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Ittingen

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Ehem. Kartause, polit. Gem. Warth-Weiningen TG. Vor 1079 bis um 1150 Burg, um 1150-1461 Augustinerchorherrenstift, 1461-1848 Kartause, 1856-1977 Privatbesitz, seither Stiftung. Diözese Konstanz bis 1814, dann apostol. Administration, seit 1828 Diözese Basel. Patrozinium: Laurentius.

Die Burg der Truchsessen von I., Ministerialen der Welfen, wurde 1079 zerstört (Hittingin). Kurz vor 1152 gründeten drei Herren von I. in ihrer Burg ein Chorherrenstift, in das sie selbst eintraten. An der Gründung waren der Bf. von Konstanz und die Welfen beteiligt, als Vogt wählten die Chorherren den Gf. von Kyburg. 1162 dem Kloster St. Gallen unterstellt, wurde das Stift später wegen der welf. Herkunft von den Habsburgern beansprucht. Es betreute die Kirche Uesslingen, ab 1162 auch die Kapellen Nussbaumen und Schlatt, die aber bald von Stammheim abhängig wurden. 1289 bestand der Konvent aus dem Propst, dem ehem. Propst, fünf Chorherren und zwei Brüdern. Das Stift erlangte nie grosse Bedeutung. Es litt als eigentl. Fehlgründung an der über Jahrhunderte strittigen Vogtfrage sowie am Interessenkonflikt zwischen dem Bf. von Konstanz und dem Abt von St. Gallen. Der letzte Propst Wilhelm Neidhart verkaufte das allmählich völlig verarmte Stift 1461 dem Kartäuserorden.

Dieser restaurierte I. unter grossen personellen und finanziellen Schwierigkeiten und erweiterte es um die nötigen Eremitenklausen. Der Regel gemäss war I. mit 14 Zellen ein Konvent normaler Grösse. Viele Kartäuser stammten aus den kath. Orten, dem benachbarten Ausland oder wurden aus anderen Kartausen hierher versetzt. Die nach 1461 arrondierte niedere Gerichtsherrschaft bestand bis 1798 und umfasste Uesslingen, Warth, Buch bei Frauenfeld und das thurg. Weiningen, ab 1466 auch Hüttwilen; Niederneunforn und Herdern nur 1471-98 bzw. 1471-1501. Die Pfarreien Uesslingen und Hüttwilen gingen 1461 bzw. 1466 an die Kartäuser über. Sie wurden durch Vikare, in wenigen Fällen durch Konventualen betreut. 1471 protestierten die Frauen von Warth gegen die regelkonforme Schliessung der Klosterkirche für Frauen; I. errichtete in der Folge die Kapelle Warth. 1524 wurde die Kartause im Zuge der Reformation zerstört (Ittingersturm). Fast alle Mönche flohen, wenige traten aus; der damalige Schaffner Jodocus Hesch neigte vorübergehend der Reformation zu. Die betreuten Pfarreien wechselten den Glauben. Die nach 1531 von den kath. Orten unterstützte Restauration des Klosters kam nur langsam voran. 1549 setzte I. in Uesslingen, 1551 in Hüttwilen die Wiedereinführung der Messe durch. Danach wurden beide Kirchen simultan benutzt; den ref. Pfarrer musste I. besolden. Die Kapellen Buch bei Frauenfeld und Warth blieben katholisch. Erst nach 1600 waren die Schulden für den Wiederaufbau getilgt. Nun begann eine geistige Blüte; Heinrich Murer schrieb die "Helvetia Sancta". Während des Dreissigjährigen Krieges war I. Refugium dt. Kartäuser. Die wirtschaftl. Grundlagen zu einer weiteren Blütezeit im 18. Jh. legte Prokurator Josephus Wech mit einer Verwaltungsreform (Urbare). Die Bauten erhielten in versch. Barockisierungsphasen, v.a. um 1763 unter Prior Antonius von Seilern, ihr bis heute weitgehend bewahrtes Aussehen.

1848 wurde das Kloster aufgehoben, 1856 durch den Kanton verkauft. Ab 1867 führte Viktor Fehr das Gut als landwirtschaftl. Musterbetrieb. I. blieb bis zum Verkauf an die Stiftung Kartause I. 1977 im Besitz der Fam. Fehr. Die Stiftung betreibt heute ein Kultur- und Bildungszentrum und ein Behindertenwohnheim. Die Gebäude beherbergen das Tecum (Evang. Begegnungs- und Bildungszentrum) und zwei kant. Museen: das Kunstmuseum des Kt. Thurgau und das Ittinger Museum (Klostermuseum).


Archive
– StATG, fremde ältere Archive
Literatur
– B. Meyer, «Das Augustinerchorherrenstift I. 1151-1461», in SVGB 104, 1986, 1-41
– M. Früh, Führer durch das Ittinger Museum in der Kartause I., 1992, (21996)
HS III/4, 101-139; IV/2, 229-241

Autorin/Autor: Margrit Früh