Lektüre

Lesen wird nach neueren franz. Forschungen ebenso wie Schreiben (Schriftlichkeit) als Kulturtechnik verstanden, die sich in konkreten, wenn auch historisch selten belegbaren Lektüreakten individueller oder kollektiver Art (Vorlesen, Rezitation, Aufführung) realisiert. Voraussetzung eines individuellen Lektüreakts ist die Lesefähigkeit (Alphabetisierung), die regelmässig ausgeübt werden muss. Die Zahl der habituellen Leser war dabei immer bedeutend geringer als jene der Lesefähigen. Man geht davon aus, dass für das Jahr 1500 lediglich 2% der Bevölkerung Deutschlands habituelle Leser waren. Ähnliche Werte gelten für die Schweiz (um 1600 4%, um 1700 nicht wesentlich mehr). Als Quellen zur Erforschung hist. Lektürepraktiken dienen die Lesestoffe selbst (u.a. Buch, Almanache, Presse), Bildquellen, Autobiografien und Biografien, literar. Darstellungen, Erhebungen in Schulen, pädagog. Texte und seit den 1880er Jahren auch literatursoziolog. Untersuchungen.

Im MA spielte das Vorlesen im Kontext von Herrschaft, Politik und Recht eine zentrale Rolle. Auf diese Weise wurden die Untertanen informiert, da der überwiegende Teil der Bevölkerung nicht lesen konnte. Das Vorlesen von Rechtstexten - etwa durch Herrschaftsträger beim "Offnen" dörfl. Rechts - spielte auch deshalb eine wichtige Rolle, weil diese neben der schriftl. Abfassung auch mündlich zur Kenntnis gebracht werden mussten. In den ma. Klöstern unterschied man drei Lektüreformen religiöser Texte: das stille Lesen (in silentio), das leise, "murmelnde" Lesen und das laute Vorlesen. Die zweite Form begleitete die Meditation und diente zugleich dazu, den gelesenen Text auswendig zu lernen. Alle drei Formen spielten bis 1800 in der Schweiz in den versch. sozialen Schichten eine Rolle. Danach wurden das leise und das laute individuelle Lesen, etwas später auch das kollektive Vorlesen durch die stumme individuelle L. abgelöst. Das laute individuelle Lesen behauptete sich in den Alltagsschulen (Individualunterricht) bis zum Ende des Ancien Régime und wurde dann durch den Simultanunterricht, der nur noch das gemeinsame laute Lesen oder die stumme L. kannte, abgelöst. Grund für das laute individuelle Lesen war die curriculare Vorgabe, die meist religiösen schul. Lesestoffe - Teile der Bibel, den Katechismus, das Psalmenbuch, das Gesangsbuch usw. - auswendig zu lernen, indem "Wissen" mit wörtl. Reproduzieren gleichgesetzt wurde. Die Nähe von Gebet und L. fasste auch Letztere als "œuvre vocale" auf, im Unterschied zum stummen, individuellen, meditativen Gebet ("œuvre mentale"). Zudem war für wenig geübte Leser und Leserinnen das laute Lesen eine grosse Verstehenshilfe. Der Körper war bei diesen anstrengenden Lektüreakten noch sichtbar beteiligt.

Für den überwiegenden Teil der Bevölkerung der Schweiz wird bis 1800 eine eingeschränkte Literalität angenommen. Meist konnten nur wenige Mitglieder der Fam. schreiben und gewandt vorlesen. Dabei handelte es sich häufig um Kinder oder Jugendliche, die nun vermehrt eingeschult wurden. Das Vorlesen (Literarisierung ohne Alphabetisierung) spielte als Übergangsstufe vom gesprochenen Wort zum literarischen eine besondere Rolle. Diese semiliterar. Rezeption liess Fragen, Bemerkungen und Erläuterungen der Zuhörenden während und nach dem Vorlesen zu und war eine Art Hilfestellung beim individuellen Verstehensprozess. Kinder und Jugendliche als Vorleser für erwachsene Personen sind in der Schweiz sowohl für kath. als auch für ref. Gegenden bezeugt. Die kollektiven Lektüreakte verschwanden im Lauf des 19. Jh., weil zunehmend mehr Menschen lesen konnten. Zudem war mit der Lockerung korporativer "Zwangsgemeinschaften" (Dorf, Zunft, Familie usw.) durch die Industrialisierung die Illusion eines gemeinsamen Wissens, das seinen Ausdruck in der gemeinsamen L. fand, immer weniger aufrechtzuerhalten. Ganz verschwand das Vorlesen aber nie; sowohl in der Familie, in Schulen wie auch im medialen Kontext (Radio, Fernsehen) spielt es weiterhin eine wichtige Rolle. Hier spricht man von sekundärer Mündlichkeit. Seit dem Ende des 20. Jh. gewinnen die Hörbücher zunehmend an Bedeutung.

Die Forschung unterscheidet zwischen intensiver und extensiver L., wobei die historisch intensive L. im wiederholten Lesen einiger weniger religiöser, kanon. Texte (Bibel, Andachtsbücher) bestand. So hatte der Basler Oberstzunftmeister Christoph Burckhardt zwischen 1687 und seinem Tod 1705 die Bibel 18-mal gelesen. Bei der extensiven L. bedient sich der Leser immer neuer, anderer Texte. Der Wechsel von der intensiven zur extensiven L. vollzog sich in der Schweiz in der 2. Hälfte des 18. Jh. Die Faktoren, die diesen Wandel begünstigten und unterstützten, sind u.a. der einsetzende Schulzwang, die literale Norm (alle sollen lesen und schreiben können), der Informationsdruck und Printmedien wie Kalender, ab 1830 Zeitungen oder auch Zeitschriften, die als eine Art Übergangsmedium gelten. So wurden die anfangs nur in wöchentl. Rhythmus erscheinenden Zeitungen regelmässig gelesen.

Mit dem Rückgang der intensiven L. im Lauf des 18. Jh. wurde der Mangel an Lesestoffen für den "gemeinen Mann" manifest. Neben dem käufl. Erwerb, der wegen des hohen Buchpreises als Folge der steigenden Nachfrage nur in Ausnahmen stattfand, löste man das Problem auf privater Ebene durch das Ausleihen von Büchern, durch den kollektiven Besitz von Lesestoff (und entsprechenden Nutzungsrechten) oder den günstigeren Kauf gebrauchter Bücher, während die bürgerl. Oberschicht sich in Lesegesellschaften oder Lesezirkeln organisierte, um sich die Kosten zu teilen. Gleichzeitig entstanden in den Städten Lesekabinette und Leihbibliotheken (Bibliotheken), die auf kommerzieller Basis Lesestoff ausliehen. Im Lauf des 19. Jh., besonders nach 1850, wurden in der Schweiz zahlreiche öffentl. und halböffentl., nicht kommerzielle Bibliotheken eingerichtet. Ihre grosse Zahl täuscht dabei über die zum Teil kleinen Buchbestände (zwischen 200 und 300 Bände) hinweg.

Die Leserrevolution des 18. Jh. bzw. die Hinwendung zur extensiven L. lässt sich auch an der Buchproduktion und der explosionsartigen Ausweitung der Belletristik einerseits (sowie der damit verbundenen Zurückdrängung religiöser Literatur) und der v.a. von Männern konsultierten Sach- und Fachliteratur andererseits ablesen (Verlage). Seit dem ausgehenden 18. Jh. versuchten v.a. Lehrer und Erzieher die zunehmend extensive L. unter dem Schlagwort "Lesesucht" zu steuern. Als geeignetes Steuerungsinstrument wurden im Speziellen öffentl. Bibliotheken gepriesen. Erst mit der Konkurrenz durch die neuen Medien (Radio, Film, Fernsehen) erfuhr das Lesen von den 1950er Jahren an eine grundsätzl. Wertschätzung (Leseförderung). Als Freizeitbeschäftigung, als Instrument der fachl. Weiterbildung und der Information (Zeitungen) hat die L. weiterhin eine wichtige Bedeutung. Dabei bleibt der Anteil regelmässiger Leser erstaunlich konstant und bewegt sich um 20%. Durch das Internet wird eine eher punktuelle, fragmentierte L. gefördert. Ob dadurch das identifikator. Lesen fiktionaler Texte zurückgedrängt wird, ist Gegenstand der heutigen Forschung.


Literatur
– E. Schön, Der Verlust der Sinnlichkeit, 1987
– B. Spörri, Studien zur Sozialgesch. von Lit. und Leser im Zürcher Oberland des 19. Jh., 1987
– P.H. Kamber, «Lesende Luzernerinnen», in Frauen in der Stadt, hg. von A.-L. Head-König, A. Tanner, 1993, 135-162
– R. Bonfil et al., Storia della lettura nel mondo occidentale, 1995
Figures du livre et de l'édition en Suisse romande (1750-1950), hg. von A. Clavien, F. Vallotton, 1998
– A. Manguel, Eine Gesch. des Lesens, 1998 (engl. 1996)
Handbuch Lesen, hg. von B. Franzmann et al., 1999
– A. Messerli, Lesen und Schreiben 1700 bis 1900, 2002

Autorin/Autor: Alfred Messerli