• <b>Felix Platter</b><br>Ganzfigurenbildnis des Gelehrten. Öl auf Leinwand von  Hans Bock dem Älteren,   1584 (Kunstmuseum Basel, Fotografie Martin Bühler). Der Künstler zeigt den Basler Arzt in der Kleidung der europäischen Führungsschicht, die sich damals an der spanischen Mode orientierte. Die Details im Dekor verweisen auf Platters Tätigkeit und Vorlieben: Der Orangenbaum steht für seine Freude an der Botanik. Das Buch, auf dem Platters Hand ruht, ist wohl sein anatomisches Werk "De corporis humani structura" (1583), dessen erster Band soeben in der Offizin Froben publiziert wurde. Die klassischen Säulen der Renaissanceausstattung schliesslich spielen auf das Interesse der Basler Humanisten für die römischen Ruinen von Augusta Raurica an.

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Platter, Felix

geboren Ende Okt. 1536 Basel, gestorben 28.7.1614 Basel, ref., von Basel. Sohn des Thomas ( -> 3) und der Anna Dietschi. ∞ 1557 Magdalena Jeckelmann, Tochter des Franz, Wundarzts und Ratsherrn. P. wollte schon als Kind Arzt werden. 1552-57 Medizinstud. in Montpellier, 1557 Dr. med. in Basel und Eröffnung einer ärztl. Praxis. 1571-1614 Prof. der prakt. Medizin (sechsmal Rektor) und Stadtarzt zu Basel. In 55 Jahren Berufstätigkeit gelangte P. zu einem grossen Vermögen. Nach dem Tod seines Vaters sorgte er für dessen Kinder aus zweiter Ehe. Seinen Stiefbruder Thomas ( -> 4) liess er ebenfalls in Montpellier Medizin studieren.

P. war ein vielseitiger, selbstständig denkender Arzt und stellte, ganz im Sinne der Renaissance, seine eigenen Beobachtungen über das Bücherwissen. Die anatom. Sektion war für P. nicht nur Grundlage der Kenntnis des menschl. Körpers, sondern auch Mittel zur Feststellung von Todesursachen (z.B. Hirntumoren) und zur Beantwortung gerichtsmedizin. Fragen. So war er Pionier der patholog. Anatomie und wurde zum Vater der helvet. Gerichtsmedizin. Als erster Mediziner erkannte P. in der Netzhaut (Retina) den bildaufnehmenden Teil des Auges, wie er in "De corporis humani structura et usu" (1583) darlegte. P.s umfangreichstes Werk, das dreiteilige Lehrbuch "Praxis medica", ist eine Gesamtdarstellung der klin. Medizin nach einer neuen, auf die Krankheitserscheinungen bezogenen Einteilung. Zukunftsweisend war die darin enthaltene Darstellung der Gemüts- und Geisteskrankheiten. Die in P.s letztem Lebensjahr publizierten "Observationes" enthalten Krankengeschichten, die auch auf die familiäre und soziale Umwelt der Patienten eingehen. Als wegweisender Epidemiologe zeigte sich P. in seinem Pestbericht, in dem er die Basler Pestepidemie von 1610-11 statistisch genau erfasste. In seinem dt., 1840 erstmals publizierten Tagebuch, einer Lebensbeschreibung, erwies sich P. als Schriftsteller von Rang. Er gab seine Beobachtungen, Eindrücke und Überlegungen in klarer Sprache, ohne Umschweife und anschaulich mit viel Sinn für das farbige Detail und auch für das Groteske der menschl. Dinge wieder. Er schilderte u.a. das Alltagsleben in und ausserhalb der Univ. Montpellier, das Theater und Verbrechensfälle. Das Werk bildet eine ergiebige, z.T. einzigartige Quelle für die Kultur- und Sozialgeschichte.

<b>Felix Platter</b><br>Ganzfigurenbildnis des Gelehrten. Öl auf Leinwand von  Hans Bock dem Älteren,   1584 (Kunstmuseum Basel, Fotografie Martin Bühler).<BR/>Der Künstler zeigt den Basler Arzt in der Kleidung der europäischen Führungsschicht, die sich damals an der spanischen Mode orientierte. Die Details im Dekor verweisen auf Platters Tätigkeit und Vorlieben: Der Orangenbaum steht für seine Freude an der Botanik. Das Buch, auf dem Platters Hand ruht, ist wohl sein anatomisches Werk "De corporis humani structura" (1583), dessen erster Band soeben in der Offizin Froben publiziert wurde. Die klassischen Säulen der Renaissanceausstattung schliesslich spielen auf das Interesse der Basler Humanisten für die römischen Ruinen von Augusta Raurica an.<BR/><BR/>
Ganzfigurenbildnis des Gelehrten. Öl auf Leinwand von Hans Bock dem Älteren, 1584 (Kunstmuseum Basel, Fotografie Martin Bühler).
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P. sammelte Kunstgegenstände, Musikinstrumente und v.a. Naturalien; er besass einen botan. Garten. Er spielte mehrere Instrumente, liebte die Geselligkeit und unterhielt Gäste und Freunde mit eigenen Versen, Gesang und Lautenspiel. Als Arzt und Wissenschaftler war P. in der Schweiz führend. Seine klin. Werke sind nach seinem Tod mehrmals neu aufgelegt worden. Seine Bedeutung als Epidemiologe, Gerichtsmediziner und sozialgeschichtlich bedeutsamer Autor ist erst in jüngster Zeit gebührend gewürdigt worden.


Werke
Tagebuch Lebensbeschreibung, hg. von V. Lötscher, 1976
Beschreibung der Stadt Basel 1610 und Pestbericht 1610/11, hg. von V. Lötscher, 1987
Literatur
– A. Burckhardt, Gesch. der medizin. Fakultät zu Basel 1460-1900, 1917, 64-89
– H.M. Koelbing, «Felix P.s Stellung in der Medizin seiner Zeit», in Gesnerus 22, 1965, 59-67
– H.M. Koelbing, Renaissance der Augenheilkunde 1540-1630, 1967
– V. Lötscher, Felix P. und seine Fam., 1975
Felix P. in seiner Zeit, hg. von U. Tröhler, 1991
– E. Le Roy Ladurie, Le siècle des P., 3 Bde., 1995-2006 (Bd. 1 dt. 1998)
– K. Huber, Felix P.s "Observationes", 2003

Autorin/Autor: Huldrych M.F. Koelbing