• <b>Gelterkinden</b><br>Ansicht des Dorfes mit Umgebung, um 1750. Radierung von   Johann Rudolf Holzhalb  nach einer Zeichnung von   Emanuel Büchel (Museum für Kommunikation, Bern). Das Bild illustriert Daniel Bruckners Werk "Versuch einer Beschreibung historischer und natürlicher Merkwürdigkeiten der Landschaft Basel", erschienen 1749–1771.

Gelterkinden

Polit. Gem. BL, Bez. Sissach, zu der mehr als 20 Hofsiedlungen zählen (darunter Sommerau mit eigener Bahnstation). Das stattl. Hauptdorf liegt im oberen Ergolztal am Zusammenfluss von Ergolz und Eibach. 1101/03 Gelterkingen; die heutige Schreibweise tauchte gegen Ende des 16. Jh. auf und setzte sich um die Mitte des 17. Jh. langsam durch. 1497 38 Haushaltungen und 120 Steuerpflichtige; 1680 518 Einw.; 1770 662; 1815 895; 1850 1'406; 1900 2'031; 1950 3'113; 1970 5'157; 1980 4'954; 2000 5'476.

Bodenfunde belegen eine kontinuierl. Besiedlung seit der jüngeren Steinzeit. Im 13. und 14. Jh. treten die Frohburger und die Thiersteiner als Besitzer eines Hofs auf, zu dem die Herrschaftsrechte und das Patronatsrecht der seit dem 9. oder 10. Jh. bestehenden, dem Apostel Petrus geweihten Kirche gehörten. Einen grösseren Güterkomplex in G. besass von 1083 an das Kloster St. Alban in Basel. Ab Beginn des 14. Jh. war auch die Deutschordenskommende Beuggen in G. begütert. Gegen Ende des 14. Jh. konnte die Kommende ihren Besitz in G. wesentlich erweitern und von den Herren von Thierstein-Farnsburg den Kirchensatz erwerben. Die ursprüngl. Pfarrei G. umfasste ausser Tecknau und Rickenbach auch Ormalingen. Im 14. Jh. gingen die herrschaftl. Rechte vollständig an die von Thierstein-Farnsburg über, deren Herrenschaftsmittelpunkt, die Farnsburg, kaum 3 km nördlich von G. lag. 1461 erwarb die Stadt Basel mit der Herrschaft Farnsburg auch G. Der Ort gehörte bis 1798 zu der Landvogtei Farnsburg. In der Helvetik wurde der Kt. Basel in vier Distrikte eingeteilt, darunter einen Distrikt G. Faktisch war aber nicht G. der Hauptort des nach ihm benannten Distrikts, sondern der Ort Sissach, in dem der Unterstatthalter residierte. Der Versuch der Regierung, die Bodenzinsen wieder einzuführen, führte im Okt. 1800 im Distrikt G. zu offenemAufruhr; der sog. Bodenzinssturm konnte nur mit Hilfe von franz. Truppen niedergeschlagen werden. In der Mediation dem Bez. Liestal zugeteilt, kam G. 1814 zum Bez. Sissach, wo es auch nach der Teilung von Stadt und Landschaft verblieb. Während der Trennungswirren 1832-33 stand G. auf der Seite der Stadt Basel und forderte zu seinem Schutz Basler Truppen an. Daraufhin wurde der Ort im April 1832 durch den Baselbieter Landsturm geplündert. 1840 war G. erneut Zentrum des konservativen Widerstands gegen die Kantonsregierung in Liestal; der sog. Gemeindejoggeliputsch, in dem sich Abneigung gegen Flüchtlinge und der Wunsch nach einer Wiedervereinigung mit der Stadt als Motive verbanden, führte zur militär. Besetzung G.s.

<b>Gelterkinden</b><br>Ansicht des Dorfes mit Umgebung, um 1750. Radierung von   Johann Rudolf Holzhalb  nach einer Zeichnung von   Emanuel Büchel (Museum für Kommunikation, Bern).<BR/>Das Bild illustriert Daniel Bruckners Werk "Versuch einer Beschreibung historischer und natürlicher Merkwürdigkeiten der Landschaft Basel", erschienen 1749–1771.<BR/>
Ansicht des Dorfes mit Umgebung, um 1750. Radierung von Johann Rudolf Holzhalb nach einer Zeichnung von Emanuel Büchel (Museum für Kommunikation, Bern).
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In G. wird seit jeher viel Getreidebau betrieben. Grosse Bedeutung gewann im 19. Jh. aber auch die Obstproduktion. Noch in der 1. Hälfte des 19. Jh. entwickelte sich G. zu einem ausgesprochenen Posamenterdorf: Wurden 1768 in G. noch 59 Posamenterstühle betrieben, so verzeichnete die Ortschaft 1864 290 Bandstühle und zwei Seidenbandfabriken. G. war bis Mitte des 19. Jh. das bedeutendste Dorf im Bez. Sissach gewesen; danach verlor es diese Rolle an Sissach, das mit dem Anschluss an die Bahn 1858 einen Aufschwung erlebte. An dieser Enwicklung änderten auch die zweite elektr. Bahnlinie der Schweiz, die Schmalspurbahn, die 1891-1916 Sissach mit G. verband, und die 1916 entstandene Linie von Sissach über G. nach Olten grundsätzlich nichts. 1953 trennte sich die Bürger- von der Einwohnergemeinde. Viele Bewohner G.s arbeiten auswärts. 1960 betrug der Anteil der Wegpendler knapp ein Drittel und stieg bis 2000 auf fast zwei Drittel der in der Gem. wohnhaften Erwerbstätigen. Zwischen 1985 und 1995 nahm die Zahl der Arbeitsstätten (ohne Landwirtschaftsbetriebe) von 240 auf 286 zu, während die Zahl der Beschäftigten von 2'246 auf 2'050 sank. 2000 waren 55 Personen im 1., 447 im 2. und 1'397 im 3. Sektor tätig.


Literatur
Heimatkunde von G., 1966
Kdm BL 3, 1986, 49-80
– M. Othenin-Girard, Ländl. Lebensweise und Lebensformen im SpätMA. Eine wirtschafts- und sozialgeschichtl. Untersuchung der nordwestschweiz. Herrschaft Farnsburg, 1994
– R. Epple, A. Schnyder, Wandel und Anpassung, 1996

Autorin/Autor: Walter Dettwiler