augst 1-, 1977-
Augster Bl. zur Römerzeit 1-, 1978-
– M. Martin, «Zur Topographie und Stadtanlage von Augusta Rauricorum», in ArS 2, 1979, 172-177
Jber. aus Augst und Kaiseraugst 1-, 1980-
– A.R. Furger, Kurzführer A., 1997
– K. Kob et al., Römerstädte in neuem Licht, 1997
– L. Berger, Führer durch A., 61998
– R. Frei-Stolba et al., «Recherches sur les institutions de Nyon, Augst et Avenches», in Cités, municipes, colonies, hg. von M. Dondin-Payre, M.-T. Raepsaet-Charlier, 1999, 29-95
Tituli Rauracense, hg. von P.-A. Schwarz, L. Berger, 2000