28/10/2008 | Rückmeldung | PDF | drucken

Königsfelden

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Ehem. klarissisch-franziskanisches Doppelkloster, polit. Gem. Windisch AG. Diözese Konstanz, Ordensprovinz Strassburg. 1309 conventus sanctimonialium ordinis S. Clare monasterii Campiregii, 1313 Küngisvelt, 1332 der convente der minren bruoder ordens des huses ze Chüngesfelt. Gründung 1311. Patrozinium: Maria, Alle Heiligen. Aufhebung 1528.

Zum Gedenken an die Ermordung Kg. Albrechts I. gründete seine Witwe Elisabeth am Tatort ein Klarissenkloster. 1317-64 betreute Elisabeths Tochter Agnes, die früh verwitwete Gattin von Kg. Andreas III. von Ungarn, das vornehme, vielfach privilegierte Nonnenstift und brachte es dank wirtschaftl., polit. und sozialem Geschick zu hohem Ansehen (erste Klosterordnungen von 1318, 1330, 1335; 1335 46 Schwestern). Den Besitz - u.a. zahlreiche Kirchensätze und Niedergerichte in der näheren Umgebung - verwaltete ein sog. Hofmeister. Für Seelsorge und Gottesdienst war von Anfang an ein kleinerer Franziskanerkonvent angegliedert, der nach Mitte des 14. Jh. auch über eigenen Besitz und Einkünfte verfügte (1360-1528 maximal 14 Brüder). Nach der Eroberung des Aargaus durch Bern 1415 verlor K. die Verbindung mit dem Stifterhaus. Mit der Säkularisation (1528) fielen die Klostergüter an Bern; K. wurde Verwaltungssitz der gleichnamigen bern. Hofmeisterei (Landvogtei, Eigenamt). Seit 1804 ist die Anlage im Besitz des Kt. Aargau, der hier 1868 die kant. Heil- und Pflegeanstalt unterbrachte.

In der ehem. Klosteranlage dominierte die Kirche, beiderseits flankiert von einem Konventgeviert: im Süden die Klarissen, im Norden die Franziskaner (und nicht umgekehrt, wie man annahm, bevor die letzten Ausgrabungen stattfanden). Im Westen schloss der durch einen Torturm zugängl. Wirtschaftshof mit Scheunen, Stallungen und Kornhäusern an. Die Anlage war umringt von einer hohen Mauer. Beim Bau der Heilanstalt 1868-72 wurden die nördl. und westl. Teile abgetragen. Erhalten sind neben der Kirche das Archiv und das Schatzgewölbe des Franziskanerklosters (kreuzgewölbt, mit Wandmalereien der 27 bei Sempach gefallenen Ritter), die bern. Hofmeisterei (spätgotisch, mit Treppenturm) und Teile des ehem. Klarissenklosters (umgebaut).

Die ehem. Klosterkirche, ein einheitl. Bau von 1310-30 (Weihe des Langhauses 1320, des Chors 1330), gehört zu den Hauptwerken der Bettelordensarchitektur in der Schweiz. Zerstörungen und Einbauten unter Bern (Kornhäuser) wurden bei den Renovationen von 1891-93 und 1983-86 z.T. rückgängig gemacht. Die Anlage folgt dem Typus der oberdt. Bettelordenskirchen: Im Innern ist das dreischiffige, basilikale Langhaus durch einen - 1986 rekonstruierten - Lettner vom dreijochigen, durch fünf Achteckseiten geschlossenen Langchor getrennt; in der äusseren Erscheinung vereint das Satteldach mit durchlaufendem First Schiff und Chor. Die Masswerkfenster zeigen Motive zwischen Rayonnant und Flamboyant. Das Langhaus gliedern sechs Paare schlichter Achteckpfeiler. Den hohen Obergaden schliesst eine flache Holzdecke ab. Der zierlich aufstrebende, grossfenstrige Chor zeigt - im Gegensatz zum Schiff - Kreuzgewölbe mit skulptierten Schlusssteinen. Im Chor sind ein Priesterdreisitz und eine liturg. Nische mit Masswerk (Piscina) eingelassen. Die prismatische got. Holzkanzel ist eine Rarität. Unter dem Mittelschiff liegt die im 14. Jh. als Grabstätte bevorzugte Gruft des habsburg. Erbbegräbnisses; über dieser steht der Marmorkenotaph (14. Jh.) mit Holzschranke (vor 1555). Die Leichname wurden 1770 nach St. Blasien (Schwarzwald), 1807 nach St. Paul (Kärnten) transferiert. Tischgräber für Sempacher Ritter (1386) und zahlreiche Grabplatten bern. Hofmeister befinden sich im nördl. Seitenschiff bzw. an Nord-, West- und Südwand des Schiffs.

Der seltenerweise weitgehend erhaltene Glasmalereizyklus im Chor gehört zu den erstrangigen Leistungen der europ. Kunst des 14. Jh. Nach Ausweis der Donatorenbilder hat die Familie des ermordeten Kg. Albrecht die Bildverglasung gestiftet (erhalten: Albrecht II., Heinrich, Otto und Leopold I. von Habsburg, Rudolf von Lothringen). Aus den Stifterbildern, Heirats- und Todesdaten ergibt sich, dass der Zyklus um 1325/30, im westl. Teil bis gegen 1340/50 entstanden ist. Etwa ein Viertel der Gläser ist neu; Verwitterungen haben dem Gesamtbestand zugesetzt. Restaurierungen erfolgten 1896-1900 und 1987-2002. Das Bildprogramm ist in seltenem Masse einheitlich: Die Lebensgeschichte Christi im Chorscheitel wird flankiert vom Vorläufer Johannes dem Täufer und vom Nachfolger Paulus, von der Kirchenpatronin Maria und der hl. Katharina. Das Apostelkollegium repräsentiert die Ekklesia. Im westl. Fensterquartett treten die beiden Ordensgründer Klara und Franziskus auf, ferner der hl. Nikolaus, Landespatron Lothringens, im Anna-Fenster die hl. Mütter Anna und Maria innerhalb der Wurzel Jesse. Das Programm entspricht dem Stiftungsbrief von 1311. Es zeigt eine Konvergenz franziskan. und habsburg. Interessen und fordert zur Nachfolge Christi und der Heiligen auf. Neues Testament und Heiligenlegenden dominieren gegenüber dem Alten Testament.

In der Geschichte der Glasmalerei des 14. Jh. nehmen die Chorfenster von K. durch die Verbindung klass. Glasmalereigesetze mit Trecento-Novitäten eine prominente Stelle ein. Sie zeichnen sich aus durch: Bildmedaillons in ganzer Fensterbreite, Rahmenarchitektur gemäss zeitgenöss. Baurisse, Ansätze zu perspektiv. Räumlichkeit, aufgehelltes raffiniertes Kolorit, makellose, melodisch bewegte Gestalten höf. Charakters in narrativ-repräsentativen Kompositionen sowie alternierende zykl. Disposition der Rahmenformen. Gemäss stilist. Analysen ist der Zyklus das Werk einer führenden, vielleicht ad hoc gebildeten Werkstatt des habsburg. Reichs mit Schwerpunkt Strassburg und Ingredienzien der Bodenseekunst. Die ornamentale Verglasung des Langhauses erfolgte gegen 1314/16, weissgrundige Figurenscheiben entstanden ca. 1330/50, Reste eines dynast. Zyklus datieren aus der Zeit um 1360. Das Ganze wurde 1987 mit Scheiben aus dem 19. und 20. Jh. zu einem lückenlosen Teppich zusammengefügt. Aus dem reichen ehem. Kirchenschatz (Inventar von 1357) sind drei Hauptwerke ins Bern. Historische Museum gelangt.


Literatur
Kdm AG 3, 1954
– M. Beck et al., K., 1970
HS V/1, 206-211, 561-576
– E. Maurer, 15 Aufs. zur Gesch. der Malerei, 1982
– E. Maurer, K., 71988
– B. Kurmann-Schwarz, K., Zofingen, Staufberg, 2002

Autorin/Autor: Emil Maurer