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Mühlestein, Hans

geboren 15.3.1887 Biel, gestorben 25.5.1969 Zürich, später konfessionslos, von Wahlern. Sohn des Christian Emil, Uhrmachers, und der Elisabeth geb. Pulver. ∞ 1) 1913 Alice Harlan, aus München, 2) 1924 Anna Pidermann, von Celerina/Schlarigna. Gymnasium in Biel, Lehrerseminar Hofwil. Hauslehrer und Privatsekretär an versch. Orten in Deutschland, daneben ab 1905 Verfasser von Rezensionen u.a. für den "Bund" und die NZZ, erste literar. Versuche. 1920-28 Stud. der Etruskologie in Zürich, Berlin, Jena und Göttingen, 1928 Promotion mit der Dissertation "Über die Ursprungsepoche der etrusk. Kunst" bei Prof. Otto Waser in Zürich. 1929 Lehrauftrag an der Univ. Frankfurt am Main. 1932 veranlasste die polit. Entwicklung in Deutschland M., der öffentlich gegen nationalsozialist. Gewaltakte an der Universität protestiert hatte, zur Rückkehr in die Schweiz, wo ihm aber zeitlebens eine Professur versagt blieb. Er widmete sich wieder vermehrt seiner literar. Tätigkeit und verfasste mehrere Dramen, zahlreiche Gedichte sowie den Roman "Aurora" (1935), der wegen seines komplizierten Handlungsgefüges und seines Eintretens für die revolutionäre Sache in Spanien widersprüchl. Reaktionen hervorrief. Ambivalent erscheint der Roman auch wegen des wiederholten sprachl. Unterlaufens seines antifaschist. Anspruchs durch seine physiognom.-rassist. und antifeminist. Metaphorik. Für sein 1932 in Basel aufgeführtes Stück "Menschen ohne Gott" (veröffentlicht 1934), in dem er ein krit. Bild Stalins zeichnete, erhielt M. 1933 den Berner Dramenpreis. 1948 wurde M. zum o. Prof. für Kulturgeschichte an der Univ. Leipzig ernannt, doch erhielt er kein Einreisevisum. M. war nicht nur ein international anerkannter Etruskologe und Übersetzer, der nebenbei bedeutende Werke zur Literatur ("Gottfried Keller und der poln. Freiheitskampf" 1937) und Geschichte ("Der grosse schweiz. Bauernkrieg 1653" 1942, 21977) schuf, sondern auch ein vielseitiger linker Intellektueller, der sich für versch. politische und kulturelle Anliegen engagierte. 1936 wurde er als erster Schweizer wegen dem Aufruf zur Beteiligung am Kampf auf der republikan. Seite im Span. Bürgerkrieg der "Schwächung der Wehrkraft" angeklagt und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. 1938 trat er der KP der Schweiz bei, doch brach er mit ihr nach dem Krieg.


Archive
– Teilnachlässe in: Kulturarchiv Oberengadin, Samedan; ZBZ
Literatur
– R. Kuster, Hans M., 1984, (mit Werkverz. und Bibl.)
– G. Huonker, Literaturszene Zürich, 1985

Autorin/Autor: Brigitte Studer