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Sankt Urban

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Ehem. Zisterzienserkloster in der Gem. Pfaffnau LU. 1196 sanctus Urbanus, 1201 cenobium sancti Urbani. 1194 Stiftung und Gründung des Klosters auf Eigengut durch die Frh. von Langenstein und von Kapfenberg. Das Mutterkloster war Lützel.

Als erste Niederlassung des Klosters diente eine cella in Kleinroth (Gem. Langenthal). 1195 zogen die ersten Mönche in die ca. 3 km weiter talabwärts gelegene Siedlung Tundwil auf der rechten Seite der Rot und benannten das Kloster nach dem Patron der dortigen Kapelle S. Im 13. Jh. erweiterte S. seinen Besitz durch Schenkungen von Adligen der Umgebung (u.a. der Herren von Balm und von Grünenberg als Erben der Stifter, von Frohburg und von Ifenthal) und schuf sich durch Kauf sowie Tausch allmählich ein grundherrschaftl. Zentrum im Langeten- und Rottal. Niedergerichtsrechte besass die Abtei in Kleinroth, Habcherig, Langenthal, Pfaffnau, Roggwil (BE), S. und Wynau, ab 1579 in Knutwil sowie ab dem 17. Jh. im Thurgau durch den Erwerb der Herrschaften Herdern und Liebenfels.

Die Abtei verfügte insbesondere durch Inkorporationen über zahlreiche Patronatsrechte, z.B. ab 1376 in Oberkirch, ab 1384 in Burgrain und 1428-1848 in Pfaffnau. Nach der Glaubensspaltung gab S. die ref. Kollaturen auf, ausser diejenige von Langenthal (bis 1808), und tauschte 1577-79 Madiswil, Niederbipp und Wynau gegen Luthern und Knutwil. Vermutlich war das in Kleinroth zu lokalisierende Gottesgarten (1234) ein Tochterkloster, das ca. 1237 nach Olsberg umzog. Der Abt von S. übte das Visitationsrecht in versch. Frauenklöstern aus, so ab 1266 in Rathausen, ab der Gründung 1275 in Ebersecken, 1266-90 in Wurmsbach und nach 1323 in Eschenbach. In der um 1280 erworbenen Landkapelle Fribach förderte S. eine bis zur Reformation lokal bedeutsame Marienwallfahrt. In Witenbach im Entlebuch betreute die Abtei eine 1344-1469 erw. Eremitenniederlassung, die Ende des 15. Jh. in Heiligkreuz umbenannt wurde.

Ab Mitte des 13. Jh. stand S. mit versch. Städten im Burgrecht, darunter Solothurn (1252), Bern (1415) und Luzern (1416). Ende des 13. Jh. erwarb das Kloster in Liestal, Basel und Olten je einen Stadthof. Im 13. und 14. Jh. bewirtschafteten die Mönche und Laienbrüder den Murhof nahe beim Kloster sowie die Grangien in Roggwil, Schoren bei Langenthal, Habcherig, Aefligen und evtl. Sängi bei Untersteckholz. An der Langeten und Rot betrieben sie einen spezialisierten, mit Bewässerung gekoppelten Wiesen- und Ackerbau (sog. Wässermatten). In Sonderkulturen pflegten sie v.a. am Bielersee verbreitet Reben. Im 13. Jh. produzierte die Klosterziegelei kunstvolle, modelverzierte Backsteine, auch für den Export (Nachfolge heute Ziegelwerke Roggwil AG). Im SpätMA und in der frühen Neuzeit verwalteten Schaffnereien den dezentralen Besitz.

1407 übernahm die Stadt Luzern mit der habsburg.-österr. Grafschaft Willisau die Kastvogtei über S., die dann 1420 dem Amt Willisau zugeteilt wurde. In den 1490er Jahren leitete Luzern durch Eingriffe in die Klosterführung einen Reformprozess ein, welcher S. konsolidierte und zu einem führenden eidg. Zisterzienserkloster machte. Der verheerende Brand von 1513 vermochte das Kloster nicht in eine Krise zu stürzen. 1537 erhielt der Abt die bischöfl. Infulation. Die eidg. Orte verhinderten jedoch mit ihren gerichtsherrl. Eingriffen den Aufbau einer klösterl. Territorialherrschaft.

Im 17. Jh. unterstützte S. die Bildung der oberdt. Zisterzienserkongregation. Die Äbte setzten die kath. Reform konsequent um. Abt Edmund Schnyder kämpfte gerichtlich um grundsätzl. Ansprüche des Ordens wie die Visitationsrechte in den Luzerner Frauenklöstern oder die Legitimation der Rechnungsablage vor dem Luzerner Rat. Gleichzeitig wurde das Kloster vergrössert. Da die meisten Mönche und Äbte aus patriz. Familien stammten, schloss sich S. ab Ende des 17. Jh. sozial zunehmend ab; im 19. Jh. erfolgte eine soziale Öffnung und der Konvent zählte durchschnittlich ca. 20-50 Mitglieder.

Abt Ulrich Glutz liess 1690 für die gut besuchte Wallfahrt zur Ulrichskasel, dem Messgewand des hl. Ulrich aus dem 10. Jh., einen barocken Zentralbau errichten. 1711 beauftragte Abt Malachias Glutz den Vorarlberger Franz Beer mit dem umfassenden Neubau von Kirche und Konventgebäuden im Barockstil. Eine Klosterschule ist um 1470 belegt; um 1500 erlebte sie mit dem Interesse S.s für Humanismus und Reformschrifttum einen Höhepunkt. Ende des 18. Jh. begründete Abt Benedikt Pfyffer eine Musterschule. Aus einer Grundschule, für die Pater Nivard Krauer Lehrmethoden und -mittel nach den Grundsätzen des Johann Ignaz Felbiger entwickelte (Normalschule), entstand 1780-85 das erste Lehrerseminar der Schweiz. In Pfaffnau und Roggliswil liess S. Schulhäuser bauen. 1799-1805 setzte das Seminar in S. seinen Lehrbetrieb fort. 1841-47 befand sich das kant. Lehrerseminar in S.

Während der Helvetik und Mediation geriet die Abtei zeitweise unter staatl. Verwaltung. 1798-1803 bildete S. eine eigene Munizipalität. 1814 wurde die Abtei der Gem. Pfaffnau zugeteilt. Der letzte Abt Friedrich Pfluger leitete innere Reformen ein. Kurz nach seinem Tod erfolgte im April 1848 die Aufhebung der Abtei durch die liberale Kantonsregierung. Inventar, Kirchenschatz und Chorgestühl wurden verkauft, die Bibliothek und das Archiv dem Kt. Luzern übergeben sowie die Pfarrei S. 1848-49 neu konstituiert. Die Klostergebäude wechselten ab 1853 mehrmals den Besitzer. 1859 gelangten sie an den Basler Seidenindustriellen Johann Jakob Richter-Linder, der darin eine Seidenproduktion betrieb. 1870 kaufte der Kt. Luzern den Gebäudekomplex zur Einrichtung der kant. Psychiatrischen Klinik zurück. Diese wurde 1873 eröffnet und befand sich bis zum Neubau 1977-87 im ehem. Kloster. Ein Teil der Gebäude dient seither kulturellen Zwecken wie Führungen oder Konzerten. Mit dem Bau von Wohnquartieren für das Klinikpersonal entstand ab den 1930er Jahren das Dorf S., das 1917 einen Anschluss an die Langenthal-Melchnau-Bahn erhielt.


Archive
– StALU
– ZHBL
Literatur
HS III/3, 376-424
Heimatkunde des Wiggertales 52, 1994
S. 1194-1994, 1994
– J. Goll, S.: Baugesch. und Baugestalt des ma. Klosters, 1994

Autorin/Autor: Waltraud Hörsch