Sankt Ursen (SO)

Ehem. Kollegiatstift in Solothurn, 1828-74 Domkapitel des Bistums Basel. Am Ort der Verehrung der Hl. Ursus und Victor, die sich archäologisch und schriftlich seit dem 5. Jh. nachweisen lässt, entstand in Solothurn auf dem Gebiet des Bistums Lausanne eine Weltklerikergemeinschaft, die 870 als karoling. Eigenkloster erstmals fassbar wird. Nach der Stiftstradition soll in der 2. Hälfte des 10. Jh. die burgund. Königin Bertha das Stift neu dotiert haben. Im 12. Jh. kontrollierten die Hzg. von Zähringen das Stift. 1218-1347 befand sich die Kastvogtei in Händen der Gf. von Buchegg, danach bei den Rittern Senn von Münsingen, vor 1362 ging sie an Solothurn über. Nachdem Solothurn 1218 die Reichsunmittelbarkeit erlangt hatte und das Stift im 1. Viertel des 13. Jh. in die Ummauerung der Stadt einbezogen worden war, kam es dauernd zu Konflikten zwischen dem vom regionalen Adel dominierten Stift und der expandierenden Kommune. Bis Mitte des 14. Jh. leiteten Pröpste aus der Grafenfamilie von Neuenburg das Stift, in der 2. Jahrhunderthälfte kamen sie aus dem Geschlecht der Neukyburger. Nach Phasen der Zusammenarbeit, etwa 1350 bei der Zusammenlegung der Spitäler von Stift und Stadt, stiegen die Spannungen zwischen der Stadt und einer kyburgisch gesinnten Stiftsfraktion und entluden sich 1382 in der sog. Solothurner Mordnacht. Obwohl sich die Chorherren danach vorwiegend aus der städt. Führungsschicht rekrutierten, drängte die Stadt den Einfluss des Stifts zurück und erlangte schliesslich zu Beginn des 16. Jh. das päpstl. Privileg, die Chorherren und Pröpste zu ernennen.

In den Reformationsunruhen nahm das Stift Partei für die Altgläubigen. 1534 schränkte Solothurn die früher für alle Chorherrenhäuser gültige Immunität auf den Hof des Propstes und denjenigen des Kapitels ein. Ein eigentl. Stiftsbezirk existierte nicht. Ab 1616 übte das Stift das Kommissariat über das solothurn. Gebiet der Diözese Lausanne aus. In der Helvetik wurde es unter die Aufsicht des Staates gestellt. 1803 erhielt es seine Selbstverwaltung zurück. Durch den Bistumsvertrag von 1828 wurde es zum Domkapitel des Bistums Basel erhoben. Aufgrund des Konflikts um die Propstwahl entzog die liberale Solothurner Regierung dem Stift 1834 die Vermögensverwaltung. Nach zwei gescheiterten Reorganisationsversuchen 1857 und 1871 wurde es 1874 während des Kulturkampfs durch Volksabstimmung aufgehoben.

Die Stiftsgemeinschaft richtete sich in der frühen Zeit vermutlich nach der Aachener Regel von 816, zu Beginn des 13. Jh. wurde aber die vita communis aufgegeben. Einblick in Aufbau und Organisation des Stifts gewähren die Statuten von 1327, 1424, 1637 und 1706. Dem Kapitel stand ursprünglich die Wahl des Propstes und der Chorherren zu. Das Wiener Konkordat von 1448 räumte dem Papst die Einsetzung des Propstes und der in den ungeraden Monaten frei gewordenen Chorherrenstellen ein. Diese Rechte trat er 1512 bzw. 1520 dem Solothurner Rat ab. Bis 1765 nahm der Kl. Rat diese Besetzungen selbst vor, danach zusammen mit dem Gr. Rat. Während ab 1809 das Wahlrecht für die in ungeraden Monaten ledigen Chorherrenstellen zwischen der Kantonsregierung und dem Solothurner Stadtrat wechselte, stand die Einsetzung des Propstes ab 1803 einzig der kant. Exekutive zu. Das Stift wies ab dem 13. Jh. zwölf Chorherrenpfründen auf, im 17. Jh. wurden sie auf zehn reduziert. Diese nahmen ab 1828 die Solothurner Domherren ein. Dazu traten elf Domherren aus den Diözesankantonen Aargau, Bern und Luzern (je drei), Thurgau und Zug (je einer). Die Anzahl der seit dem 14. Jh. nachweisbaren Kapläne betrug 1475 8, 1512 11, 1609 6, 1709 9, 1828 10.

Aus dem alten Stiftsseelsorgebereich der Stadt Solothurn gingen zwischen dem 16. und 18. Jh. die Pfarreien Oberdorf, Zuchwil, St. Niklaus und Luterbach hervor. Folgende Pfarreien waren dem Stift inkorporiert: Biberist (ab 1417), Messen (ab 1418), Diessbach bei Büren (ab 1469) und Wynigen (ab 1381). Anstelle der beiden letzteren erhielt das Stift von Bern 1539 die kath. Pfarreien Selzach und Grenchen.

Das Stift übte bis ins 14. Jh. die Niedergerichtsbarkeit über die St. Ursenleute in der Stadt Solothurn aus. 1501 verkaufte es seine Twingherrschaften Zuchwil-Luterbach und Langendorf-Oberdorf-Bellach an die Stadt Solothurn. Der Stiftsbesitz konzentrierte sich um die Orte Solothurn, Biberist, Messen, Wynigen und Matzendorf (nur 13. und 14. Jh.), der Rebbesitz um La Neuveville und Le Landeron. Im 18. Jh. kamen noch Höfe im Thal, in Elay (seit 1914 Seehof) und Vermes dazu.

Grössere kulturelle Ausstrahlung erlangte das Stift durch seine Bibliothek (erster Katalog 1424) und v.a. durch seine Schule. Diese fand erstmals 1208 Erwähnung und existierte bis 1863. 1520 erhielt die Lateinschule Konkurrenz von der städt. Deutschen Schule. Nach der Gründung des Jesuitenkollegiums 1646 verlor sie an Bedeutung. 1585 stiftete der Patrizier Wilhelm Tugginer ein Chorauleninstitut; der traditionsreiche Chor der Singknaben wurde ab den 1970er Jahren zu neuem Leben erweckt.


Archive
– StASO, StiftsA St. Urs
Literatur
– J. Amiet, Das St. Ursus-Pfarrstift der Stadt Solothurn seit seiner Gründung bis zur staatl. Aufhebung 1874 nach den urkundl. Qu., 4 Tl., 1878-80
HS I/1, 430 f.; II/2, 493-535
– S. Freddi, «Le chapitre de Saint-Ours de Soleure et Le Landeron», in Le Landeron, 2001, 105-110
– M. Banholzer, «Die Choraulen von S. Solothurn», in JbSolG 77, 2004, 7-146
– I. Holt, «Bücher aus dem St.-Ursen-Stift», in JbSolG 83, 2010, 177-219
– S. Freddi Sankt Ursus in Solothurn, 2014
– S. Freddi «Der Einfluss des St.-Ursen-Stifts in Solothurn auf Oberdorf im Mittelalter», in JbSolG 88, 2015, 13-50

Autorin/Autor: Silvan Freddi